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Aufregung um Varoufakis: Der schlimme Finger

Ein Kommentar von , Brüssel

Hat er oder hat er nicht? Letztlich ist es egal, welche Gesten Giannis Varoufakis vollführt - schon die Frage danach ist ein weiterer Rückschlag für Griechenland. Das Theater um solche Albernheiten stärkt nur die deutschen Hardliner.

Es gibt so viele Gründe, traurig zu sein über das jüngste Spektakel im Streit mit Athen, über die bislang ungeklärte Frage, ob Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis den Deutschen den Stinkefinger zeigte oder nicht.

Zu betrauern sind: die Bürger eines Landes, dessen Finanzminister mittlerweile mehr um sich selbst zu kreisen scheint als um die Lösung der Krise. Die Redaktion einer führenden deutschen TV-Talkshow, die im Umgang mit einem umstrittenen Video nicht über jeden Zweifel an ihrer Sorgfalt erhaben scheint. Und, ganz nebenbei, auch die Bewohner Deutschlands, einem Land, in dem ein Herr namens Markus Söder als politischer Experte in Sachen Griechenland in dieser Sendung auftreten durfte.

Doch egal wie traurig man über all dies ist, immer gibt es noch etwas Traurigeres: die große Gelegenheit, die Varoufakis und Griechenlands Premier Alexis Tsipras leichtfertig vertan haben.

Denn je mehr das Duo von einer "anderen Art Politikern" zu selbstverliebten Karikaturen schrumpft, desto stummer wird es um eine Debatte, die diese hätten anführen können, ja müssen: die über die künftige Finanzpolitik in der Eurozone.

Diese Debatte war kurz vor dem Syriza-Wahlsieg durchaus in Gang gekommen. Quer durch die Eurozone wuchs die Einsicht, dass etwas mehr Flexibilität den knallharten Sparkurs ergänzen müsse. Auch in Deutschland wurde immer offener diskutiert, was internationale Ökonomen seit langem predigen: dass nicht nur deutsche Banken Mitschuld trugen an der Kreditblase, welche die Eurokrise mit auslöste. Sondern auch deutsche Sparapostel Mitschuld tragen am stotternden Wachstum seither.

Durch Eitelkeit, Sprunghaftigkeit und schlichte Inkompetenz haben Varoufakis und Tsipras die Chance verspielt, diese Debatte voranzubringen.

Größte Gewinner dieses Versäumnisses: jene deutschen Hardliner, die einen strikten Sparkurs zum alleinigen Heilsmittel für die Eurozone verklären. Sie mögen laut über Varoufakis schimpfen, müssen ihn im Stillen aber als Gottesgeschenk wahrnehmen.

Der Protest gegen die Sparpolitik ist verstummt

Dank seines aggressiven Auftretens ist etwa im Kreis der Euro-Finanzminister die harte deutsche Haltung derzeit wieder so gut wie unumstritten. Selbst als Finanzminister Wolfgang Schäuble die Griechen in knappen Pressemitteilungen abkanzelte und sogar seine eigenen Leute Widerstand erwarteten, wagte kein anderes Euroland offenen Protest: 18 zu 1 stehe man gegen Athen, hieß es in Brüssel.

Es erregt nicht einmal mehr laute Empörung, dass Griechenland gerade jetzt dem Internationalen Währungsfonds (IWF) 588 Millionen Euro zurückzahlen musste - obwohl Athens Kassen so leer sind, dass dort bald schon ein neues Hilfspaket nötig sein könnte. Hauptsache, die Raten kommen pünktlich.

Wie die griechische Wirtschaft wieder wachsen könnte, scheint hingegen niemanden mehr wirklich zu interessieren. Syriza nicht, Griechenlands Gläubiger aber auch nicht.

Das muss jedem nüchternen Beobachter absurd vorkommen. Aber Episoden wie der mutmaßliche Stinkefinger-Skandal machen es leider genau jenen Deutschen leicht, die zur Zukunft der Euro-Sparpolitik absurd holzschnittartig argumentieren (wozu übrigens Finanzminister Schäuble trotz aller Kritik aus Athen nicht gehört).

Professor Varoufakis sollte begreifen: Wann immer er plump den Finger gegen Berlin reckt, ob real oder imaginär, diskreditiert er sich nicht bloß selber - sondern stößt leider auch seinem eigenen Volk in den Rücken.

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Der große Stinkefinger-Skandal

Im Jahr 2013 hat Giannis Varoufakis, damals noch längst nicht griechischer Finanzminister, auf einer Konferenz in Zagreb den Mittelfinger gehoben und dabei von Deutschland gesprochen - das zeigt jedenfalls ein Video der Veranstaltung, er selbst bestreitet den Vorgang. Was halten Sie von der Debatte um die Geste?

Zum Autor
Dennis Drenner
Gregor Peter Schmitz ist Europa-Korrespondent bei SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Brüssel.

E-Mail: Gregor_Peter_Schmitz@spiegel.de

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Albernes Getue
Inselbewohner, 17.03.2015
Zu Herrn Söder braucht man nicht viel sagen, es gibt nicht umsonst den Ausdruck "södern". Warum nennt der Autor nicht die deutschen Sparapostel beim Namen? Merkel und Schäuble müssen als erstes genannt werden. Ein Video was schon alt ist und der Herr Varoufakis noch nicht im Amt war dazu aus dem Zusammenhang gerissen als Aufhänger einer Schmutzkampagne zu nutzen ist einfach stillos genau wie seine Geste. Der IWF läßt GR bluten dem ist egal wo das Geld her kommt Hauptsache es wird bezahlt. Der Rest des Artikels findet meine Zustimmung. Gruß HP
2. hardliner?
ka117 17.03.2015
Welche Hardliner gibt es denn in der deutschen Regierung? Varoufakis, Tsirpas, alle wissen es, dass Deutschland am ende wie immer bezahlen wird. Wozu also dieses Theater? Tsirpas kommt zu Merkel nach Berlin um die letzten Details alternativlos zu klären und damit ist die Sache wieder für ein paar Jahre und paar hundert Milliarden erledigt.
3. Theater
question2001 17.03.2015
Indem Sie schon wieder darüber schreiben setzen Sie doch das Theater fort, und wollen Griechenland offenbar schaden?!
4. er hat
Ezechiel 17.03.2015
Es ist klar zu sehen, dass er hat. Auch seine wörtlichen Ausführungen passen zu der Geste. Die jungen Computerfreaks (Hacker) in meiner Familie haben das Video untersucht und keinen Hinweis auf eine Fälchung gefunden. Es ist auch nicht schlimm, dass er hat. Nur wenn er sich jetzt hinstellt und behauptet das Video sei eine Fälschung tut er damit Kund, dass er alle für Idioten hält. Es passt halt zu seinem ganzen Auftrittsgebaren.
5. Klar,...
andii80 17.03.2015
es ist einfach, über Banken und Gläubiger herzuziehen, die Finanzwelt ist ja auch in weiten Teilen eine ziemlich schreckliche Branche. Aber in diesem speziellen Fall den Banken die Schuld für Griechenland zu geben, ist etwas verkürzt. Sie haben GR Geld geliehen, das muss zurück gezahlt werden. Was in der Wirtschaft und erst recht im Privaten völlig normal ist, sollte im hier nicht anders sein. GR hat auf zu großem Fuß gelebt und bekommt nun die Quittung. Nicht mehr und nicht weniger.
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