Stuttgart - Über Monate zogen sich Schlichtung und Stresstest hin, im November folgt nun noch eine Volksabstimmung: Nichts hat die Streithähne bei Stuttgart 21 bislang versöhnen können. Statt sich anzunähern, scheinen sich die beiden Lager immer störrischer zu bekämpfen. Für die Gegner des neuen, unter die Erde gelegten Bahnhofs dürfte die korrigierte Kostenrechnung daher wie eine Bestätigung sein, ganz nach dem Motto: Wir haben es ja immer schon gesagt.
Denn die Bahn deutet nun an, dass das Großprojekt in der baden-württembergischen Landeshauptstadt 370 Millionen Euro teurer werden dürfte. Das wurde informell nach einer Sitzung des Bahn-Aufsichtsrats bekannt.
Beim Konzern wird diese Schätzung recht kühl kommentiert: Immerhin bleibe man immer noch deutlich unter der vereinbarten Obergrenze von 4,5 Milliarden Euro. Allerdings ist der Puffer von insgesamt 760 Millionen Euro nun bereits knapp zur Hälfte aufgebraucht. Und bei den genannten 370 Millionen Euro sind auch nur Risiken aus der Planung und bisherigen Auftragsvergabe enthalten.
Richtig teuer könnte es allerdings noch mal werden, wenn die eigentlichen Bauarbeiten Mitte 2012 beginnen. Für diesen Zeitraum seien allerdings "derzeit keine verlässlichen Summen zu möglichen Risiken zu ermitteln", zitiert die "Welt" Mitglieder des Bahn-Kontrollgremiums.
Bahn-Verantwortliche verschärfen den Ton
Die Zeitung berichtet weiter, bei mehreren großen Auftragsvergaben sehe sich die Bahn "voll im Plan". Doch es gebe Fälle, die nicht so glattliefen, zum Beispiel bei einem Tunnelprojekt. Das werde wohl nach aktuellem Stand deutlich teurer als gedacht. Hinzu kämen Mehrausgaben für die Planung.
Vor dem Treffen mit Vertretern von Stadt und Landesregierung am Freitag verschärften einige Vertreter des Bahn-Aufsichtsrats nun den Ton: Man sei nicht bereit, die Kosten der Vorschläge aus dem Schlichterspruch des Vermittlers Heiner Geißler zu übernehmen. Außerdem werde die Bahn an der Tieferlegung des Bahnhofs festhalten, egal wie der Volksentscheid im November ausgeht, zitiert die "Welt" eine namentlich nicht genannte Person.
Ein Affront für die Projektgegner, der auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE im Konzern trocken kommentiert wird: "Da alle Umfragen eine klare Mehrheit für Stuttgart 21 vorhersagen, stellt sich diese Frage überhaupt nicht." Insgesamt machen die Bahn-Verantwortlichen den Eindruck, als reiche es ihnen langsam mit den ewigen Diskussionen. Wie dieser Kurs bei der grün-roten Landesregierung von Winfried Kretschmann ankommt, dürfte bereits beim Treffen am Freitag zu beobachten sein.
cte/dapd
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