Vermögensverteilung Wenn FDP-Wähler zu Sozialisten werden

Wie gerecht sind die Vermögen in Deutschland verteilt? Viel ungerechter, als die meisten Menschen glauben. Laut einer Umfrage wünschen sich Anhänger aller Parteien mehr Gleichheit - sogar FDP-Wähler.

Gehobene Einkaufsstraße in Frankfurt am Main
Bloomberg via Getty Images

Gehobene Einkaufsstraße in Frankfurt am Main

Ein Beitrag zur Themenwoche "Soziale Gerechtigkeit" von und


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Wenn es darum geht, wie gerecht eine Gesellschaft ist, spielt die Verteilung des Vermögens eine wichtige Rolle: Ballt sich der Wohlstand bei nur wenigen Reichen, und der Rest besitzt kaum etwas? Oder ist der Wohlstand gleichmäßiger verteilt, und eine große Mehrheit verfügt über ein beruhigendes Polster?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Was aber unter einer gerechten Vermögensverteilung konkret zu verstehen ist, darüber gehen die Ansichten auseinander - sie hängen unter anderem von der politischen Einstellung ab. Umgekehrt kann die Einschätzung, wie gerecht das Vermögen in der Gesellschaft verteilt ist, diese politische Einstellung beeinflussen.

Forscher der Universität St. Gallen haben diese Wechselwirkung in einer Umfrage untersucht, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Das Team um Ökonomieprofessor Andreas Herrmann ließ mehr als 1500 Wahlberechtigte abschätzen, wie das Vermögen in Deutschland derzeit verteilt ist. Anschließend wurden die Teilnehmer befragt, welche Verteilung sie als gerecht empfinden und welche Partei sie wählen würden. Die Befragten waren in Bezug auf Alter, Geschlecht und Haushaltseinkommen repräsentativ für die gesamte Bevölkerung.

Die zentrale Erkenntnis der Umfrage: Die Wähler unterschätzen die tatsächliche Ungleichheit bei den Vermögen drastisch - und wünschen sich trotzdem eine wesentlich gleichmäßigere Verteilung:

Während die Befragten also im Schnitt davon ausgingen, dass das reichste Fünftel 53 Prozent des Nettovermögens besitzt, waren es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2013 sogar 74 Prozent. Das Nettovermögen berechnen die amtlichen Statistiker, indem sie das Geldvermögen (Bankkonten, Wertpapiere, Lebensversicherungen) und den Immobilienbesitz addieren und davon die Schulden und Hypotheken abziehen. Daher dürfte sich der Wohlstand in Wirklichkeit noch massiver beim obersten Fünftel ballen. Denn in die Statistik fließen weder Betriebsvermögen noch Sachvermögen in Form von Schmuck, Kunstsammlungen oder Gold mit ein.

Beim ärmsten Fünftel vermuteten die Befragten immerhin noch knapp fünf Prozent des gesamten Nettovermögens - statistisch besitzen die unteren 20 Prozent gemeinsam jedoch weniger als nichts, in der Summe sind ihre Schulden also höher als der Wert ihres Besitzes. Nur ein Prozent des Nettovermögens entfällt auf die ärmere Hälfte der Bevölkerung, die restlichen 99 Prozent auf die reichere Hälfte.

Für wünschenswert hielten die Befragten eine selbst im Vergleich zu ihrer Schätzung wesentlich gleichmäßigere Verteilung - wenn auch keine völlige Gleichheit. Dem reichsten Fünftel standen sie 30 Prozent des Vermögens zu, dem ärmsten Fünftel 13 Prozent.

Eine Möglichkeit, diese Aufteilung der Vermögensanteile in einer einzigen Kennziffer zusammenzufassen, bietet der Gini-Koeffizient: Liegt dieser bei null Prozent, haben alle exakt gleich viel Vermögen. Liegt er bei 100 Prozent, besitzt eine einzige Person das gesamte Vermögen.

Bereits die Diskrepanz zwischen der tatsächlich vorhandenen (Gini-Koeffizient von 74 Prozent) und der von den Wahlberechtigten wahrgenommenen Ungleichheit bei den Vermögen (44 Prozent) ist also enorm. Noch einmal deutlich größer ist der Abstand zu der von ihnen als ideal bewerteten Verteilung (Gini-Koeffizient von 17 Prozent).

Dabei sind sich die Anhänger ausnahmslos aller Parteien zwar darin einig, dass sich die Vermögen wesentlich gleichmäßiger verteilen sollten - und doch bestehen Unterschiede: Die Wähler der FDP halten eine mehr als doppelt so hohe Ungleichheit für ideal (Gini-Koeffizient von 23 Prozent) als die Wähler der Piratenpartei (11 Prozent). Damit sticht die Anhängerschaft der wirtschaftsliberalen FDP heraus. Die Wähler der Union liegen mit ihren Vorstellungen jedenfalls näher bei den Anhängern von SPD, Grünen, der AfD und sogar der Linken als bei denen des eigentlich bevorzugten Koalitionspartners.

Allerdings wirkt selbst die Idealvorstellung der FDP-Wähler gemessen an der tatsächlichen Situation geradezu sozialistisch. In der Grafik können Sie die geschätzte und die reale Ungleichheit zum Vergleich zusätzlich einblenden.

Die Forscher der Universität St. Gallen ermittelten auch einen Zusammenhang zwischen dem gewünschten Ausmaß der Vermögensungleichheit und der Präferenz bei der Kanzlerschaft. Wer sich Angela Merkel weiterhin als Regierungschefin wünscht, toleriert im Schnitt eine leicht höhere Ungleichheit als Wähler, die Martin Schulz als Bundeskanzler bevorzugen.

Wer eine der Volksparteien - Union und SPD - wählt, schätzt die existierende Ungleichheit bei den Vermögen übrigens etwas geringer ein als die Wähler der anderen Parteien, so ein weiterer Befund der Umfrage - die Wahrnehmung entsprach jeweils einem Gini-Koeffizienten von 42 Prozent. Am höchsten (47 Prozent) wurde die Ungleichheit dagegen ausgerechnet von den Wählern zweier Parteien eingeschätzt, die in Verteilungsfragen am weitesten auseinanderliegen: die Linke und die FDP.

insgesamt 177 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hegoat 31.07.2017
1.
Die Deutschen brauchen sich nicht beschweren. Jeder kann im September sein Kreuzchen so setzen, dass die Ungleichheit bekämpft wird. Macht aber kaum einer. Selbst Schuld.
allessuper 05.08.2017
2. Na klar, seit Dr. Gysi dem Mittelstand erklärt hat
wer die Zeche zahlt, da unsere Regierung nur den Konzernen und Multinationalen in die Hände spielt, während die Mitte der Gesellschaft blecht, könnte es sein, dass selbst eine FDP endlich kapiert, was gespielt wird. Wäre ja Zeit. Man weiß, die sind da nicht wirklich erleuchtet, aber gut Ding will Weile usw.
mikn1000 05.08.2017
3. Natürlich kann man seine 2 Kreuzchen bei der Wahl anders setzen
jedoch wählt man leider immer Politiker (die dann Fraktionspolitik machen) oder Parteipolitiker über Listenplätze. Somit auch deren gesamtes Wahlprogramm. Dieses transformiert sich über den Koalitionsvertrag anschließend in eine vollkommen neue Fantasiewelt. Vielleicht sollten die Wähler auch die Leitlinien vorgeben (Erststimme) und per Zweitstimme die Politiker wählen, denen man zutraut die Leitlinien auch "handwerklich" zu realisieren.
yvowald@freenet.de 05.08.2017
4. An den Früchten des Erfolgs sollten alle teilhaben
Zitat von hegoatDie Deutschen brauchen sich nicht beschweren. Jeder kann im September sein Kreuzchen so setzen, dass die Ungleichheit bekämpft wird. Macht aber kaum einer. Selbst Schuld.
Leider gibt es noch immer Wählerinnen und Wähler, die eigentlich uninformiert sind - politisch gesehen. Diese Klientel wählt überwiegend wie die Generation ihrer Eltern. Deshalb besitzen die Unionsparteien in Deutschland nach wie vor eine strukturelle Mehrheit. Natürlich weiß jede/r erwachsene Deutsche, daß es - nicht nur hierzulande - absolut ungerecht zugeht. Da zahlen diejenigen, die aus ihrem Vermögen (Aktien und sonstige Wertpapiere) leben, eine Einkommenssteuer von nur 25 Prozent. Da dürfen sich Multi-Millionärinnen und -Millionäre künstlich arm rechnen und dadurch ihre eigentliche Steuerschuld deutlich absenken. Wer hat denn die Multi-Millionärs-Familien oder gar Milliardärs-Familien so reich gemacht? Doch nicht die Lotto-Gesellschaften? Es waren wir, die arbeitende Bevölkerung, die den Besitzenden üppige Gewinne bescherten, während unsere Löhne und Gehälter nur mäßig angestiegen sind - wenn überhaupt. Das wissen insbesondere auch intelligente FDP-Wählerinnen und FDP-Wähler und möchten an den Früchten des wirtschaftlichen Erfolgs (Sozialprodukt) teilhaben, auf gerechte Weise. Ob sich allerdings eine FDP-Bundestagsfraktion für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen wird, dürfte zweifelhaft sein. Bisher durften nur Hotel- und Gastgewerbebetriebe profitieren....
Schlaukeks 05.08.2017
5. Lieber der Ärmste unter Reichen als der Reichste der Armen
Da alles relativ ist stellt sich also die Frage, wozu man einen Zustand vergleicht. Wenn Sie der Ärmste sind aber trotzdem 10 Mio Euro auf dem Konto haben und sich alles dafür kaufen können was Sie wollen und brauchen, dann ist es eben doch besser als der Reichste der Armen zu sein und jeden 2. Tag mit dem Tod zu kämpfen, obwohl die anderen noch ärmer sind und das jeden Tag tun müssen. Ich glaube der Beitrag zielt indirekt eher darauf ab, ob ein Zustand gefühlt gerecht ist ? ;) Soziale Gerechtigkeit Go Martin Go!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.