Unionsvorschlag Experten zweifeln am Zwei-Bett-Vorteil

Die Union wagt einen Vorstoß für mehr Rechte von gesetzlich Versicherten: Nach Plänen des Gesundheitsexperten Jens Spahn gibt es bald nur noch Zweibettzimmer in den Kliniken. Doch der populäre Vorschlag wirft neue Probleme auf, warnen Fachleute.

OP-Bereich des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt: Politik der Kosmetik
dapd

OP-Bereich des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt: Politik der Kosmetik

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Berlin - Die Zeiten der Zumutungen für Kassenpatienten sollen nun erst mal ein Ende haben. 8,5 Milliarden Euro haben die Beitragszahler in den vergangenen Jahren zusätzlich an Kliniken und Ärzte überwiesen. Nun sollen die Mediziner ein bisschen davon zurückgeben - so sieht es zumindest der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn. Er will die Kliniken dazu zwingen, die Schlafsäle für Kassenpatienten abzuschaffen und stattdessen nur noch Zweibettzimmer anzubieten. "Kassenpatienten müssen in vielen Fällen noch zu viert in einem Zimmer liegen. Das wird den Bedürfnissen der Menschen einfach nicht mehr gerecht".

Mit seinem Vorstoß gibt der Politiker die Richtung für die Verhandlungen zum neuen Versorgungsgesetz vor, das die schwarz-gelbe Koalition im Januar in Angriff nehmen will. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe soll prüfen, auf welche Weise die ärztliche Versorgung im ambulanten wie im stationären Bereich zu verbessern ist.

Auf dem Zettel stehen dabei bereits Kontrollmechanismen für die von Ärzten erbrachten Leistungen, die der Patient auf einer Art Lieferschein quittieren soll und der verstärkte Kampf gegen Keime in Krankenhäusern. Nach Spahns Aussagen wird die Koalition jede einzelne Klinik dazu verpflichten, die Zahl der Infektionen zu veröffentlichen, die durch Krankenhauskeime entstanden sind.

Doch die Zweibettzimmer-Idee dürfte bei vielen Patienten auf das größte Interesse stoßen. Denn nicht nur für Schwerkranke ist die Vorstellung, mit mehreren fremden Leuten den Raum zu teilen, der blanke Horror. Auch die gesetzlichen Krankenkassen können etwas mit dem Vorschlag anfangen: "Wenn dadurch die Patienten auch noch ohne Mehrkosten besser untergebracht werden, dann ist dies zu begrüßen", sagt Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands.

Versorgung nicht zwangsläufig besser

Doch der Koalitionspartner ist zurückhaltender. "Wir haben die Vorschläge von Herrn Spahn zur Kenntnis genommen", sagte ein Sprecher von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) lediglich. Gemeinsam mit Ländern und Verbänden würden die Ideen für das geplante Versorgungsgesetz in einer Kommission geprüft. FDP-Gesundheitsexpertin Ulrike Flach hält die Umsetzung allerdings für schwierig: "Das fällt in den Bereich der Selbstverwaltung der Länder. Die aber dürften sich dabei vom Bund nicht gerne hereinreden lassen".

Gesundheitsexperten wie der Duisburger Professor Jürgen Wasem hegen sogar Zweifel, dass sich die Versorgung der Patienten dadurch wesentlich verbessern würde. "Derzeit bringen die Zweibettzimmer den Krankenhäusern zusätzliches Geld ein, das sie für Investitionen nutzen können, die andernfalls nicht möglich wären", erklärt er mit Blick auf die Sparpläne in den Kommunen, die dafür eigentlich zuständig wären. Patienten, die sehr krank seien, würden überdies ohnehin schon nach Möglichkeit in Zweibettzimmern untergebracht.

Doch das Argument der Quersubvention birgt für Spahn bereits einen Skandal in sich. "Vierbettzimmer gibt es doch nur noch, damit die Krankenhäuser den Zweibettzuschlag für die Privatversicherten bekommen. Die kann ein Krankenhaus nämlich nur verlangen, wenn es auch noch Vierbettzimmer für gesetzlich Versicherte gibt."

Tatsächlich: Die zusätzlichen Einnahmen für die Zweibettzimmer bringen den Kliniken grob geschätzt zwischen 500 und 600 Millionen Euro pro Jahr ein. Würden jedoch die Drei- und Vierbettzimmer wegfallen, gäbe es für die Kassen keinen Grund mehr, die Aufpreise zu bezahlen. Daher halten die Kliniken an dem System fest, obwohl die Zimmer in Wirklichkeit nur zum Teil noch voll belegt sind.

Spahn-Vorstoß reine Kosmetik

Öffentlich bekennen sich die Betreiber nicht dazu - kritisieren die Unionspläne aber umso schärfer. "Spahn plagt das schlechte Gewissen. Er sollte den Kliniken erst einmal die eine Milliarde Euro zurückgeben, die jetzt per Gesetz den Krankenhäusern genommen wird", sagte Georg Baum von der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Baum spielt damit auf die Gesundheitsreform an, die ab Januar in Kraft tritt und zu harten Einschnitten bei den Kliniken führt. Zwar bekamen die Häuser im vergangenen Jahr einen Extrazuschuss aus dem Bundeshaushalt, und damit indirekt von Deutschlands Steuerzahlern. Doch unter dem Strich sinkt dieser Zuschuss im kommenden Jahr.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat mit den Krankenhausbetreibern jedoch wenig Mitleid. "In den meisten Kliniken ließe sich der Zweibettzimmer-Plan in weniger als einer Woche umsetzen", sagt er und verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamts. Danach stehen in deutschen Kliniken rund 25 Prozent der Betten leer.

Gleichwohl hat er für Spahns Vorstoß nur Spott übrig. "Mit der Bettenidee verfolgt die Union eine Politik der Kosmetik", sagt er. Denn das eigentliche Problem sei die Zwei-Klassen-Medizin, die Privatpatienten noch immer eine wesentlich bessere Versorgung garantiere als Kassenpatienten, selbst wenn sie den Höchstbeitrag bezahlten. "Es ist nur ein geringer Trost, wenn man sich im Zweibettzimmer von einer schlechten Behandlung erholen kann."



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Sawubona 27.12.2010
1. Rapider progredienter Realitätsverlust
Wer solche Vorschläge macht, ist unverzüglich in den Akutbereich einzuweisen!! Wann hat Spahn das letzte Mal als "normaler" Kassenpatient in einem Krankenhaus gelegen? Mein letzter Aufenthalt (Kassenpatient) war in diesem Sommer in einem frischrenoviertem hannoverschen Krankenhaus. Da hatte man aus den bisherigen 6-Bett-Zimmer ohne Nasszelle nun 4-Bett-Zimmer mit Nasszelle gemacht. Bisa erneut Gelder für die nächste entsprechende Renovierung erwirtschaftet werden können, werden Jahrzehnte vergehen! Solche Vorschläge zeigen nur, wie weit weg unsere Politiker sich von der Realität entfernt haben.
chaoskatze 27.12.2010
2. Dummes Gerede
Anstatt solchen Unfug abzusondern, sollte -insbesondere bei "renovierten" oder "neuen" Krankenhäusern- auf Barrierefreiheit geachtet werden. Es ist mir nämlich wurschtpiepegal, ob ich in einem 2- oder Mehrbettzimmer nicht aufs Klo kann, weil es nicht rollstuhlgerecht ist. Bettpfanne für ansonsten mobile RollstuhlfahrerInnen ist eine deutlich größere Zumutung als Liegen im 4-Bett-Zimmer.
RainerHeinrich, 27.12.2010
3. Ist das der Anfang vom Ende?
Zitat von SawubonaWer solche Vorschläge macht, ist unverzüglich in den Akutbereich einzuweisen!! Wann hat Spahn das letzte Mal als "normaler" Kassenpatient in einem Krankenhaus gelegen? Mein letzter Aufenthalt (Kassenpatient) war in diesem Sommer in einem frischrenoviertem hannoverschen Krankenhaus. Da hatte man aus den bisherigen 6-Bett-Zimmer ohne Nasszelle nun 4-Bett-Zimmer mit Nasszelle gemacht. Bisa erneut Gelder für die nächste entsprechende Renovierung erwirtschaftet werden können, werden Jahrzehnte vergehen! Solche Vorschläge zeigen nur, wie weit weg unsere Politiker sich von der Realität entfernt haben.
Ich sehe den Zusammenhang zwischen Ihrem 4 Bettzimmer und dem Vorschlag nur 2 Bettzimmer zukünftig anzubieten und die damit verbundene Kritik an die Politiker nicht. Ich gehe davon aus, dass der Vorschlag realisierbar ist. Das Problem ist jedoch, dass den Chef-Ärzten der unterschiedlichen Disziplinen die Möglichkeit genommen wird die 2-Bettzimmer mit Privatpatienten zu belegen. Damit geht natürlich ein erhebliches Potential an Zusatzeinnahmen verloren. Das Problem ist nicht das 2-Bettzimmer, sondern die Schaffung von mehr 1-Bettzimmern. Wenn man ganz bösartig sein will, ist der Vorschlag eine verdeckte Abschaffung des Privatpatienten. Ich wünsche mir 2-Bettzimmer ohne Chefarztbehandlung. In einem fairen und offenem Wettbewerb wird sich kein Krankenhaus es leisten können eine Zweiklassenmedizin umzusetzen. Ich habe auch Vertrauen zu einem Oberarzt. RainerHeinrich
anon11 27.12.2010
4. .
Zitat von sysopDie Union wagt einen Vorstoß für mehr Rechte von gesetzlich Versicherten: Nach Plänen*des Gesundheitsexperten Jens Spahn gibt es bald nur noch Zweibettzimmer in den Kliniken. Doch der populäre Vorschlag wirft neue Probleme auf, warnen Fachleute. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,736729,00.html
Die gewinnorientierten deutschen Krankenhausbetreiber lassen sich doch nicht die lukrativen Zweibettzimmmeraufschläge durch die Lappen gehen. Das sind Privatunternehmen die Gewinne erzielen wollen, nicht so wie in Schweden wo die Krankenhäuser staatlich sind und keine Gewinnerwartungen haben.
pfleger69 27.12.2010
5. Arbeitsziel "Zwei Betten"
Ein hübsches Ziel: Zweibettzimmer für alle! Was sich der krankenversicherte Wähler allerdings wirklich fragen sollte: Reicht die Begründung, das Vierbettzimmer entspräche nicht mehr den Bedürfnissen eines Menschen, tatsächlich aus? Wer Prioritäten in gesundheitspolitischer Gesetzgebung festlegen möchte, sollte sich besser und gründlicher beraten lassen, wenn praktische Kenntnisse in Medizin und Pflege fehlen. Herr Spahn löscht einen Zimmerbrand, während draussen der Wald in Flammen steht! Der Nachtschwester, die allein 32 kranke Menschen versorgt, ist es sicherlich herzlich egal, ob ihre Patienten auf Vierbett- oder Zweibettzimmern verteilt Hilfe benötigen. Wir brauchen keine Raumrenovierung, wir brauchen Personal!
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