Kapitalflucht Ukraine fürchtet Finanzkollaps

Erst stürzte der Präsident, dann die Börsenkurse: In der Ukraine wächst die Sorge vor einem Finanzcrash. Die Rettung soll ein IWF-Kredit bringen, doch auch Russland muss mitspielen.

Vom Maidan in die Zentralbank: Währungshüter Stepan Kubiw
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Vom Maidan in die Zentralbank: Währungshüter Stepan Kubiw

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Hamburg - Stepan Kubiw sieht so seriös aus, wie man es von einem Zentralbankpräsidenten erwarten darf. Doch dieses Amt hat der 51-Jährige erst seit Montag inne. Davor war er auf dem Maidan ein "Kommandant" der ukrainischen Opposition, welche die Absetzung von Präsident Wiktor Janukowitsch erkämpfte. Nun hat für Kubiw ein Kampf der anderen Art begonnen - der gegen den finanziellen Kollaps.

Am Mittwoch musste Kubiw einräumen, dass die Devisenreserven des Landes allein seit Anfang Februar von 17,8 auf 15 Milliarden Dollar gefallen sind. Mit dem Geld habe die Zentralbank versucht, den Kurs der heimischen Griwna zu stützen. Mit wenig Erfolg: Die Währung fiel im Vergleich zum Dollar auf ein Rekordtief.

Devisenreserven Ukraine (in Milliarden Dollar, jeweils zum Jahresende)

2007 32,4
2008 31,5
2009 26,5
2010 34,6
2011 31,8
2012 24,5
2013 18,8
Ende Januar 2014 17,8
Ende Februar 2014 rund 15

Quellen: IWF, Weltbank, Bloomberg, Ukrainische Zentralbank

Und das ist nicht Kubiws einziges Problem: Obwohl ukrainische Banken bereits die Bargeldabhebungen an Geldautomaten eingeschränkt haben, zogen Kunden nach Angaben des Zentralbankchefs allein während der dreitägigen Straßenschlachten in der vergangenen Woche rund drei Milliarden Dollar ab, was bis zu sieben Prozent der Einlagen entsprach.

Am Donnerstag spitzte sich die Lage weiter zu: Die Eskalation auf der ukrainischen Halbinsel Krim drückte von Tokio bis Frankfurt Börsenkurse ins Minus. Mit der VTB kündigte zudem bereits die zweite russische Großbank an, ihre Kreditvergabe in der Ukraine zu drosseln. Dadurch könnte Unternehmen des ohnehin wirtschaftlich schwer angeschlagenen Landes bald das Geld ausgehen. "Der ukrainische Bankensektor scheint sich deutlich zu destabilisieren", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank.

Die Entwicklung ist besonders beunruhigend, weil der Ukraine ohnehin die Zahlungsunfähigkeit droht. Unter Janukowitsch seien allein in den vergangenen drei Jahren rund 70 Milliarden Dollar beseitegeschafft worden, teilte die neue Regierung gerade mit. Ihren Finanzbedarf für die kommenden zwei Jahre hat sie bislang mit 35 Milliarden Dollar beziffert. Doch diese Summe wird niemals ausreichen, falls nun Investoren in großem Stil ihr Geld aus der Ukraine abziehen.

Wie wahrscheinlich aber ist ein solches Szenario? Und wen würde es am meisten treffen?

Für Russland wären Kreditausfälle nach Darstellung der Zentralbank undramatisch, ihr zufolge haben russische Banken weniger als ein Prozent ihrer Bilanzsumme in der Ukraine investiert. Die vier größten russischen Finanzinstitute kommen laut einer Schätzung der Rating-Agentur Moody's auf 20 bis 30 Milliarden Dollar, Präsident Wladimir Putin sprach von 28 Milliarden Dollar. Zumindest aus ukrainischer Sicht ist das viel, der Marktanteil russischer Banken liegt bei zwölf Prozent.

Doch auch europäische Banken haben in der Ukraine einiges zu verlieren. Laut den letzten verfügbaren Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben sie in der Ukraine Forderungen über gut 23 Milliarden Dollar offen. Während deutsche Banken der Statistik zufolge nur gut eine Milliarde an Krediten vergeben haben, sind es in Italien fast sechs Milliarden. "Italienische Institute stehen wegen des europäischen Banken-Stresstests ohnehin schon im Rampenlicht", sagt DZ-Chefvolkswirt Bielmeier. "Ihr Engagement in der Ukraine könnte den Stress verstärken."

Am bedrohlichsten ist die Situation natürlich für die Ukraine selbst. Zwar sagte der neue Finanzminister Alexander Schlapak am Donnerstag, die Lage stabilisiere sich bereits. Zugleich kündigte er aber an, dass man den Internationalen Währungsfonds (IWF) um eine Finanzspritze von 15 Milliarden Dollar gebeten habe. "Wir müssen sofort ein Abkommen mit dem IWF schließen", sagte der neue Premierminister Arsenij Jazenjuk. "Sobald ein Abkommen über ein IWF-Programm abgeschlossen ist, wird es Geld für unsere Reserven geben, und wir können den Wechselkurs stabilisieren."

Zwar wäre der IWF der naheliegendste Partner für Finanzhilfen, ein Hilfspaket dürfte auch die Gefahr einer Kapitalflucht eindämmen. Doch es gibt noch ein Problem. "Normalerweise vergibt der IWF nur Kredite an Länder mit einem stabilen politischen System", sagt DZ-Ökonom Bielmeier. "Das ist in der Ukraine der größte Hemmschuh." Schließlich hat der abgesetzte Wiktor Janukowitsch sich gerade erst zu Wort gemeldet und darauf beharrt, er sei noch Präsident. Zugleich bat er um Schutz durch Russland - der ihm offenbar gewährt werden soll.

Die russische Regierung hat bereits deutlich gemacht, dass sie den Umbruch in der Ukraine ablehnt. Sollten nun IWF und EU mit Hilfen einspringen, muss sich zeigen, wie stark Russland das Land auch wirtschaftlich sabotiert. Schließlich ist die Ukraine bislang nicht nur von Krediten des Nachbarn abhängig, sondern auch von Gaslieferungen. Schon Anfang Februar kam die deutsche Außenhandelsagentur Germany Trade and Invest zum Schluss, der Konflikt werde "auch mit ökonomischen Mitteln ausgetragen". So habe Russland offenbar Zollkontrollen für Waren aus der Ukraine deutlich verschärft.

Eine dauerhafte Wirtschaftskrise in der Ukraine wäre aber nicht in Russlands Sinne. "Das hat natürlich Auswirkungen auf Gemeinschaftsfirmen, die wir mit der Ukraine haben", sagte der russische Wirtschaftminister Alexej Uljukajew dem "Handelsblatt". Auch DZ-Ökonom Bielmeier glaubt, dass diese engen Verbindungen die Ukraine am Ende retten dürften. "Das Risiko eines Staatsbankrotts ist nicht so hoch", sagt er. "Aber nur, da keiner der großen Blöcke ein Interesse daran hat."

Mitarbeit: Stefan Kaiser, mit Material von Reuters

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steuergeldvernichten 27.02.2014
1. Immer dieselbe, bitterböse Geschichte....
...Danke SPIEGEL nach Tagen wissen wir nun, wer die Schuldner der Ukraine sind: unsere "Too-Big-To-Fail"-Banken. 22 Milliarden, vermutlich weit mehr haben die dort verliehen. Es sieht wieder nach einer Bankenrettung a la Griechenland und Zypern aus. Der Deutsche Steuerzahler, der von seiner Bank häufig keinen Disco mehr bekommt und wenn z u Wucherzinsen von 8-12% darf für die Risiken der Banken wieder blechen. Risiken sozialisieren, Gewinne maximieren. Dabei gibt es einen Ausweg: oligarchische Kontensperrung!37 Milliarden Euro sind verschwunden - 35 Milliarden beantragt die Ukraine als Bedarf Sofortkredit. Wenn alle Auslandskonten der Oligarchen gesperrt werden, ist die Ukraine zwei Milliarden im Plus - der IWF kann bleiben wo er ist - und die Demokratie kann spriessen...
wortfeil25 27.02.2014
2. Was heisst dann Bankrott?
Welches Geld flieht dann, wenn ein Land Bankrott ist? So, wie in Griechenland? Da geht das Geld raus, damit unser EU-Steuergeld Platz hat? In Griechenland ist es mit den weissen Jachten übers Mittelmeer davongefahren....
raber 27.02.2014
3. Heimatloses Kapital
Das Geld läuft wohin es am sichersten ist. Egal ob es die Grosskapitalisten der Ukraine oder die Grossbanken der westlichen Welt. Die ersten suchen Zuflucht bei den letzteren und diese wiederum bei den Regierungen wenn es ihnen auch nicht mehr ausreicht. Verlieren tut der kleine Mann und die grosse Masse der Bevölkerung um die sich die Abgeordneten immer rührend kümmern.
karlsiegfried 27.02.2014
4. Wann hat das ein Ende
Wer maroden Schuldnern Geld verleiht, soll sehen wo er am Ende bleibt. Dem Anschein nach geht es nur noch darum das gesamte marode Finanzsystem dieser Welt aufrecht zu erhalten.
raman 27.02.2014
5. Naja.. Die Fürchten
um ein Finanzkollaps... das ist erst der Anfang. Was mich aufregt, ist dass die Leute die dort für den EU Eintritt sind, gar nicht wissen auf was Sie sich einlassen. Der EU-Vertrag bringt nicht nur Vorteile... bzw. welche wären das? McDonalds? o doch... Evtl. Hartz 4 in Deutschland.... Wenn man so die Nachrichten täglich über die EU, Politik und die ganzen Gesetzesänderungen , die Widersprüche. Es war glaube ich doch einfacher als noch geregelte Währungen, Handel und kein Lohndumping..... jemand muss die Ukrainer warnen... =)
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