Von Frank Patalong
Washington/Hamburg - Einmal im Monat befragt das US-Meinungsforschungsinstitut Gallup 1000 repräsentativ erhobene US-Bürger nach ihrem Befinden: Der " Well-Being-Index" erfragt Eckdaten von Versorgung und Zufriedenheit und generiert daraus Indikatoren, die den Zustand der Gesellschaft beschreiben sollen. Geht man nach den neuesten Gallup-Zahlen, geht es mit der US-Gesellschaft dramatisch abwärts. Im September 2011 unterschritt der Zufriedenheitsindex sogar die Werte, auf die er während der großen Wirtschaftskrise im Februar und März 2009 gefallen war.
Was in den USA aber vor allem Schlagzeilen macht, ist ein pikanter Vergleich. Denn Gallup, aktiv in 27 Ländern, führt solche Erhebungen auch andernorts durch: Den Well-Being-Index berechnet die Firma unter anderem in Großbritannien und seit Sommer 2011 in Deutschland, Teile davon aber auch in Ländern wie China. Das aufstrebende Schwellenland mit seinem notorischen Reich-Arm-Gefälle lieferte nun eine Vergleichszahl, die den Amerikanern die Tiefe ihres gesellschaftlichen Sturzes bewusst macht.
Demnach erklärten 2008 neun Prozent der befragten Amerikaner, es habe im Verlauf des vergangenen Jahres Zeiten gegeben, in denen sie Schwierigkeiten hatten, genug Geld für ausreichend Nahrung zusammenzubekommen. Zwei Jahre später, 2011, sagten schon 19 Prozent, sie hätten dieses Problem im Lauf des zurückliegenden Jahres gehabt.
Zeitgleich sanken diese Quoten in China von 16 auf nun sechs Prozent - eine Umkehrung der Verhältnisse bei diesem klaren Armutsindikator: zehn Prozentpunkte Zuwachs in den USA, zehn Prozentpunkte Rückgang in China. Mit anderen Worten: In China sinkt die Armut, in den USA wächst sie.
Ähnlich sehen die Zahlen bei einem anderen Armutsindikator aus. So stellte Gallup die Frage, ob man Probleme habe, seine Miete für angemessenen Wohnraum zu bezahlen. Hier fiel die Quote in China von 21 Prozent im Jahr 2008 auf 16 Prozent. Genau andersherum ist die Entwicklung bei den Amerikanern: Hier stieg die entsprechende Quote von fünf Prozent auf elf Prozent im gleichen Zeitraum. Das heißt: In China ist das Problem zwar immer noch größer als in den USA, doch der Trend spricht gegen die Amerikaner - sie werden ärmer, während die Chinesen wirtschaftlich aufholen.
Offizielle Zahlen stützen die Zahlen der Meinungsforscher
Natürlich sind solche Zahlen relativ. Was man in China als "ausreichende Ernährung" oder "adäquaten Wohnraum" versteht, muss nicht dem entsprechen, was man in den USA von diesen Dingen erwartet. Unmissverständlich sind aber die zeitlichen Entwicklungslinien: abwärts in den USA, klar aufwärts in China. Noch immer hat das Gros der US-Amerikaner Zugang zu den grundlegenden Dingen, die man zum Leben braucht. Trotzdem, statuiert der aktuelle Gallup-Report, gehe "der Trend in die falsche Richtung".
Erst am Dienstag veröffentlichte auch die amerikanische Zensus-Behörde Zahlen, die diese These decken. Demnach lebten in den USA im Jahr 2010 unfassbare 46,2 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze - 15,1 Prozent der Erwachsenen und 22 Prozent der Kinder. Damit stieg die Armutsquote auf ihren höchsten Stand seit 1965, zeitgleich sank das durchschnittliche Familieneinkommen allein im vergangenen Jahr um 2,3 Prozent auf nun 49.445 Dollar. Das, berichtete die "New York Times", sei inflationsbereinigt weniger als im Jahr 1997. Die Armutsgrenze setzt die US-Zensusbehörde bei einem Familieneinkommen von 22.314 Dollar im Jahr an, also bei rund 45 Prozent des aktuellen Durchschnittseinkommens.
Der wahre Horror solcher Zahlen liegt im Detail. Natürlich geht es den US-Amerikanern nicht durch die Bank schlechter. Es ist die Gruppe der gesellschaftlich und wirtschaftlich Schwachen, deren Lage immer prekärer wird - die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rapide, der Mittelstand erodiert.
Düstere Situation auch in Deutschland
Etwas komplexer ist die Datenlage in Deutschland. Die hierzulande erhobenen Zahlen korrelieren nicht unbedingt mit denen, die Gallup mit gleicher Methodik in Großbritannien und den USA zusammenträgt. In Deutschland werden von Gallup erst seit Sommer 2011 Zahlen erhoben, es fehlan also Vergleichszahlen, um Entwicklungen aufzuzeigen. Die ersten, Ende September 2011 veröffentlichten Well-Being-Indexzahlen von Gallup für Deutschland zeigten vor allem eins: In der Bundesrepublik wird mehr geklagt. Deutsche bewerteten ihre Lebensqualität signifikant niedriger als Briten und Amerikaner. Die sind trotz Krise mehrheitlich optimistisch, Deutsche hingegen mehrheitlich pessimistisch.
Die Meinungsforscher erfassten dazu eine Reihe von Indikatoren, über die sie den augenblicklichen Zustand und die künftigen Erwartungen abfragen - beispielsweise, wie ein Befragter seine wirtschaftliche Situation aktuell bewertet, und was er für die Zukunft erwartet. Aus den so erhobenen Zahlen errechnen sie einen Zufriedenheits- oder Lebensqualitätswert, der auf einer Subtraktion beruht: Sie ziehen die Zahl der "Kämpfenden" oder "Leidenden" von der Zahl der Befragten ab, denen es nach eigener Aussage gutgeht. In Deutschland sagt das nur eine Minderheit:
| Lebenszufriedenheit im Vergleich | |||
| Land | Zufriedene | Kämpfende | Leidende |
| Deutschland | 41,1 % | 53,1 % | 5,8 % |
| Großbritannien | 52 % | 44,1 % | 3,9 % |
| USA | 52,9 % | 43,5 % | 3,6 % |
| Alle Zahlen: Gallup | |||
Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung steigt die Armutsgefährdung in Deutschland, vor allem bei Arbeitslosigkeit. Das Statistische Bundesamt sah die Quote der Armutsgefährdeten 2008 bei 15,5 Prozent, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzte sie zuletzt auf 14 Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Obdachlosen ist laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe von 1997 auf 2006 von 860.000 auf 265.000 gefallen.
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