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Umstrittenes Ziel: Warum das Wachstum in Verruf geriet

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Sie nennen sich Growth-Busters oder loben eine Million für ein neues Wirtschaftsmodell aus: Wachstumskritiker haben Konjunktur. Manche ihrer Argumente teilen selbst eingefleischte Kapitalisten.

Wachstumskritiker Gardner: Forderungen nach einem Komplettumbau Zur Großansicht
Growth Busters

Wachstumskritiker Gardner: Forderungen nach einem Komplettumbau

Hamburg - Vom beigen Overall bis zum Protonenstrahler: Der amerikanische Filmemacher Dave Gardner trägt alle Utensilien eines Ghost-Busters. Doch im Gegensatz zu den Kinohelden der Achtziger jagt Gardner keine Gespenster. Auf seiner Brust steht "Growth-Busters", Wachstumsjäger.

So heißt eine Dokumentation, die Gardner im November letzten Jahres vorgestellt hat. Die These des Films: Wasserknappheit, Hunger und selbst Depressionen seien allesamt "Symptome eines tieferen Problems - der Sucht nach unendlichem Wachstum".

Ins Kino dürfte es das Werk kaum schaffen, die Vorführungen finden in Kirchen und Privathäusern statt. Dennoch können sich die Macher als Teil einer größeren Bewegung fühlen: Spätestens seit der Finanzkrise ist Wachstumskritik auch im konservativen Spektrum salonfähig geworden. Ein Unbehagen über das ständige Höher, Schneller, Weiter des globalen Kapitalismus macht sich in der deutschen Gesellschaft breit. Das zeigt beispielsweise eine Bundestagskommission, die seit einem Jahr über neue Wohlstandskonzepte diskutiert.

Doch nicht jeder macht wie Gardner das Wachstum gleich für alle Übel der Welt verantwortlich. Einen Teil der Wachstumskritiker stört vor allem, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) - also die Summe aller Güter und Dienstleistungen eines Jahres - zum wichtigsten Maß für Wohlstand geworden ist. Dabei gibt es viele Entwicklungen gar nicht oder irreführend wieder. Das zeigte sich 2011 vor allem in Japan.

Es war zweifellos ein katastrophales Jahr für die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Erde. Erst wurde Japan von einem Erdbeben erschüttert, dann verwüstete eine Flutwelle ganze Landstriche und schließlich geriet das Atomkraftwerk in Fukushima völlig außer Kontrolle. Wie schwer die Gesundheitsschäden durch die ausgetretene Strahlung sind, wird sich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen.

Solche Ereignisse müssten eigentlich tiefe Spuren in der Wirtschaftsbilanz hinterlassen. Doch nichts da: 2011 ist das japanische BIP laut Schätzungen um gerade einmal 0,5 Prozent geschrumpft. Und 2012 könnte Japan, dessen Wirtschaft vor Fukushima lange Jahre dahinsiechte, sogar zu den am schnellsten wachsenden Industrieländern gehören. Ein entscheidender Grund: Der Wiederaufbau belebt die Wirtschaft.

Selbst Ludwig Erhard war Wachstumskritiker

Die Wirtschaftsleistung misst also nicht das Wohlergehen einer Gesellschaft - dieser Kritik können sich selbst eingefleischte Kapitalisten anschließen. Schon der Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, meinte einst, es sei "höchst naiv" Wachstumsraten mit einer Steigerung der kollektiven Wohlfahrt in Verbindungen zu bringen.

Die Konsequenz solcher Wachstumskritik ist vergleichsweise harmlos: Das BIP soll durch andere Indikatoren ergänzt werden, die etwa Umweltschäden oder Einkommensverteilung berücksichtigen. Es geht sozusagen um Reparaturarbeiten am Messinstrument.

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Streit um den Wohlstand: Die Angst vor zu viel Wachstum
Doch es gibt auch jene, die Wachstum nicht nur als Maß für Wohlstand ablehnen. Liedermacher Funny van Dannen singt: "Ich will den Kapitalismus lieben, weil soviel für ihn spricht. Ich will den Kapitalismus lieben, aber ich schaff' es einfach nicht."

So wie van Dannen geht es immer mehr Deutschen. Lag die Zustimmung zur Marktwirtschaft Mitte der neunziger Jahre noch bei mehr als 70 Prozent, so sackte sie während der jüngsten Krise zeitweise unter die 50-Prozent-Marke. Zugleich mehren sich Stimmen, die einen "Wohlstand ohne Wachstum" fordern. Diesen Kritikern geht es nicht um Reparaturarbeiten, sondern einen Komplettumbau.

Diskutiert wird der seit mindestens 40 Jahren: 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht "Die Grenzen des Wachstums". Darin kamen Wissenschaftler zum Ergebnis, mit der bisherigen Form des Wirtschaftens würden die irdischen Ressourcen innerhalb weniger Jahrzehnte erschöpft sein. Schon im 18. Jahrhundert hatte der britische Pfarrer Thomas Robert Malthus prophezeit, die Zahl der Menschen wachse schneller als ihre Lebensgrundlagen - was unweigerlich zu Armut und Hunger führe.

Die düstersten Prognosen der Wachstumskritiker trafen nicht ein. Malthus etwa unterschätzte schlicht den Fortschritt. Neue Technologien ließen die Weltwirtschaft seit 1800 um das 68-fache wachsen, die Erdbevölkerung hingegen hat sich im selben Zeitraum nur versechsfacht. Und auch wenn Rohstoffknappheit zum Problem wird: Erz, Öl und Gas sind uns bislang nicht ausgegangen - obwohl der Club of Rome das schon für die achtziger und neunziger Jahre vorgesagt hatte.

Der Klimawandel führt zur radikalsten Wachstumskritik

Mittlerweile aber gibt es ein neues Bedrohungsszenario. Nicht das Ende der Rohstoffe erscheint nun als größtes Problem - sondern die durch ihre Verfeuerung immer stärker voranschreitende Erderwärmung. Der Klimawandel führt zur wohl radikalsten Wachstumskritik aller Zeiten: Denn jedes neue Handy, jede Reise und jedes Steak bedeuten zusätzliche CO2-Emissionen. Umgekehrt heißt das: Weniger Wachstum ist gut fürs Klima. Das zeigte auch die jüngste Wirtschaftskrise, während der die CO2-Emissionen deutlich geringer anstiegenals in den Boomjahren zuvor.

Optimisten hoffen, dass die Befürchtungen von Klimaschützern heute ähnlich überzogen sind wie einst die des Pfarrers Malthus. Sie setzen auf eine "Entkopplung": Das Wachstum bleibt erhalten, doch es wird immer effizienter erreicht - mit deutlich weniger Ressourcen und damit weniger CO2.

Doch dieses Ziel liegt in weiter Ferne. In den vergangenen 30 Jahren ist nur eine relative Entkopplung gelungen: Der Verbrauch von Kohle, Öl und Erdgas stieg etwas weniger schnell als die weltweite Wirtschaftsleistung (siehe Grafikstrecke). Eine absolute Entkopplung, bei der tatsächlich weniger Ressourcen verbraucht werden, blieb jedoch aus.

Ein Grund für den Misserfolg lässt sich jede Woche auf Europas Flughäfen beobachten. Zigtausende Passagiere besteigen Billigflieger, um am Wochenende in London shoppen zu gehen oder in Madrid ins Museum. Fliegen ist kein Luxus mehr, unter anderem weil der Treibstoffverbrauch von Flugzeugen im Schnitt jährlich um ein bis zwei Prozent sinkt. Das führt zu günstigeren Preisen, mehr Menschen fliegen. Jährlich wächst der Flugverkehr um durchschnittlich fünf Prozent - was auch die CO2-Emissionen um drei bis vier Prozent erhöht.

Die Einsparung wird also durch erhöhten Konsum gleich wieder aufgefressen. "Rebound" heißt dieser Effekt, den auch eine Studie im Auftrag der Bundestagskommission beschreibt. Die Autoren beklagen, die Politik tue "heute noch weitestgehend so, als ob es keinen Rebound gibt".

Ganz so leicht ist der Ausweg aus dem Wachstumsdilemma also offenbar nicht. Das musste auch Dick Smith feststellen, ein schillernder australischer Unternehmer und Kritiker des Bevölkerungswachstums.

Vor anderthalb Jahren trat Smith vor die Presse. Hinter ihm standen fünf lächelnde Blondinen, auf deren T-Shirts "Konstantes Wachstum = Untergang" zu lesen war. Neben Smith stand ein Koffer mit einer Million australischer Dollar. Das Geld versprach er jenem Unter-30-Jährigen, der sich mit durchschlagendem Erfolg für "eine Alternative zu unserer von Bevölkerungs- und Konsumwachstum besessenen Wirtschaft" einsetze.

Eigentlich war Smith fest entschlossen, innerhalb eines Jahres den Gewinner zu küren. Doch das scheint schwerer als gedacht. Mittlerweile steht auf der Homepage des Unternehmers ein Hinweis: Für den Fall, dass innerhalb der Frist kein geeigneter junger Mensch gefunden sei, werde der Preis "einbehalten, bis solch eine Person auftaucht".

In der nächsten Folge: Warum die Welt am Wachstum hängt

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1. 2. Folge: Warum die Welt am Wachstum hängt
Progressor 27.01.2012
Eine gesteigerte Produktivität wird es immer geben. Wenn die gesteigerte Produktivität nicht durch eine Erhöhung der Geldmenge abverkauft wird (= Wachstum), dann werden Arbeitsplätze abgebaut. Das führt zu noch weniger Konsum und eine Abwärtsspirale tritt ein.
2. Utopisch
sorum11 27.01.2012
Der Planet kann theoretisch auch acht oder zehn Milliarden Menschen ernähren, nur müsste man dazu irgendwann eine Grenze der Fortpflanzung ziehen und das dürfte schwierig bis unmöglich sein. Zweitens müssten für solche komplexen Optimierungen alle Menschen einen relativ hohen Bildungsgrad erreichen. Aber das ist angesichts von über 1,4 Millionen Hartz4-Kindern, Zehntausenden von Schulabgängern ohne Abschluss usw. nicht mal in Deutschland möglich, geschweige denn weltweit. Es wäre außerdem von den Eliten überhaupt nicht erwünscht, dass jeder Hinz und Kunz auf einmal mitdenkt. Daher: Sackgasse. Genetiker in Deutschland können Getreide mittlerweile im zweistelligen Prozentbereich ertragreicher machen, aber ist das gewünscht? Oder wird hier von gewissen internationalen Konzernen der Daumen drauf gehalten, da sich momentan nicht das Maximale damit verdienen lässt? Japan hat eins gezeigt: Das Land ist mit Lean, Poka Yoke usw. dermaßen optimiert, dass kaum noch Steigerungen möglich sind. Erfindungen ja, aber menschliche Optimierungsmöglichkeiten? Der "Westen" darf auch nicht den Fehler machen, seine Stagnation auf den Rest der Welt anzuwenden. Wachstum werden wir nach wie vor reichlich haben, da Abermillionen von Menschen von Indien bis Brasilien hungrig auf Erfolg und Fortschritt sind. Mittelfristig werden aber die Boomphasen kürzer ausfallen und die Kurzarbeitsphasen länger werden. Japan hat die Gründe dafür bestens demonstriert.
3. ....
taubenvergifter 27.01.2012
Zitat von sysopSie nennen sich Growth-Busters oder loben eine Million für ein neues Wirtschaftsmodell aus: Wachstumskritiker haben Konjunktur. Manche ihrer Argumente teilen selbst eingefleischte Kapitalisten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,810429,00.html
Bitte? Gerechtere Einkommensverteilung und Umweltschutz als Indikatoren "Vergleichsweise harmlos?". Im der heutigen Wirtschaftswelt zugrundeliegenden Wettbewerb der Standorte spielt nicht vieles eine größere Rolle, als das drücken von Umweltschutzstandards und diejenigen, die den möglichst freien Markt propagieren um die Gewinne zu maximieren und Wachstum zu generieren sind die letzten, die eine gerechtere Einkommensverteilung wünschen, weil es zulasten eben der Gewinne/Dividende/Aktienkurse geht oder das eigene Einkommen schmälern würde. Diejenigen, die von einer gerechteren Einkommensverteilung profitieren würden wären die Angestellten/Arbeiter und die sind heute Kostenfaktoren. Teure Arbeiter sind ein Standortnachteil weil das (Investitions)Kapital flüchtig ist, wird es sich dann ein billigeres Land suchen. Würde es also gelingen, Umweltschutz und die gerechtere Einkommensverteilung als Indikatoren einzuführen, wäre sehr viel passiert. Aber davon ist man - v.a. im zweiten Punkt - in Deutschland sehr, sehr weit entfernt.
4. Leidensdruck zu gering
mensch0817 27.01.2012
Ja, es gibt diese mehr oder weniger radikalen Überlegungen, die im Artikel angesprochen werden, schon lange. Ebenso lange hat sich an der Wachstumsgläubigkeit nichts geändert, jedenfalls nicht bei denen, die tatsächlich etwas dagegen tun könnten, nämlich Politiker, Konzernbosse, Banker. Das eine Bewegung von unten einen fundamentalen Umschwung bringen könnte, glaube ich nicht - zu groß ist die Macht der Konzerne, über Lobbyismus, über Angebote bzw. Angebotsverknappung, über Preiskämpfe oder über die Medien die Masse der Leute zu manipulieren. Eine Änderung muß von oben kommen, und da gibt es zwei grundsätzliche Probleme. Erstens können grundlegende Änderungen mittlerweile wirklich nur noch weltweit durchgeführt werden. Solange aber einige glauben, dabei andere ausstechen zu können, wird das nicht funktionieren. Und zweitens sind es ja genau die Leute, von denen eine Änderung des Wachstumsdogmas ausgehen müßte, die derzeit noch auf der Gewinnerseite der gegenwärtigen Entwicklung stehen, die also glauben, es läge nicht in ihrem Interesse, etwas zu ändern (und das mag auf die Lebenszeit eines einzelnen Menschen gerechnet sogar noch stimmen). Vermutlich wird sich also erst etwas ändern, wenn der Leidensdruck groß genug ist, d.h. beispielsweise, wenn eine genügende Anzahl von Menschen vor lauter Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr sieht, als einen offenen gewaltsamen Widerstand gegen das herrschende System zu versuchen. Nebenbei bemerkt: Somalische Piraten, die oft arme Fischer sind, in deren Gärten wegen Wassermangel kaum noch etwas wächst, deren Land seit einer Generation keine funktionierende Regierung mehr hat, deren Fische von fremden Flotten weggefangen werden und die dann noch zusehen müssen, wie westlicher Reichtum auf Schiffen an ihnen vorüber fährt, sind ein Indiz dieser Entwicklung. Wenn die aktuelle Krise nicht ausreicht, um grundlegende Änderungen im globalen Wirtschafts- und Finanzgefüge herbeizuführen, werden wir eben auf die nächste Krise warten. Sehr lange werden wir nicht warten müssen...
5. Vielleicht mal einfach Wachstum des menschlichen Wohlbefindens und Zusammenlebens
huberwin 27.01.2012
als Ziel nehmen und nicht dieses dauernde Wachstum des Geldes und der Gier.
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