Ukrainische Zentralbankerin Gontarjewa Die Bändigerin der Oligarchen

Als Chefin der ukrainischen Zentralbank hat Walerija Gontarjewa Geldwäscher und Oligarchen aus dem Banksektor geworfen und Tausende Beamte gefeuert. Nun tritt sie ab, zermürbt von Morddrohungen.

Walerija Gontarjewa
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Walerija Gontarjewa

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Wenn Walerija Gontarjewa über den Apparat spricht, den sie als Zentralbankchefin der Ukraine bei Amtsantritt vor mehr als zwei Jahren übernahm, fallen keine schmeichelhaften Formulierungen. Sie redet dann vom "mittelalterlichen Monster".

Präsident Petro Poroschenko hat sie nach der Maidan-Revolution 2014 mit dem Umbau der Notenbank betraut. Der Apparat tat viel, um die Reformer zu vergraulen. Gontarjewa wollte den Chef der Personalabteilung feuern, aber der blieb einfach sitzen mit dem Hinweis, auch ihr Vorgänger hätte ihn nicht loswerden können und der habe "17 Leibwächter und 20 Hunde" dabei gehabt, spottete der Beamte.

Ihr Vizechef, zuständig für die strategische Neuausrichtung, musste zwei Wochen lang in der Kantine arbeiten. Die Verwaltung beteuerte, es sei für ihn partout kein freies Arbeitszimmer zu finden.

Von 13.000 auf 5000 Mitarbeiter

Gontarjewas Leute haben den Widerstand des alten Systems dennoch gebrochen, wenigstens den innerhalb der Bank. Sie haben den aufgeblähten 13.000-Mitarbeiter-Koloss in die Keimzelle einer modernen Zentralbank nach westlichem Vorbild verwandelt. Die Zahl der Mitarbeiter liegt noch bei 5000. Im Jahr 2020 sollen es 2000 sein.

Das hat Gontarjewa Anerkennung bei Experten und Politikern im Westen eingebracht. "Sie hat den Kuhstall ausgemistet", sagt Tomas Fiala, in Kiew ansässiger Investmentbanker aus Tschechien. "Die Zentralbank ist der Vorreiter bei den Reformen in der Ukraine", sagt Robert Kirchner von der Deutschen Beratergruppe in der Ukraine, die seit Jahren eng mit der Zentralbank zusammenarbeitet.

Ukrainische Medien schlagen einen ganz anderen Ton an: "Gontarjewa hat das Vertrauen der Ukraine in das Bankensystem vernichtet", heißt es zum Beispiel. Oder: "Sie killt jegliches Vertrauen in Hrywna". Viele Bürger machen die Zentralbank für den Verfall der Landeswährung verantwortlich. Vor der Revolution kostete ein Dollar acht Hrywna, heute sind es 26 Hrywna. Nur 2,8 Prozent der Bürger haben Vertrauen in die Zentralbankchefin.

Die Angriffe auf sie sind scharf, bisweilen brutal: Der Chef der nationalistischen "Radikalen Partei", immerhin in Fraktionsstärke im Parlament vertreten, fordert das "Blut der Zentralbankführung", weil sie das Bankensystem des Landes zerstört habe.

Am Montag hat Gontarjewa ihren Abschied angekündigt. Offiziell sagt sie: "Meine Mission ist erfüllt." Bei einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ließ sie vor einigen Tagen aber auch durchblicken, sie habe nicht mit so viel Druck gerechnet. "Vielleicht war ich ein bisschen naiv."

Zuletzt rückte auch ihre Vergangenheit wieder in den Fokus. Vor ihrer Ernennung hatte Gontarjewas Firma ICU in Kiew Geschäfte mit Oligarchen gemacht. Einer der engsten Geschäftspartner damals: der heutige Staatschef Poroschenko.

Ist die Erfolgsgeschichte von der eisernen Reformerin also doch nur ein weiteres Beispiel für Korruption und Cliquenwirtschaft? Dreht sich die Ukraine im Kreis?

Gontarjewas Ruf unter Experten ist gut, weil die ukrainische Zentralbank zum ersten Mal unabhängig von den Interessen von Politikern und Oligarchen agiert. Sie verfolgt eine moderne Geld- und Währungspolitik, ähnlich wie die Europäische Zentralbank oder die amerikanische Fed. Gontarjewas Vorgänger hingegen wollten vor allem den Wechselkurs der Währung Hrywna stabil halten.

Das gaukelte der Bevölkerung zwar Stabilität vor, trieb das Land aber fast in den Bankrott. Zwischen April und November 2013 verbrannte der damalige Präsident Wiktor Janukowytsch so 15 Milliarden Dollar, umgerechnet acht Prozent der gesamten ukrainischen Wirtschaftsleistung.

"Zombie"-Banken, "Waschmaschinen" und "Staubsauger"

Als nach der Maidan-Revolution der Krieg in der Ostukraine ausbrach, war das für viele in der ukrainischen Führung willkommener Anlass, Reformen auf die lange Bank zu schieben. "Wir sind gezwungen, die Reformen mit nur einer Hand umzusetzen. Mit der anderen müssen wir unseren feindlich gesinnten Nachbarn auf Distanz halten", klagte Präsident Poroschenko im Jahr 2015. Er meinte Russland.

Poroschenkos Zentralbank bewies, dass es auch anders ging. Gontarjewa holte junge Finanzexperten, die zuvor Karriere bei großen westlichen Banken gemacht hatten. Die brachten mit, woran es der Politik in der Ukraine so oft mangelt: Sachkenntnis, eine Strategie und die nötige Entschlossenheit. Im Eiltempo pflügten sie durch den maroden Bankensektor. Innerhalb von zwei Jahren schloss die Zentralbank 87 Banken, jedes zweite ukrainische Geldhaus.

Die Branche ist verfilzt, teilweise unterwandert vom organisierten Verbrechen. Davon zeugt die Terminologie, mit der die Zentralbank die geschlossenen Banken klassifiziert: Die Rede ist da von "Zombie"-Banken, "Waschmaschinen" und "Staubsaugern".

  • Die "Zombies" sind nur der Fassade nach aktive Finanzinstitute. In den meisten Fällen haben sich die Hintermänner schon mit den Einlagen der Sparer davon gemacht.
  • Die "Waschmaschinen" waren da, um die Herkunft von Geldern aus kriminellen Quellen zu verschleiern.
  • Den größten Ärger machen die "Staubsauger", die Banken der ukrainischen Oligarchen. Sie sammeln Geld von Sparern ein, vergeben aber fast ausschließlich Kredite an Firmen der gleichen Oligarchen. Laut Statistiken der Zentralbank machen solche Insider-Kredite mehr als ein Drittel aller vergebenen Darlehen in der Ukraine aus.

Bei der im Dezember 2016 verstaatlichten PrivatBank beispielsweise haben zwar mehr als zehn Millionen Ukrainer ein Konto. Jeder zweite Kredit der Bank ging allerdings an Firmen, die dem Besitzer der Bank selbst gehören. Sein Name ist Igor Kolomoisky, er ist einer der reichsten Männer des Landes.

Wie man den Sumpf trockenlegt

Viele Oligarchen zahlten ihren eigenen Banken die Kredite nie zurück. Sie hofften, die Politik werde die Banken schon retten - aus Angst vor dem Ärger der Kleinanleger. Der Anteil problematischer Kredite liegt unter den zwanzig größten Banken des Landes bei 53 Prozent.

Im Falle des ebenfalls verstaatlichten Geldhauses Nadra waren es sogar 88 Prozent. Zum Zeitpunkt ihres Bankrotts schuldete Nadra der Zentralbank 500 Millionen Dollar. Der frühere Eigentümer Dmytro Firtasch wehrt sich derzeit in Wien gegen ein Auslieferungsgesuch der USA.

Das Innenministerium beschuldigt den Oligarchen, einen Stabilisierungskredit der Zentralbank in Höhe von rund 200 Millionen Dollar für seine Firmen abgezweigt zu haben.

Firtasch habe "die Kredite schlicht als Teil seines Vermögens verbucht", sagt Gontarjewa. Er habe halt gute Beziehungen zum damaligen Chef der Zentralbank gehabt.

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Oligarchen in der Ukraine: Die Schattenmänner

Ein direkter Draht in die Politik lohnt sich offenbar: Der staatliche Einlagensicherungsfonds hat die Struktur der Kredite der 87 geschlossenen Banken unter die Lupe genommen. Das Volumen beläuft sich umgerechnet auf rund 20 Milliarden Dollar. Die Hälfte der Summe lässt sich zu gerade einmal 600 Personen zurückverfolgen.

"Die meisten davon sitzen im Parlament", sagt Julia Bereschenko. Sie hat 15 Jahre in der City of London gearbeitet, die vergangenen 14 Monate aber in Kiew verbracht, als Mitarbeiterin der Einlagensicherung. Der ukrainische Bankensektor habe nie seine eigentliche Funktion erfüllt, sagt sie: Kredite seien nicht bei Unternehmen mit guten Ideen oder effizientem Management gelandet - sondern stets bei den Oligarchen mit dem besten Draht in die Politik. "Gontarjewa hat das Fundament gelegt, damit sich das nach zwanzig Jahren endlich ändert", sagt Bereschenko.

Mitte März ist sie allerdings ebenfalls zurückgetreten, nachdem sie vor Gericht versucht hat, die Außenstände der 87 geschlossenen Banken für den Staat einzutreiben. Meist verlor Bereschenko. Eine Reform der Justiz in der Ukraine ist ebenfalls seit Jahrzehnten überfällig.

Nehmen die Milliardäre Revanche?

Die Oligarchen haben sogar im Westen Front gegen die Zentralbank und ihre Chefin gemacht. Einer aus der Riege der Superreichen - der Geschäftsmann Serhij Taruta - stieg Ende Januar im Steigenberger Hotel am Kanzleramt ab. Er wollte Bundestagsabgeordnete in Berlin treffen. Taruta reiste auch in die USA. Im Gepäck hatte er eine Broschüre mit dem reißerischen Titel "Gontarjewa - Eine Gefahr für die wirtschaftliche Sicherheit der Ukraine". In Washington verteilte er das Pamphlet an Teilnehmer einer Sitzung des Internationalen Währungsfonds. Der IWF ist mit 17,5 Milliarden Dollar der wichtigste Geldgeber der Ukraine.

Gontarjewas Rücktritt ist ein erster Erfolg für die Oligarchen. Ihr Nachfolger ist noch nicht benannt. Experten fürchten, Präsident Poroschenko könnte einen Apparatschik alten Schlags einsetzen - und zwei Jahre vor der nächsten Präsidentschaftswahl zu einer populistischen Zentralbankpolitik zurückkehren.

In Kiews politischen Kreisen wird über das Stichwort "targeted financing" diskutiert. Die Zentralbank solle in Zukunft strategisch wichtige Unternehmen und Sektoren direkt finanzieren, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Die Praxis ist umstritten. Sie ist anfällig für Einflussnahme, durch Politiker, durch Industrieinteressen, und in der Ukraine ist noch immer beides eng verwoben. Die Deutsche Beratergruppe warnt vor einem "Schritt direkt zurück in die Vergangenheit": Gelder würden wie früher nur an Insider geleitet, Wettbewerb und Wirtschaftsentwicklung blieben auf der Strecke.

Mitglieder des Regiments Asow, eines paramilitärischen Freiwilligenbataillons, stehen am 01.03.2017 zusammen mit einem Sarg und dem Konterfei Gontarjewas vor der Nationalbank in Kiew
Serg Glovny/ DPA

Mitglieder des Regiments Asow, eines paramilitärischen Freiwilligenbataillons, stehen am 01.03.2017 zusammen mit einem Sarg und dem Konterfei Gontarjewas vor der Nationalbank in Kiew

Walerija Gontarjewa hat auf ihrem Handy ein Foto gespeichert. Es zeigt, warum sie den Job nicht mehr will. Darauf ist ein Sarg zu sehen und eine Puppe mit Gontarjewas Konterfeit. Ukrainische Nationalisten haben ihn auf den Stufen vor dem Eingang des Kiewer Zentralbankgebäudes abgelegt. Sie gehören zu einer Gruppe, die einem ukrainischen Oligarchen nahe steht.

"Diese Leute", sagt Gontarjewa, "würden für ihre kleinlichen Geschäftsinteressen das Fundament einer stabilen Ukraine zerstören".



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klausbacker 12.04.2017
1. Niemals in die EU
Wenn ich dies lese bekomme ich nur Angst vor den Plänen, die Ukraine in die EU aufzunehmen.
guenther2009 12.04.2017
2. Diese Ukraine
hat in der EU nichts zu suchen. Auch keine Visafreigabe und wie immer sind es die Wähler , die dafür büssen müssen.Die Korruption in diesem Land ist unfassbar. Müssen die Leute wieder einen Neuen Maidan schaffen? Wenn diese korrupten Politiker hier bei uns auftauchen, sollten sie ihn Haft genommen werden, anstatt rote Teppiche für sie auszutollen, angefangen mit dem Präsidenten.
andreika123 12.04.2017
3.
Nach den Maidan sind Leute gekommen dir auch ihre Taschen voll machen wollen wie die letzte Regierung. Es hatte sich nicht geändert außer den Gesichter die vohrgeben für das Land zu arbeiten. Es wird noch schlimmer bald, wenn das ganze zusammen bricht.
yossariania 12.04.2017
4. Wir
sollten ums nicht darüner hinwegtäuschen, dass wor in der Ukraine dem widerlichsten Abs***, den man sich gegwärtig in Europa vorstellen kann, zur Macht verholfen haben, und immer noch an der Macht halten. Insofern sind Ereignisse, wie im Artikel geschildert, nicht verwunderlich. Sie sind gewolt, oder zumindest billigend in Kauf genommen.
Sonia 12.04.2017
5. Ehrlicher Artikel
Seit über 20 Jahren dümpelt dieses Land vor sich hin; diese Oligarchie mit Scheindemokratie ist gefährlich für Europa. Vor dieser Frau gaben schon andere auf. Die Bürger wählten sich letztlich aber seit Jahren Oligarchen. Ein Land, indem Privatpersonen eigene Mini-Truppen bewaffnen u. gegen ihre politischen Gegner einsetzen. Die Ostukraine ist die von Oligarchen am meisten ausgeplünderte Region. Der Maidan war auch die Hoffnung für die Ostukrainer, die Macht der Oligarchen, die vom Westen unterstützt werden, zu brechen. Mir erschliesst sich nicht, warum die EU mit Milliarden Steuergeldern dieses System am Leben hält. Westukrainer fliehen vermehrt nach Polen. Die Visafreiheit ist unverantwortlich.Es wird einen Anstieg von Asylanträgen von Ukrainer geben, von Tausenden.
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