Wirtschaftsklima in der Türkei Industrieverband fürchtet den Erdogan-Effekt

Jahrelang kannte die Wirtschaft der Türkei nur eine Richtung: aufwärts. Nach der Präsidentenwahl warnt jetzt ein mächtiger Industrieverband: Erdogans Politikstil gefährde den Aufstieg.

Wechselstube in Istanbul: "Demokratie und Entwicklung gefährdet"
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Wechselstube in Istanbul: "Demokratie und Entwicklung gefährdet"

Von , Istanbul


Recep Tayyip Erdogan hat bislang alle Wahlen, zu denen er angetreten ist, gewonnen. Immer war das türkische Wirtschaftswunder der Hauptgrund dafür, dass die Menschen ihm ihre Stimmen gegeben haben. Tatsächlich hat die Türkei in den gut elf Jahren seiner Regierungszeit einen beispiellosen Aufschwung erlebt. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich nahezu verdreifacht, beim Wirtschaftswachstum lag die Türkei zeitweise an der Weltspitze, gleichauf mit China.

Unter Erdogan kletterte das Land auf Platz 17 der weltgrößten Wirtschaftsnationen. Erdogans erklärtes Ziel ist es, die Türkei unter die Top zehn zu führen. Die Menschen trauen ihm das zu, deshalb wählten sie ihn am Sonntag mit knapp 52 Prozent zu ihrem Präsidenten.

Doch in Wirtschaftskreisen ist die Begeisterung über Erdogans Wahlsieg gebremst. "Es gab keine Alternative zu Erdogan", sagt ein führender Banker in Istanbul, der namentlich nicht genannt werden will. "Aber klar ist auch, dass Erdogan seinen Politikstil ändern muss, um unser Wachstum nicht aufs Spiel zu setzen." Halte er an seiner autoritären Art fest, würden ausländische Investoren auf Dauer abgeschreckt.

Industrieverband fordert Ende der Polarisierung

Entsprechend verhalten reagiert seither die türkische Börse. Und der mächtige türkische Industrieverband Tüsiad ließ Erdogan in seiner Gratulation zum Wahlsieg wissen, dass er ein Ende der Polarisierung der türkischen Bevölkerung erwarte. Die Spaltung der Gesellschaft habe ein Ausmaß erreicht, "das Demokratie und Entwicklung gefährden" könne, heißt es in der Mitteilung. Man hoffe, dass Erdogan eine "versöhnliche Rolle" einnehmen, einen Dialog zwischen allen Parteien starten und "strukturelle Reformen in Angriff nehmen" werde.

Tüsiad ist die Interessenvertretung der alten Wirtschaftselite, die sich in der Vergangenheit schon häufiger mit Erdogan angelegt hat.

Die Ratingagentur Fitch erklärte derweil, die "politischen Risiken für die türkische Wirtschaft" seien nach wie vor hoch. Bis zu den Parlamentswahlen, die spätestens im Sommer 2015 stattfinden sollen, sei mit Spannungen zu rechnen. "Erdogans klarer Sieg trägt wenig dazu bei, die Risikolage zu verbessern", bewertet Fitch die Lage. Politische Unvorhersehbarkeiten könnten zu einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit führen und ausländische Investoren abschrecken.

Analysten der Ratingagentur Moody's schätzen das Wirtschaftswachstum der Türkei für dieses Jahr auf 2,5 bis 3,5 Prozent - und damit niedriger als die von der Regierung erwarteten vier Prozent und deutlich weniger als das Rekordwachstum in den zurückliegenden Jahren.

Exportschwäche macht der Türkei zu schaffen

Die ausländischen Investitionen, die in den vergangenen zehn Jahren bei etwa 400 Milliarden Dollar lagen, sind zurückgegangen. Neben den politischen Turbulenzen ist dafür das Ende der lockeren US-Geldpolitik verantwortlich. Investoren ziehen aus allen Schwellenländern ihr Kapital ab. Ergün Kis, Wirtschaftsprüfer bei KPMG in Istanbul, sagt, die großen ausländischen Unternehmen sowie diejenigen, die sich intensiv mit der Türkei befassten, würden sich nicht beirren lassen und an ihren Aktivitäten im Land festhalten. "Probleme haben nur die Firmen, die die Türkei erst als attraktiven Markt entdeckt haben. Die warten jetzt ab."

Zu schaffen macht der türkischen Wirtschaft auch ihre Exportschwäche. Es wird viel zu wenig produziert in dem Land, das auf die Baubranche setzt. Angetrieben wurde das bisherige Wachstum durch die zunehmende Konsumfreude der Türken, ermöglicht durch niedrige Zinsen und Kredite, die türkische Banken den Privathaushalten bereitwillig gaben. Jetzt sind sie hoch verschuldet, viele Ökonomen warnen vor einem Platzen der Blase.

Doch die Regierung drängt weiter auf niedrige Zinsen und setzt die Notenbank, die eine Erhöhung für sinnvoll erachtet in der jetzigen Lage, unter Druck. Erdogan glaubt, damit das Wachstum weiter befeuern zu können - und nimmt dafür Inflation in Kauf. Der Wunsch nach niedrigeren Zinsen dürfte auch damit zusammenhängen, dass Zinsen im Islam als etwas Schlechtes angesehen werden und die islamisch-konservative Regierung daher eine Abneigung gegen einen steigenden Zinssatz hegt.

Die Probleme seien aber nicht nur hausgemacht, sagt Kemal Sahin, Unternehmer in Istanbul und ehemaliger Präsident der türkisch-deutschen Handelskammer. "Die großen Probleme in den umliegenden Ländern in der Region belasten unsere Wirtschaft", sagt er. "Unsere Exporte in die Ukraine, nach Russland, in den Irak und nach Syrien nehmen ab." Das seien wichtige Märkte für die Türkei.

Man hoffe jetzt, sagt ein Industrieller in der zentraltürkischen Stadt Kayseri, dass unter Präsident Erdogan Ruhe ins Land komme. "Die vergangenen acht, neun Monate waren nicht nur von politischen Turbulenzen geprägt, sondern auch vom Wahlkampf", sagt er. "In dieser Zeit hatte die Regierung leider anderes zu tun, als Politik zu machen, die dem Land und der Wirtschaft nützt." Er befürchtet aber, dass die Ratingagentur Fitch recht haben könnte - nämlich dass der Wahlkampf andauern dürfte bis zu den Parlamentswahlen.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
leidenfeuer 12.08.2014
1. Herr Erdogan ist nicht Frau Merkel.
Deutschland hat sich mit Frau Merkel wirtschaftlich recht gut gehalten. Die Türkei ist unter Herrn Erdogan ökonomisch aufgeblüht. Die beiden Persönlichkeiten an der Staatsspitze sind fast in jeder Weise höchst unterschiedlich, und doch kann kaum jemand behaupten, dass dies der Wirtschaft des jeweiligen Landes geschadet hätte.
hoimar 12.08.2014
2. Die türkische
Wirtschaft und der Aufschwung sind komplett über Kredite finanziert.
thg 12.08.2014
3. @1
Deutschland wäre niemals soweit wie heute, wenn die Gleichberechtigung der Frauen nicht vorangegangenen wäre. In der Türkei werden Frauen gerade angehalten in der Öffentlichkeit nicht zu lachen. Wir haben dagegen eine Frau an der Spitze und dazu eine Frau als Verteidigungsministerin. Wenn Erdogan so weiter macht sind türkische Frauen bald ähnlich gegängelt wie in anderen Staaten. Der Weg der Türkei führt mit Erdogan nach unten. Schade, aber leider nicht abzuwenden.
arcalis 12.08.2014
4.
Wenig Export, Konsum auf Pump und Konzentration auf Baubranche ist jetzt nicht gerade das Zukunftsmodell. Da müssen nur die Zinsen steigen und schon geht rasant bergab.
kl1678 12.08.2014
5.
---Zitat von spon--- Es wird viel zu wenig produziert in dem Land, das auf die Baubranche setzt. Angetrieben wurde das bisherige Wachstum durch die zunehmende Konsumfreude der Türken, ermöglicht durch niedrige Zinsen und Kredite, die türkische Banken den Privathaushalten bereitwillig gaben. Jetzt sind sie hoch verschuldet, viele Ökonomen warnen vor einem Platzen der Blase. ---Zitatende--- Also versucht man reich zu werden, in dem man mit geliehenem Geld baut? Verstehe ich nicht.
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