Inflation, Lira, Wachstum Wie die Türkei einen Crash verhindern kann

Die Wirtschafts- und Währungskrise setzt der Türkei massiv zu. Eine DIW-Studie zeigt, was dem Land droht - und wie Regierung und Notenbank gegensteuern könnten.

AFP

Von Felix Sommerfeld und (Grafiken)


Wie lässt sich die Wirtschafts- und Währungskrise der Türkei stoppen? Führende Ökonomen sind sich einig, dass es keine Alternative dazu gibt, sowohl nationale als auch internationale Maßnahmen einzuleiten. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die dem SPIEGEL vor der Veröffentlichung an diesem Donnerstag exklusiv vorlag, belegt nun genau das.

Das Gesamtbild würde sich weiter verfinstern, wenn die Türkei keine Reformschritte einleitet. Angesichts des Vertrauensverlustes des Auslands würden die externen Finanzierungskosten steigen, Konsum und Investitionen sinken, die türkische Lira weiter abwerten. Schließlich sei damit zu rechnen, dass die ausländischen Kapitalströme vollständig versiegen.

"Die jetzige Krise hat das Potential, so schlimm wie die Krise der Türkei im Jahr 2001 zu werden", prognostiziert Studienautor Alexander Kriwoluzky. Hohe staatliche Defizite und eine galoppierende Inflation führten damals zu einer massiven Abwertung der Lira und zu einem Konjunktureinbruch von rund zwölf Prozent. Der Staatsbankrott ließ sich damals nur durch Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vermeiden.

Noch habe die Türkei die Möglichkeit durch einen Mix aus Gegenmaßnahmen einen weiteren Einbruch abzufedern, so Kriwoluzky. "Die Leitzinsen müssten erhöht werden, der Staatshaushalt konsolidiert und das Inflationsziel gesenkt." Es gehe vor allem darum, die Unabhängigkeit der Zentralbank wiederherzustellen. Genau das muss demonstriert werden, um das Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen. Die Glaubwürdigkeit der türkischen Notenbank hat in den vergangenen Monaten massiv unter den Aussagen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gelitten.

Zusätzlich zu nationalen Maßnahmen könnten günstige internationale Kredite den Reformprozess flankieren und zusätzliche positive volkswirtschaftliche Effekte zeigen.

Anhand eines Modells wird in der Studie simuliert, welchen Einfluss eine finanzpolitische Konsolidierung, eine Leitzinserhöhung und eine Notenbank, die wieder als unabhängig gilt, hätten. Auch der mögliche Einfluss günstiger internationaler Kredite wird dargestellt. Gegenübergestellt werden diese Werte einer Prognose, wie die Entwicklung aussehen würde, wenn keine Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Die Szenarien im Überblick.


Die türkische Lira


Innerhalb eines Jahres hat die türkische Landeswährung gegenüber dem Euro fast die Hälfte ihres Werts verloren. Vor einem Jahr bekam man für einen Euro etwa vier Lira, heute fast acht. Ohne kontinuierliche Zinserhöhungen sei damit zu rechnen, dass die Lira weiter abwertet. Es sei davon auszugehen, dass sie im Lauf des Jahres 2019 nochmal knapp 20 Prozent einbüßt.

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Sollten Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, sei mit einer Aufwertung von insgesamt mehr als neun Prozent bis 2020 zu rechnen. Um weitere acht Prozent würde die Lira aufwerten, wenn internationale Finanzierungshilfen die Lage zusätzlich stabilisieren würden.


Das Wirtschaftswachstum


Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das BIP-Wachstum ohne Reformen innerhalb eines Jahres um etwa fünf Prozentpunkte zurückgehen würde.

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Und selbst wenn die Simulation nahelegt, dass in Folge eines wirtschaftlichen Aufholprozesses das BIP-Wachstum im Jahr 2020 knapp einen Prozentpunkt gewinnen würde, seien dadurch bei weitem nicht die Produktionsverluste des ersten Krisenjahres zu kompensieren.


Der Staatssaldo


Die Studie zeigt, dass sich der staatliche Finanzierungssaldo im Jahr 2019 um mehr als einen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts verschlechtern würde, wenn keine Reformen eingeleitet werden.

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Die Verschlechterung fußt darauf, dass zunehmend teurer werdende Finanzierungskosten zu einem unmittelbaren Einbruch der Konjunktur führen. Sowohl der Konsum als auch die Investitionen sinken, die Reallöhne fallen ebenfalls. Die dadurch entstehende Produktionslücke verschlechtert den Staatssaldo.

Durch den Mix aus nationalen und internationalen Hilfsschritten würde sich der Saldo allein im Jahr 2019 um etwa zwei Prozentpunkte verbessern.


Die Inflation


Die Krise treibt die Inflation in der Türkei immer weiter in die Höhe. Im August sind die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 17,9 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Wert seit 15 Jahren. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Inflationsrate im Jahr 2019 um etwa weitere acht Prozentpunkte steigen - sie würde dann bei mehr als 25 Prozent liegen.

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Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es am effektivsten und effizientesten wäre, wenn die Zentralbank ihr Inflationsziel senkt und dieses dann auch einhält. Damit könnte sie ihre Unabhängigkeit demonstrieren.

Malte Rieth, Co-Autor der Studie, resümiert: "Die Türkei hat es selber in der Hand, die Krise zu entschärfen."

Video: Außenminister Maas bei Präsident Erdogan

TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock


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Seite 1
Rahvin 06.09.2018
1.
Wenn man sich den Artikel durchliest, dann glaubt man fast, bei Wirtschaft handle es sich um eine Wissenschaft, die exakt vorhersagen könnte, was passiert, wenn man an bestimmten Stellschrauben dreht. Dem ist allerdings nicht so, und kein Mensch kann behaupten, man könne Börsencrashes vorhersehen, wirtschaftliche Entwicklungen beeinflussen, etc. Natürlich kann man im Nachhinein immer wieder derartige Szenarien analysieren, aber die Superkräfte von Captain Hindsight in Ehren: Vor neuen Crashes oder der Entstehung von Blasen hat das auch nicht geschützt. Stattdessen schlittern wir aufgrund der entfesselten Märkte von einer Krise in die nächste, die Abstände zwischen dem Auftreten von Blasen und Crashes verkürzt sich, und am Ende heisst es immer: Der IWF soll helfen. Dass das gewissen Staaten Bauchschmerzen bereitet, kann man nachvollziehen, handelt es sich beim IWF nicht um eine humanitäre Einrichtung sondern um ein finanzpolitisches Werkzeug der Amerikaner, die auf diese Weise ihren Einfluss auf Staaten, die finanziell in Bedrängnis geraten sind (nicht zuletzt aufgrund von Sanktionen seitens der Amerikaner, wie man am Beispiel Venezuela und Türkei sehen kann), ausweiten. Warum sich die Amerikaner die Türken auserkoren haben, mit denen sie doch gut Freund sind? Ein Schelm wer an eine weitere Destabilisierung Europas denkt: Flüchtlinge, finanzielle Engagements von Spanien, Italien oder Griechenland in der Türkei, etc...
Paddel2 06.09.2018
2. Keine europäische Hilfe für Erdogan
Man kann sich leicht ausmalen, wie Erdogans Propagandaapparat die Maßnahmen verkaufen würde. Ungeachtet der Tatsache, dass er hauptverantwortlich für die Krise ist, würde er sich als erfolgreicher Krisenmanager darstellen. Vor allem Deutschland sollte sich gut überlegen, wie es mit der aktuellen türkischen Führung umgehen sollte. Wenn nun nach Putin auch noch Erdogan hofiert wird, zeigt es nur, dass Despoten walten können wie sie wollen und es nur eine Frage der Zeit ist, wenn der Westen wieder angekrochen kommt.
Cyberfeld 06.09.2018
3.
Erstens der Crash ist schon ihm vollen Gange soweit ich das aus den Zahlen sehen kann. Zweites wenn man was dagegen tun will müssten das auch Politische Maßnahmen sein also die Politische Landschaft der Türkei müsste sich ändern und das wird Erdogan überhaupt nicht gefallen. Insgesamt muss man aber die hohen Kredite die in die Türkei und anderen Schwellenländern geflossen sind kritisieren auch wenn man genauer hinschaut den Investoren nicht viel Wahl /Optionen hatten. Das ist halt der Fluch des Fiatgeldes je mehr man hat desto mehr muss man erwirtschaften durch neue Kredite und Länder mit negativer Bilanz können das früher oder später nicht diese Bezahlen (b.z.w man hat zumindest einen Teilausfall) ob nun zur Kolonialzeit oder ihn Zeiten der Globalisierung. Ausnahme ist dabei nur wer die Weltleitwährung stellt, allerdings unterminieren irgendwann die Schuldenberge und auf der anderen Seite absurde Geldmengen die Glaubwürdigkeit dieser Währung..
berndatlondon 06.09.2018
4. Keine EU Hilfen fuer die Tuerkei!
Erdogan hat grade deshalb seine Wiederwahl vorgezogen da er genau wusste was passieren wird. Nun hat er aus der Tuerkei eine gelenkte Demokratie gemacht und baut mit seinem Schwiegersohn seinen direkten Nachfolger auf um das Familienerbe zu sichern. Nur wenn die Tuerken sich von diesem Despoten befreien hat die Tuerkei und die Tuerken wieder eine Chance. Jede Finanzhilfe fuer die Familie Erdogan verlaengert das leiden der Tuerkischen Bevoelkerung
horst-viersen 06.09.2018
5. Griechische Krankheit
Aus Deutschland wissen wir, dass ein Geldüberhang von etwa 2% nützlich ist, um das Güterwachstum weiterhin zu initiieren. Dabei muss man darauf achten, dass man die VWL-Kapazitätsgrenze nicht überschreitet. Gelingt das, dann kommt man zu einem stetigen Wachstum bis man Sättigungsgrenzen in den wichtigsten Branchen erreicht. Kern des Desasters der Türkei ist nicht das Geldmengenproblem, sondern die miese Handelsbilanz der Türkei. Es wird mehr im Ausland gekauft, als ans Ausland geliefer. Womit wir dann bei der griechischen Krankheit sind. Solange die Türkei nicht zu einem angesehenen Exporteur von Investitions- und Gebrauchsgütern wird, solange haben wir die griechische Krankheit. Die bislang vorliegenden Modelle berücksichtigen die Fundamentaldaten zu wenig. Für die Türkei hilft auch keine "Heliokpter Geld"!
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