Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

US-Ökonom Eichengreen: "Europa könnte 2014 in die Luft fliegen"

Ein Interview von und

US-Währungsexperte Barry Eichengreen hat seine Heimat oft kritisiert, doch nun sieht er die Vereinigten Staaten voll auf Erholungskurs. Für die Euro-Zone sind seine Prognosen düster.

Davos 2014: Machtspiele im Schnee Fotos
REUTERS

Zur Person
  • UC Berkeley
    Barry Eichengreen lehrt Wirtschaftswissenschaften und Politik an der University of California in Berkeley. Der frühere Berater des Internationalen Währungsfonds ist ein Experte für die Geschichte des Finanzsystems. Eichengreen befasste sich frühzeitig mit einem möglichen Auseinanderbrechen der Euro-Zone.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Eichengreen, eine der großen Fragen bei diesem Weltwirtschaftsforum lautet, ob die westlichen Länder tatsächlich zurück auf Wachstumskurs sind. Was meinen Sie?

Eichengreen: Die USA sind zurück, Europa nicht. Ich glaube, die derzeitigen Prognosen für die USA sind sogar noch zu vorsichtig. Ich weiß, das klingt verdächtig, weil es von einem Amerikaner kommt.

SPIEGEL ONLINE: In der Tat. Was macht Sie so zuversichtlich?

Eichengreen: Alle Zeichen stehen auf Grün: Die Belastung durch Steuererhöhungen lässt nach. Die privaten Haushalte haben mehr Geld, das sie ausgeben können. Auch US-Unternehmen investieren langsam wieder mehr. Und wir haben eine wachstumsfreundliche Führung bei der Notenbank Fed.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Boom nicht vor allem durch den Niedrigzinskurs der Fed und eine hohe Neuverschuldung gekauft?

Eichengreen: Es ist egal, ob eine Regierung viel oder wenig ausgibt. Entscheidend ist, ob sie das Geld gut anlegt, zum Beispiel in Infrastruktur. Und was die Politik der Notenbank betrifft: Die Fed hat bereits begonnen, den monatlichen Ankauf von Anleihen zu drosseln, mit dem sie die Konjunktur stimuliert. Und bislang läuft dieser Ausstieg ohne größere Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Für die USA vielleicht. Aber in Schwellenländern wie Brasilien oder Indien hat schon die Aussicht auf eine straffere Politik der Fed für Kapitalflucht gesorgt. Was soll da erst passieren, wenn die Notenbank wirklich den Leitzins erhöht, der derzeit faktisch bei null liegt?

Eichengreen: Falls die Schwellenländer wirklich in die Krise geraten, dann wegen innenpolitischer Probleme, wie sie derzeit etwa Thailand oder die Türkei haben. Und weil sie Geld unproduktiv ausgegeben haben - so wie Brasilien für seine hochklassigen WM-Stadien. Das Geld hätte man besser ins Bildungssystem gesteckt.

SPIEGEL ONLINE: Und die US-Geldschwemme soll bei all dem keine Rolle spielen?

Eichengreen: Doch. Aber die Schwellenländer hätten sich schützen können, indem sie die enormen Kapitalströme rechtzeitig einschränken.

SPIEGEL ONLINE: Das fällt auch einem wohlhabenderen Land wie Deutschland schwer. Hier sieht die Bundesbank bereits Anzeichen für eine Immobilienblase. Sie auch?

Eichengreen: Ja. Aber wenn Deutschland Angst vor einer Blase hat, muss es eben die Kriterien für die Hypothekenvergabe verschärfen. Und auch der deutsche Staat kann das Geld, das er derzeit so billig bekommt, sinnvoll investieren. Etwas ins Bildungssystem. Schließlich ist bislang keine deutsche Universität unter den 50 besten weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Die vergangene Finanzkrise hatte ihren Ursprung im amerikanischen Immobilienmarkt. Würden Sie sagen, dass dort die Gefahr einer neuen Immobilienblase gebannt ist?

Eichengreen: Nein, so waghalsig bin ich nicht, die Finanzmärkte sind dafür auch zu erfindungsreich. In meiner Heimat San Francisco gibt es derzeit den "Facebook-Effekt": Gutbezahlte Mitarbeiter von Facebook treiben die Immobilienpreise in die Höhe. Aber immerhin tun sie das mit ihrem eigenen Geld und nicht mit riskanten Krediten wie vor der letzten Krise.

SPIEGEL ONLINE: Wo sonst sehen Sie die Gefahr neuer Blasen?

Eichengreen: Bei europäischen Staatsanleihen. Die Zinsaufschläge von Ländern wie Portugal oder Irland sind stärker zurückgegangen, als es die Erholung dieser Länder rechtfertigen würde.

SPIEGEL ONLINE: Für Europa ist es also zu früh, die Erholung zu feiern?

Eichengreen: Viel zu früh. Die Bankenkrise ist ungelöst, die gemeinsame Aufsicht ist erst in einigen Jahren fertig. Das Wachstum der Euro-Länder ist weiterhin zu schwach. Und dass die politische Krise fortbesteht, dürfte sich bei den Europawahlen zeigen. Vielleicht übersteht Europa mit seinen Teillösungen ein weiteres Jahr. Es kann aber auch sein, dass 2014 wieder alles in die Luft fliegt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 195 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. natürlich ist Europa gefahrdet. ...
joG 25.01.2014
.... Dieses risoko ging man ja auch bewußt ein, als man den Euro in der Form durchdrückte, die man wählte. Da nahm man die Schäden an den Bevölkerungen billigend in kauf. Man hat auch jetzt nur taschenspielertricks verwendet um Beruhigung zu schaffen. Die Struktur ist aber so dysfunktional wie eh. Das kann bis zum Kollaps führen und die Immer Tieferes Europa Leute sind dann schuld.
2. Amerikanisches Lobbymarketing
wire-less 25.01.2014
Redet der über ein Land das die Verschuldungsgrenze im Februar erneut anheben muss weil sie sonst nicht mehr handlungsfähig sind? Arm aber Sexy? Nicht das wir hierzulande besser wären (momentan werden wieder Wohltaten auf Pump verteilt) aber auf andere zeigen um von den eigenen Schwächen abzulenken ist *peinlich*.
3. Scheint plausibel
redbayer 25.01.2014
was Eichengreen da zum besten gibt. Die verblendeten Europäer die alle "nur der Merkel nachlaufen" merken das gar nicht. Diese Ignoranz könnte am Ende dafür sorgen, dass alles in die Luft fliegt.
4. Nur kurz zu Eichengreen selbst
Mentar 25.01.2014
Der Knabe beschwört den Untergang des Euro schon seit 1994, jedes Jahr wieder. Bisher ist noch keine seiner Vorhersagen eingetroffen. Ist halt ein Krugman-Kumpan von Princeton. Geld drucken ohne Ende und rein in die Wirtschaft damit. Defizite? Staatsschulden? Papperlapapp. Sorry. Ich bin froh, dass wir diesen Irrsinn der Amis nicht mitmachen. Kann auf die Dauer nicht gutgehen.
5. wirkt überraschend
phyrgisch 25.01.2014
ist es aber nur weil die Folgen der Kapitalismuskrise in unseren Medien quasi "nicht stattfinden"-. Die Lage und Situation der Menschen in Portugal, Spanien, Griechenland, Frankreich , Italien, Irland ist katastrophal. Man muss sich nur einmal eine Jugendarbeitslosigkeit von 50% richtig vorstellen, und das bei Fehlen eines existenzsichernden Sozialsystems. Es brodelt in den Ländern um ums, während in Deutschland weiterhin fröhlich den Opfern der Krise die Schuld in die Schuhe geschoben wird (zu faul, schlecht qualifiziert.....). Bye the way: das ständige Wachstum ist die notwendige Bedingung zum Funktionieren des Wirtschaftssystems....was macht das wohl mit unserem Lebensraum Erde?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: