Von Marc Pitzke, New York
Der große Moment verendete wie ein Fisch auf dem Trockenen. Um kurz vor 18.30 Uhr Ortszeit am Freitagabend verabschiedeten die Republikaner im Washingtoner US-Repräsentantenhaus ihren neuen Schuldenplan mit der nötigen Mehrheit von 216 Stimmen. Müder Applaus dümpelte durchs Plenum. "Wir haben", hatte John Boehner, der Sprecher der Kammer, seinen Truppen noch kurz zuvor zugerufen, "unser Bestes getan."
Oder auch nicht. Nicht mal zwei Stunden später schossen die Demokraten im Senat, die nun legislativ als nächste das Sagen haben, den Gesetzentwurf schon wieder ab - mit stiller Hilfe von sechs Republikanern.
Also geht Amerikas Schuldendrama weiter. Die Uhr tickt: Am Dienstag, so hat US-Präsident Barack Obama erneut gewarnt, droht der Nation die Zahlungsunfähigkeit.
Der Boehner-Entwurf, der nur eine kurzfristige Anhebung der Schuldengrenze vorsah, war von vornherein Makulatur. Denn er enthielt eine "poison pill": ein Geschenk an die Tea-Party-Konservativen, das für die Demokraten völlig inakzeptabel war: die Forderung nach einem neuen Verfassungszusatz, der einen ausgeglichenen Haushalt verbindlich vorschreibt.
Pizzaboten huschen durch den Kongress
Deshalb will der demokratisch dominierte Senat nun übers Wochenende eine separate Version eines Schuldenplans ausarbeiten, diesmal jedoch unter Aufsicht des demokratischen Mehrheitsführers Harry Reid. Dazu richteten sich die Senatoren auf Nachtschichten ein. Erneut huschten Boten der Pizzaketten "Papa John's" und "Al's Pizza" durch die ehrwürdigen Hallen den US-Kapitols.
Die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit ist mit dieser hektischen Betriebsamkeit keinesfalls abgewendet - im Gegenteil: Beide Seiten sind jetzt noch weiter voneinander entfernt als je zuvor. Das Senatspaket muss dann ja wieder durchs Repräsentantenhaus, wo aber die Tea-Party-Blockierer herrschen.
Da ein solcher Moment ein historisch bislang einmaliger Vorfall wäre, haben selbst Experten immer noch keine klaren Antworten auf diese Fragen. Hinzu kommt, dass keiner der Beteiligten die Wahrheit sagt. Obama überspitzt die Situation, um die Republikaner unter Druck zu setzen. Die Republikaner spielen sie herunter, um dagegen zu halten.
Es gibt einen Plan für den Ernstfall
Das fängt schon mit dem Datum an. Seit Monaten warnen Obama und Finanzminister Tim Geithner, dass die USA ab Dienstag, dem 2. August, ihre Schulden nicht mehr tilgen können - wie bei einer überzogenen Kreditkarte.
Viele Ökonomen und Wall-Street-Analysten glauben jedoch, dass die Regierung dann trotzdem noch genug Cash in der Kasse hätte, um mindestens bis zum 10. August über die Runden zu kommen. Der Grund: Laufende Steuereinnahmen und die Möglichkeit, mit staatlichen Rechnungsposten zu jonglieren. "Die Frist des 2. August ist nicht so hart, wie Minister Geithner behauptet", sagte Mohamed El-Erian, der Chef der Investmentgesellschaft Pimco, des weltweit größten Händlers von Staatsanleihen, der "New York Times". Sprich: Die Staatspleite käme nicht über Nacht.
Doch irgendwann käme sie. Und dann? Das Finanzministerium und die Notenbank haben dafür längst einen Notfallplan aufgestellt - eine "Planung für den Eventualfall", wie es Fed-Sprecherin Barbara Hagenbaugh am Freitag ausdrückte.
Wer zuerst leidet, bleibt unklar. Weder Obama noch das Finanzministerium haben sich bisher in die Karten sehen lassen. "Du wählst zwischen Gewinnern und Verlierern aus", sagte Stephen Myrow, der Geschäftsführer der Researchfirma ACG, dem Wirtschaftsdienst Bloomberg. "Bei der Aussicht gewinnt keiner."
Eine Benachteiligung von Rentnern zugunsten von Rüstungsfirmen dürfte unwahrscheinlich sein. Prioritäten müssten rein rechnerisch begründet werden: Schulden werden in der Reihenfolge bezahlt, in der sie fällig werden.
Einen völligen Regierungsstillstand wird es wohl nicht geben
Erschwerend hinzu kommen technische Unwägbarkeiten. Der interne Cash-Flow Washingtons ist keine flüssige Bewegung, sondern gleicht einem spuckenden Wasserhahn: Einnahmen und Ausgaben decken sich nicht so glatt wie - idealerweise - das Scheckbuch eines Verbrauchers. Außerdem werden die meisten dieser Bücher nicht zentral geführt, sondern über die Fed-Filialen in den Bundesstaaten. Der Vorgang ist hochgradig automatisiert und lässt sich schwer ändern.
Ein völliger Regierungsstillstand, wie oft fälschlicherweise berichtet wird, ist dennoch nicht zu befürchten. Die Schuldengrenze betrifft nur bereits angefallene Schulden, nicht aber die laufenden Ausgaben - Ministerien und Behörden würden weiterhin finanziert bleiben.
Es ist denn auch nicht das schwammige "worst-case scenario", das die Wall Street so schreckt. Sondern die Unsicherheit - und die Aussicht, dass die Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit der USA kappen könnten. Diese Möglichkeit besteht auch dann, wenn der Kongress die Zahlungsunfähigkeit im letzten Moment doch noch vermeiden würde. Denn den Agenturen geht es um das Image der USA, den politischen Stillstand, das Gefühl, dass nichts mehr läuft in Washington - und diese Erkenntnis hat sich inzwischen auch an der Wall Street durchgesetzt. Dort verbuchten die Börsen ihre schwersten Wochenverluste in einem Jahr. Der Dow-Jones-Index büßte seit Montag fast 538 Punkte ein, und nur zwei seiner 30 Aktien schlossen am Freitag im Plus.
Der globale Kreditmarkt würde einfrieren
Die Schuldenobergrenze selbst ist der Wall Street also in Wahrheit weniger wichtig als der fiskalische Ruf der USA, der hier auf dem Spiel steht. Obama könnte der erste Präsident in der Geschichte werden, unter dem Amerika sein AAA-Goldrating verliert, das es seit 1917 hält. Das wiederum könnte zu Zinssteigerungen führen - für die Regierung selbst, deren Schulden dann noch teurer würden, und natürlich für die Verbraucher.
"Es wäre ein psychologischer Schlag für eine Nation, die sich sowieso schon vor wachsenden Wirtschaftssupermächten wie China fürchtet", schreibt das Online-Magazin "Politico". "Und es gäbe den republikanischen Rivalen des Präsidenten eine vorgefertigte Angriffslinie."
Vertreter der Rating-Agenturen warnten den Kongress jetzt, dass ein solches Downgrade Schockwellen durch die Finanzwelt treiben würde. Banken und Konzerne würden lieber auf ihrem Geld sitzenbleiben, statt es zu investieren - was viele jetzt schon tun. Der globale Kreditmarkt würde einfrieren. Das heißt im Klartext: Nicht Dienstag, der 2. August, ist die wahre Gefahr für Amerikas Zukunft. Die wahre Gefahr ist das Gehampel im Kongress.
Noch in der Nacht zum Samstag leitete Harry Reid, der Demokratenchef im Senat, seinen eigenen Schuldenplan in die Wege. Die Republikaner im Repräsentantenhaus kündigten an, diesen dann sofort abzulehnen.
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