Von Christian Teevs
Hamburg - Kurz bevor es ernst wird, haben die Arbeitgeber noch ein paar Millionen Franken lockergemacht. Schweizer Unternehmerverbände starteten die millionenschwere Kampagne "Mehr Ferien = Weniger Jobs". Überall im Land prangt nun der Slogan in großen Lettern - in Zeitungen, auf Plakaten, an Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen. Das Ziel: Eine Volksinitiative, die sechs statt wie bislang vier Wochen Mindesturlaub vorsieht, soll abgelehnt werden.
Am Sonntag stimmen die Schweizer genau darüber ab. Hinter der Aktion steht die Gewerkschaft Travail.Suisse. Die Erhöhung der Urlaubsansprüche soll gestaffelt laufen - also zunächst eine Woche mehr und dann soll pro Jahr ein weiterer Tag dazu kommen. Die sechs Wochen wären dann 2018 erreicht.
Wer kann dazu schon nein sagen? Vermutlich die Schweizer. Umfragen zufolge lehnt eine deutliche Mehrheit die Urlaubsinitiative ab, zuletzt sprachen sich in einer Befragung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks SRG knapp zwei Drittel dagegen aus.
Der Initiative droht am kommenden Sonntag damit das gleiche Schicksal wie ähnlichen Ideen der Vergangenheit. Die Schweizer votierten in den vergangenen 25 Jahren mehrmals gegen Vorhaben, die ihnen mehr Urlaub und weniger Wochenarbeitszeit beschert hätten. Vor zehn Jahren etwa wurde eine Initiative des Gewerkschaftsbunds für die 36-Stunden-Woche mit überwältigenden 74,6 Prozent abgelehnt. In keinem der 26 Kantone gab es damals eine Mehrheit für das Vorhaben.
Warum ist das so? Wieso sträuben sich die Schweizer gegen mehr Freizeit? Dafür lohnt zunächst ein Blick auf den Ist-Zustand: In der Schweiz gelten wie in Deutschland 20 Tage Mindesturlaub. Doch da viele Betriebe und Branchen ihren Mitarbeitern mehr freie Tage gewähren, liegt der Durchschnitt bei 25 Tagen.
Auch das ist aber weniger als in Deutschland. Hierzulande hat ein Arbeitnehmer im Schnitt 30 Tage bezahlten Urlaub. Der Soziologe Kurt Imhof hält die protestantische Arbeitsethik der Schweizer für entscheidend: "Arbeit gilt als sinnstiftend. Nur wer arbeitet, führt ein erfülltes Leben - diese Haltung ist in der Gesellschaft tief verankert."
Eine auch für Deutschland relevante Erkenntnis. Denn in der Bundesrepublik werden Volksentscheide auf Bundesebene ja immer wieder mit dem Argument abgelehnt, man könnte die Bürger nicht über niedrigere Steuern oder eben kürzere Arbeitszeiten abstimmen lassen. Doch offenbar ziehen zumindest die Schweizer Bürger sehr wohl auch die langfristigen Folgen von kurzfristigen Wohltaten ins Kalkül.
Totschlagargumet Wettbewerbsfähigkeit
Den Optimismus der Gewerkschaften, mit der Initiative zumindest eine Debatte über Stress und Überlastung ausgelöst zu haben, hält Imhof ebenfalls für übertrieben. Denn es komme noch ein zweiter Punkt dazu, sagt der Professor von der Uni Zürich. Im Kleinstaat Schweiz herrsche eine große Furcht, Wirtschaftskraft an das übermächtige europäische Ausland zu verlieren. "Die Arbeitgeber nutzen die Wettbewerbsfähigkeit als Totschlagargument. Da haben die Gewerkschaften kaum Chancen."
Hintergrund ist der starke Schweizer Franken, der Exportindustrie und Tourismus in den vergangenen zwei Jahren zugesetzt hat. Obwohl die Notenbank im September einen Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro
festgelegt hat, ist die Währung immer noch sehr hoch bewertet. Ein realistischer Euro-Kurs, unter dem die heimische Wirtschaft nicht mehr leiden würde, müsste mindestens bei 1,35 Franken liegen, schätzen Experten. "Die Kosten für die Unternehmen steigen, die Einnahmen aus dem Export sinken", sagt Ruth Derrer vom Schweizer Arbeitgeberverband. "Zwei Wochen mehr Ferien könnten das Fass zum Überlaufen bringen." Was sie meint: Schweizer Firmen könnten Produktionsstätten und damit Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.
Martin Flügel, Chef der Gewerkschaft Travail.Suisse, nennt das zwar unglaubwürdig. Schließlich seien die Schweizer Arbeitskosten bereits jetzt so hoch wie nirgendwo sonst in Europa - und die Unternehmen wanderten dennoch nicht ab. Doch Flügel weiß auch, dass seine Initiative es schwer hat angesichts der Furcht der Schweizer vor einer Verschlechterung der Lebensstandards.
Mehr Erfolg könnte übrigens eine Initiative für einen gesetzlichen Mindestlohn haben. Der Schweizer Gewerkschaftsbund hat die nötigen Unterschriften für eine Abstimmung bereits eingereicht. Der Soziologe Imhof kann sich einen Erfolg anders als bei der Ferieninitiative durchaus vorstellen. "Die Schweizer haben eine Abneigung gegen zu große Lohnunterschiede. Das wird als unsittlich wahrgenommen."
Von dem Niveau, das den Schweizer Gewerkschaftern vorschwebt, können die deutschen Arbeitnehmer nur träumen. Abgestimmt werden soll über einen Mindestlohn von 4000 Franken pro Monat. Das entspräche einem Stundenlohn von 22 Franken, umgerechnet rund 18,50 Euro.
Mit Material von dpa
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