Historischer Uno-Gipfel Die Welt könnte so schön sein

Mehr als 150 Staats- und Regierungschefs kommen zum größten Uno-Gipfel zusammen - mit einer ehrgeizigen Agenda: 17 Entwicklungsziele sollen die Welt bis 2030 von allem Übel befreien. Was davon ist realistisch? Der Faktencheck.

Von , New York

Liebevolle Szene in einem Slum in Islamabad: Den Hunger beenden - Ziel Nummer zwei
REUTERS

Liebevolle Szene in einem Slum in Islamabad: Den Hunger beenden - Ziel Nummer zwei


Normalerweise liegt der Hauptsitz der Vereinten Nationen abends im Dunkeln. Diese Woche jedoch erstrahlte der Komplex am East River in allen Farben: Eine gigantische Lichtschau illuminierte die Fassaden, 39 Stockwerke hoch. Dazu Symbole, Zahlen und Worte: "5 - Gender Equality"; "13 - Climate Action"; "1 - No Hunger."

Das Multimedia-Projekt unter Federführung von Regisseur Richard Curtis ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Bridget Jones") ist der Auftakt zum größten Uno-Gipfel, der je stattgefunden hat: Mehr als 150 Staats- und Regierungschefs werden ab diesem Freitag ein Paket aus sogenannten nachhaltigen Entwicklungszielen beraten, mit denen sie über die nächsten 15 Jahre hinaus eine bessere Welt schaffen wollen.

Hinter dem sperrigen Titel "Sustainable Development Summit" stecken handfeste, doch überambitionierte Vorgaben. Den Millenniumszielen von 2000, die mit durchwachsenem Erfolg abgelaufen sind, folgt somit das nächste Kapitel, das die Welt zusammenführen soll. 17 neue Ziele, 169 Unterziele, drei Missionen: "Extreme Armut beenden; Ungleichheit und Ungerechtigkeit bekämpfen; Klimawandel stoppen."

Schön gesagt. Seit mehr als drei Jahren debattiert, sollen die Ziele am Wochenende verabschiedet werden, von US-Präsident Barack Obama, Russlands Präsident Wladimir Putin, Bundeskanzlerin Angela Merkel und zahllosen Kollegen. Es soll "ein historischer Wendepunkt für unsere Welt" werden, so hofft Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Damit der Mega-Gipfel nicht nur zur Show wird, haben sie einen prominenten Gastredner eingeladen, der den moralischen Anspruch vertreten soll: Kein Geringerer als Papst Franziskus wird das Treffen eröffnen - als erster Papst, der vor der Uno spricht.

Was verbirgt sich wirklich hinter der Agenda? Die 17 Ziele im Überblick - und die Fakten, wie es derzeit um die Probleme steht.

ZIEL: Extreme Armut für alle Menschen soll bis 2030 beendet werden. Armut gemäß nationaler Maßgaben soll mindestens halbiert werden.

REALITÄT: Über Milliarde Menschen hat weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben, die offizielle Messlatte der Weltbank für extreme Armut. Rund 800 Millionen haben nicht genug zu essen.

ZIEL: Hunger und Unternährung sollen bis 2030 beseitigt sein. Alle Menschen sollen Zugang zu "sicheren, nahrhaften und ausreichenden" Lebensmitteln haben, vor allem Arme, Kranke und Kleinkinder.

REALITÄT: Rund 800 Millionen Menschen - rund jeder neunte auf der Welt - haben nicht genug zu essen, die meisten in den Entwicklungsländern, zwei Drittel in Asien. 3,1 Millionen Kinder unter fünf Jahren im Jahr sterben an Hunger.

ZIEL: Epedemien von Aids, Tuberkulose und Malaria sollen bis 2030 beendet werden. Die Müttersterblichkeit soll reduziert werden, vermeidbare Todesfälle von Neugeborenen sollen dann ganz der Vergangenheit angehören.

REALITÄT: Hier ist schon Fortschritt zu spüren. Neue HIV-Infektionen sind von 2001 bis 2013 um 38 Prozent zurückgegangen. Tuberkulose ist auf dem Rückmarsch. Es sterben ca. 17.000 Kinder jährlich weniger als 1990.

ZIEL: Alle Kinder sollen bis 2030 "kostenlose, gleichberechtigte und hochwertige" Grund- und Sekundarschulbildung genießen können. Hochschulen sollen Frauen und Männern gleichermaßen offen sein.

REALITÄT: Nicht mal die Hälfte aller Kinder weltweit haben Zugang zu einer Vorschulerziehung. 2010 gingen knapp 97 Prozent auf eine Grundschule, 63 Prozent auf eine Sekundarschule. Die Einschreibung in Hochschulen stieg vom Jahr 2000 bis 2010 von 19 auf 29 Prozent.

ZIEL: Jede Form der Diskriminierung gegen Frauen und Mädchen soll beendet werden. Ebenso jede Form der Gewalt - samt Sklaverei und sexueller Ausbeutung - sowie Zwangsehen und Genitalverstümmelung.

REALITÄT: Der "Gender Gap" beträgt weltweit 60 Prozent, Gleichberechtigung wird demnach erst 2095 erreicht sein. Am besten ist die Lage in Skandinavien; der Tschad, Pakistan und Jemen sind Schlusslichter. Deutschland liegt auf Platz 12.

ZIEL: Bis 2030 sollen alle Menschen Zugang zu gesundem und bezahlbarem Trinkwasser haben, außerdem zu Sanitär- und hygienischen Anlagen. Die Wasserqualität soll weltweit verbessert und die Einleitung von Schad- und Giftstoffen "minimiert" werden.

REALITÄT: 2,4 Milliarden Menschen - meist in Entwicklungsländern - haben keinen Zugang zu gesunden Trinkwasserquellen. In Angola, Äquatorialguinea und Papua-Neuguinea liegt die Versorgungsrate sogar unter 50 Prozent. 946 Millionen müssen im Freien ihre Notdurft verrichten.

ZIEL: Bis 2030 sollen billige, zuverlässige und moderne Energiequellen "universell zugänglich" gemacht werden. Der Anteil erneuerbarer Energien soll erhöht und die Energieeffizienz verbessert werden.

REALITÄT: Der globale Energieverbrauch hat sich dramatisch erhöht - und verschoben. So ist der Anteil Chinas von 7,9 (1973) auf 19,1 Prozent (2012) gestiegen, der Asiens hat sich von 6,4 auf 12,7 Prozent verdoppelt. Auch CO2-Emissionen dürften bis 2030 weiter ansteigen.

ZIEL: Das globale Wirtschaftswachstum soll aufrechterhalten werden, das Bruttoinlandsprodukt in den am wenigsten entwickelten Ländern um mindestens sieben Prozent pro Jahr ansteigen. Produktivität, Diversifikation und technologische Innovation sollen gefördert werden.

REALITÄT: In vielen, vor allem in kriegsgebeutelten Ländern war das Wirtschaftswachstum 2014 sogar negativ: Libyen (-24 Prozent), Ukraine (-6,8 Prozent), Irak (-6,4 Prozent). Am erfolgreichsten ist Südsudan (36,2 Prozent). Die USA liegen mit 2,4 Prozent im oberen Drittel.

ZIEL: Die Infrastruktur muss verbessert werden, um "den Wohlstand der Menschen" zu fördern. Die Industrialisierung als Beschäftigungsmittel soll vorangetrieben werden.

REALITÄT: Die Industrieproduktion wird dieses Jahr weltweit um im Schnitt 3,5 Prozent ansteigen - doch sehr unterschiedlich. In den Industrieländern beträgt der Zuwachs 2,1 Prozent, in Entwicklungs- und Schwellenländern sogar um 5,2 Prozent. Dort wird jedoch dank globaler Währungsschwankungen mit einem Rückgang gerechnet.

ZIEL: Bis 2030 soll das Einkommenswachstum der unteren 40 Prozent kräftig gesteigert werden. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Einbeziehung soll gefördert werden - unabhängig von Alter, Sexualität, Behinderung, Rasse, Ethnizität, Herkunft oder Religion.

REALITÄT: Die globale Ungleichheit prägt sich immer mehr aus. Dem Global Wealth Report der Credit Suisse zufolge halten die reichsten 0,7 Prozent (Vermögen: pro Kopf mehr als eine Million Dollar) 44 Prozent des weltweiten Nettovermögens. Die reichste Region: Nordamerika.

ZIEL: Bis 2030 sollen alle Menschen Zugang zu adäquatem, sicherem und erschwinglichem Wohnraum sowie Verkehrstransportmitteln haben. Slums sollen "aufgewertet" werden. Die Urbanisierung soll in allen Ländern demokratisch, integriert und nachhaltig erfolgen.

REALITÄT: Schätzungweise 100 Millionen Menschen sind weltweit obdachlos. Laut Habitat for Humanity leben 1,6 Milliarden zudem in nicht adäquaten Unterkünften. Bis 2050 dürften 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, was Slums anschwellen lassen wird.

ZIEL: Ein zehnjähriges Rahmenkonzept, an dem sich alle Länder beteiligen, allen voran die Entwicklungsländer. Bis 2030 sollen die natürlichen Ressourcen nachhaltig und effizient genutzt werden.

REALITÄT: Der globale Konsum steigt parallel zum rapiden Bevölkerungswachstum. Bis 2050 dürfte die Weltbevölkerung neun Milliarden erreicht und der Konsum zugenommen haben. Zugleich sind inzwischen 60 Prozent der Ökoysteme gefährdet.

ZIEL: Ein Vorgriff auf den Pariser Klimagipfel Ende des Jahres: Alle Länder sollen widerstandsfähiger werden gegen Klimagefahren. Der Klimaschutz soll politisch verankert werden. Das zentrale Forum zur Verhandlung des Vorgehens gegen den Klimawandel soll die Uno sein.

REALITÄT: Der Klimawandel ist real. Die zehn wärmsten Jahre in den letzten 134 Jahren ereigneten sich - mit Ausnahme von 1998 - allesamt seit 2000. 2014 war das wärmste Jahr seit allen Messungen. Trotzdem sperren sich viele Länder weiter gegen strenge Klimaschutzmaßnahmen, auch in der ersten Welt.

ZIEL: Bis 2025 soll Meeresverschmutzung aller Art verhindert oder "grundlegend reduziert" werden. Meeres- und Küsten-Ökosysteme sollen nachhaltig gemanagt, beschützt und wiederhergestellt werden.

REALITÄT: Die Ozeane umfassen mehr als 90 Prozent der Lebenszone auf der Erde. 50 bis 80 Prozent allen Lebens finden sich unterhalb der Meeresoberfläche. Sollte sich nichts bedeutsam ändern, werden 2100 mehr als die Hälfte aller Meeresspezies vor der Ausrottung stehen.

ZIEL: Bis 2020 sollen der Erhalt, die Wiederherstellung und die nachhaltige Nutzung der Land- und Frischwasser-Ökosysteme (Wälder, Feuchtgebiete, Berge) gesichert und nachhaltig betreut werden.

REALITÄT: Von 1990 bis 2005 wurden rund 13 Millionen Hektar Land entforstet, meist in tropischen Ländern. Jeden Tag gehen rund 200 weitere Quadratkilometer verloren - das entspricht 18.100 Fußballfeldern.

ZIEL: Die Ansprüche hier sind am höchsten: Gewalt und Tod weltweit reduzieren, Missbrauch, Ausbeutung und Menschenhandel beenden, Rechtsstaatlichkeit auf nationaler und internationaler Ebene fördern und allen Menschen den gleichen Zugang zur Justiz ermöglichen.

REALITÄT: Allein mit der Rechtsstaatlichkeit hapert es weltweit. Ganz oben im Ranking des World Justice Project liegen die skandinavischen Staaten, ganz unten dagegen Kambodscha und Simbabwe, Afghanistan und Venezuela. Deutschland ist immerhin auf Platz 8, die USA landeten auf Platz 19.

ZIEL: Dies alles sollen nicht nur symbolische Ziele sein, sondern auch praktische, die jedes Land aktiv verfolgt. Dazu sollen sich alle offiziell verpflichten und ihre landeseigenen, finanziellen Ressourcen ausbauen. Auch der Nord-Süd-Dialog soll dazu verstärkt werden.

REALITÄT: Wenigstens der Wille ist da: Mehr als 150 Staatschefs haben sich übers Wochenende zum New Yorker Gipfel angesagt.

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Seite 1
HighFrequency 25.09.2015
1.
"Die Welt könnte so schön sein" - klar. Wenn nur der Mensch nicht wäre...
Stega 25.09.2015
2. was sind die Mittel?
was machen wir mit Menschen, die dieses Glück nicht wollen, sondern an ihrem naheliegenden Wohlergehen festhalten wollen? was machen wir mit Menschen, die diese Vision nicht sehen wollen, und dagegen sogar rationale Argumente anführen, die ohne Glaubens-Annahmen nicht entkräftet werden können?
k.schnikow 25.09.2015
3. Kernreaktionen bei niedrigen Energien...
wären die einzige Möglichkeit diese Ziele zu erreichen. Die Erforschung von Kernreaktionen bei niedrigen Energien (Low Energy Nuclear Reactions) wird aber von Seiten der bestehenden Öl-Industrie behindert und belächelt. Dabei haben Forscher bereits nachgewiesen, dass in ultradichtem Wasserstoff Kernreaktionen bei Raumtemperatur stattfinden http://www.gu.se/english/about_the_university/news-calendar/News_detail/?languageId=100001&contentId=1323710&disableRedirect=true&returnUrl=http://www.gu.se/omuniversitetet/aktuellt/nyheter/detalj//smaskalig-karnfusion-kan-bli-ny-energikalla.cid1323710
Amerikanski1234 25.09.2015
4.
Wie lang wird Afrika nun schon von der Uno gerettet? Man sollte meinen, dass Armut und Hunger längst ausgerottet wurden. Vielleicht wäre es ja mal sinnvoll, wenn sich die Bevölkerung Afrikas und anderer Staaten nicht so explosionsartig vergrößern würde. Siehe Uganda: In Sachen BIP pro Kopf rangiert es auf Platz 173, ist also eins der ärmsten Länder der Welt. Gleichzeitig bekommt jede Frau dort im Schnitt 6 Kinder und die Bevölkerung verdoppelt sich alle 20 Jahre (wenn man von konst. Wachstumsraten ausgeht).
David K. 25.09.2015
5. Tut was gegen Dummheit
Dann wäre auch klar, dass man gegen monetäre Armut nichts tun kann, da er ein Relationsbegriff ist. Unter 9 Milliardären wäre auch der Millionär ein "extrem" armer Mensch.
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