Berlin/Hamburg - In der schwarz-gelben Regierungskoalition schwindet offenbar der Widerstand gegen die Einführung europäischer Gemeinschaftsanleihen, sogenannter
Euro-Bonds. Noch am Mittwoch hatte Bundeskanzlerin
Angela Merkel (CDU) einen entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission
als "außerordentlich bekümmerlich" bezeichnet - doch laut Zeitungsberichten wird eine deutsche Zustimmung mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen.
Es würden derzeit Szenarien diskutiert, die eine Zustimmung erforderlich machen könnten, berichtet die "Bild"-Zeitung und beruft sich dabei auf Informationen aus den Regierungsfraktionen. Demnach könnte die Bundesregierung gezwungen sein, die Euro-Bonds als Gegenleistung für die Erfüllung ihrer Wünsche zu akzeptieren - zum Beispiel für eine Verschärfung des Euro-Stabilitätspaktes.
Auch die "Financial Times Deutschland" berichtet vom nachlassenden Widerstand in der Regierung. "Wir sagen nicht nie. Wir sagen nur: keine Euro-Bonds unter den gegebenen Voraussetzungen", sagte der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Norbert Barthle, der Zeitung.
Bisher haben Union und FDP die Einführung von Euro-Bonds strikt abgelehnt. Und noch immer gibt es in der Koalition gewichtige Stimmen dagegen. Die "Bild" zitiert etwa CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der
den Vorschlag von EU-Kommissionspräsident
José Manuel Barroso heftig kritisiert: "Barroso macht sich zum Söldner der Dolce-Vita-Länder, die nur schnell an unsere Steuerkasse heranwollen." Sein Vorschlag zur Vergemeinschaftung der Schulden sei ein Affront gegenüber den Deutschen.
Auch aus der Wirtschaft kommen kritische Stimmen gegen die Euro-Bond-Pläne: Er hoffe sehr "dass Frau Merkel auf Linie bleibt" und den Forderungen nach Euro-Bonds standhalte, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI),
Hans-Peter Keitel, der "Rheinischen Post".
Merkel trifft mit Sarkozy und Monti zum Krisengespräch
Die Kanzlerin selbst hält sich zunächst einmal bedeckt. Sie will an diesem Donnerstag mit Frankreichs Staatschef
Nicolas Sarkozy und Italiens neuem Regierungschef
Mario Monti in Straßburg
über die Krise im Euro-Raum diskutieren. Dabei werden die umstrittenen Euro-Bonds eines der wichtigsten Themen sein.
Frankreich und die meisten anderen Euro-Staaten haben sich bereits für die gemeinsamen Anleihen ausgesprochen. Sie sollen dazu beitragen, das Misstrauen zu beenden, das die meisten Investoren derzeit gegenüber Euro-Ländern hegen. Staaten wie Italien und Spanien haben es deshalb immer schwerer, sich am Kapitalmarkt frisches Geld zu erträglichen Zinssätzen zu leihen. Auch bei französischen
Staatsanleihen sind die Risikoaufschläge zuletzt deutlich gestiegen.
So funktionieren Euro-Bonds
Drei mögliche Modelle in der Übersicht
Das Prinzip
Das Modell setzt auf die Eigenverantwortung der einzelnen Staaten. Nationale Anleihen blieben bestehen, Länder könnten nur eine begrenzte Menge Geld über Gemeinschaftsanleihen aufnehmen. Im Gegensatz zum zweiten Modell würde jeder Staat zudem nur anteilsmäßig für die gemeinsamen Schulden haften.
Der Vorteil des Modells
Da jeder Staat nur bis zu einem bestimmten Anteil haftet, wäre keine Vertragsänderung nötig. Das Modell ließe sich schnell umsetzen. Weil Staaten durch nationale Anleihen weiter auf das Wohlwollen von Investoren angewiesen sind, bliebe die disziplinierende Wirkung durch die Märkte erhalten.
Der Nachteil des Modells
Das Modell würde wohl von allen drei Varianten am wenigsten Erleichterung bei Zinsen bringen. Denn die Haftungsbegrenzung senkt zwar das Risiko für die Partnerländer, doch bei den Investoren dürfte diese Einschränkung eher zu Misstrauen führen. Es würde wohl keine Bestnote beim Rating geben, die Renditen würden dementsprechend nicht so stark sinken. Stabile Länder wie Deutschland würden sich wohl kaum über solche Bonds finanzieren.
Das Prinzip
Gemeinschaftsanleihen werden zu einer Art Teilfinanzierung der Staatsschulden. Länder könnten weiter eigene Staatsanleihen ausgeben und zusätzlich Geld über Euro-Bonds eintreiben. Die Kreditaufnahme über die Gemeinschaftsanleihen wäre aber begrenzt: Die Menge könnte an die Haushaltsdisziplin der Länder geknüpft werden oder an eine bestimmte Obergrenze. Diese könnte etwa in der sogenannten Maastricht-Grenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bestehen.
Der Vorteil des Modells
Weil sie weiter nationale Anleihen ausgeben, wären die Länder motiviert, sich Vertrauen bei Investoren zu sichern und ihren Haushalt in Ordnung zu bringen. Weil alle Partner voll haften müssten, dürfte das Vertrauen von Investoren hoch sein, die Zinsen dürften sinken.
Der Nachteil des Modells
Weil auch hier alle Euro-Länder voll für die Schulden haften, müssten die europäischen Verträge geändert werden. Die Bonds wären damit zunächst nur ein Signal an die Märkte, dass Europa beim Schuldenmachen enger zusammenrückt.
Das Prinzip
Gemeinschaftsanleihen ersetzen die nationalen Staatstitel komplett. Es gäbe europaweit einheitliche Anleihen und damit eine einheitliche Rating-Note. Die Euro-Länder können auf diesem Weg theoretisch unbegrenzt Kredite aufnehmen. Unabhängig von ihrem eigenen Anteil müssten die beteiligten Länder auch für Staaten einspringen, die ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen können.
Der Vorteil des Modells
Das Vertrauen in Staaten mit hoher Kreditwürdigkeit wie Deutschland, die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg könnte das Misstrauen der Gläubiger gegen Krisenländer ausgleichen. Diese Gemeinschaftsanleihen wären deshalb bei Kreditgebern sehr gefragt - auch weil der größte Anleihenmarkt der Welt entstünde. Die Gläubiger könnten darauf setzen, dass sie ihr Geld zurückbekommen - wer am Ende wie viel bezahlt, darüber müssten sich die Euro-Staaten untereinander streiten. Eine Europäische Schuldenagentur könnte die Einnahmen aus den Euro-Bonds an die Länder verteilen und die Zinsen für die Gläubiger von den Mitgliedsländern eintreiben.
Der Nachteil des Modells:
Für starke Länder wie Deutschland bedeutet es ein hohes Risiko, weil die Länder unbegrenzt für die Schulden der anderen haften. Der Spardruck auf die Krisenländer könnte angesichts geringerer Zinsen sinken. Dank ihrer starken Partner bekommen sie günstiger Geld, ohne dafür im Gegenzug ihre Haushalte in Ordnung bringen zu müssen. Um Hauhaltssünder zu disziplinieren und die Kredite gerecht aufzuteilen, müsste die EU also strenge politische Regeln aufstellen. Dazu wären umfassende Vertragsänderungen notwendig. Das würde viel Zeit in Anspruch nehmen - für eine schnelle Lösung taugt dieses Modell also nicht.
Am Mittwoch wurden die Finanzmärkte zusätzlich aufgeschreckt, weil das bisher als Hort der Stabilität geltende Deutschland nicht
genügend Käufer für seine Staatsanleihen fand. Experten sprachen von einem Warnsignal, dass die Krise nun schnell gelöst werden müsse.
Sollte Merkel im Streit mit dem Rest der Euro-Zone auch nur teilweise einlenken, dürfte sie deutlich bessere Chancen haben, ihre Vorstellungen von einer künftigen europäischen Stabilitätspolitik durchzusetzen. Merkel und ihr Finanzminister
Wolfgang Schäuble (CDU) wollen die EU-Verträge ändern, um Schuldensünder im Euro-Raum härter bestrafen zu können. "Wir brauchen Regeln für eine gemeinsame Finanzpolitik, die in allen Mitgliedsländern eingehalten und notfalls auch durchgesetzt werden", sagte Schäuble am Mittwochabend im ZDF. "Deswegen brauchen wir Vertragsänderungen, damit wir nicht mehr auf Versprechen angewiesen sind."
Zudem schlug Schäuble die Einführung einer europaweiten Schuldenbremse vor. Alle Mitgliedstaaten müssten sich dazu verpflichten, "und wenn die Haushalte das nicht einhalten, muss die Europäische Kommission in der Lage sein, sie zurückzuweisen".
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