Umfrage: Arme Jugendliche glauben nicht an sozialen Aufstieg

Deutsche Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern glauben nicht an den Aufstieg. Laut einer Umfrage sehen besonders in Ostdeutschland junge Menschen ihr Leben durch ihre Herkunft bestimmt. Forscher machen das Schulsystem dafür mitverantwortlich.

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Mädchen vor Plattenbau: Einmal arm, immer arm?

Berlin - Einmal arm, immer arm: Davon ist in Deutschland die Mehrheit der jungen Leute aus sozial schwachen Verhältnissen überzeugt. Mehr als die Hälfte von ihnen glaubt einer Umfrage zufolge nicht, dass in Deutschland ein Aufstieg in eine höhere soziale Schicht möglich ist. Im Osten ist die negative Sicht noch stärker ausgeprägt als im Westen.

Das Allensbach-Institut untersuchte im Auftrag der "Bild der Frau" und des Familienministeriums, wie Menschen in Schweden und Deutschland über Betreuung, Förderung und Erziehung von Kindern denken. In der Bundesrepublik wurden rund 1800 Menschen, in Schweden rund 1000 Menschen befragt.

Demnach ist in Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung überzeugt davon, dass Leistung sich nicht lohnt und allein das Elternhaus zählt. Ganz anders schätzen die Schweden laut der Umfrage ihre Chancen ein. Dort sind unabhängig von der sozialen Schicht zwei von drei jungen Erwachsenen überzeugt davon, dass jeder alles werden kann. 28 Prozent halten in dem skandinavischen Land einen sozialen Aufstieg für nur sehr schwer möglich.

In Deutschland werde die Verantwortung für die Bildung der Kinder stark den Eltern übertragen, hieß es in der Studie. In Schweden zeigen sich die Eltern laut Umfrage deutlich entspannter und delegieren Bildungsaufgaben eher an den Staat.

Während schwedische Eltern glauben, dass Kinder davon profitieren, wenn sie schon sehr früh in die Kita oder zur Tagesmutter gehen, sind die Deutschen der Meinung, dass ein Kleinkind unter der Berufstätigkeit der Mutter oder beider Elternteile leidet. In Deutschland besucht bislang nur rund ein Viertel der unter Dreijährigen eine Kinderbetreuungseinrichtung. Schweden verzeichnet dagegen eine Betreuungsquote von mehr als 90 Prozent für Zweijährige.

Türkischsstämmige Eltern hoffen auf den Aufstieg ihrer Kinder

Der enge Zusammenhang zwischen Bildungshintergrund der Eltern und dem Bildungsweg der Kinder präge auch die Vorstellung der Deutschen sehr stark, ob man es in dieser Gesellschaft mit Leistung zu etwas bringen könne, sagte die Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher. Soziale Unterschiede seien normal. "Die entscheidende Frage ist, ob eine Gesellschaft auch Auf- und Abstiege ermöglicht."

Das dreigliedrige deutsche Schulsystem sei sehr starr und nicht durchlässig, sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Jutta Allmendinger. Sie kritisierte, dass die Herkunft von Schülern bei der Beurteilung ihrer Chancen oft eine zu große Rolle spiele.

Die Studie untersuchte auch, wie sich die Meinungen von Ost- und Westdeutschen unterscheiden und welche Wünsche türkischstämmige Eltern für ihre Kinder haben. Das Ergebnis zeigt, dass Ostdeutsche die Aufstiegsmöglichkeiten in eine höhere Schicht pessimistischer einschätzen als Westdeutsche. So ist etwa die Hälfte der Westdeutschen (47 Prozent) der Meinung, dass man es mit genügend Anstrengung zu etwas bringen kann. Das denken nur 35 Prozent der Ostdeutschen.

Türkischstämmige Eltern von Kindern unter zwölf Jahren äußerten deutlich häufiger den Wunsch, dass ihr Nachwuchs sozial aufsteigt als die befragten Eltern insgesamt (70 zu 42 Prozent).

mmq/dpa/dapd

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insgesamt 30 Beiträge
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1. wen wunderts
lebenslang 26.11.2012
kein wunder. seit jahr und tag wird jedem eingeredet er sei irgend wie opfer, des systems, der umstände usw., nur er selbst nicht. ihnen wird - aus welchen gründen auch immer - der mut genommen sich auf die eigenen kräfte zu besinnen, sie resignieren.
2. Ermüdend
der-denker 26.11.2012
Es ist recht ermüdend in schöner Regelmäßigkeit von Studien zu erfahren die eine strukturelle Ungerechtigkeit des Systems zeigen, und dennoch 90% derer die Einfluss haben einfach weiter machen als sei das alles ohne Belang. Es wird nachgewiesen dass nur ein verschwindende Minderheit Langzeitarbeitsloser sich mit ihrer Situation positiv arrangiert hat, egal, menschenverachtende Sanktionen werden sogar noch verschärft. Es wird nachgewiesen dass sozialer Aufstieg sehr schwer ist, egal, unsere "Leistungsträger" in Medien, Politik und Wirtschaft spüren davon ja nichts. Das ist alles so weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit. Visionen von einer erneuerten Gesellschaft, Neu-Belebung des Geistes unseres Grundgesetzes? Träumerei! Können "wir" uns nicht leisten!
3. optional
alafesh 26.11.2012
Daran kann man ihren Realitätssinn erkennen. Mir sagte mal eine Hauptschullehrerin. daß selbst ihre besten Schüler keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Und zwar schon seit Jahren. Was soll sie also den Kindern von Aufstieg durch Leistung erzählen, ohne sich vor ihnen lächerlich zu machen? Es gab mal diesen Aufschrei, weil ein Lehrer seinen Schülern beigebracht hat, wie man Formulare der Ämter korrekt ausfüllt, damit sie nicht durch institutionelle Fallstricke noch ins Elend geraten. Ein Lehrer, der sowas tut, weiß was vom Leben, von der Politik und deren Folgen und hat das Herz am rechten Fleck. Ich denke nicht, daß er den Schülern das als erstrebenswerte Laufbahn nahegelegt hat, sondern im Gegenteil zuvor alle seine Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Immer mehr Berufe werden akademisiert. Kein Wunder, daß nach dem Gymnasium kaum was ernstzunehmendes kommt und alle diesen Karrierestress schon in der 3. Klasse kriegen. Die Aufsteiger werden zunehmend Narzissten sein (müssen) und können einem fast genauso leid tun wie die Abgehängten.
4. Was ist los mit den Deutschen
Palmstroem 26.11.2012
Zitat von sysopDPADeutsche Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern glauben nicht an den Aufstieg. Laut einer Umfrage sehen besonders in Ostdeutschland junge Menschen ihr Leben durch ihre Herkunft bestimmt. Forscher machen das Schulsystem dafür mitverantwortlich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/umfrage-zu-aufstiegschancen-in-deutschland-a-869405.html
Interessanterweise sehen in Schweden die Jugendlichen ihre Zukunft weit positiver, obwohl dort die Jugenarbeitslosigkeit mit 25% mehr als doppelt so hoch ist als in Deutschland!
5.
zynik 26.11.2012
Zitat von alafeshDaran kann man ihren Realitätssinn erkennen. Mir sagte mal eine Hauptschullehrerin. daß selbst ihre besten Schüler keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Und zwar schon seit Jahren. Was soll sie also den Kindern von Aufstieg durch Leistung erzählen, ohne sich vor ihnen lächerlich zu machen? Es gab mal diesen Aufschrei, weil ein Lehrer seinen Schülern beigebracht hat, wie man Formulare der Ämter korrekt ausfüllt, damit sie nicht durch institutionelle Fallstricke noch ins Elend geraten. Ein Lehrer, der sowas tut, weiß was vom Leben, von der Politik und deren Folgen und hat das Herz am rechten Fleck. Ich denke nicht, daß er den Schülern das als erstrebenswerte Laufbahn nahegelegt hat, sondern im Gegenteil zuvor alle seine Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Immer mehr Berufe werden akademisiert. Kein Wunder, daß nach dem Gymnasium kaum was ernstzunehmendes kommt und alle diesen Karrierestress schon in der 3. Klasse kriegen. Die Aufsteiger werden zunehmend Narzissten sein (müssen) und können einem fast genauso leid tun wie die Abgehängten.
"...die Jugend ist die Zukunft." Sowas hört man in jeder zweiten politischen Sonntagsrede. Was stimmt also mit einer Gesellschaft nicht, die derart ihre Zukunft verspielt?
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