McKinsey-Gutachten: Kosten für Stuttgart 21 steigen auf 6,8 Milliarden Euro

Von Sven Böll

Dramatische Kostensteigerung bei Stuttgart 21: Das Großprojekt wird nach SPIEGEL-Informationen deutlich teurer als geplant. Laut einem Gutachten steigen die Kosten wohl auf 6,8 Milliarden Euro - 2,3 Milliarden Euro mehr als bislang veranschlagt. Weitere Steigerungen sind nicht ausgeschlossen.

Baustelle am Stuttgarter Bahnhof: Kostenexplosion beim Bahnhofsprojekt Zur Großansicht
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Baustelle am Stuttgarter Bahnhof: Kostenexplosion beim Bahnhofsprojekt

Berlin - Selbst wer ein notorischer Optimist ist, kommt beim Projekt Stuttgart 21 zwangsläufig zu dem Schluss: "Glaube nichts, was du bislang gehört hast. Es ist alles noch viel schlimmer." Ende der neunziger Jahre bezifferte die Bahn die Kosten für das gigantische Vorhaben in der baden-württembergischen Landeshauptstadt auf rund 2,5 Milliarden Euro. Zwischenzeitlich galten drei Milliarden Euro als realistisch. Und schließlich wurde für eines der größten Infrastrukturprojekte der Republik ein Kostendeckel von 4,5 Milliarden Euro vereinbart.

Vom bestgeplanten Projekt aller Zeiten war seitens der Bahn nun die Rede. Was so viel bedeuten sollte wie: Wir haben alles im Griff, noch teurer wird's definitiv nicht.

Nun ist klar: Auch die Zahl "4,5 Milliarden Euro" erfüllt den Tatbestand der Beschönigung. Selbst für diesen üppigen Betrag wird Stuttgart 21 nicht zu haben sein. Aus einem neuen Gutachten der Unternehmensberatung McKinsey, das dem Aufsichtsrat des Konzerns am Mittwoch vorgestellt wurde, geht nach SPIEGEL-Informationen hervor, dass die Kosten wohl auf gigantische 6,8 Milliarden Euro hochschnellen. Einen Teil des Zusatzaufwands deklariert die Bahn zwar nur als "Risiko" - allerdings lehrt die Erfahrung, dass es sich aller Voraussicht nach später um echte Kosten handeln wird.

Die 2,3 Milliarden Euro, die zusätzlich zu den bislang maximal budgetierten 4,5 Milliarden Euro anfallen dürften, setzen sich vor allem aus drei Bereichen zusammen:

  • 1,1 Milliarden Euro für Planungen und Leistungen, die entweder bislang nicht angesetzt wurden oder für die sich die bisher angesetzten Zahlen als unrealistisch erwiesen haben.
  • Rund 800 Millionen Euro, die sich wahrscheinlich aus Wünschen des Landes und der Stadt ergeben. Darunter fällt neben Grundstückskäufen auch der sogenannte Filder-Dialog. Dabei wurde gemeinsam mit den Bürgern die Trassenführung im Bereich des Flughafenbahnhofs festgelegt.
  • Rund 400 Millionen Euro ergeben sich wohl aus dem entstandenen Zeitverzug - unter anderem angesichts des langwierigen Schlichtungsprozesses.

Mit der Aufteilung der Kosten in die Kategorien "Sind wir selbst dran Schuld" (Budgetierungsfehler) und "Dafür sind andere verantwortlich" (Filder-Dialog und Schlichtungsprozess) will die Bahn offenbar erreichen, dass sie nur 1,1 Milliarden Euro Mehraufwand allein tragen muss. Ob der Konzern damit durchkommt, ist allerdings fraglich. Sowohl das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart als auch der Bund haben bereits erklärt, dass sie keinen Cent zusätzlich locker machen wollen.

Zumal unklar ist, welche Überraschungen das Projekt noch bereit hält. Wie zu hören ist, bleibt es bei den kalkulierten 6,8 Milliarden Euro nur für den Fall, dass Stuttgart 21 im Jahr 2021 in Betrieb geht. Aus heutiger Sicht ein durchaus optimistisches Szenario. "Niemand traut sich, die Kosten zu beziffern, die sich bei einer späteren Inbetriebnahme ergeben", sagt einer, der mit der Sache vertraut ist.

Zwar wird in dem neuen Gutachten davon ausgegangen, dass sich von den Zusatzkosten rund 200 Millionen Euro einsparen lassen. Dieser kleine Hoffnungswert wird allerdings von einem nahezu unkalkulierbaren Risiko erdrückt: der rund 9,5 Kilometer lange Fildertunnel zwischen Hauptbahnhof und Flughafen. Selbst Tunnelbauexperten aus der Schweiz, die bei der Neuberechnung der Kosten zu Rate gezogen wurden, wollen für die veranschlagten Kosten nicht geradestehen. "Niemand weiß, welche Überraschungen der Berg für uns bereithält", sagt ein Insider.

Wahrscheinlich wird nun der Technikvorstand der Bahn, Volker Kefer, zum Bauernopfer gemacht. Der Manager, der das Planungsdesaster früh kommen sah, sich aber stets hinter das politisch gewollte Projekt stellte, verliert auch im Aufsichtsrat zusehends an Unterstützung. Aber auch Bahnchef Rüdiger Grube wird sich viele kritische Fragen gefallen lassen müssen. Er hat stets erklärt, Stuttgart 21 rechne sich nur, wenn das Projekt nicht mehr als 4,7 Milliarden Euro kostet. Um sich für die Diskussion zu wappnen, hat Grube auch die Kosten für einen Abbruch der Arbeiten berechnen lassen: Sie belaufen sich auf zwei Milliarden Euro.

Die Diskussion der kommenden Wochen wird also unter dem Motto laufen: Wollen wir für zwei Milliarden Euro den Status quo oder für 6,8 Milliarden einen neuen Bahnhof?

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1.
B.Lebowski 12.12.2012
Zitat von sysopDramatische Kostensteigerung bei Stuttgart 21: Das Großprojekt wird nach SPIEGEL-Informationen deutlich teurer als geplant. Laut einem Gutachten steigen die Kosten wohl auf 6,8 Milliarden Euro - 2,3 Milliarden Euro mehr als bislang veranschlagt. Weitere Steigerungen sind nicht ausgeschlossen. Umstrittener Bahnhof: Stuttgart 21 kostet 6,8 Milliarden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/umstrittener-bahnhof-stuttgart-21-kostet-6-8-milliarden-a-872440.html)
Derartige Großprojekte würden bei realistischer Finanzplanung niemals genehmigt werden oder Akzeptanz in der Bevölkerung erlangen. Sie werden vielmehr zum Schnäppchenpreis kalkuliert und wenn das Geld alle ist, muss man eben nachfinanzieren. Wenn die ersten Mrd. ausgegeben sind, muss ja weitergebaut werden, da ein Einstellen der Baumaßnahmen nicht in Frage kommt. Vielleicht kann mal jemand EIN Großprojekt nennen, bei dem die erste Kalkulation am Ende ausrechend war... Gibt es nicht?, dann müssen wohl die Planer seit Jahren ungestraft schwere Fehlkalkulationen begehen. Da sollte man einmal ansetzen.
2. Kennt man doch
hartwurzelholz 12.12.2012
Ist doch klar, dass Kosten eher steigen als sinken: Unerwartete Probleme bei den Bauarbeiten, 1.000 Hysteriker klagen wegen jedem Frosch, Prozesse ziehen sich, Genehmigungen müssen neu eingeholt werden, Demonstranten behindern Bauarbeiten usw.. Aber das ist doch bei jedem Großprojekt so, das weiss man, das muss man entspannt sehen.
3. Ha ha ha ha ha ha ha
zaphod1965 12.12.2012
Das Schauspiel ist immer gleich: Wer ein Projekt zu realistischen Kosten anbietet, erhält keinen Zuschlag bzw. keine Genehmigung. Wer aber lügt, dass sich die Balken biegen, darf es bis zum Ende durchziehen, koste es was es wolle. Und wieso erinnert mich das an den Umgang mit Griechenland? Und an den Berliner Flughafen? Und an den Spacepark in Bremen? Und an die Elbphilharmonie? Und an den Jade-Weser-Port? Und an den Nürburgring? Und an das Maut-System? Und an die Hartz-IV-Software? und an das Galileo-System? Und an Iter? Und an den Schnellen Brüter? Und an den Rhein-Main-Donau-Kanal? usw. usw. usw. usw.
4. Blamage ²
zappa99 12.12.2012
andererseits: Gab es jemals ein Projekt in dieser Größenordnung, das ohne Überschreitung des Kostenplanes durchgeführt wurde? Wenn ich mir ansehe, was für Planungsfehler in unserer Gemeinde bei der Erschliessung eines simplen Wohngebietes gemacht wurden, wundert mich gar nichts mehr.
5. Warum nicht das Frankfurter Modell?
pirx64 12.12.2012
Zitat von sysopDramatische Kostensteigerung bei Stuttgart 21: Das Großprojekt wird nach SPIEGEL-Informationen deutlich teurer als geplant. Laut einem Gutachten steigen die Kosten wohl auf 6,8 Milliarden Euro - 2,3 Milliarden Euro mehr als bislang veranschlagt. Weitere Steigerungen sind nicht ausgeschlossen. Umstrittener Bahnhof: Stuttgart 21 kostet 6,8 Milliarden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/umstrittener-bahnhof-stuttgart-21-kostet-6-8-milliarden-a-872440.html)
es gibt 3 Gruppen von Reisenden: - die nach Stuttgart wollen - die an den Flugahfen wollen - die an Stuttgart vorbei wollen Egal wo der Bahnhof gebaut wird, man kann nur 2 Gruppen zufriden stellen. Also warum nicht wie Frankfurt (die haben auch einen Sackbahnhof) einen ICE-Bahnhof am Flugahfen bauen? Einfacher, schneller, billiger, gefahrloser.
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