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Ü-50-Lehrlinge: Senior-Azubis in der Backstube 

Von , Emmendingen

Lehre statt Rente: Eine Bäckerei in Baden-Württemberg reagiert kreativ auf den Fachkräftemangel. Die Firma bildet Menschen aus, die auf dem Arbeitsmarkt sonst schlechte Chancen haben - Migranten und über 50-Jährige. Die Erfolgsquote ist deutlich höher als bei Jung-Azubis.

Bäckerlehrlinge: Mit 50 auf die Schulbank Fotos
dapd

Violeta Deva hat ein großes Ziel. Sie will ihre Tochter einholen. Die 19-Jährige hat ihre Ausbildung zur Arzthelferin bereits hinter sich. Mutter Violeta steht noch am Anfang ihres Berufswegs. "Ich will was aus mir machen", sagt sie energisch. Ihr Ziel: ein Abschluss als Bäckerei-Fachverkäuferin, als eine von 53 Senior-Azubis bei K+U, einer Großbäckerei im Südwesten Deutschlands.

Mit ihren 35 Jahren gehört Deva zu den Jüngeren in ihrer Klasse. Die älteste Azubi ist schon 53. "Als ich anfing, hatte ich echt Zweifel", sagt Deva. "Schaffe ich das überhaupt? Reicht mein Deutsch?"

Seit Oktober ist die gebürtige Kosovarin nun dabei und gehört zum zweiten Senior-Azubi-Jahrgang. Das Konzept ist bundesweit einmalig: Menschen, die normalerweise bestenfalls als Billigkräfte gefragt wären, bekommen die Chance auf einen Ausbildungsplatz - Hausfrauen, Migranten, über 50-Jährige. Bei der Großbäckerei werden sie in zwei Jahren zum Fachverkäufer ausgebildet.

Die ungewöhnliche Idee entstand aus der Not heraus. "Das ist unsere Reaktion auf den Fachkräftemangel", sagt Corinna Krefft-Ebner, Ausbildungsleiterin bei K+U in Emmendingen bei Freiburg. "Wir haben immer größere Probleme, was den Nachwuchs angeht. Eigentlich brauchen wir 150 Lehrlinge pro Jahr, wir finden aber nur 100."

Bei der Bäckerkette, die zum Edeka-Konzern gehört und 5000 Beschäftigte hat, kommen zwei Probleme zusammen: Zum einen herrscht im Südwesten der Republik eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit - entsprechend schwer finden die Firmen Arbeitskräfte. Und zum anderen hat K+U keine Traumjobs zu bieten. Wer will das schon? Um vier Uhr aufstehen und das bei keineswegs berauschender Bezahlung? Bei 16- oder 18-jährigen Schulabgängern hält sich die Begeisterung in Grenzen.

Mit der Idee, ältere Arbeitnehmer auszubilden, dürfte das Unternehmen Vorbote einer allgemeinen Entwicklung sein. In Zukunft werden die Arbeitgeber nicht mehr in der besten Position sein - und sich die geeignetsten Mitarbeiter aussuchen können. Stattdessen müssen sie gute Angebote machen, um für Arbeitnehmer attraktiv zu sein.

Die Führung von K+U setzt vor allem auf ungelernte Verkäufer, die bereits im Betrieb sind. Um möglichst viele von der Idee zu überzeugen, ködert der Betrieb sie mit einem attraktiven Angebot: Ein Senior-Azubi bei K+U bekommt den gleichen Lohn wie ein ungelernter Verkäufer. 1500 Euro brutto im Monat, immerhin fast dreimal so viel wie ein normales Azubi-Gehalt im ersten Lehrjahr. Mit abgeschlossener Lehre steigt das Gehalt dann um rund 300 Euro.

"Mit 500 Euro hätte ich das vergessen können"

Nur wegen des höheren Lohns kam die Lehre auch für Violeta Deva in Frage. Vor vier Jahren scheiterte ihre Ehe. Seitdem sorgt sie allein für die beiden Kinder. "Mit 500 Euro im Monat hätte ich das vergessen können", sagt die Auszubildende. Denn selbst so reicht das Einkommen nicht. Wenn sie in der Bäckerei Feierabend hat, geht Deva noch zwei Stunden putzen, beim Arzt, für den ihre Tochter als Arzthelferin arbeitet. Und das an fünf Tagen pro Woche.

Trotz dieser Doppelbelastung beschwert sie sich nicht. Mit einem freundlichen Lächeln bedient die Kosovarin die Kunden, huscht durch die Filiale am Emmendinger Bahnhof und wirft schnell noch ein paar Brötchen in den Ofen. Wie in den meisten Bäckereien mittlerweile üblich, werden auch die Filialen von K+U mit Teiglingen beliefert, die die Mitarbeiter nur noch aufbacken müssen. Ausgebildete Bäcker und Konditoren gibt es nur noch in den fünf Produktionsstandorten, die rund 800 Filialen schmeißen Frauen wie Violeta Deva, die meisten als ungelernte Hilfskräfte.

Sie freut sich, dass sie nun mit 35 Jahren noch einen Beruf erlernen kann. "Ich habe geheiratet, da war ich 14", erzählt sie. Drei Jahre später floh sie mit ihrem Mann und der gerade geborenen Tochter nach Deutschland. Die Schule hatte sie bereits nach der achten Klasse verlassen.

Erster Job bei Schlecker

In der neuen Heimat durfte sie zunächst nicht arbeiten. "Mein Mann wollte das nicht." Als er sie dann 2007 verließ, musste Deva plötzlich einen Job finden. Denn Unterhalt bekommt sie nicht, ihr Ex-Gatte ist mittlerweile arbeitslos.

"Ich habe dann bei Schlecker angefangen." Der Job bei der inzwischen insolventen Drogeriekette war okay, sagt Deva, "aber schlecht bezahlt und ich bekam immer nur befristete Verträge". Die Folge: Als sie nach zweieinhalb Jahren wegen einer Bandscheibenoperation länger ausfiel, wurde ihr Vertrag nicht verlängert.

Noch in der Erholungsphase bewarb Deva sich bei K+U und wurde eingestellt. Die Aufnahme in die Senior-Ausbildung scheiterte allerdings zunächst an der Arbeitsagentur. Die Behörde übernimmt 50 Prozent des Lohns, stellt dafür aber auch Bedingungen: Unter anderem müssen die Azubis gut Deutsch sprechen und einen Eignungstest bestehen.

Deva fiel im ersten Anlauf in beiden Punkten durch. Ein Jahr später bewilligte die Arbeitsagentur in Freiburg den Zuschuss nur unter Auflagen: K+U muss der Kosovarin Deutsch-Nachhilfe zahlen, zwei Stunden pro Woche.

Pilotprojekt ohne Nachahmer

Das Geld ist gut investiert: Von den Senior-Azubis haben bislang nur zwei ihre Lehre abgebrochen, eine Quote von vier Prozent. Bei den jungen Lehrlingen ist die Abbrecherquote dreimal so hoch. Auch sonst ist Ausbildungschefin Krefft-Ebner mit ihren "Senioren" hochzufrieden: "Ihnen muss man nicht erst beibringen, dass sie 'Guten Tag' sagen, wenn ein Kunde den Laden betritt."

Umso überraschender, dass das Pilotprojekt bislang keine Nachahmer gefunden hat. Zwar gibt es immer großes Interesse, wenn Krefft-Ebner bei Seminaren über ihre Senior-Azubis spricht. Doch etwas Ähnliches starten? Das traut sich bislang kein weiteres Unternehmen.

Krefft-Ebner kann das sogar verstehen. "Der Aufwand ist enorm", sagt sie. Es sei ein "riesiger bürokratischer Akt" gewesen, die Idee zu realisieren. Für die Ausbildung musste ein komplett neuer Lehrplan entworfen werden, denn statt drei Jahren dauert sie bei den Senioren nur 24 Monate.

Für Violeta Deva hat sich der Aufwand allemal gelohnt. An ihrem ersten Schultag überraschte ihr Chef sie mit einer Schultüte. Violeta hatte ihm erzählt, dass sie damals bei ihrer Einschulung keine bekommen hatte. Deva strahlt, wenn sie sich daran erinnert: "Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind."

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1.
Mueller-Luedenscheid 13.02.2012
Zitat von sysopdapdLehre statt Rente: Eine Bäckerei in Baden-Württemberg reagiert kreativ auf den Fachkräftemangel. Die Firma bildet Menschen aus, die auf dem Arbeitsmarkt sonst schlechte Chancen haben - Migranten und über 50-Jährige. Die Erfolgsquote ist deutlich höher als bei Jung-Azubis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,813674,00.html
Man sieht, es geht. Über "Fachkräftemangel" zu jammern und auf Billigstarbeiter zu hoffen ist offensichtlich nicht genug.
2. Fantastisch
karabayan 13.02.2012
Zitat von sysopdapdLehre statt Rente: Eine Bäckerei in Baden-Württemberg reagiert kreativ auf den Fachkräftemangel. Die Firma bildet Menschen aus, die auf dem Arbeitsmarkt sonst schlechte Chancen haben - Migranten und über 50-Jährige. Die Erfolgsquote ist deutlich höher als bei Jung-Azubis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,813674,00.html
Die Idee ist doch hervorragend. Solange der Fremdenzuzug in Deutschland nicht geregelt ist, wie in anderen Einwanderungsländern auch und viele Ungelernte hier Fuß fassen möchten, muss man sowas anbieten. Ich finde, es sollte viel mehr Angebote geben- warum sollte man sich in der Mitte seines Arbeitslebens nicht noch einmal umorietieren. Den Wunsch hatte ich selbst erst bei der letzten Rechnung meines Installateurs....
3.
omega84 13.02.2012
Zitat von sysopdapdLehre statt Rente: Eine Bäckerei in Baden-Württemberg reagiert kreativ auf den Fachkräftemangel. Die Firma bildet Menschen aus, die auf dem Arbeitsmarkt sonst schlechte Chancen haben - Migranten und über 50-Jährige. Die Erfolgsquote ist deutlich höher als bei Jung-Azubis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,813674,00.html
Großartig! Ein tolles, kreatives Beispiel wie man Menschen noch in hohem Alter ausbeuten kann. Als neoliberaler FDP-Wähler kann ich bei einer derartigen Originalität nur sagen: Chapeau! Weiter so! /s
4. Ausbilkdungsplätze für junge Menschen lohnen nicht !
gaga007 13.02.2012
Zitat von sysopdapdLehre statt Rente: Eine Bäckerei in Baden-Württemberg reagiert kreativ auf den Fachkräftemangel. Die Firma bildet Menschen aus, die auf dem Arbeitsmarkt sonst schlechte Chancen haben - Migranten und über 50-Jährige. Die Erfolgsquote ist deutlich höher als bei Jung-Azubis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,813674,00.html
Der Erfolg dieses Modells erklärt sich aus der Bereitschaft zur Leistung der "Senior-Azubis". Die jüngeren Azubis sind nicht bereit sich in Betriebe einzubringen und wirklich zu lernen, sind unpünktlich und unzuverlässig, finden schnell einen Arzt, der großzügig "gelbe Zettel" ausstellt. Wer Bewerbungsunterlagen und Berufsschulzeugnisse einsehen kann, so wie ich, wird erschreckt feststellen, dass es sich für Betriebe eigentlich nicht rentiert auszubilden - dann lieber Leiharbeiter. Dank Hartz IV fehlt den meisten die Motivation zur Arbeit - das Geld kommt schließlich auch so und zur Not wird jemand "abgezogen".
5. Sehr sinnvoll!
Dumme Fragen 13.02.2012
V.a. die angehobenen Ausbildungsvergütungen empfinde ich als selbstverständlich. In einer Gesellschaft, in der viele nicht bis 67 arbeiten werden können, ist es sehr sinnvoll, diesen Menschen eine neue Ausbildung zu ermöglichen, ohne dass sie in die Armut fallen. Neben einem Mindestlohn würde solche eine Ausbildungsreform in eine "HartzV"-Gesetzgebung gehören!
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Was ist Hartz IV?
Die Reform
Hartz IV ist die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Benannt ist sie nach dem damaligen Volkswagen-Personalchef Peter Hartz, der als Leiter einer Regierungskommission die Grundlagen der Reform vorgeschlagen hatte. Am 1. Januar 2005 trat das entsprechende Gesetz in Kraft.
Fördern und Fordern
Kernpunkt der vieldiskutierten Gesetze ist die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer einheitlichen Grundsicherung. Davor hatten sich die bundeseigenen Arbeitsagenturen und die kommunalen Sozialämter die Betreuung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern geteilt. Das Nebeneinander von zwei unterschiedlichen Systemen wurde abgeschafft, erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger sollten nach dem Prinzip "Fördern und Fordern" in die aktive Arbeitsvermittlung eingebunden werden.
Die Höhe der Leistung
Empfänger der früheren Arbeitslosenhilfe erhalten ebenso wie arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger die gleichen Bezüge: das sogenannte Arbeitslosengeld II. Vereinfachend wird das Arbeitslosengeld II oft auch als "Hartz IV" bezeichnet. Die Bezüge orientieren sich an der früheren Höhe der Sozialhilfe. Pro Monat beträgt die Leistung 359 Euro - Unterkunft, Heizung und sonstige Zulagen nicht eingeschlossen.
Strenge Regeln
Mit Hartz IV soll eine intensivere Betreuung bei der Suche nach einem neuen Job verbunden sein. Zugleich wurden aber auch die Zumutbarkeitskriterien verschärft. Prinzipiell gilt jede legale Arbeit als zumutbar, auch wenn sie deutlich unter Tarif bezahlt wird. Wer Jobangebote ausschlägt, muss erhebliche finanzielle Kürzungen in Kauf nehmen.


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