Wirtschaftskrise in Venezuela Nichts zu essen, aber kostenlos Benzin

Venezuelas Ökonomie liegt am Boden: Ein Großteil der Menschen lebt in Armut, Bargeld gibt es fast keines mehr. Viele hoffen nun auf Interimspräsident Guaidó - erste Wirtschaftspläne hat er bereits.

Menschen suchen im Müll nach Verwertbarem
REUTERS

Menschen suchen im Müll nach Verwertbarem

Aus Caracas berichtet


David Tello ist erst 19, aber mit Finanzen kennt er sich aus wie ein alter Hase. Er öffnet sein Handy, eine Reihe bunter Apps leuchtet auf. "Wie wollen Sie bezahlen?" fragt er. "Dash, Dollar oder Bolívares?"

Tello verkauft Donuts in einem heruntergekommenen Einkaufszentrum von Caracas. Eines der süßen Teilchen kostet 2000 Bolívares, so heißt Venezuelas Landeswährung. In Dollar umgerechnet sind das 75 Cent. Eigentlich keine große Summe, aber kaum jemand hier hat Bargeld. Bei einer Inflation von mehr als einer Million Prozent kommt die Zentralbank nicht mit dem Gelddrucken nach.

Das Tageslimit am Geldautomaten beträgt 500 Bolívares, das reicht nicht einmal für einen halben Donut. Bare Dollars trägt niemand mit sich herum, denn sie locken Räuber an, außerdem kommen nur wenige Menschen überhaupt an die grünen Scheine ran.

Also zahlt der Kunde per Debitkarte oder in Dash - das ist eine von Dutzenden Kryptowährungen, die in Venezuela zirkulieren.

0,0113 Dash kostet ein Donut. Wenn der Käufer ein Guthaben in der Kryptowährung und die dazugehörige App hätte, könnte er das Gebäck mit seinem Handy bezahlen - seiner "elektronischen Brieftasche", wie der Verkäufer Tello das nennt.

Der tiefste Absturz in der westlichen Hemisphäre

Venezuela ist ein Paradies für Kryptowährungen, und der Dash ist die beliebteste. Mit dem Kunstgeld kann man Pizzas ordern, Arztbesuche bezahlen oder Flugtickets kaufen. Mit dem virtuellen Geld lassen sich die Hyperinflation und der damit verbundene Mangel an Barem austricksen - vorausgesetzt, man vertraut ihm.

Der jüngste Kurseinbruch beim Bitcoin, der als eine Art Leitwährung für andere Kryptowährungen dient, hat auch in Venezuela Spuren hinterlassen. "Aber der Markt wird sich erholen", versichert Cristian Daboin. "Es gibt keinen besseren Zufluchtshafen vor der Inflation."

Markt in Caracas
AP

Markt in Caracas

In seinem Laden Coincoin in einem Mittelschichtsviertel verkauft der junge Mann "Mineradoras": So heißen die kleinen schwarzen Apparate, mit deren Hilfe die Finanztransaktionen in Kryptogeld verifiziert werden. Viele seiner Kunden haben mehrere dieser Maschinen erworben.

Die Kryptohändler leben von einer Kommission, die sie bei jeder Überweisung kassieren, ähnlich wie Kreditkartenfirmen. Jede Maschine bringt monatlich nur ein paar Dollar ein. Doch im Elendsstaat Venezuela zählt jeder Cent.

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Politische Unruhen in Venezuela: Adiós, Maduro!

Keine andere Nation der westlichen Hemisphäre ist ökonomisch in so kurzer Zeit so tief gefallen. "Die Wirtschaftsleistung hat sich halbiert, der Konsum ist um 55 Prozent geschrumpft, die Investitionen sind um 68 Prozent gefallen", rechnet Sari Levy vor, Wirtschaftsprofessorin an der Zentraluniversität in Caracas. "Das System kollabiert an allen Fronten."

Die angesehene Akademikerin gehört zu einem Netzwerk von Wirtschaftsexperten im In- und Ausland, die sich auf die Stunde Null vorbereiten: Jenen Tag, an dem der Autokrat Nicolás Maduro stürzt und Interimsstaatschef Juan Guaidó in den Präsidentenpalast Miraflores einzieht.

Seit über zehn Jahren sind die Experten in Kontakt, ihr bekanntester Kopf ist der venezolanische Harvard-Professor Ricardo Hausmann, ein ehemaliger Wirtschaftsminister. Ihre Empfehlungen sind in Guaidós Wirtschaftsprogramm eingeflossen, das er vergangene Woche vor Tausenden Studenten in der Zentraluniversität vorstellte.

"Wir müssen gleichzeitig die staatlichen Institutionen wiederaufbauen und die Bedingungen für eine funktionierende Marktwirtschaft schaffen", sagt Levy. "Am wichtigsten ist die Entstehung von Arbeitsplätzen. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut."

40 Milliarden Dollar seien als erste Nothilfe nötig, um eine Basis für den Wiederaufbau des wirtschaftlich zerstörten Landes zu legen. "Dieses Geld muss aus dem Ausland kommen, und Venezuela wird es nicht zurückzahlen können", so Levy.

Zwanzig Jahre sozialistische Misswirtschaft haben den Ölstaat, der einst zu den reichsten Ländern Lateinamerikas zählte, in ein Armenhaus verwandelt. Der Niedergang begann bereits unter Maduros Amtsvorgänger, dem 2013 verstorbenen Volkstribun Hugo Chávez: Er ließ Hunderte Privatbetriebe enteignen und zerstörte damit den größten Teil des Produktivsektors. "Mit den Dollars, die der staatliche Ölkonzern PDVSA verdiente, errichtete er einen Parallelstaat", so Levy.

Milliarden Dollar flossen in Sozialprogramme und Prestigeprojekte, eine Buchhaltung gab es nicht, nur ein kleiner Teil kam bei den Bedürftigen an. Korruption und Misswirtschaft fraßen den größten Teil des Geldes auf.

Tanken, ohne zu bezahlen

Zugleich produzierte das Land immer weniger Öl, weil kaum in die Förderanlagen von PDVSA investiert wurde. Das einstige Vorzeigeunternehmen verfiel. "Heute muss die Regierung Benzin importieren", sagt Levy.

Der teuer erkaufte Treibstoff wird praktisch verschenkt, denn Maduro scheut vor einer Erhöhung der Benzinpreise zurück, er fürchtet sich vor einem Volksaufstand. Ein Liter kostet umgerechnet weniger als 0,1 Euro-Cent. Viele Autofahrer machen sich nicht die Mühe zu bezahlen, sie haben keine kleinen Scheine, und die Tankstellen haben sowieso kein Wechselgeld.

Die Hyperinflation hat das gesamte Preisgefüge verzerrt, auch der Preis für Devisen folgt keinen rationalen Regeln mehr: Mittlerweile fällt auch die Kaufkraft des Dollars. Wer sich vor einem Jahr mit 50 Dollar im Monat durchschlagen konnte, benötigt heute doppelt so viel.

Früher litt unter der Geldentwertung vor allem die Mittelschicht, heute verteilt die Regierung in den Armenvierteln einmal im Monat Lebensmittelpakete. Die fallen allerdings auch immer spärlicher aus: "Der Inhalt reicht höchstens für eine Woche", sagt die Hausfrau Rosana Yendiz. "Fleisch, Huhn oder Fisch haben wir seit Monaten nicht bekommen."

Das letzte Paket enthielt sechs Kilo Linsen, ein Kilo Bohnen, ein Kilo Maismehl, zwei Päckchen Reis sowie eine Dose Milchpulver. "Es kam aus der Türkei und war ungenießbar", sagt Yendiz.

Proteste in Caracas
MIGUEL GUTIERREZ/EPA-EFE/REX

Proteste in Caracas

Sie wohnt in einem Häuserblock der Urbanización Simón Rodríguez, einem Viertel der unteren Mittelschicht. Ihre beiden Söhne sind vor der Misere ins Ausland geflüchtet. Aus Protest gegen das Maduro-Regime hatte sie jüngst zusammen mit einigen Nachbarinnen nachts mit ihren Kochtöpfen geklappert. Am nächsten Morgen stand die Hausverwalterin vor der Tür, eine Regierungsanhängerin. Sie verkündete, dass Yendiz in Zukunft keine Lebensmittelpakete mehr erhalten würde. "Sie sagte: Wer schlecht über Maduro redet, geht leer aus", erzählt Yendiz.

Doch die resolute Frau ließ sich nicht einschüchtern. "Viele hier im Haus leiden Hunger, unsere Geduld ist erschöpft", sagt sie. "Ich überlebe nur, weil meine Söhne mir etwas Geld schicken." Vor wenigen Tagen nahm sie zum ersten Mal an einer Demonstration von Interimspräsident Guaidó teil.

Kryptowährung Petro soll der Regierung helfen

Alle Hoffnungen richten sich auf den charismatischen Nachwuchspolitiker, den vor zwei Monaten kaum jemand kannte. Doch bevor es besser wird, müssen die gepeinigten Venezolaner womöglich noch mehr leiden: Weil Maduro nicht weichen will, haben die USA ihre Wirtschaftssanktionen ausgeweitet.

Bislang richteten die Sanktionen sich nur gegen einzelne Repräsentanten des Regimes. Nun hat die Regierung in Washington den gesamten Ölsektor ins Visier genommen. "Wenn es nicht schnell zu einem Machtwechsel kommt, wird auch die Zivilbevölkerung betroffen sein", fürchtet Wirtschaftsexpertin Levy.


Im Video: Guaidó gegen Maduro - Machtprobe in Venezuela


Verzweifelt sucht das Regime nach Wegen aus der Sanktionsfalle. Im vergangenen Jahr verkündete es die Einführung des Petro, einer Kryptowährung, die durch die Ölreserven gedeckt sein soll. Überall in der Stadt preist sie auf riesigen Werbeflächen das Kunstgeld. Rentner erhalten seit Dezember ein Viertel ihrer Bezüge in Petro.

Den Praxistest besteht das Kryptogeld allerdings nicht. "Petros nehmen wir nicht", sagt David Tello, der Donut-Verkäufer. "Da steckt die Regierung dahinter, der traue ich nicht."

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KingTut 05.02.2019
1. Es liegt auf der Hand
Die Venezolaner wollen Maduro nicht mehr, denn sie machen ihn zurecht dafür verantwortlich, dass das ölreiche Land zu einem Armenhaus geworden ist. Die Jubelchöre für Maduro sind uns aus der DDR erinnerlich und dennoch kollabierte das Regime kurz danach. Dass Russland und China keine Veränderungen wollen sagt alles. Wann haben sie sich schon für die Achtung der Menschenrechte und gegen Armut eingesetzt. Das war/ist schon immer die Kernkompetenz des Westens.
Neophyte 05.02.2019
2. Menschen hört auf Populisten zu wählen!
So lange Menschen Populisten wählen, zuletzt in Italien, die gerade verhindert haben, dass die EU eine einheitliche Position zu Venezuela findet, so lange werden Menschen leiden müssen. Auch Chavez wurde demokratisch gewählt, mit seinen einfachen Botschaften. Vielleicht sollte man jeder Wahl einen IQ Test voraussetzen..
jan07 05.02.2019
3. Wenn die Sahara-Staaten den Sozialismus einführen würden....
… geht in wenigen Jahren der Sand aus. Jeder kennt diesen platten Spruch. Er ist polemisch, sicher. Aber die Parallelen zu Venezuela sind leider gegeben.
blaustift 05.02.2019
4. Das Öl
Es gibt eine ganze Reihe an Gründen warum der Staat am Boden liegt. Der größte Faktor ist der niedrige Ölpreis in Kombination mit den Kosten der Produktion (aus dem venezuelanischen Öl läßt sich nicht leicht Energie gewinnen). Der Staat (Chavez) hatte sich verzockt, indem zu stark auf das Öl gesetzt wurde. Anscheinend dachten die Politiker (Chavez), daß der Ölpreis weiter steigen würde. Das war aber nicht so. Als der Ölpreis in der Finanzkrise fiel, wurde das Problem klar. Dann kamen noch US-Sanktionen hinzu und die protestierende Mittel- und Oberschicht (die viel verloren hatten) etc etc. Aber Vorsicht: Ich glaube daß der Großteil des Westens zuviel Wunschdenken und Einseitigkeit an den Tag legt ... wie während des Aufstands in der Ukraine.
99Augustus 05.02.2019
5. Vorbild Venezuela
Es ist noch nicht lange her, da hat der selbsternannte Wirtschaftsweise Oskar Lafontaine den Deutschen den Chavismus als ökonomisches Vorbild empfohlen. Heute ist von ihm zu diesem Thema nichts mehr zu hören.
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