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Umfrage: Zwei Drittel der Griechen fürchten Pleite ihrer Heimat

Geht Griechenland pleite? Für die Griechen selbst ist die Antwort klar: Mehr als 67 Prozent erwarten nach einer aktuellen Umfrage die Zahlungsunfähigkeit des Staates. Aus dem Finanzministerium kommen neue Hiobsbotschaften - das Defizit fällt mit 8,5 Prozent noch größer aus als erwartet.

Prosteste in Griechenland: Mehrheit der Bürger fordert sozialen Frieden Zur Großansicht
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Prosteste in Griechenland: Mehrheit der Bürger fordert sozialen Frieden

Athen - Die meisten Politiker in Griechenland und den anderen Staaten der Euro-Zone wollen eine Pleite des hochverschuldeten Staates um fast jeden Preis vermeiden. Doch die Griechen selbst glauben immer weniger daran, dass dies auch gelingt. Gut 67 Prozent erwarten die Zahlungsunfähigkeit. Das ergab eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts Kapa Research in der Athener Sonntagszeitung "To Vima".

Weitere Ergebnisse der Umfrage sind:

  • 70 Prozent wollen im Pleitefall nicht, dass das Land die Währungsunion verlässt. Nur knapp jeder Fünfte ist für die Wiedereinführung der alten Währung Drachme.
  • Mehrheitlich befürworten die Bürger Entlassungen im staatlichen Bereich. Dafür sprachen sich fast 59 Prozent aus. Dagegen waren 40 Prozent.
  • Neun von zehn Befragten sind für die Verschlankung des Staates durch die Fusion verschiedener Behörden.
  • 60 Prozent sind auch bereit, die neue Sonder-Immobiliensteuer in Höhe von durchschnittlich vier Euro pro Quadratmeter für ihre Wohnungen zu zahlen - obwohl 75 Prozent der Befragen die Abgabe als ungerecht einstufen.

Eine andere Umfrage, die in der Boulevardzeitung "Ethnos" am Sonntag veröffentlicht wurde, legt ebenfalls nahe, dass die Regierung für ihren Reformkurs in der Bevölkerung eine Mehrheit hat.

  • 57 Prozent der Befragten fordern die Gewerkschaften zu einem sozialen Frieden auf, damit das Land die Pleite abwenden könne. Immer wieder kommt es in Griechenland zu Protesten und Streiks.
  • Knapp 50 Prozent befürworten eine Koalition der beiden großen Parteien, also eine Art Notstandsregierung.

Allerdings ist noch immer unklar, ob die nächsten Hilfsmilliarden an Griechenland ausgezahlt werden. Bis Mitte Oktober braucht der Staat Geld, sonst kann er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Griechenland verfehlt offenbar Defizit-Ziele

Die Regierung befürchtet, dass es zu einer Lawine von Klagen gegen die vorgesehene Entlassung von Beamten kommen könnte. Die Verschlankung des Staates könnte vor den Verwaltungsgerichten in sich zusammenbrechen. Die Regierung in Athen hatte vor knapp zwei Wochen beschlossen, Renten über 1200 Euro um 20 Prozent zu kappen und 30.000 Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in "Reserve" zu schicken. Dort sollen ihnen nur noch 60 Prozent ihres Gehalts ausgezahlt werden. Sie haben ein Jahr Zeit, sich im öffentlichen Sektor eine neue Stelle zu suchen, sonst verlieren sie ihren Arbeitsplatz.

Die internationalen Finanzkontrolleure wollen zügig Ergebnisse sehen. Auf Druck der Experten der Troika aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) muss Griechenland beim Personalabbau im öffentlichen Dienst nacharbeiten. Auf einer Sitzung am Sonntagabend schloss das Kabinett die Planungen dafür ab.

Am Rande der Sitzung wurde bekannt, dass Griechenland die im Hilfspaket von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds gesteckten Defizit-Ziele in diesem und im kommenden Jahr verfehlen wird. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider vor der Verabschiedung des Haushaltsentwurfes für 2012. Das Finanzministerium bestätigte dies am Abend. Das Haushaltsdefizit beträgt dem Entwurf zufolge in diesem Jahr 8,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes - angepeilt waren 7,6 Prozent. Für 2012 waren 6,5 Prozent vorgesehen - auch dieses Ziel wird mit einem Defizit von 6,8 Prozent offenbar verfehlt.

Zudem geht der Entwurf davon aus, dass die griechische Wirtschaft in diesem Jahr um 5,5 Prozent und im kommenden Jahr um etwa 2 Prozent schrumpfen wird. Diese Einschätzung stimmt mit einer im vergangenen Monat veröffentlichten Prognose des IWF überein. Allerdings ist sie deutlich schlechter als die Annahmen, die im Juli bei den Verhandlungen über das Hilfspaket zum Einsatz kamen. Darin war die Rede davon gewesen, dass die Wirtschaft des Landes 2012 wieder wachsen werde.

Griechenland sieht in dem starken Rückgang der Wirtschaftsleistung den Grund für das Verfehlen der Sparziele. Dagegen sind die Kreditgeber der Ansicht, verpasste Strukturreformen seien hauptsächlich dafür verantwortlich.

Katar will investieren

Ein Treffen zwischen der griechischen Regierung und dem Emirat Katar über Investitionen ist am Samstag ohne konkrete Zusagen zu Ende gegangen. Katars Staatsoberhaupt Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani war mit dem griechischen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou in Athen zusammengekommen. Zwar will das Emirat nach Angaben der Athener Regierung in Griechenland investieren. Genaue Angaben wurden jedoch nach dem Treffen nicht gemacht.

Die Slowakei forderte die Euro-Zone auf, nicht die Augen vor der Möglichkeit einer griechischen Staatspleite zu verschließen. "Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass die Situation in Athen nicht länger tragbar ist, müssen wir sagen, wie wir auf eine geordnete Insolvenz vorbereitet sind und wie wir eine weitere Ansteckung vermeiden", sagte Finanzminister Ivan Miklos der tschechischen Zeitung "Lidove Noviny".

Die Slowakei ist eines der drei Länder, die noch kein grünes Licht für die Ausweitung des vorläufigen Euro-Rettungsschirms EFSF gegeben haben. Die Zustimmung in dem osteuropäischen Land gilt wegen des heftigen Widerstands des kleinen Koalitionspartners SAS als unsicher.

böl/dpa-AFX/Reuters

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1. .
kuddel37 02.10.2011
Zitat von sysopGeht Griechenland pleite? Für die Griechen selbst ist die Antwort klar: Mehr als 67 Prozent erwarten nach einer aktuellen Umfrage die Zahlungsunfähigkeit des Staates. Die Erhebung zeigt allerdings auch, dass man den Bürgern kaum mangelnden Reformwillen vorwerfen kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789597,00.html
Aber nur so lange bis sie selbst betroffen sind, dann sieht die Sache ganz anders aus.;)
2. was nur?
kimba2010 02.10.2011
Was muss man eigentlich machen, damit man kein Geld von der EU aufgenötigt bekommt? Die Griechen haben langsam fast alles versucht, aber die Irren von Brüssel wollen trotzdem weitere Milliaraden in Athen versenken.
3. 1²³
cp³, 02.10.2011
Zitat von sysopGeht Griechenland pleite? Für die Griechen selbst ist die Antwort klar: Mehr als 67 Prozent erwarten nach einer aktuellen Umfrage die Zahlungsunfähigkeit des Staates. Die Erhebung zeigt allerdings auch, dass man den Bürgern kaum mangelnden Reformwillen vorwerfen kann. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789597,00.html
Bei den Ausmaßen von Korruption und Desorganisation in diesem Land, kann man wollen wie man will, da wird kurz- und mittelfristig gar nichts passieren.
4. hmmmm....
mrblond1981 02.10.2011
Irre ich mich oder warum sind die Anti-Wall-Street Demonstrationen noch nicht in die Schlagzeile gekommen?
5. Umfrage nicht glaubwürdig
hanspeter.b, 02.10.2011
Gegen jede Art von Sparplänen gehen doch Massen auf die Straße. Ein Generalstreik folgt dem nächsten. Wäre toll, wenn mal wenigstens ein paar Griechen FÜR Sparen und FÜR Abschaffung von sinnlosen Privilegien demonstrieren würden.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

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