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Neuer griechischer Finanzminister: Der Mann aus Texas sucht das Duell mit Schäuble 

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Finanzminister Giannis Varoufakis: Kein Freund der Banken

Lederjacke und kurze Lunte: Giannis Varoufakis, der neue griechische Finanzminister, gilt als ungewöhnlich aufbrausend. Kollegen raten ihm, sich verbal zurückzuhalten. "Ich habe vor, diesen Rat zu ignorieren."

Als am Mittwoch erstmals das neue griechische Kabinett zusammentrat, saß ein Heimkehrer aus dem Exil mit am Tisch. Nach eigenen Angaben musste Giannis Varoufakis einst das Land in Richtung Texas verlassen, nachdem seine Familie Todesdrohungen erhalten hatte. Der Grund seien Varoufakis' beharrliche Nachfragen zu Skandalen der griechischen Banken gewesen. Im Gegensatz zu manchem Amtskollegen steht Giannis Varoufakis der Finanzbranche also nicht wirklich nahe.

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras hat Varoufakis dennoch oder gerade deshalb zum Finanzminister berufen. Einen Mann, der selbst für griechische Verhältnisse als emotional und aufbrausend gilt.

Der große, sportliche Varoufakis, der häufig in einer Motorradjacke auftritt, widerspricht so ziemlich allen Klischee des Universitätsprofessors, der er bisher war. Vielleicht auch deshalb ist Varoufakis in Griechenland so etwas wie ein Starökonom. Seine oft kontroversen Artikel und Blogeinträge werden eifrigst gelesen, und sein neues Buch über die Krise dürfte ein Bestseller werden.

Nikitas Kaklamanis, ein altgedienter Vertreter der bisherigen Regierungspartei Nea Dimokratia bezeichnet Varoufakis gar als den "George Clooney der Regierung". Populär war Varoufakis auch als Parlamentskandidat - bei der Wahl am Sonntag vereinte er mehr Stimmen auf sich als jeder andere Politiker. Unwahrscheinlich ist allerdings angesichts der Syriza-Forderungen nach einem Schuldenerlass und gelockerten Sparauflagen, dass Varoufakis bei seinen künftigen Kollegen in der Eurozone ähnlich populär sein wird wie bei seinen Wählern.

Die für künftige Verhandlungen auf europäischer Ebene notwendige Weltläufigkeit hat Varoufakis aber durchaus. Er fühlt sich im Dialog mit Oxford-Dozenten genauso zuhause wie im Gespräch mit Syriza-Hitzköpfen oder vor den Mikrofonen internationaler Medien. Studenten wie Journalisten lieben Varoufakis' Elan und die charismatische Art, mit der er komplexe ökonomische Zusammenhänge in plastischen Bildern erklärt. So beschreibt Varoufakis das griechische Sparprogramm gerne als "fiskalisches Waterboarding". Die Tatsache, dass Griechenland kaum aus der Eurozone fliegen kann, umschrieb Varoufakis mit einem Zitat aus dem Eagles-Hit "Hotel California". Auch in der Währungsunion gelte: "Du kannst jederzeit auschecken, aber nie weggehen".

Die Sparpolitik hat Varoufakis persönlich zu spüren bekommen. Im Jahr 2012 verließ er Griechenland, um eine Professur in Austin, Texas, anzunehmen. Neben den Todesdrohungen bewog ihn nach eigenen Angaben auch, dass sein Gehalt schrumpfte und er seine Tochter Xenia sonst nicht mehr hätte unterstützen können, die mit Varoufakis' Exfrau in Australien lebt.

Er profilierte sich früh als Spargegner

Während der Finanzkrise wurde der 1961 geborene Professor für ökonomische Theorie berühmt als Stimme der Spargegner. Während die meisten seiner Kollegen im Fachkauderwelsch die Vorzüge des Rettungsprogramms für Griechenland lobten, nutzte Varoufakis sein Blog und die Medien, um für ein Ende des Sparkurses zu werben und vor den drohenden Folgen zu warnen.

Kurz nachdem der damalige Premierminister Georgios Papandreou die Europartner im April 2010 um Finanzhilfen gebeten hatte, forderte Varoufakis ihn öffentlich auf, es zur Staatspleite kommen zu lassen. "Lasst uns pleite gehen! Jetzt! Mit einem Lächeln und optimistisch!", schrieb er. Die Tatsache, dass er zuvor als wirtschaftlicher Berater von Papandreou gearbeitet hatte, gab seinen Worten besonderes Gewicht.

Varoufakis zufolge wäre eine griechische Staatspleite "relativ schmerzlos", da die private Verschuldung in Griechenland vergleichsweise niedrig ist. "Ein solches Ereignis sollten andere fürchten, auch die Regierung von Frau Merkel, die deutsche Banken wird retten müssen", erklärte der Ökonom seine Einschätzung. In einem Nachtrag fügte er hinzu: "Und wisst Ihr, was das Beste ist? Wenn wir uns selbst von der Angst vor einer Staatspleite freimachen könnten, würden unsere deutschen Freunde sich sofort beeilen, sie zu verhindern."

"Meine Bestimmung ist es, die Dinge beim Namen zu nennen", schrieb Varoufakis später über diese Zeit. "Der Welt und unseren europäischen Partnern die Wahrheit über Griechenlands Bankrott zu erzählen, wurde von den Mächtigen als Hochverrat betrachtet."

Wird Varoufakis auch als Finanzminister und Gegenspieler von Wolfgang Schäuble so sprechen? Jedenfalls hat er bereits versprochen, auch im neuen Job weiter zu bloggen - wenn auch mit geringerer Frequenz. "Mir wurde gesagt, jetzt sei die Zeit gekommen, um den Mund zu halten. Ich habe vor, diesen Rat zu ignorieren."

Wegen solcher Äußerungen hatten einige Berater Premier Tsipras vor der Entscheidung für Varoufakis gewarnt. Sie fürchteten, der große Mitteilungsdrang könnte für einen Finanzminister kontraproduktiv sein. Tsipras hat diese Bedenken ignoriert. Jetzt hat Varoufakis die Chance, seine Theorien in die Praxis umzusetzen.

Übersetzung aus dem Englischen und Mitarbeit: David Böcking

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 216 Beiträge
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1. Politiker mit Kanten..
schauerstoff 28.01.2015
.. und die auch noch Wahlversprechen umsetzen. Ein seltenes Phänomen!
2.
helmut.alt 28.01.2015
Auch mit einem großen Mundwerk wird man Grundprinzipien nicht ändern können: man kann auf Dauer nicht mehr ausgeben als man hat.
3.
ruediger 28.01.2015
Wenn man über einen Blog eines andern schreibt wäre ein Verlinkung sehr praktisch.
4.
Max Super-Powers 28.01.2015
Meine Oma sagte immer "Hunde, die laut bellen, beißen nicht". So wird es sich dann wohl auch bei diesem Herrn verhalten.
5. Private Verschuldung ist niedrig???
Blaumännchen 28.01.2015
Der Mann sollte sich nochmal kundig machen. Die privaten Haushalte sind mit Hypotheken aus der Immobilienblase und mit Konsumentenkrediten verschuldet bis zum Hals. Und falls die Staatspleite kommt kann er Beamten, Rentnern und öffentlichem Dienst erklären warum die Zahlungen eingestellt werden. Der anstehenden Tourismus Saison tut das super-gut den der Tourismus ist eigentlich die einzige Branche die noch Geld verdient.
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