US-Arbeitsmarkt Die da oben, die da unten

Die US-Wirtschaft berappelt sich langsam, mit einer Grundsatzrede will US-Präsident Obama jetzt neue Hoffnung schüren. Doch an Millionen Amerikanern geht der Aufschwung vorbei, die Krise auf dem Arbeitsmarkt spaltet das Land in eine Zweiklassengesellschaft. Zwei Betroffene berichten.

Jobsuchende und Schaulustige vor einer Obama-Rede in New York: Der Arbeitsmarkt als Zweiklassengesellschaft
REUTERS

Jobsuchende und Schaulustige vor einer Obama-Rede in New York: Der Arbeitsmarkt als Zweiklassengesellschaft

Von , New York


Er hat es kommen sehen. "Alle wussten, dass es nur noch eine Frage der Zeit war", erinnert sich John Bryce*. "Die Endzeitstimmung war mit Händen greifbar." In der Tat: Im Juli bot die Konzernspitze dem US-Hypothekenbanker eine satte Abfindung, falls er freiwillig kündige. Bryce überlegte ein paar Nächte, dann griff er zu. Sein letzter Arbeitstag war der 31. August.

Jorge Montalvo* dagegen fiel aus allen Wolken. Der Redakteur einer New Yorker Zeitung hatte ein freies Wochenende damit verbracht, fristlos gefeuerte Kollegen zu trösten. "Erst danach dämmerte mir, dass auch ich mit dabei sein könnte", sagt er. Als er am Montag zum Dienst erschien, wartete schon der Verlagsanwalt auf ihn. Das war im November 2008 - zwei Wochen nach der Wahl Barack Obamas.

Zwei Männer, zwei Geschichten von der maroden US-Konjunktur. Und doch nehmen sie, trotz ähnlichem Beginn, danach einen völlig unterschiedlichen Lauf: Bryce ist heute wieder beschäftigt, ein "poster boy" für die allmähliche Erholung der Finanzbranche. Montalvo dagegen ist weiterhin arbeitslos - exemplarisch für Abermillionen Amerikaner, an denen der Aufschwung spurlos vorbeigeht.

"Es geht wieder voran", sagt Bryce. "Ich habe die Hoffnung aufgegeben", sagt Montalvo.

Der Arbeitsmarkt als Zweiklassengesellschaft: Diese Diskrepanz, diese so gegensätzliche Befindlichkeit spaltet zurzeit die gesamten USA - und ist ein innenpolitisches Pulverfass für US-Präsident Obama. Weshalb er sich das Thema dieser Tage ganz speziell vorgeknöpft hat. An diesem Dienstag, noch vor seiner Oslo-Reise zur Entgegennahme des Friedensnobelpreises, will er versuchen, mit einer Grundsatzrede zur US-Wirtschaft neue Hoffnung zu schüren - zumindest aber die Stimmung rumzureißen.

Sein Publikum ist skeptisch. Die Wirtschaft ist für die Mehrheit der Amerikaner Priorität Nummer eins, weit vor dem Afghanistan-Krieg. 63 Prozent finden zugleich, Obamas Politik habe die Lage bisher nicht verbessert. Seine Popularität ist nicht zuletzt deshalb inzwischen unter die 50-Prozent-Marke gerutscht. Trotz der leicht verbesserten Arbeitslosenzahlen. Trotz eines groß propagierten, hochkarätigen Jobgipfels vorige Woche im Weißen Haus.

"Ich habe das Vertrauen in diese Regierung verloren"

Es sind vielmehr Leute wie John Bryce und Jorge Montalvo, deren persönlichen Erfahrungen das Gefühl der Stagnation prägen. Selbst Banker Bryce, der innerhalb von zwei Wochen ein neues Stellenangebot bekam, blickt bitter auf seine Exkursion in die Kurzzeit-Arbeitslosigkeit zurück. "Ich habe das Vertrauen in diese Regierung verloren", sagt er.

Für Bryce begann die Krise schon im Sommer 2007. Da merkte der 45-Jährige, der für eine der größten US-Banken komplexe Hypotheken-Investmentprodukte analysierte, dass dieses Spielchen nicht mehr lange so weitergehen würde. "Die Spatzen pfiffen es von den Dächern", sagt er. "Der Normalbürger bekam das erst im September 2008 mit." Da ging die Investmentbank Lehman Brothers unter - die größte Firmenpleite in der US-Geschichte.

Nach dem Lehman-Desaster wurde Bryces Job unerträglich. "Jeder kämpfte förmlich nur um sein eigenes Leben", erinnert er sich. "Am Ende waren wir völlig ausgebrannt." Hinzu kam der wachsende Volkszorn auf die Wall Street, den Bryce als meist ungerechtfertigt sieht. Die Politik nutze das nur für ihre Zwecke aus: "Wir taten unser Bestes, aber unsere Gesellschaft ist so verkorkst. Wir lieben Sündenböcke."

Immer neue Kündigungswellen in seiner Bank - Freunde, Kollegen, Chefs, Unterstellte waren betroffen - setzten ihn immer stärker unter Druck. Als schließlich auch er ein Abfindungsangebot erhielt, beschloss er, die Auszeit zu nutzen, um Seele und Gesundheit zu reparieren.

Zugleich rief er sofort alte Kollegen an, ließ seine Networking-Kontakte spielen. Resultate erwartete er nicht. Trotzdem bekam er schnell ein Angebot - ausgerechnet von einer der beiden halbstaatlichen US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, zentralen Akteuren in der Subprime-Kreditkrise.

Dort hatte Bryce früher gearbeitet, jetzt rief ihn sein alter Boss zurück - das eng gewebte Netz der US-Finanzbranche fing ihn wieder auf.

"Keine Ahnung, wo ich nun Geld herbekommen soll"

Viel besser ist die Stimmung aber nicht. "Die Prognosen für 2010 sind weiterhin ziemlich beängstigend", sagt Bryce. Er muss seine Eigentumswohnung in New York verkaufen, da seine neue Stelle in Washington ist, hat bisher aber keinen Käufer gefunden und pendelt nun wöchentlich per Schnellzug von Manhattan in die US-Hauptstadt. Auch sein jährlicher Bonus hat sich halbiert - was sein neuer Arbeitgeber aber per Gehaltserhöhung auszugleichen versucht.

Jorge Montalvo, 36, wäre froh, wenn er solche Sorgen hätte. Sein Arbeitslosengeld, per Gesetz auf ein Jahr befristet, lief diese Woche aus - ein furchterregendes Jubiläum: "Keine Ahnung, wo ich nun Geld herbekommen soll."

Denn der in Puerto Rio geborene Montalvo ist von zwei Krisen gleichzeitig betroffen - der Wirtschaftskrise und der Medienkrise. Nicht dass das für ihn etwas Neues ist: In seinem Berufsleben schrappte er immer wieder an kleinen und großen Crashs vorbei.

Etwa seine Zeit beim "Industry Standard", einem Tech-Magazin, das Ende der neunziger Jahre auf der Internetwelle mitschwamm. Montalvos Bewerbungsgespräch war am 10. März 2000 - dem Tag, als die Dotcom-Blase platzte: "Das hätte eine Warnung sein sollen."

Der Job währte 15 Monate, "dann war alles vorbei". Der "Standard" ging über Nacht unter.

Montalvo rettete sich zur "Village Voice", New Yorks legendärem Alternativblatt. Er sprach nur Tage nach dem 11. September 2001 vor, als das ganze Viertel noch abgesperrt und von Rauchschwaden verhangen war. An seinem ersten Arbeitstag gab es eine Anthrax-Drohung: "In der Redaktionslobby empfingen mich Herren in Weltraumschutzanzügen."

Auch das war ein schlechtes Omen. 2005 wurde die zuvor unabhängige "Voice" an eine landesweite Verlagskette verkauft. Ein Jahr später fanden sich Dutzende Redakteure auf der Straße wieder - darunter auch Montalvo, der die Kündigungsnotiz per E-Mail bekam.

"So viele Lehrer haben keinen Job - wer will mich da?"

Montalvo fand Zuflucht bei einer New Yorker Boulevardzeitung, der er ab Ende 2006 half, ihren Online-Auftritt zu organisieren. Zwei Wochen nach Obamas Wahl zum Präsidenten aber erwartete ihn, als er zur Arbeit kam, der Firmenanwalt mit der Kündigung. Der Jurist war extra länger im Büro geblieben.

Seither hat sich Montalvo auf zahllose Stellen beworben - bisher vergeblich. Er hatte zwei Vorstellungsgespräche. Das erste mündete in einer Zusage, die eine Woche später aber "aus Budgetgründen" zurückgenommen wurde. Auf das zweite Gespräch, geführt im September, hat er bis heute weder Zu- noch Absage bekommen.

Während seiner Zeit bei der Boulevardzeitung hatte er einen Kaufvertrag für die Brooklyner Wohnung unterschrieben, in der er zur Miete gewohnt hatte. Er musste den Vertrag wieder kündigen, weil er sich das nun nicht mehr leisten konnte, und sofort ausziehen. Seine Anzahlung von 28.000 Dollar bekam er nur durch Glück zurück. Von diesem Geld und der Arbeitslosenstütze hat er bisher gelebt.

Monatelang schlief Montalvo auf der Couch eines Freundes, während er eine Bleibe und einen Job suchte. Dann fand er eine winzige Wohnung in Harlem. Den Job sucht er heute noch. Jetzt hofft er, wenigstens in ein staatliches Umschulungsprogramm zu kommen, das zweisprachige Lehrer fördert. Doch auch das sieht düster aus: "So viele Lehrer haben keinen Job - wer will mich da?"

Weder Bryce noch Montalvo wollen sich Obamas Rede am Dienstag anschauen. Auch die Schlagzeilen der vergangenen Tage - etwa den Rückgang der Arbeitslosenquote von 10,2 auf 10 Prozent - lassen sie kalt. "Was hilft mir das?", fragt Montalvo. "Meine Branche ist tot."

*Namen von der Redaktion geändert



insgesamt 2701 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Brand-Redner 08.11.2009
1. Ja
Zitat von sysopBarack Obama hat eine Erneuerung der USA versprochen, mit einer Gesundheitsreform, einer Reform des Finanzsystems und vielen anderen Projekten - ist er auf dem richtigen Weg?
Absolut. Aber lässt man ihn auch ankommen?
ray4901 08.11.2009
2. warum nicht?
Zitat von sysopBarack Obama hat eine Erneuerung der USA versprochen, mit einer Gesundheitsreform, einer Reform des Finanzsystems und vielen anderen Projekten - ist er auf dem richtigen Weg?
sicher, auch wenn der Weg steinig ist!
aloa5, 08.11.2009
3.
Zitat von sysopBarack Obama hat eine Erneuerung der USA versprochen, mit einer Gesundheitsreform, einer Reform des Finanzsystems und vielen anderen Projekten - ist er auf dem richtigen Weg?
Sagen wir so: die Mrd in einem besseren Gesundheitssystem einzusetzen und damit Arbeitsplätze zu schaffen kann auch die Konjunktur beflügeln. Vermutlich nachhaltiger als es Spekulanten, Zentralbankzinsen oder Kriege vermögen. Die Idee ist Volkswirtschaftlich nicht die schlechteste. Grüße,ALOA
primatologe 08.11.2009
4.
Zitat von sysopBarack Obama hat eine Erneuerung der USA versprochen, mit einer Gesundheitsreform, einer Reform des Finanzsystems und vielen anderen Projekten - ist er auf dem richtigen Weg?
Die Gesundheitsreform nutzt der Wirtschaft, weil sie Motivation freisetzt, durch neuen Glauben an Gerechtigkeit. Die Republikaner, ähnlich unserer CDU, sehen das naturgemäß anders, die die oben sind halten nichts von allzuviel Gerechtigkeit.
microsoftie 08.11.2009
5. Ja
Obama ist auf dem richtigen Weg. Was ich wirklich klasse finde, ist dass er sich von Stimmungsmache nicht beirren laesst und seinen Idealen folgt. Auch in Stresssituationen waehlt er zumeist den weisesten Weg. Er ist fuer mich der genialste und besonnenste Politiker weltweit. Schade, dass es in Peking nicht auch einen Obama gibt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.