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Krisenland Ukraine: Aus dem Nichts ins Nichts

Von , Moskau

Stahlfabriken in Mariupol: Produktion in der Ostukraine fast zum Erliegen gekommen Zur Großansicht
REUTERS

Stahlfabriken in Mariupol: Produktion in der Ostukraine fast zum Erliegen gekommen

Die Ukraine steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Der Milliardär und Präsident Poroschenko hat den Absturz nicht stoppen können. Er muss drei Krisen auf einmal bekämpfen - und Fehler seiner Vorgänger ausbügeln.

Neulich haben Demonstranten einen Galgen in Kiews Regierungsviertel aufgebaut. Sie protestierten gegen den Anstieg der Nebenkosten für Gas und Heizung. Die Regierung hat die Fernwärme-Tarife um 66 Prozent erhöht. Für Gas werden sogar 280 Prozent mehr fällig. Die Botschaft der Demonstranten: Das schnürt uns die Luft ab.

Vor einem Jahr wurde Petro Poroschenko zum Präsidenten gewählt. Er stand im Ruf, sich auszukennen mit Wirtschaft. Als Süßwaren-Fabrikant hat er ein Vermögen gemacht. Den Absturz der Wirtschaft aber hat er bislang nicht stoppen können.

Das Wirtschaftsleistung ist im ersten Quartal um 17,6 Prozent eingebrochen. Im letzten Quartal 2014 war es bereits ein Minus von 14,8 Prozent. 2015 soll die Wirtschaft insgesamt 8,5 Prozent schrumpfen, so Prognosen. Das letzte richtige Wachstum hat das Land überhaupt im Jahr 2011 verzeichnet.

Was bedeutet die Krise für die Menschen in der Ukraine? Wie hoch ist die Inflationsrate? Wie schwach die Landeswährung? Ein Überblick in Grafiken.

Genau genommen muss die Ukraine nicht nur eine Wirtschaftskrise bewältigen, sondern gleich drei auf einmal:

  • Da sind die unmittelbaren Folgen des Krieges, der die Produktion in der Ostukraine zum Erliegen gebracht hat.

  • Dazu kommt der Abbruch der Beziehungen zum bislang wichtigsten Handelspartner Russland

  • sowie eine über Jahre schwelende, schwere Strukturkrise der ukrainischen Wirtschaft.

Jedes dieser Probleme zu meistern wäre eine Herausforderung. Die Krisenherde verstärken sich aber gegenseitig - mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung und die Regierung. Sie muss auch die Scherben zusammenfegen, die ihre Vorgänger hinterlassen haben.

Beispiel Schuldenpoker: Kiew droht mit Zahlungstopp. Das Parlament hat einem entsprechenden Gesetz zugestimmt. Die Botschaft ist unmissverständlich: Entweder, ihr verzichtet freiwillig auf einen Teil der Forderungen, oder wir zahlen eben gar nichts mehr.

Ist das dreist - wie Russlands Wladimir Putin findet - oder doch ein Akt der Notwehr? Große Teile der Schulden hat der gestürzte Kleptokrat Janukowytsch angehäuft. Drei Milliarden Dollar gaben die Russen, zur Hälfte des üblichen Zinssatzes. Rund sieben Milliarden kamen von Franklin Templeton. Der US-Investor wettete, Janukowytsch werde Reformen wagen. Er hat sich verzockt.

Frühere Regierungen haben die Kosten für Heizung und Gas künstlich extrem billig gehalten, weil sie die Wähler gnädig stimmen wollten. Ukrainer zahlten weit weniger, als Kiew Moskau für das importierte Gas überweisen musste. Die Differenz kam aus der Staatskasse: 2012 waren es zehn Milliarden Dollar, umgerechnet satte sechs Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die Regierung will mit weiteren Preisschritten im kommenden Jahr eine Kostendeckung erreichen. In der Gasfrage zeigt sich, wie sich die zahlreichen Probleme der Ukraine gegenseitig verstärken, zu einem fast perfekten Sturm.

Denn die Ukraine zahlt für ihr Gas in Dollar. Krieg und Krise aber haben die Landeswährung Hrywna innerhalb von anderthalb Jahren fast zwei Drittel ihres Wertes verlieren lassen. Deshalb muss Kiew inzwischen fast dreimal so viel Hrywna für das Gas aufwenden als zuvor.

Die Bevölkerung trifft das hart. Sie leidet ohnehin unter einer enormen Geldentwertung. Prognosen sehen die Inflation bis Ende des Jahres bei 42 Prozent.

Wenn Länder ihre Währungen dramatisch abwerten müssen wie zuletzt die Ukraine, hat das für gewöhnlich auch positive Effekte: So ziehen etwa die Exporte an, weil Waren für das Ausland billiger werden. Für Investoren wird das Land ebenfalls in der Tendenz attraktiver, weil Mieten und Gehälter relativ gesehen sinken.

In der Ukraine ist nichts davon zu spüren. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland lagen 2014 bei gerade einmal 300 Millionen Dollar. "Das ist eine indirekte Folge des militärischen Konflikts", sagt Robert Kirchner von der "Deutschen Beratergruppe" in der Ukraine. "Die instabile Lage schreckt viele ausländische Firmen ab."

Auch die Exporte sind nicht gestiegen. Im Gegenteil, sie brechen geradezu ein. Der Grund dafür sind die zerstörten Handelsbeziehungen zu Russland: Der Warenaustausch mit dem ehemals wichtigsten Handelspartner ist um fast 35 Prozent gesunken. Die Ausfuhren in die EU sind hingegen fast konstant geblieben.

Hinzu kommt, dass die Industrieproduktion durch den Krieg stark beeinträchtigt ist. Im Gebiet Donezk ist die Produktion um knapp 50 Prozent eingebrochen. In Luhansk sind es sogar 87 Prozent.

Insgesamt wirft die Krise die Ukraine um Jahre zurück. Die Wirtschaftsleistung hat sich pro Kopf und in Dollar gerechnet nahezu halbiert. Sie liegt bei gerade noch etwas mehr als 2000 Dollar. Im Nachbarland Weißrussland sind es rund 8000 Dollar.

Angesichts dieses massiven Einbruchs reagieren die Ukrainer bislang bemerkenswert gelassen. Die guten Umfragewerte von Präsident Poroschenko haben bislang kaum gelitten. Wenn jetzt Wahlen wären, könnte seine Partei sogar zulegen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 211 Beiträge
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1. Russland muss gestoppt werden!
protzmanski 24.05.2015
Poroschenko kann tun was er will und Europa kann finanziell helfen so viel es will, niemand investiert in einem Land, in dem Krieg herrscht und von dem keiner weiß, wie lange er noch dauert und wie sehr er sich noch ausweitet. Wenn Putin nicht gestoppt wird, könnte die Ukraine in ein paar Jahren theoretisch auch aussehen wie Tschetschenien oder gar Syrien. Deshalb helfen Finanzzusagen aus dem Westen so gut wie nichts. Die beste Hilfe, die Europa der Ukraine leisten kann, sind schärfere Sanktionen gegen Russland und notfalls auch Waffenlieferungen. Russland muss wieder raus aus dem Donbas und von der Krim. Solange das nicht der Fall ist, kann Putin die ukrainische Wirtschaft nach Belieben weiter schädigen und das ruinierte Land bleibt durch ihn weiter erpressbar. Und mit ihm der Westen.
2.
fazil57guenes 24.05.2015
Einen Grossteil der Schulden soll Janukowitsch angehäuft haben? Sicherlich hat er sich persönlich bereichert aber im Vergleich zur Gasprinzessin Timoschenko war er ein "Waisenknabe". Die Timoschenko hat völlig zurecht im Knast gesessen und sie war das grösste Übel für dieses Land. Mit ihr hat die Ära der Teilung des Landes Einzug gehalten.
3. Und das alles für ein vermutlich
emil_sinclair73 24.05.2015
wertloses Assozierungsabkommen. Die durch die EU geweckten Hoffnungen sind Geschichte. Die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland dauerhaft zerstört. Menschenrechte, Korruption und Radikalismus sind auf dem Vormarsch. Die Krim und der Osten verloren. 6.000 Tote und zehntausende Verletzte. Fairerweise sollte man allerdings auch Hilfsleistungen für die aktuelle Kleptokratenregierung dagegenhalten. Von Deutschland 1 Mrd. (wohl für Waffen) und die EU hat weite Teile der russischen Gasrechnungen übernommen. Für Deutschland kann man ein zerstörtes Verhältnis zu den Russen und den Medien attestieren. Aber immerhin wissen wir, dass Frau Merkel 16 Stunden ohne Schlaf auskommt... es war also nicht alles umsonst!
4. Im Osten der Ukraine ist Krieg und jeder aus Russland geht hin.
SLCentral 24.05.2015
Russland wird alles machen um einen direkten Vergleich zwischen Demokratie und Diktatur vor eigener Haustür zu verhindern. Putin weiß es besser als jeder andere, dass ein direkter Vergleich DDR und BRD die DDR vernichtend geschlagen hat. Folglich macht Putin im Osten der Ukraine weiter um die gesamte Ukraine zu schwächen. Auf Dauer wird es ihm aber nicht gelingen.
5. Poroschenko ist nicht die Medizin, liebe Redaktion!
Big_Jim 24.05.2015
Er ist ein Teil der Krankheit, die die Ukraine seit Jahren ausbluten lässt. Von daher ist mit ihm kaum eine Besserung der Lage zu erwarten, eher führt er das Land in einen richtigen Krieg mit Russland um von seiner eigenen Unfähigkeit abzulenken.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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