Fed-Chef Bernanke setzt auf die große Geldflut

Mit einem neuen gigantischen Stimulusprogramm will die US-Notenbank die kränkelnde Konjunktur stützen. Für Barack Obama ist es ein willkommenes Wahlkampfgeschenk, für Fed-Chef Ben Bernanke ein riskantes Spiel.

Von , New York

Fed-Chef Ben Bernanke bei der Pressekonferenz: Was er sagt, hat es in sich
AFP

Fed-Chef Ben Bernanke bei der Pressekonferenz: Was er sagt, hat es in sich


Alles sieht aus wie immer. Der Mahagoni-Schreibtisch mit dem Dienstsiegel, der blaue Vorhang, die kümmerlichen Zimmerpflanzen: Als US-Notenbankchef Ben Bernanke am Donnerstag vor die Reporter tritt, herrscht die übliche Tristesse, die die Zentrale der Federal Reserve unweit des Weißen Hauses prägt. Auch Bernanke passt sich der Umgebung an: dunkler Anzug, graue Krawatte, graues Haar.

Doch was er sagt, hat es in sich: Amerikas Zentralbank dreht erneut kräftig den Geldhahn auf, um die schwächelnde US-Konjunktur zu stützen - unter anderem mit einer Verlängerung der Nullzins-Politik und vor allem mit milliardenschweren Ankäufen von Schuldenpapieren.

Zwei Stunden zuvor hat das Federal Open Market Committee (FOMC), der zuständige Offenmarktausschuss der Fed, die Maßnahmen nach zweitägiger Sitzung bereits per Pressemitteilung bekanntgegeben. Bernanke bestätigt, erläutert und rechtfertigt danach diesen Schritt - mit typischem Understatement.

Die Fed, warnt er, könne "nicht alle wirtschaftlichen Missstände heilen". Aber helfen, so hört man da zwischen den Zeilen, müsse man schon. Zurückhaltung ist dabei angebracht: Denn das Programm ist riskant - und politisch umstritten. Zumal der Eingriff zumindest vorübergehend auch ein nettes Wahlkampfgeschenk an US-Präsident Barack Obama ist, dessen verwundbarste Flanke bekanntlich die schlechte Wirtschaftslage ist.

"Künstliche und unwirksame Maßnahmen"

Entsprechend melden sich die Republikaner schnell mit Kritik zu Wort. "Die US-Wirtschaft braucht keine weiteren künstlichen und unwirksamen Maßnahmen", erklärt Lanhee Chen, Top-Stratege des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, nach Bekanntwerden des Programms. "Wir sollten Wohlstand schaffen, nicht Dollar drucken."

Damit spielt er auf die umstrittene Übernahme von Schuldenpapieren durch die Fed an. Sie kauft unter anderem US-Banken Wertpapiere ab und schreibt ihnen den Kaufpreis auf ihrem Konto bei der Zentralbank gut. Die Privatbanken müssen auf ihrem Fed-Konto stets eine bestimmte Geldreserve halten. Durch die Aktion erhöht sich diese nun schlagartig jeden Monat. Das zusätzliche Geld können die US-Institute für andere Geschäfte nutzen. Sie können zum Beispiel mehr Kredite an Firmen und Haushalte vergeben, was die Konjunktur stimulieren soll.

Ein schwieriges Manöver, zumal die Fed so im großen Stil Geld in den Markt pumpt. Und das könnte heißen: Inflationsgefahr. Tatsächlich aber steckt Bernanke in der Zwickmühle. Hätte er gezaudert, hätte er sich dem Vorwurf ausgesetzt, seine gesetzliche Aufgabe zu missachten - ein Punkt, den er am Donnerstag betont: "Die Federal Reserve ist beiden Seiten ihres Mandats voll verpflichtet, Preisstabilität und Vollbeschäftigung."

Der Fed-Chef weiß außerdem, dass er bei den Republikanern nicht sonderlich beliebt ist. Romney hat geschworen, ihn im Fall eines Wahlsiegs nicht wieder zu ernennen, wenn seine Amtszeit im Januar 2014 ausläuft.

Bernankes Banker zeigen Flagge

So blieb am Ende nur eine Frage: Wie weit würden die Zentralbanker wirklich gehen? Die Antwort: So weit sie können. Das neue Stimulusprogramm könnte aggressiver kaum sein. Hier die drei zentralen Punkte:

  • Die Bank wird Schuldenpapiere im Wert von 40 Milliarden Dollar pro Monat aufkaufen, und zwar zeitlich unbegrenzt - bis sich die Lage am Arbeitsmarkt substantiell und nachhaltig bessere, so Bernanke.

  • Die Notenbank will den schon jetzt bei faktisch null Prozent liegenden Leitzins bis mindestens Mitte 2015 nicht erhöhen. Bisher war dafür Ende 2014 avisiert.

  • Sie will US-Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten weiter gegen solche mit langen Laufzeiten tauschen.

Die groben Bestandteile dieses Pakets - genannt "QE3" (nach "quantitative easing", dem Fachjargon für solche Maßnahmen) - waren von Ökonomen, Marktspekulanten und den Fed-Experten erwartet worden, wenn auch nicht ganz so weitgehend. Bernankes Banker hätten auch auf den Ankauf der Schuldenpapiere verzichten oder diesen zeitlich befristen können. Doch sie zeigten Flagge.

Schon seit einiger Zeit streute Bernanke Hinweise in diese Richtung, zuletzt in einer Rede Ende August. Auch hatte das FOIC bei seiner letzten Sitzung angedeutet, dass zusätzliche Maßnahmen "wahrscheinlich ziemlich schnell gerechtfertigt" wären - es sei denn, die Konjunkturlage bessere sich noch.

Doch von Besserung konnte eben kaum die Rede sein. Im Gegenteil: Die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten enttäuschten erneut. Die Arbeitslosenquote sank zwar auf 8,1 Prozent - doch nur, weil Millionen Amerikaner einfach aufgegeben haben, einen Job zu suchen.

Für die Konjunktur, nicht für Obama

Bernanke sprach von einer "enormen Verschwendung an menschlichem Können und Talent". Das dürfte sich so schnell nicht ändern: In ihrer Prognose für den Rest des Jahres sieht die Fed eine fast unveränderte Arbeitslosenquote (acht bis 8,2 Prozent), für 2013 erwartet sie eine Wachstumsrate zwischen 2,5 und 3 Prozent.

Bernanke - Kontroversen von Natur aus abgeneigt - gab sich alle Mühe, Zweifel schon vorab abzublocken. Er stellt ausdrücklich klar: Dies diene der Konjunktur, nicht Obama. Das Programm sei "mit Staatsausgaben nicht zu vergleichen", ein klassischer Kritikpunkt. Und: Die Inflationserwartungen seien "relativ stabil".

Doch wird die Fed allein die Probleme nicht lösen können. Der im Wahlkampfzank gelähmte US-Kongress trägt große Mitschuld an der Misere - ohne Kompromisse der beiden Parteien wird sich wenig tun. Aber derzeit steuert die verzwickte US-Fiskalpolitik zum Jahreswechsel auf eine neue Schuldenkrise zu.

So hat sich der Kongress bisher nicht auf einen neuen Haushalt einigen können, obwohl der jetzige nur bis Ende September finanziert ist. Zugleich werden, wenn die Abgeordneten nichts unternehmen, zum Jahreswechsel die Steuern für rund 100 Millionen Amerikaner automatisch steigen, da die Steuerkürzungen aus der Bush-Ära dann auslaufen. Schon hat die Ratingagentur Moody's angedroht, die Bonität der USA im kommenden Jahr herabzustufen.

Hinzu kommt, dass manche Ursachen der Krise tatsächlich tiefer liegen - von der maroden US-Infrastruktur bis hin zum schmerzhaften, doch unabwendbaren Strukturwandel der Wirtschaft. Bernanke betont zudem die Folgen der Euro-Krise und die schwierige globale Finanzlage.

"Vieles von dem, an dem die US-Wirtschaft krankt, ist nicht allein durch Geldpolitik zu reparieren", analysiert Dan Greenhaus, Chefstratege des Brokerhauses BTIG, in der "New York Times". "Ein neues Programm ist nur ein Teil dessen, was nötig sein könnte, um der US-Wirtschaft aus der Klemme zu helfen."

Bernanke versucht also Probleme zu lösen, die für ihn eine Nummer zu groß sein könnten. Für ihn geht es dabei nicht nur um die Karriere und den künftigen Ruf - sondern auch um seinen dauerhaften Eintrag in die Geschichtsbücher.

Bei einem Wahlsieg Romneys könnte er diesen eh abschreiben. Ein Sieg Obamas dagegen wäre ungleich vorteilhafter: Der bestätigte ihn 2010 im Amt, schweigt sich aber über eine mögliche dritte Amtszeit Bernankes bisher aus. Da könnte sein aktueller Vorstoß hilfreich sein.



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Seite 1
Uexkuell 13.09.2012
1.
Die Annahme, es handele sich bloß um ein Spiel, finde ich sehr zynisch und mehr als unbedacht. Es ist gewiss kein Spiel. Ich kann allerdings sehr gut nachvollziehen, warum man zu dieser Benennung greift, wenn man sich die Entwicklung der Finanzmärkte anschaut.
tollhaus22 14.09.2012
2. Wir erleben Epochale Veränderungen die Weltgeschichte schreiben werden!!!!
Also an alle die Wütend auf dieses System sind und wirklich nichts verstehen, warum was gemacht wird. Ich fange mit Europa an, unser Zinssystem und das Casino mit gefährlichen Finanzpapieren gibt es aus folgenden Gründen. Man möchte mit diesen Maßnahmen eine Lage konstruieren um den Menschen Angst zu machen um die eigentlichen Ziele besser umzusetzen. Das Spiel mit der ANGST. Europa wird einen langen Weg gehen um einen Superstaat zu schaffen mit der Zwischenlösung der föderalen Union. Deshalb verschlimmert man die Zustände absichtlich um die Menschen mit den Daumenschrauben zu überzeugen. Es wird definitiv noch viel schlechter werden. Zu der neuerlichen Geldschwemme der FED die von Bernanke verkündet worden ist, möchte ich sagen, dass es das Ziel ist zu destabilisieren um genau 3 Länder in Nordamerika in eine ähnlichen Situation wie hier in Europa zu manövrieren. Diese Länder sind USA, Kanada und Mexiko um eine Nordamerikanische Union zu installieren. Vielleicht werden Wir in dem Teil der Welt eine Währungsreform erleben eine neue Währung die neue Weltreservewährung. Man hat in den letzten Jahren die Wirtschaften eben dieser Länder durch Programme und Vereinbarungen weiter angeglichen und vertieft. Zum Schluß möchte ich noch sagen, dass das Zinseszins Geldsystem und auch die Zockerbuden nicht durch einen Crash zusammenbrechen werden. Auch Hedgefonds, Derivate und andere Dinge werden nicht verboten werden. Bis es wieder soweit ist um die Weltordnung neuerlich zu ordnen. Deshalb auch seid vielen Jahren das Bestreben die Islamische Welt zu demokratisieren um dort etwas ähnliches wie die Europäische Union von heute entstehen zu lassen. Auch dort wird es wenn die Zeit reif dafür ist durch Finanzmechamismen zu einem Superstaat kommen. Bis irgendwann alles unter einem Dach die jetzige UN zusammengefasst worden ist, mit einer Weltregierung und Frieden zwischen allen Völkern und Kulturen. Keine Religionskämpfe mehr. Auch keinen Hass mehr gegenüber Gleichgeschlechtlicher Liebe etc. Das interessante in diesem Bezug wird nur sein, wie man die Weltbevölkerungsanzahl Stabilisieren möchte um die Anbauflächen für Nahrung etc. bestmöglichst zu bewirtschaften. Wasserversorgung, Energiesicherheit und Logistik. Ausbau aller notwendigen Netze um Wohlständig leben zu können. Das System muss ungerecht sein um dieses Ziel zu erreichen. Damit Egozentriker an der Macht nicht durchdrehen. Des Wegen die Korruption etc. Bitte mehr über den Tellerrand schauen um die Vorgänge zu verstehen. Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
hobbysechs00 14.09.2012
3. gutes beispiel fuer uns
wir muessen dem beispiel folgen.wir brauchen eine inflation um. von den schulden herunter zu kommen .gleichhzeitig werden so die sparer beteiligt denn sie zahlen wenig steuern.entscheidend ist doch dass der mittelstand nicht noch durch weitere conkurs verfahren geschwaecht wird. auch die immobilienbesitzer brauchen eine schulden entlastung vor allem weil die investitionen vegen desoekologischen umbaus sehr hoch sind.
musca 14.09.2012
4.
Zitat von sysopAFPMit einem neuen gigantischen Stimulusprogramm will die US-Notenbank die kränkelnde Konjunktur stützen. Für Barack Obama ist es ein willkommenes Wahlkampfgeschenk, für Fed-Chef Ben Bernanke ein riskantes Spiel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,855726,00.html
"Heli" (kopter) "Ben" muss jetzt wohl wirklich bald seine Hubschrauberflotte starten um Geld über die Vereinigten Staaten von Nordamerika herabregnen lassen zu können... Ob das noch ( oder wieder mal kurz ) hilft ....und immer ist die Euro-Krise zentrales Thema...die USA sind so pleite wie die ehemalige Supermacht Sowjetunion samt dem ehemaligen Ostblock in den späten 80ziger und frühen neunziger Jahren.... Spannende Zeiten die wir sehen...Europa ist gar nicht mal so schlecht aufgestellt trotz der Euro-Krise man müsste nur den Euro auflösen ( nicht gleich die EU deswegen zurückrudern ) und da wieder anfangen wo man Anfang der neunziger Jahre war....nur etwas vernünftiger...mit Berücksichtigung der Besonderheiten allgemein aller europäischen Staaten.... vielleicht könnte man dann eine neue Europäische Union schaffen, eine wirkliche bessere ...wo tatsächlich mal gemeinsam man im selben Boot sitzt. Dafür muss aber der Euro erst mal aufgelöst werden , man muss wieder sehr langsam von vorne beginnen und die alten Fehler vermeiden. FG
erikrot 14.09.2012
5. Ein Gemeinsames Buero fuer Draghi und Bernanke
Zitat von sysopAFPMit einem neuen gigantischen Stimulusprogramm will die US-Notenbank die kränkelnde Konjunktur stützen. Für Barack Obama ist es ein willkommenes Wahlkampfgeschenk, für Fed-Chef Ben Bernanke ein riskantes Spiel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,855726,00.html
Es waere jetzt sicherlich an der Zeit eine gemeinsames Buero fuer die beiden Liquiditaetsstrategen einzurechten. Bei allen Unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen, haben sie sich ja deutlich auf ein aehnliches Vorgehen eingestellt. Nachdem den Politikern die Staatsverschuldung vollstaendig entglitten ist (siehe Nichteinhaltung vom Maastrich-Vertrag, bleibt uns nur noch die Bankerriege um den Karren von Rekord zu Rekord zu beschleunigen. Dabei kann Draghi dann auch lernen, dass das unbegrenzte Kaufen von Staatsanleihen nicht durch 'Sterilisierung' liquiditaetsneutral ausgeglichen werden kann. Und dass all diese Massnahmen nicht zu einer Erhoehung der investitions- oder konsumorientierten Kreditnachfrage/-vergabe fuehrt, die uns ueber "Wachstum" aus dem Schuldental letztendlich herausfuehrt.
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