Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Überraschendes Bekenntnis: BA-Vorstand nennt Hartz IV menschenunwürdig

"Nur Lebenskünstler können von 364 Euro leben": Heinrich Alt, Vize-Chef der Arbeitsagentur, hat den Hartz-IV-Regelsatz als zu niedrig bezeichnet. Dabei hat er sich bisher nicht gerade einen Namen als soziales Gewissen der Behörde gemacht.

BA-Vize Alt: "Jetzt sparen wäre fatal" Zur Großansicht
DPA

BA-Vize Alt: "Jetzt sparen wäre fatal"

Hamburg - Bisher fiel BA-Vorstand Heinrich Alt eher durch Forderungen an Hartz-IV-Empfänger auf. Doch nun gibt er offen zu, dass sie mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Den Hartz-IV-Regelsatz hält er für zu niedrig. Auf Dauer könnten nur Lebenskünstler von den 364 Euro leben, sagte Heinrich Alt, einer der drei Vorstände der Bundesagentur für Arbeit, dem "Tagesspiegel". Der Betrag sei nur zur Überbrückung vertretbar - auf lange Sicht sei er menschenunwürdig.

Allerdings würden nur ein Drittel der Hartz-IV-Bezieher allein vom Regelsatz leben - rund 1,4 Millionen Menschen würden hinzuverdienen und Alleinerziehende Zuschläge erhalten.

Alt gilt eigentlich eher als Fürsprecher für einen härteren Umgang mit Hartz-IV-Empfängern. Vor einem Jahr sorgte er mit einem Vorstoß für Aufsehen: Statt Miet- und Heizkosten von Hartz-Empfängern zu übernehmen, solle der Staat lieber eine Pauschale zahlen - und damit den Anreiz schaffen, sich günstigere Wohnungen zu suchen. Sozialverbände warnten vor Ausgrenzung: Wenn Alt sich durchsetze, sei die soziale Balance in Städten gefährdet.

Außerdem regte der BA-Vize an, Langzeitarbeitslose in der Kinderbetreuung einzusetzen. Die Hartz-IV-Empfänger könnten zum Beispiel mit Kindern Fußball spielen, Musikkurse anbieten oder Nachhilfe geben; das sei ein "Win-win-Geschäft", da auch die Arbeitslosen wieder sinnvoll beschäftigt seien, fand Alt.

Alt hat sich aber auch schon mehrfach kritisch zu den Arbeitsmarktinstrumenten der Bundesregierung geäußert. So forderte er zum Beispiel im November, dass Ein-Euro-Jobs nur noch auf freiwilliger Basis angeboten werden sollten, anstatt massenhaft Langzeitarbeitslose in diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu zwingen.

Bundesagentur will nicht sparen

Den Sparplänen der Bundesregierung - immerhin soll der Etat um einen zweistelligen Milliardenbetrag gekürzt werden - erteilt Alt im "Tagesspiegel" eine klare Absage: "In der jetzigen Arbeitsmarktsituation wäre das fatal." Man müsse sich auf die Förderung von Aus- und Fortbildung konzentrieren, damit in den nächsten Jahren genügend Fachkräfte bereitstehen. Das koste Geld.

Auch der Forderung von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), wegen der sinkenden Arbeitslosigkeit Stellen in der BA abzubauen, steht Alt kritisch gegenüber. "Wir brauchen das Personal für die Bewegung am Arbeitsmarkt, die ist nach wie vor hoch." Außerdem habe die Agentur Aufgaben, die "mit den Arbeitslosenzahlen gar nichts zu tun haben", betonte der BA-Vize. Dies seien zum Beispiel die Arbeitgeberbetreuung, die Familienkassen oder die Berufsberatung.

seh

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 767 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. es dauert lange, der Weg zur Erkenntnis
Zelot, 29.04.2011
Zitat von sysop"Nur Lebenskünstler können von 364 Euro leben": Heinrich Alt, Vize-Chef der Arbeitsagentur, hat den Hartz-IV-Regelsatz als zu niedrig bezeichnet. Dabei hat er sich bisher nicht gerade einen Namen als soziales Gewissen der Behörde gemacht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,759797,00.html
Schön, dass es der Herr auch einsieht, was ohnehin jeder weiß.
2. Hartz IV
crocodil 29.04.2011
..na. wenn man mal rechnet, was sie so als Zusatzleistungen kassieren, (Miete, Heizung), und das wahrscheinlich ,wenn man in einer Beziehung lebt doppelt, da braucht man doch nicht mehr arbeiten zu gehen!!! Da lebt es sich doch so besser.
3. aa
WHO23 29.04.2011
Zitat von crocodil..na. wenn man mal rechnet, was sie so als Zusatzleistungen kassieren, (Miete, Heizung), und das wahrscheinlich ,wenn man in einer Beziehung lebt doppelt, da braucht man doch nicht mehr arbeiten zu gehen!!! Da lebt es sich doch so besser.
Wow, ging ja diesmal sehr schnell, so einen Schwachfug lesen zu dürfen. Danke.
4. Nene
timte 29.04.2011
Zitat von crocodil..na. wenn man mal rechnet, was sie so als Zusatzleistungen kassieren, (Miete, Heizung), und das wahrscheinlich ,wenn man in einer Beziehung lebt doppelt, da braucht man doch nicht mehr arbeiten zu gehen!!! Da lebt es sich doch so besser.
Wer mit einem Partner zusammenlebt kassiert nicht doppelt, sondern lebt in einer sog. "Bedarfsgemeinschaft" und bekommt natürlich nicht Miete und Heizung doppelt ausgezahlt. Je nachdem ob und wieviel der Partner verdient, kann es auch passieren, daß man garnichts oder nur einen kleinen Teil des Regelsatzes bewilligt bekommt. Sie scheinen sich mit dem Thema Hartz 4 noch nicht auseinandergesetzt zu haben. Bitte nachholen oder ruhig sein.....
5. Kürzungen wo?
thomas bode 29.04.2011
Dass er gegen Kürzungen für die Behörde ist überrascht nicht. Das Bürokratie-Monster und eine parasitäre "Fortbildungs"-Industrie drumrum, verschlingen aber vermutlich fast die Hälfte des Sozialetats. Wenn die üble deutsche Tradition der bürokratischen Gängelung abgebaut würde könnten für die Betroffenen die Regelsätze auch erhöht werden. Dass man von 364 Euro oder auch 386 Euro langfristig nicht menschenwürdig leben kann ist keine umwerfend neue Einsicht. Natürlich kann man das nicht. Jede unerwartete Ausgabe von wenigen Euro lässt das Monatsbudget aus dem Ruder laufen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wer bekommt Hartz IV?
Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
Schulabschluss Anteil in Prozent
Noch Schüler 4,2
Schule beendet ohne Abschluss 8,4
Sonder-/ Förderschule 1,2
Hauptschule 47,2
Realschule 29
Fachhochschule 1,9
Abitur 7,5
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
Schüler an allgemeinbildender Schule 4,4
Kein beruflicher Abschluss 37,5
Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
Lehre, betriebliche Ausbildung 36,6
Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
Selbst zugezogen 29,8
Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Verweildauer
Viele Arbeitslose beziehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über einen längeren Zeitraum Hartz IV. Im Dezember 2007 waren demnach 78 Prozent der Leistungsempfänger mindestens zwölf Monate ununterbrochen im Leistungsbezug. Bei rückläufigen Empfängerzahlen sank die Zahl der Langzeitbezieher kaum. ssu


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: