Piketty-Report über weltweite Ungleichheit Der große Graben

Arm und Reich driften auseinander: Zu diesem Schluss kommt ein neuer Bericht über Ungleichheit in aller Welt. Was steht darin über Deutschland, was über mögliche Konsequenzen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wellblechhütten und Wolkenkratzer in Panama City
REUTERS

Wellblechhütten und Wolkenkratzer in Panama City

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Wie groß ist die Ungleichheit? Kaum eine ökonomische Frage wurde in den vergangenen Jahren hitziger debattiert. Angestoßen hatte die Diskussion 2013 der französische Ökonom Thomas Piketty. In seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" kam er zu dem Schluss, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten stark vergrößert habe. Das bescherte dem Franzosen große Aufmerksamkeit, aber auch Kritik an Methodik und Thesen.

Jetzt hat Piketty nachgelegt. Gemeinsam mit gut 100 anderen Wissenschaftlern stellte er erstmals einen "Bericht zur weltweiten Ungleichheit vor". Dieser konstatiert eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, auch in Deutschland.

So kamen 2013 die obersten zehn Prozent auf 40 Prozent des Gesamteinkommens in der Bundesrepublik, die untere Hälfte der Bevölkerung dagegen nur auf 17 Prozent. Dasselbe Gefälle gab es bereits 1913. "Dass man eine Linie zum Kaiserreich ziehen kann, hat mich überrascht", sagte die an der Studie beteiligte Ökonomin Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dem SPIEGEL.

Doch wie kommt es zu solchen Entwicklungen? Was könnten Konsequenzen sein? Die wichtigsten Antworten.

Was haben die Forscher gemessen?

Die Forschergruppe untersuchte, wie sich weltweit die Verteilung von Einkommen und Vermögen entwickelt hat. Sie nutzten dabei die nach eigenen Angaben weltweit umfassendste Datenbank, die 2011 eingerichtet wurde. Sie enthält sowohl offizielle Daten wie etwa Steuerbescheide oder Haushaltsbefragungen als auch Informationen aus Datenlecks zu sogenannten Offshore-Vermögen. Insgesamt wurden für die Analyse mehr als 175 Millionen Datenpunkte ausgewertet.

Thomas Piketty
DPA

Thomas Piketty

Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf Schwellenländern, aus denen es bislang oft kaum Daten gab. Vor diesem Hintergrund sei es "kein einfaches Unterfangen", die Daten verschiedener Länder in Einklang zu bringen, heißt es in dem Bericht. Man stütze sich jedoch auf eine "wegweisende Methode", um alle Datenquellen zu kombinieren.

Die mangelhafte Quellenlage, besonders zur Entwicklung von Vermögen, war Piketty schon nach Veröffentlichung seines Buches vorgeworfen worden. Der Ökonom hielt seinen Kritikern im Gegenzug vor, sich selbst zu sehr auf offizielle Statistiken zu stützen, welche die Vermögen von Superreichen nicht ausreichend abbilden - weil diese eher selten an Umfragen teilnehmen.

Was sind die wichtigsten Befunde?

Grundsätzlich deckt sich das Ergebnis mit Pikettys früheren Analysen: Sowohl bei Einkommen als auch Vermögen hat die Ungleichheit demnach in den letzten Jahrzehnten in fast allen Weltregionen zugenommen. Allerdings vollzieht sich die Entwicklung in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und unterscheidet sich je nach Weltregion erheblich.

So besitzen die obersten zehn Prozent in Europa 37 Prozent und in China 41 Prozent am Gesamteinkommen. In Brasilien oder Indien sind es hingegen jeweils 55 Prozent und der Nahe Osten kommt als Region mit der höchsten Ungleichheit sogar auf 61 Prozent. Dass die Ungleichheit in einem Land wie Russland viel abrupter anstieg als in China oder Indien liegt den Forschern zufolge auch daran, dass die Asiaten ihre Märkte behutsamer deregulierten und öffneten.

Eine wachsende Kluft konstatierten die Wissenschaftler auch bei den Vermögen, vor allem in USA und Russland gebe es einen "extremen Anstieg". So besaß das reichste Prozent der US-Amerikaner im Jahr 1980 noch 22 Prozent des Gesamtvermögens, im Jahr 2014 waren es bereits 39 Prozent.

Eine von Pikettys zentralen Thesen lautet, dass die Einkünfte aus Kapital in der Vergangenheit meist schneller wuchsen als jene aus Arbeit, was Ungleichheit vergrößerte. "Hauptursache der ökonomischen Ungleichheit ist die ungleiche Verteilung von Kapital, das sich entweder in privater oder in öffentlicher Hand befinden kann", heißt es auch im Bericht.

Seit den Achtzigerjahren seien durch Privatisierungen in fast allen Länder vormals öffentliche Vermögen in private Hände gewandert. Inzwischen liege das öffentliche Vermögen in den reichen Ländern "nahe null oder gar im negativen Bereich." Dadurch verringere sich der Spielraum der Regierungen, der Ungleichheit entgegenzuwirken.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Auch für Deutschland konstatieren die Forscher eine zum Teil erheblich gewachsene Ungleichheit. Zu den Gewinnern gehören dabei die Besitzer von Unternehmen, die in Deutschland überdurchschnittlich oft in Familienhand sind. DIW-Forscherin Bartels beobachtete unter anderem eine Korrelation zwischen steigenden Ausfuhren und den Einkommen des obersten Prozents. "Man könnte daraus folgern, dass unser Status als Exportweltmeister vor allem den Topverdienern zugutekommt."

Deutschlands Wirtschaftsstruktur trägt auch dazu bei, dass Normalbürger seltener als etwa in den USA über Aktien am Erfolg der Wirtschaft beteiligt sind, denn viele deutsche Mittelständler sind nicht an den Börsen notiert. "Wenn man sein Arbeitseinkommen am Kapitalmarkt anlegen will, hat man nicht so viel Auswahl", sagt Bartels. Auch zwischen der schwindenden Macht von Gewerkschaften und zunehmender Ungleichheit scheine es eine Wechselwirkung zu geben.

Einen schwindenden Anteil am wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland hat die untere Hälfte der Einkommensbezieher. Bei ihr kam laut Bartels in den Sechzigerjahren noch immerhin ein Drittel der Gesamteinkommen an. Mittlerweile ist es nur noch knapp ein Sechstel.

Nicht enthalten in diesen Zahlen ist allerdings die Umverteilung über Sozialleistungen, die in Deutschland vergleichsweise gut funktioniert. Hinzu kommt, dass die Mittelschicht Bartels zufolge in Deutschland einen relativ stabilen Anteil von etwa 40 Prozent am Gesamteinkommen hat. In Deutschland driften also vor allem das obere und untere Ende der Einkommensskala auseinander.

Was lässt sich gegen die Ungleichheit tun?

Es gebe "kein wissenschaftlich erwiesenes Idealmaß an Ungleichheit", räumen die Autoren ein, deshalb könne es auch keine allseits akzeptierten Konsequenzen geben. Dennoch machen sie eine Reihe von Vorschlägen, wie sich Ungleichheit minimieren ließe. Dazu gehört etwa ein globales Finanzregister, das die Eigentümer von Vermögenswerten erfasst und somit Steuerflucht und Geldwäsche erschwert.

Wissenschaftlich erwiesen sei auch, dass progressive Steuersätze Ungleichheit reduzierten. Zwar steigen schon heute in Deutschland und in vielen anderen Ländern die Steuersätze in Abhängigkeit vom zu versteuernden Einkommen an. Allerdings sei die Progression von 1970 bis Mitte der 2000er-Jahre in den reichen Ländern und auch einigen Schwellenländern drastisch reduziert worden.

Nicht zuletzt sollten Regierungen laut Piketty und Co. in die Zukunft investieren, etwa in bessere Bildung. Das sei angesichts der "Verarmung und Verschuldung" reicher Länder aber derzeit nicht leicht. Deshalb müsse auch über andere Möglichkeiten des Schuldenabbaus nachgedacht werden - wie "die Besteuerung von Vermögen, Schuldenerlasse und Inflation".



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Glip 14.12.2017
1. Weltrevolution?
Warum hören wir seit Ewigkeiten immer das Gleiche? Weil hier immer noch befeuert durch Neiddebatten von der Weltrevolution geträumt wird? Von der Weltrevolution sind wir zum Glück weiter entfernt denn je. Und kämme sie würde die Welt in Anarchie und Chaos versinken, so wie einst Russland das dann dagegen zum Laborversuch wird.
haarer.15 14.12.2017
2. Wachsende Ungleichheit
Unangenehme Wahrheiten. Der Piketty-Report sollte eigentlich die Regierenden, aber auch klassische Ökonomen hierzulande auf den Plan rufen. Wo sind sie, was hört man von denen ? Den Schuss noch nicht gehört ? Klar, dass solche Wahrheiten vom Establishment gerne unter den Teppich gefegt werden. Man will die Masse ja nicht beunruhigen. Die auseinanderlaufende Schere zwischen Arm und Reich ist aber längst kein Randthema mehr. Solange diese Probleme nur weiter ausgesessen werden, so wird uns das innergesellschaftlich absehbar um die Ohren fliegen. Erste Anzeichen sehen wir doch schon.
Alias_aka_InCognito 14.12.2017
3.
Die Ungleichheit der Vermögen ist nur dann ein Problem, wenn die elementarsten Bedürfnisse des weniger vermögenden Teils der Bevölkerung nicht gedeckt ist. Dies ist aber auch in den reichen Ländern nicht der Fall, denn der Wohlfahrtsstaat ist gut ausgebaut in westlichen Ländern Europas, auch in den USA sind bis zu 5 Jahre Sozialhilfe möglich, Arbeitslosengeld gibt dort auch. Eher gibt es das Problem in der zweiten und dritten Welt, dass die Grundbedürfnisse großer Teile der Bevölkerung nicht gedeckt ist und die Armut desperat ist. Nur die bloße Ungleichverteilung des Vermögens ist an sich kein Zustand, der ein großes Problem darstellt, es ist mehr ein Thema von Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern kleiner Parteien, die mit diesem Thema auch ihr Berufung gefunden haben und immer wieder auf Tapet bringen. Die Medien nehmen diesen Ball dankbar auf. Die Entwicklung der Ungleichheit der Vermögen ist ein Symptom, dass sich wechselseitig und auch in Abhängigkeit voneinander hochschaukelt mit der Auseinanderentwicklung von gesellschaftlichen Schichten und Milieus. Wie im Artikel von Herrn Fleischhauer deutliche wird, nimmt der Bildungsgrad von einem signifikanten Teil der Bevölkerung rapide ab und es entwickeln sich Gesellschaftsschichten, die eine eigene Subkultur bilden. Diese Entwicklung birgt aber auch ein wachsenden Gefahrenpotential, da sich immer weiter sozialer Sprengstoff ansammelt, wo nur ein Auslöser eine fatale und zerstörerische Entwicklung anstoßen könnte. Diese Abwärtsspirale aus mangelnder Bildung, in der die Vermögensungleichverteilung nur ein Sekundärerscheinung ist, ist viel wichtiger und gravierender, da die Entwicklung von Unzufriedenheit, Wut und Apathie den sozialen Frieden in einem bedrohlichen Maß gefährdet. Durch Geldumverteilung lässt sich dieses Problem nur bedingt lösen, da die geistige Armut nicht mit Geld zusammenhängt. Ein jeder ist selbst für seine Bildung und der Bildung seiner Nachkommen verantwortlich. Bildung ist Vermögensaufbau, dass der Staat nicht als Aufgabe übernehmen kann. Denn der Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selber schafft.
Teigkonaut 14.12.2017
4. Entwicklungen die Fragen aufwerfen
...Inzwischen liege das öffentliche Vermögen in den reichen Ländern "nahe null oder gar im negativen Bereich" (Zitat Ende). Weshalb hat die öffentliche Hand ihr Vermögen eigentlich verzehrt? Liegt das vielleicht auch daran, dass die Schuldenmacherei übliches Geschäftsgebahren der Finanzminister und Kämmerer geworden ist? Um nicht von den Schulden erdrückt zu werden mussten die Kommunen doch über Jahrzehnte ihr Vermögen veräußern. Heute ist das Gejammer groß, weil keine Gemeinde mehr in der Lage ist Engpässe auf dem Wohnungsmarkt mit kommunalen Wohnungen abzumildern. Vielleicht sollten wir alle mal unsere Ansprüche an den Staat überdenken.
freigeistiger 14.12.2017
5. Unsinn
Zitat von GlipWarum hören wir seit Ewigkeiten immer das Gleiche? Weil hier immer noch befeuert durch Neiddebatten von der Weltrevolution geträumt wird? Von der Weltrevolution sind wir zum Glück weiter entfernt denn je. Und kämme sie würde die Welt in Anarchie und Chaos versinken, so wie einst Russland das dann dagegen zum Laborversuch wird.
Ihr Beitrag ist absoluter Unsinn und reine Polemik. Anderes Thema: Ausgeglichene und ähnliche Lebensverhältnisse ergeben sich immer aus dem Ausgleich von Kräften. "Soziale Marktwirtschaft ist die breite Verteilung von Einkommen und Vermögen" (Ludwig Erhard) setzt starke Gewerkschaften und eine breite Demokratie, die alle Gesellschaftsgruppen vertritt, als Gegenpole zu Unternehmen voraus. Wer kann, nutzt seine Machtstellung aus. Dass ist so. Merkels Favorisierung von einer "wirtschaftsorientierten Demokratie" heißt die Feudalherrschaft des Kapitals. In einer aufgeklärten Gesellschaft muss es heißen "eine menschen- und gesellschaftsorientierten Demokratie". Damit ist eine gesellschaftliche Ökonomie mit eingeschlossen. Nicht der der Anteilseigner. Bürgerinnen und Bürger müssen aber auch selber für ihre Interessen eintreten. Sonst unterliegen sie den Bestimmungen Anderer.
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