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Bilanz zu Millenniumszielen: Extreme Armut sinkt weltweit um die Hälfte

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Kinder in einem Slum in Kapstadt: Im südlichen Afrika leben 48 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut Zur Großansicht
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Kinder in einem Slum in Kapstadt: Im südlichen Afrika leben 48 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut

Nahrung, Bildung, Arbeit: Die Vereinten Nationen formulierten im Jahr 2000 konkrete Ziele zur Bekämpfung der größten Weltprobleme bis zum Jahr 2015. Jetzt zog die Uno eine Zwischenbilanz. Drei große Ziele wurden bereits erreicht - doch nicht bei Aids oder Kindersterblichkeit.

Es war ein bedeutender Moment in der Geschichte der Vereinten Nationen: Die 55. Vollversammlung im September 2000 in New York wurde zum "Millennium-Gipfel". Auf der bisher größten Zusammenkunft von Staats- und Regierungschefs wurden erstmals konkrete, auf einen bestimmten Zeitrahmen bezogene Ziele zur Bekämpfung der größten Probleme der Menschheit formuliert. Im Zentrum stand die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger. Die damals 189 Mitgliedstaaten unterzeichneten acht Ziele mit 21 Unterpunkten. Als Basisjahr wurde 1990 festgelegt, als Zieljahr 2015.

Seither zieht die UNO jährlich Bilanz, jeweils aus Anlass ihrer Vollversammlung, die am Dienstag in New York zu Ende geht. Der Zwischenstand: In fast allen Bereichen der sogenannten Millenniumsziele wurden im Vergleich zu 1990 Fortschritte erzielt. Bei genauerem Hinsehen stellt man aber fest: Konkret werden bis 2015 wohl nur drei der 21 Unterpunkte erreicht. Und die Zahlen des UN-Millenniumsberichts zeigen: Vor allem im südlichen Afrika ist die Lage weiter dramatisch.

Das erste und wohl wichtigste Millenniumsziel war die Halbierung der extremen Armut und des Hungers. Die Vereinten Nationen setzten sich das Ziel, zwischen 1990 und 2015 den Anteil der Menschen zu halbieren, deren Einkommen weniger als 1 Dollar pro Tag beträgt - heute rechnet man aufgrund der Preisentwicklungen mit 1,25 Dollar. Dieses Ziel ist erreicht worden. Heute leben etwa 700 Millionen Menschen weniger in extremer Armut als 1990.

Dazu beigetragen hat vor allem die positive Entwicklung in Südostasien und China. In China wurde der Anteil von 60 Prozent auf 12 Prozent (2010) verringert. Ein Erfolg - allerdings leben immer noch 162 Millionen Chinesen in extremer Armut.

Große Sorge bereitet der südlich der Sahara gelegene Teil Afrikas. Noch immer leben dort 48 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut. Der Rückgang beträgt hier nur acht Prozent. Zudem ist die absolute Zahl extrem armer Menschen in der Region aufgrund des enormen Bevölkerungswachstums stark angestiegen: Von 290 Millionen auf 414 Millionen Menschen.

Extreme Armut entsteht oft durch einen Teufelskreis: Wer arm ist, findet durch fehlende Bildung und schlechte Gesundheit keinen Zugang zu produktiver Beschäftigung. Auch mit fehlenden Umweltressourcen, Krieg, Korruption oder schlechter Regierungsführung haben die Menschen in den Entwicklungsländern zu kämpfen.

Zugang zu sauberem Wasser verbessert

Ebenfalls erreicht wurde das Ziel, den Anteil der Menschen zu halbieren, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Noch immer müssen aber etwa eine Milliarde Menschen schmutziges Wasser trinken. Auch das Vorhaben, die Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern erheblich zu verbessern, konnte bereits lange vor 2015 umgesetzt werden - wobei die absolute Zahl der Slumbewohner wächst, auch wegen der zunehmenden Verstädterung.

Drei Erfolgsmeldungen also, doch wenn der derzeitige Trend beibehalten wird, werden die übrigen Ziele in den verbleibenden zwei Jahren nicht mehr erreicht. Unter anderem sollte allen Kindern der Welt der Abschluss einer Grundschulausbildung ermöglicht werden. Dies wird bis 2015 nicht der Fall sein. Allerdings gibt es hier deutliche Fortschritte, gerade auch in der Gleichstellung von Mädchen und Jungen. In Entwicklungsländern verlassen heute zehn Prozent der Kinder die Schule vor dem Ende der Grundschule, 1990 waren es noch zwanzig Prozent.

Auch die Zahl der ständig hungernden Menschen ist seit Anfang der neunziger Jahre laut dem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zwar gesunken, jedoch nur um 17 Prozent. Mit 842 Millionen Menschen sind damit 14 Prozent der Weltbevölkerung chronisch unterernährt - im Zeitraum von 1990 bis 1992 waren es noch 23,2 Prozent. Ziel war, diesen Anteil bis 2015 zu halbieren.

Auch die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren und von Müttern konnte nicht so stark gesenkt werden wie erhofft. In Afrika stirbt immer noch jedes neunte Kind unter fünf Jahren, zumeist an vermeidbaren Krankheiten. Im Vergleich zu 1990 sind es weltweit aber 41 Prozent weniger. Die Zahl der Todesfälle von Müttern bei der Geburt ist fast halbiert worden, Ziel war allerdings ein Rückgang um drei Viertel. Klar verfehlt wird auch das Ziel, die Ausbreitung von HIV zum Stillstand zu bringen. Im südlichen Afrika infiziert sich jährlich jeder hundertste Mensch neu mit HIV, eine Behandlung erhalten in Entwicklungsländern nur 55 Prozent der Infizierten.

Eines der Millenniumsziele war auch ökologische Nachhaltigkeit. Davon kann momentan keine Rede sein. Der CO2-Ausstoß ist seit 1990 weltweit um mehr als 46 Prozent gestiegen. Fast ein Drittel der Meere ist überfischt und in Südamerika und Afrika werden jährlich Millionen Hektar Wald zerstört. Das Artensterben hält an. Immerhin stehen heute etwas mehr Land- und Meeresflächen unter Schutz als noch 1990.

Auf dem Millenniumgipfel wurde der Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft vereinbart. Der Erfolg ist schwierig zu messen. Die öffentliche Entwicklungshilfe belief sich 2012 auf knapp 126 Milliarden Dollar - mehr als im Jahr 2000, aber weniger als noch 2011. Deutschland war 2012 mit 13,1 Milliarden Dollar nach den USA und Großbritannien das drittgrößte Geberland. Der Anteil der Entwicklungshilfe an der Wirtschaftsleistung der Geberländer ist im Vergleich zu 1990 nicht gestiegen, zwischenzeitlich lag er sogar deutlich unter dem damaligen Wert, so auch in Deutschland. Wie andere europäische Länder hat sich Deutschland verpflichtet, den Anteil bis 2015 auf 0,7 Prozent zu heben, aktuell liegt er aber bei nur etwa 0,4 Prozent.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte auf der New Yorker Vollversammlung: "Viele der Ziele könnten noch erreicht werden, wenn jetzt alle Kräfte mobilisiert werden." Die Uno plant bereits ein Nachfolgeprogramm der Millenniumsziele. Für September 2015 ist ein großer Entwicklungsgipfel geplant, auf dem neue Ziele verabschiedet werden sollen.

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1.
thomas_gr 01.10.2013
Dollar abwerten und schon hat jeder mehr als 1 Dollar am Tag. So geht Entwicklungshilfe heute. Wir sollten auch wieder hyperinflationieren damit die Milliardärsquote in Deutschland wieder zu nimmt. Kann ja nicht sein, dass es in 1920er mehr Millionäre und Milliardäre als heute gibt. zwinker
2. Das ist Fortschritt mit....
joG 01.10.2013
....der Kehrseite größerer Konkurrenz um Löhne. Dass mehr Menschen nun Jobs haben bedeutet, dass in der OECD die (hohen) Löhne weniger steigen können. Persönlich finde ich diese Entwicklung besser, als wären die Menschen da draußen weiterhin außen vor. Aber hier in Europa gibt es natürlich dadurch auch Verlierer.
3. Extreme Armut sinkt weltweit
wurzelbär 01.10.2013
nur in Deutschland steigt sie nachweislich. Mittelstandspleiten, Ich-AG Pleiten, eine Million Wohnungen ohne Strom, etc. etc. Ohne Hartz IV hätten wir in Deutschland durch den staatlichen, gesellschaftlichen Umbau zur Volksverarmung - den internen Konflikt. Nur der Glaube und die Hoffnung des intelligenzbefreiten hält die soziale Ruhe aufrecht.
4. zahlenspiel
axelsius 01.10.2013
extreme armut liegt also mit 1,26 dollar tageseinkommen nicht mehr vor. das stelle man sich bitte mal vor. also alles eine frage der definition. obendrein hilft die tatsächliche inflationsrate wohl auch hier bei der theoretischen schönrechnerei. nach 22 jahren 25% im ansatz. da kann man sich leicht die jährliche rate ausrechnen. bitte nicht den zinseszins vergessen! halbierung der extremen armut... alles äußerst fragwürdig.
5. Armut lohnt sich für die Autokraten
gladwell 01.10.2013
Extreme Armut sinkt überall auf der Welt, nur nicht nicht in Afrika.Je bedürftiger ein Land ist, desto mehr können die Regierenden kassieren. Armut lohnt sich. Sie ist ein Trumpf bei den Forderungen nach Entwicklungshilfe.Afrikaner, die zur Lösung eines Problems zuerst mal die Angebote der ausländische Hilfsorganisation vergleichen, haben gar keinen Grund für Eigenverantwortung.Wachsende Geldströme von außen lösen die Armutsprobleme nicht, im Gegenteil. Die Umverteilung von Nord nach Süd zerstört Anreize, verschüttet oft lokale Potenziale und verführt gute Leute dazu, ihr Glück in der Entwicklungshilfe statt im Unternehmertum zu suchen. Die politisch peinliche Debatte" Wie ist der richtige Umgang mit autokratischen Regierungssystemen?" wird nicht geführt. Ungelöst ist die Frage wie auf die Demokratie-,Menschenrechts- und Rechtsstaatdefizite in Afrika reagiert werden muss. Volker Seitz, Botschafter a.D. und Buchautor
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