US-Industrieregionen Wachstum im Rostgürtel zieht teilweise an

Amerika wieder groß machen: Dieses Versprechen von Donald Trump gilt nicht zuletzt den ehemaligen Industriehochburgen im Rust Belt. Doch laut neuen Wachstumszahlen ist die Lage nicht überall so schlecht wie behauptet.

REUTERS

Die Enttäuschten, die Arbeitslosen, die aus der Mittelschicht Abgerutschten: Der Zuspruch aus solchen Milieus gilt als eine wichtige Ursache für Donald Trumps Wahlerfolg. Der enttäuschte weiße Mann aus dem "Rust Belt", dem "Rostgürtel", dem ehemaligen industriellen Kerngebiet im Mittleren Westen - so charakterisierten Wahlforscher den typischen Trump-Wähler. Doch sind viele Amerikaner wirklich "abgehängt" - und, wenn ja, wo?

Das Handelsministerium in Washington lieferte am Donnerstag neue Fakten zum regionalen Wachstum. Dabei offenbaren die Daten des Bureau of Economic Analysis (BEA) größere Unterschiede zwischen einzelnen Bundesstaaten. Sie zeigen ebenso: Dort, wo der Präsident besondere Einbußen der heimischen Wirtschaft - auch wegen ausländischer Konkurrenz - beklagt, scheint die Lage oft gar nicht allzu arg zu sein. Und manchmal weichen die wahrgenommenen von den wirklichen Problemen ab.

So sticht in der Übersicht ausgerechnet das strukturschwache, landwirtschaftlich geprägte South Dakota heraus, wo noch ein guter Teil der Bevölkerung den Sioux-Indianern angehört oder von ihnen abstammt: Es verzeichnet die größte Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vom zweiten zum dritten Quartal 2016 - plus 7,1 Prozent. Die Statistiker haben die Werte um die Inflation bereinigt und auf die geschätzte Entwicklung im Gesamtjahr hochgerechnet. Regionale Schlusslichter mit den einzigen Rückgängen, jeweils um 0,1 Prozent: Alaska und New Mexico.

Fotostrecke

5  Bilder
Strukturschwache US-Regionen: Letzte Hoffnung Trump?

Solche Differenzen zwischen dem Wachstum einzelner Gegenden seien in einem Land von der Größe der USA normal, sagt Galina Kolev, Konjunkturexpertin am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Die Regionen haben auch unterschiedliche Ausgangsniveaus." In kurzer Frist - von Quartal zu Quartal - sei die Aussagekraft der Werte zwar relativ gering. Betrachte man längere Zeiträume, nehme sie aber zu.

Beispiel "Rostgürtel": Das alte Herz von Amerikas Schwerindustrie südlich der Großen Seen sprach Trump im Wahlkampf immer wieder an, versprach, dass es den Menschen dort unter ihm besser gehen werde. West Virginia, einst ein florierendes Kohle-Revier, sei ein Fall, in dem es längerfristig "nicht so rosig" aussehe, meint Kolev. (Eine Reportage aus West-Virginia lesen Sie hier.)

Waghalsiges Versprechen an die Kumpels

"Dieser Staat war Ende 2008/Anfang 2009 vergleichsweise gut durch die Folgen der Finanzkrise gekommen - aber seit Ende 2009 geht es immer wieder nach unten", sagt die Ökonomin. "Das dürfte mit eine Erklärung für den großen Stimmanteil sein, den Trump dort bekommen hat." Trump hatte den Kohlekumpels versprochen, ihre Minen wieder zu öffnen - eine politisch eher waghalsige Ankündigung.

Auch der Blick weiter nach Norden zeigt ein gemischtes Bild. In Pennsylvania, Ohio und Indiana - alles klassische Industriestandorte - gelangen kurzfristig Zuwächse von immerhin 3,3 bis 3,9 Prozent. Michigan, der Heimatstaat der einst glänzenden "Motor City" Detroit, konnte sein regionales BIP um 4,2 Prozent steigern. Gar nicht so übel, möchte man angesichts einer Rate von 3,5 Prozent für die gesamten USA als weltgrößte Volkswirtschaft im dritten Jahresviertel 2016 denken. Für das Schlussquartal 2016 schätzte das Handelsministerium landesweit ein BIP-Wachstum von auf das Jahr gerechnet 1,9 Prozent.

Unabhängig von der Frage, was derlei Daten über die Lebenswirklichkeit der Menschen sagen: Dass Trumps Wirtschaftspolitik den Krisenregionen helfen kann, darf bezweifelt werden. Mit rigoroser Abschottung nach außen mehr eigene Jobs im Innern zu schaffen - dieses Rezept hat er vor allem für US-Staaten ausgerufen, die mit dem Tempo der Zentren nicht mithalten können. Importe aus China oder Europa sollen nun erst recht vermieden werden: "Wir müssen unsere Grenzen vor Verwüstungen durch andere Länder schützen, die unsere Produkte herstellen, unsere Firmen klauen, unsere Arbeitsplätze zerstören", tönte Trump. Das Versprechen: In Kombination mit Investitionen in die Infrastruktur lassen sich so Millionen Jobs in den USA schaffen.

Tatsache ist jedoch auch: Über das ganze Land gesehen hat sich die Arbeitslosenquote verringert. Während sie nach der Rezession 2009 lange über 8 Prozent lag, betrug sie Ende 2016 noch 4,7 Prozent. Und: Die Abschottung würde die Produkte im Inland erstmal verteuern. Ob die Löhne da so ohne weiteres mitziehen? Ein Vabanquespiel, bei dem die Arbeitnehmer das volle Risiko tragen.

Kaum Umverteilung wie in Deutschland

Vor allem die örtlichen Probleme sind nicht zu unterschätzen. Die USA kennen Strukturpolitik zur Verteilung der Lasten über das gesamte Land - wie den deutschen Länderfinanzausgleich - nur ansatzweise. Die Nation besteht aus florierenden Regionen an den Küsten. Das was dazwischen ist, bezeichnen viele als "Fly-Over-Country", das Land, über das man nur hinwegfliegt. Und genau dort herrschen die Probleme.

Viele Amerikaner sind hochverschuldet, die Industrie schwächelt. Und nimmt man die Entwicklung der Durchschnittseinkommen pro Kopf, stehen Staaten wie Ohio tendenziell auf der Verliererseite, sagt Oliver Holtemöller. Sie seien gegenüber dem US-Durchschnitt zwischen 1997-1999 und 2013-2015 zurückgefallen, so der Vizechef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Seine Kollegin Kolev wundert das Wahlergebnis denn auch kaum: "Es ist wenig überraschend, dass die Bevölkerung in abgeschlagenen Regionen nach Alternativen sucht." Ein Schutz alter Industrien helfe aber wenig.

Jan Petermann und Michael Donhauser, dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mertrager 03.02.2017
1. Manchmal wiederholt sich Geschichte
Auch Clinton hat den Staaatshaushalt saniert und die Wirtschaft gestärkt. Bush hat dann einen ruinösen Staatshaushalt daraus gemacht. Und der Wirtschaft gig es auch nicht so berauschend. Das wird wieder so: Kassen im Extrem-Minus und dem Nachfolger ein Wirtschaftstief im Anmarsch hinterlassen. Aber das eigene Konto ...!!
patchwork73 03.02.2017
2. Kurzsichtigkeit
ich könnte Wetten, dass die «abgehängten» Trumpwähler diese Entwicklung Herrn Trump gutschreiben. Es ist aber schwerlich vorstellbar, dass diese Entwicklung in den zwei Wochen in denen dieser anständige und fürsorgliche Mensch das Land regiert, vonstatten ging. Die Kurzsichtigkeit vieler Trumpwähler dürfte genau dies tun.
okav 03.02.2017
3. Transformation von alten Industrien in neue
geht so schnell nicht, von daher ist es sinnvoll alte Industrien im Übergang zu stützen, um die Balance zu wahren. In Deutschland hatten wir dafür lange den Kohlepfennig. Amerika ist kein Land der Umverteilung und Transferleistungen. Trump versucht daher die Industrien zu halten und zu stärken, um auf diese Weise in den Regionen das BIP und den Wohlstand zu erhöhen. Solange Substanz vor Ort ist, ist eine langfristige Transformation in neue Industrien einfacher. Ich denke Trump wird unterschätzt. Es wird ihn nicht darum gehen die Kohle zum Energieträger der Zukunft zu machen. Er braucht sie für den Übergang. Trump mag sehr schwierig sein aber er ist kein Betonkopf, er ist geistig flexibel und kann sich veränderten Umständen und neuem Wissen fügen. Man sieht das auch gerade am Einreisedekret, wo mittlerweile Mehrstaatler und Greencart Inhaber etc. wieder einreisen dürfen.
reflektiert_ist_besser 03.02.2017
4. geistig flexibel ?
Zitat von okavgeht so schnell nicht, von daher ist es sinnvoll alte Industrien im Übergang zu stützen, um die Balance zu wahren. In Deutschland hatten wir dafür lange den Kohlepfennig. Amerika ist kein Land der Umverteilung und Transferleistungen. Trump versucht daher die Industrien zu halten und zu stärken, um auf diese Weise in den Regionen das BIP und den Wohlstand zu erhöhen. Solange Substanz vor Ort ist, ist eine langfristige Transformation in neue Industrien einfacher. Ich denke Trump wird unterschätzt. Es wird ihn nicht darum gehen die Kohle zum Energieträger der Zukunft zu machen. Er braucht sie für den Übergang. Trump mag sehr schwierig sein aber er ist kein Betonkopf, er ist geistig flexibel und kann sich veränderten Umständen und neuem Wissen fügen. Man sieht das auch gerade am Einreisedekret, wo mittlerweile Mehrstaatler und Greencart Inhaber etc. wieder einreisen dürfen.
ich lerne jeden Tag neue Wörter und Redewendungen aus Trumpistan. mein bisheriges Lieblingswort: "alternative Fakten" anstelle von Lügen. aber "geistig flexibel" für heute so, morgen so ... das ist auch nicht schlecht. Man sollte sich diese Begrifflichkeiten alle notieren und ein Buch drüber schreiben, das könnte richtig lustig werden.
jogola 03.02.2017
5. Wenig bis Nichts
"Unabhängig von der Frage, was derlei Daten über die Lebenswirklichkeit der Menschen sagen: " Das BIPt bis in Teile von Bundesstaaten aufschlüsseln aber bei der Arbeitslosigkeit mit dem Bundesdurchschnitt arbeiten, das ist genau die Art von Elitenpresse, die gegen Trump nicht helfen wird. Der wäre nicht der erste Populist, der behauptet: "Das ist mein Aufschwung!"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.