Überleben im Handelskrieg Von China lernen

Donald Trump zerlegt den Westen, die Europäer sind darauf nicht vorbereitet - und bleiben wirtschaftlich auf die USA angewiesen. Von China ließe sich lernen, wie man der Falle entkommt.

Zouping, Ostchina: Ein Arbeiter vermisst eine Stahlröhre
AFP

Zouping, Ostchina: Ein Arbeiter vermisst eine Stahlröhre

Eine Kolumne von


Was für eine Woche! Am Mittwoch fliegt Donald Trump zum Nato-Gipfel in Brüssel ein. Den Ton hat er bereits in harsch formulierten Briefen gesetzt, die er vorab an die Regierungschefs der übrigen Mitgliedstaaten geschickt hat. Tenor: Ihr müsst viel mehr fürs Militär ausgeben, sonst!…

Wenige Tage später trifft er Russlands Staatschef Wladimir Putin in Helsinki. Möglich, dass Trump bei diesen Gelegenheiten die US-Beistandsgarantie für Europa infrage stellt, wie er das im Präsidentschaftswahlkampf bereits angekündigt hatte.

Wir sind Zeugen einer Zeitenwende. Der Westen in seiner bisherigen Form hört auf zu existieren. Der Eklat beim G7-Gipfel in Kanada vor vier Wochen hat die Verwerfungen deutlich zutage treten lassen. Jetzt geht es an die Substanz. Und Europa, zerstritten und verletzlich, ist darauf nicht vorbereitet - weder politisch noch militärisch noch wirtschaftlich.

Der von Trump angezettelte Handelskrieg nimmt Fahrt auf. Seit Freitag gelten US-Strafzölle gegen China, von Peking umgehend beantwortet mit Gegenzöllen. Auch deutsche Konzerne sind betroffen, darunter Daimler und BMW, die ihre in den USA gefertigten SUVs auch nach China exportieren.

Es gibt nur Verlierer: Chinesische Konsumenten müssen höhere Preise zahlen; amerikanische Arbeiter werden bei rückläufigem Absatz ihre Jobs verlieren; deutsche Unternehmen leiden unter schrumpfenden Gewinnen - ein absurdes Drama.

Und das ist erst der Anfang: Die Trump-Administration hat bereits die nächste Eskalationsrunde gegen China angekündigt: Zölle auf ein Handelsvolumen von 450 Milliarden Dollar. Auch mit der EU schwelt der Konflikt weiter. So droht die US-Regierung, den Import von Autos mit Sonderabgaben zu belegen.

Die globale Handelsordnung ist in Auflösung begriffen - jenes System, auf das sich gerade die EU und insbesondere Deutschland jahrzehntelang verlassen haben. Wie wird die Welt danach aussehen? Was können wir tun?

Chinopa bleibt eine Schimäre

Um einen Handelskrieg jeder gegen jeden - wie in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts - zu verhindern, bilden sich derzeit neue Allianzen. In Asien bemühen sich China, Japan, Südkorea, Australien und diverse andere Länder um vertiefte Handelsverträge.

Parallel dazu umwirbt China die EU. Es geht um eine vertraglich abgesicherte intensivierte Zusammenarbeit und ein gemeinsames Vorgehen gegen die USA vor der Welthandelsorganisation WTO. Montag kommt Chinas Premier Li Keqiang zum deutsch-chinesischen Wirtschaftsforum nach Berlin. In der Woche darauf trifft man sich in Peking zum China-EU-Gipfel.

Es gibt eine Menge gemeinsamer Interessen: Beide Seiten wickeln einen großen Teil des Welthandels untereinander ab. Die EU ist Chinas größter Handelspartner; umgekehrt ist China der zweitgrößte Handelspartner der EU (nach den USA). Beiden Seiten ist daran gelegen, dass der wirtschaftliche Austausch erhalten bleibt.

Allerdings ist eine vertiefte Zusammenarbeit, analog zum bisherigen transatlantischen Verhältnis, schwer vorstellbar. Chinas Kurs ist auf Dominanz ausgerichtet, nicht nur in der Wirtschaftspolitik, und von rechtsstaatlichen Prinzipien weitgehend unbelastet. Chinopa bleibt eine Schimäre.

Dennoch: Die EU, und Deutschland im Besonderen, könnte einiges von China lernen.

Wir sind hochgradig verletzlich

Anders als die Europäer hat die chinesische Führung früh verstanden, dass sie sich nicht ewig auf ein exportgetriebenes Wirtschaftsmodell verlassen kann. Wenn die Ära der multilateralen, US-fixierten Handelsverflechtungen zu Ende geht, dann ist auch die Zeit der großen Ungleichgewichte im Außenhandel vorbei.

Denn in einer Weltwirtschaft, die zunehmend in große Blöcke fragmentiert ist, drohen ständig Handelskonflikte; auch Investitionen im Ausland sind dann womöglich nicht mehr sicher. Länder, die große Überschüsse im Handel fahren und dadurch massenhaft Kapital exportieren, sind in diesem Szenario hochgradig verletzlich.

Die Eurozone ist ein extremes Beispiel. 2018 werden wir Leistungsbilanzüberschüsse von mehr als einer halben Billion Dollar erwirtschaften, wie die OECD prognostiziert. Der mit großem Abstand höchste Wert weltweit. Und ein risikoreicher Kurs, weil wir auf Nachfrage aus dem Rest der Welt angewiesen sind - und weil wir Kapital exportieren, ohne zu wissen, ob wir es unter den veränderten Bedingungen zurückbekommen.

China war Mitte der Nullerjahre in einer ähnlichen Situation. Seit 2008 jedoch hat sich der Überschuss gegenüber dem Rest der Welt mehr als halbiert. Ein Vorbild für die Eurozone?

Von China lernen, wenigstens ein bisschen

Es war nicht nur die tiefe Rezession des Westens 2008/09, die Chinas Überschüsse hat schrumpfen lassen, sondern auch Pekings makroökonomische Strategie. Sie hatte vor allem vier Elemente:

  • Lohnerhöhungen, gerade für Geringverdiener;
  • die Stärkung ärmerer Regionen durch Finanzzuweisungen aus Peking;
  • die Aufwertung der Währung;
  • erleichterte Kreditbedingungen, um die heimischen Investitionen anzukurbeln.

Dieser Mix ließ die Inlandsnachfrage steigen, während die Exportdynamik gedämpft wurde. Das half, den bereits damals schwelenden Handelskonflikt mit den USA zu entschärfen. Ärmere Regionen holten ein Stückweit gegenüber Chinas reichem Osten auf. Dank forscher Lohnerhöhungen ließ sich die soziale Lage halbwegs stabilisieren - zwischen 2012 und 2015 legten die Einkommen der vielen Millionen Wanderarbeiter um insgesamt 70 Prozent zu, wie aus Zahlen des Internationalen Währungsfonds hervorgeht. Der hemmungslose Kreditboom allerdings hat einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen. Dieser Teil der Pekinger Strategie ist definitiv nicht zur Nachahmung empfohlen.

Die Eurozone ist den umgekehrten Weg gegangen. Bis 2008 war die Währungsunion in etwa im Gleichgewicht, außenwirtschaftlich gesehen. Als dann die Schuldenkrise zuschlug, wurden praktisch alle Länder auf den deutschen Weg gezwungen: sparen, Lohnzurückhaltung, Wettbewerbsfähigkeit steigern. Die Folge: Die meisten Mitgliedsländer haben inzwischen Leistungsbilanzüberschüsse. Daher der Rekordwert der Eurozone insgesamt.

Von Chinas Weg könnten wir vor allem dies lernen:

  • Es braucht mehr Lohnflexibilität, auch nach oben - gerade in Euroländern mit sehr hohen Überschüssen wie Deutschland und den Niederlanden.
  • Die Stärkung schwach entwickelter Regionen, etwa in Form von Investitionen finanziert aus einem zentralen Eurozonen-Budget, würde den Fliehkräften zwischen wirtschaftlich starken Zentren und schwacher Peripherie entgegenwirken.
  • Eine Aufwertung des Euro würde beim Ausgleich der Leistungsbilanz helfen. Das könnte gewissermaßen automatisch geschehen, wenn die Europäische Zentralbank, wie angekündigt, ihr Anleihekaufprogramm in den kommenden Monaten auslaufen lässt.
  • Auch die "neue Seidenstraße" - Chinas gigantisches Infrastrukturprojekt, mit dem ein neues Netzwerk aus Handelspartnern geknüpft werden soll - könnte sich die EU zum Vorbild nehmen. Etwa mit Blick auf eine intensivierte Partnerschaft mit afrikanischen Ländern, was, nebenbei, auch den Migrationsdruck von dort dämpfen könnte.

Okay, und was jetzt?

Wir sind auf die neue Ära der globalen Blockbildung nicht vorbereitet, weder ökonomisch noch militärisch. Bislang waren die Europäer nicht in der Lage, sich zu einer tiefgreifenden Stärkung ihrer Strukturen durchzuringen. Das betrifft die Institutionen der Währungsunion genauso wie die Frage der gemeinsamen Verteidigung.

Solange sich daran nichts ändert, bleiben wir auf die USA angewiesen - und damit auf Trump.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche
Montag
Berlin - Schwierige Partner - Deutsch-chinesisches Forum für wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit, mit Premier Li Keqiang, Kanzlerin Merkel, Wirtschaftsminister Altmaier und Unternehmensvertretern beider Länder (bis Dienstag).

Wiesbaden - Deutsche Ausfuhr - Neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt zu Exporten.

Versailles - Großer Redner, große Botschaft? - Frankreichs Staatspräsident Macron spricht vor dem Parlament zur Lage der Nation. Und das heißt immer auch: Europas.

Brüssel - Europäische Außengrenzen - Die Führungsleute der EU und der Ukraine treffen sich zum EU-Ukraine-Gipfel.
Dienstag
Luxemburg - Contra Draghi - Vor dem Europäischen Gerichtshof findet die mündliche Verhandlung über die Rechtmäßigkeit der billionenschweren Käufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) statt. Kläger sind unter anderen Peter Gauweiler (CSU) und Ex-AfD-Chef Bernd Lucke, die argumentieren, die EZB betreibe Staatsfinanzierung, was ihr nach den europäischen Verträgen verboten ist.

Berlin - Geld für die Welt - Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) lädt zur Jahrespressekonferenz. Es geht unter anderem um Flucht, Migration und die Folgen des Klimawandels.

Peking - Fernöstliche Preise - Chinas Statistikamt veröffentlicht Daten zur Inflation im Juni.
Mittwoch
Brüssel - Donald ante portas I - Nato-Gipfel (bis Donnerstag). Im Vorfeld rätseln alle, in welcher Stimmung US-Präsident Trump wohl in Europa ankommen wird.

München - Rechter Terror - Nach Hunderten Verhandlungstagen: Urteil im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München.
Donnerstag
London - Donald ante portas II - Von Brüssel aus reist Trump nach London weiter, wo er Premier May und die Queen trifft. Anschließend geht's nach Schottland, dem Vernehmen nach zum Golfen. Viel Zeit zum Twittern.

Innsbruck - Europas Grenzen - Treffen der Innen- und Justizminister der EU (bis Freitag). Man darf gespannt sein, wie weit Deutschlands Innenminister Seehofer mit seiner Forderung nach Grenzabweisungen von anderswo anerkannten Asylbewerbern kommt.
Freitag
Peking - Fernöstlicher Export - Chinas Zoll veröffentlicht Zahlen zum Außenhandel im ersten Halbjahr.

New York/ San Francisco - Geschäfte unter der Trump-Administration - Quartalszahlen von Citigroup, JPMorgan Chase und Wells Fargo.


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spmc-12355639674612 08.07.2018
1. Von China lernen?
Hört sich prinzipiell vernünftig an. Leider stand uns bisher unsere Arroganz im Weg, solche neuen Wege überhaupt in Betracht zu ziehen. Stattdessen zerlegt sich unsere sonst sehr gemütliche Regierung fast bei einem Streit, den eine kleine Partei angezettelt hat, um ihre Chancen in einer Landtagswahl zu erhöhen. Ein Beispiel abgrundtiefer Verantwortungslosigkeit! Deutschland versucht weiterhin, anderen Ländern seine Wirtschaftspolitik aufzudrängen, deutsche Sparer ärgern sich über Nullzinsen, die sie durch Umschichtung ihrer Ersparnisse leicht vermeiden könnten und bei den mittleren und unteren Lohngruppen sieht man von einem deutlichen Aufschwung immer noch nichts, auch, weil unsere Bundesregierung mental nicht in der Lage ist, über ihren eigenen, sehr langen Schatten zu springen und durch eine deutliche Anhebung des Mindestlohnes ein Zeichen zu setzen.
gedu49 08.07.2018
2. Wie viele Signale benötigen wir noch ?
Trump redet mit Putin ....worüber ? Die Chinesen machen der EU ein Angebot zu stärkerer Zusammenarbeit. Trump will erpressen. Die Lösung ist sicherlich schwierig, aber wie wäre fogender Weg : - Die Handelssanktionen gegen Russland werden aufgehoben - Man bietet China verstärkte Zusammenarbeit auf AUGENHÖHE an - Unsere Lobbyisten der Autoindustrie werden auf den Platz verwiesen der ihnen Zusteht, also raus aus Entscheidungsfindungen die unsere Regierung ALLEIN zu treffen hat. Falls es innerhalb der EU egoistische Spaltpilze geben sollte muss man Mehrheitsentscheidungen treffen, auch Deutschland darf sich nicht wegen eigener Interessen aus einer möglichen Front gegen Trumps Politik herausmogeln. Es wird eventuell zeitweilig einige Tausend Arbeitsplätze kosten, aber eine gemeinsame Aktion China, Russland , EU ( oder nur der willigen EU -Länder) wäre auch für die mächtige USA ein zu großer Brocken. Ich befürchte, dass der Streit um Zölle nur der Anfang einer langen Reihe von Dominosteinen ist, also lassen wir den ersten Stein lieber nicht kippen ! Man sollte auch nicht auf Fehler Trumps hoffen, dieser Mann mag der Elefant im Porzellanladen sein, aber er rennt rücksichtslos auf seine Ziele los und verschmerzt eigene Blessuren .
stefan.martens.75 08.07.2018
3. Wichtige Problematik fehlt
Trumps Aktionen sind bestens getimt. Sie kommen für China zur Unzeit. China steht seit Jahren vor dem platzen einer gigantischen Produktionsblase. Die Überkapazitäten im System sind monströs. Egal ob Bau, Güter oder Kredite. Wenn Trumps Politik nun zu Nachfrageeinbrüchen führt dürfte diese Blase endgültig platzen, selbst mit den Vorteilen die eine undemokratische Führung mit sich bringt, dürfte das nicht mehr kaschierbar sein. Wir sollten uns auf den Zusammenbruch Chinas vorbereiten und keinesfalls so tun, als wäre dieses Land ein Vorbild oder Hort der Stabilität.
kassadra 08.07.2018
4. Endlich habe ich das verstanden. Danke!
Weil China seinen Mitarbeitern so hohe Löhne zahlt, läßt Apple seine iPhones ja in China bauen, damit dort wenigstens die Sozialstandards eingehalten werden und weil dort das ausländische Know-How besonders geschützt ist. Nicht etwa, daß China seit Jahren ausländisches Know-How von Schlüssselindustrien mittels seiner subventionierten Dumpinglöhne einfach aufkauft, siehe KUKA, etc. und jede Idee gnadenlos kopiert. Tja, von China lernen heißt tatsächlich siegen lernen. Danke für die Aufklärung.
kassandra21 08.07.2018
5. Tjaaaaa...
> - die Aufwertung der Währung; - erleichterte Kreditbedingungen, um die heimischen Investitionen anzukurbeln.< Möglichkeit 3 hat die Eurozone nicht. Die haben wir uns selber weggenommen. Möglichkeit 4 haben wir auch nicht, da die Rahmenbedingungen für Kredite auch stark europäisch sind. Zinsen und so kommen ja von der EZB. Machen wir uns lokal Konkurrenz bei Krediten, ist das schlecht für europäische Handelskooperation. Wollen wir die Währung auf- oder abwerten, müßten wir erst einmal wieder eine eigene haben. Der Witz ist, daß Trump der Mann ist, der aus den falschen Gründen das Richtige tut. Die Globalisierung, die alle so krampfhaft erhalten wollen, hat ohnehin keine große Zukunft. Man kann das erkennen und versuchen, das tödliche Spinnenetz, in das wir uns da haben einwickeln lassen von amoklaufenden Ökonomen, wieder zu entfuddeln. Oder man ist eben Donald Trump und macht pauschal erst mal alles kaputt.
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