Doch keine US-Zinserhöhung Yellen kneift

Fieberhaft hatten die Weltbörsen eine Leitzinserhöhung durch die US-Notenbank erwartet. Doch dann trat die Fed unter Janet Yellen noch einmal auf die Bremse - die Weltwirtschaft mache ihr Sorgen.

Von , New York

"Bitte nicht überbewerten": Fed-Chefin Janet Yellen agiert zurückhaltend
AFP

"Bitte nicht überbewerten": Fed-Chefin Janet Yellen agiert zurückhaltend


Oh, diese Spannung! Seit Stunden redeten sie sich heiß, an der Wall Street, am Times Square, in den Rund-um-die-Uhr-Nachrichten. Der Wirtschaftsender CNBC zählte die Sekunden mit einer Countdown-Uhr, wie beim Raketenstart. "Liftoff" heißt sie schließlich, eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank, auf die sie warteten wie auf den Sensemann.

Doch dann: Pfffffft.

Wieder mal hat sich Janet Yellen, die Chefin der Federal Reserve Bank und wohl mächtigste Ökonomin der Welt, als übervorsichtig erwiesen: Selbst nach sechseinhalb Jahren krisenbedingter Nullzinsen scheut sie immer noch davor zurück, die Schraube zu lockern - was ihr nicht nur die Demonstranten dankten, die vor der Tür der US-Zentralbank in Washington gegen eine Anhebung der Leitzinsen protestiert hatten.

Yellen und die meisten ihrer elf Kollegen im Fed-Offenmarktausschuss (FOMC) ließen sich freilich weniger von den Parolen der Straße leiten. Sondern wie immer vom Zahlensalat zahlloser Wirtschaftsindikatoren, aus dem sie sich ein Bild basteln von der Lage, zu Hause wie weltweit.

"Wir schätzen es, die Meinungen vieler verschiedener Gruppen zu hören", sagte Yellen nach der zweitägigen Zinssitzung diplomatisch, mit typisch monotoner Stimme. Aber: "Letztendlich ist es die Aufgabe des Komitees, zusammenzukommen, um die Daten zu analysieren."

Und eben die verhindern offenbar weiter ein Ende der Nullzinsen, mit denen die Fed die USA durch die Finanzkrise bugsiert hatte. Zwar hat sich Amerikas Konjunktur nach Ansicht der meisten Experten - auch in der Notenbank - inzwischen genug erholt, um sie vom Zügel zu lassen. "Wir finden, dass es der Wirtschaft wirklich gut geht", sagte Yellen.

Das Problem liegt plötzlich allerdings anderswo - im Rest der Welt.

Ein bisschen mehr Zeit

"Globale wirtschaftliche und finanzielle Entwicklungen könnten die ökonomische Aktivität leicht bremsen", erklärte die Fed. Yellen sekundierte: "Wir wollen uns ein klein bisschen mehr Zeit lassen."

Will heißen: Vor allem die Turbulenzen in China funken dazwischen. "Unsere Finanzmärkte", empörte sich der gern dramatische CNBC-Kommentator Brian Sullivan, "werden von China als Geisel gehalten!"

Die US-Börsen reagierten darauf zunächst konfus. Rauf, dann runter: Die Kurssprünge nach der Bekanntgabe offenbarten, wie gespalten die Investoren über die Entscheidung sind. Die Anleihenmärkte dagegen legten eine "Erleichterungsrallye" hin, wie es Gary Pollack, der Trading-Chef der Deutschen Bank, im "Wall Street Journal" formulierte: "Die Fed gibt keine Anzeichen, dass sie es eilig hat, die Zinsen anzuheben."

Die zwiespältigen Reaktionen erklären sich auch dadurch, dass die Fed diesmal noch intransparenter als sonst agierte. "Die kurzfristige Strategie des Offenmarktausschusses ist so undurchsichtig geworden, dass selbst die erfahrensten Analysten nur raten können", kritisierte der Wirtschaftsprofessor Andrew Levin, ein Ex-Berater Yellens. Die wiederum hatte sich seit Monaten in Schweigen gehüllt - was natürlich alle mögliche Spekulationen nährte.

Warnungen vor Chaos an den Börsen

Die Befürworter einer Zinserhöhung verwiesen auf die Genesung der US-Wirtschaft und die niedrige US-Arbeitslosenquote (5,1 Prozent): "Es herrscht kaum Zweifel, dass die Fed ihre Arbeitsmarktziele erreicht hat oder dem sehr nahe gekommen ist", diagnostizierte Michael Feroli, US-Chefökonom bei JP Morgan Chase - ein Argument, das auch Yellen nun unterstrich.

Zugleich aber warnten andere - darunter Larry Summers, Ex-Berater von Präsident Barack Obama - immer wieder vor den potenziellen Risiken einer voreiligen Zinserhöhung für die globale Wirtschaft: Chaos an den Börsen, ein überteuerter Dollar, Absturz der Schwellenländer. Auch in den USA, so hieß es aus diesem Lager, sei noch Luft nach oben, vor allem, was den Arbeitsmarkt angehe.

Was nun? "Wir sind uns bewusst, dass auf der heutigen Entscheidung große Aufmerksamkeit lag", schmunzelte Yellen. Doch möge man die Noch-Zurückhaltung auch nicht "überbewerten": Die optimistischen Prognosen der Banker hätten sich "nicht fundamental geändert".

Beobachter fanden es zudem interessant, dass der Beschluss, doch noch zu warten, erstmals eine Gegenstimme hatte: Jeffrey Lacker, Chef der Fed-Dependance in Virginia, votierte für eine Zinsanhebung.

Die stellte Yellen, in einem ungewohnt deutlichen Moment, "bis Ende des Jahres" in Aussicht. Dazu gäbe es zwei Gelegenheiten, bei den FOMC-Sitzungen im Oktober und Dezember. Oh, diese Spannung!



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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
2bing 17.09.2015
1. War doch klar
Die beiden Top Ökonomen Friedrich & Weik haben es exakt vorhergesagt. Die FED kann die Zinsen nicht erhöhen. Sonst wird das mickrige US Wachstum völlig abgewürgt und die Aktienmärkte rauschen in den Keller.
jujo 17.09.2015
2. ...
Halbmast in den Zockerbuden. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
i_bank 17.09.2015
3. Hat nicht gekniffen
Die fed funktioniert nun einmal nicht wie die ecb. Die Abstimmung ist einfach gegen eine 25bps Erhöhung ausgefallen. Meines Erachtens auch die richtige Lösung in Zeiten hoher Volatilität wie diese Wochen
peterpretscher 18.09.2015
4. Yellen kneift!
Für wie lange? So wie es aussieht wahrscheinlich für immer, denn es Wird immer Probleme in der Wlet geben und die US-FED Spielt jetzt die Weltbank!!
ebehrens 18.09.2015
5. Verzicht auf die Null wäre ein erster Schritt - aber mehr nicht
Die Fed ist richtigerweise vorsichtig. Aber sie sollte in der nächsten Sitzung zwei Dinge tun: Die Zinsspanne von 0-0,25% aufgeben und den bisherigen oberen Rand als Zielmarke iher Marktinterventiionen erklären. Außerdem sollte sie sich verpflichten: Das war's für längere Zeit, denn noch ist nicht absehbar, wann die Inflationsraten in die Nähe des Inflationsziels von 2% kommen werden. **** Die Fed hat gesetzlich zwei Ziele zu verfolgen: Maximale Beschäftigung und Preisstabilität, die sie als 2% Inflation interpretiert. 0% Inflation sind nicht stabilisierbar; deshalb streben vielen Notenbanken 2% Inflation an. Aber auch diese sind nicht stabilisierbar. Stabil bleiben nur 5% Inflation, wenn sie einmal erreicht sind und offiziell ausdrücklich angestrebt werden; denn das Ziel der Notenbank prägt die verhaltensbestimmenden Inflationserwartungen. ** Maximale Beschäftigung hatte Deutschland unter Ludwig Erhard 15 Jahre lang mit weniger als 1% Arbeitslosigkeit. Auch dieses Ziel hat die Fed noch nicht erreicht. Sie hat es sich noch nicht einmal gesetzt, weil sie erkannt hat, dass es mit dem Inflationsziel von 2% gar nicht nachhaltig zu erreichen ist. Die Wertentscheidung "Lieber 5% Inflation als 5% Arbeitslosigkeit" ist immer noch richtig. **** Eckhard Behrens, Heidelberg
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