Hyperinflation in Venezuela Sozialismus ohne Bargeld

Die Inflation in Venezuela erreicht geschätzte 388.000 Prozent: Im täglichen Leben ist Bargeld praktisch verschwunden. Glücklich, wer Dollar oder Gold besitzt - alle anderen hungern.

Caracas, Venezuela
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Caracas, Venezuela

Aus Caracas berichtet


Wenn Rafael Castillo seinen Gästen die Rechnung bringt, dann legt er ganz dezent ein Zettelchen dazu. Darauf stehen sein Name, seine Bankverbindung, seine Ausweis- und seine Handynummer. Es ist ein Hinweis darauf, wohin das Trinkgeld zu überweisen sei. "Meistens machen das die Gäste auch", sagt der Kellner des Restaurants "Fuente de Soda El León" in Caracas' feinem Viertel Altamira.

Cash zahlt bei Castillo schon lange niemand mehr, seit die Preise in Venezuela sich von Woche zu Woche im Schnitt um 21 Prozent erhöhen. Die schwindelerregende Teuerung hat das Bargeld im "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" zu einem raren Gut werden lassen. Seit Anfang des Jahres ist es faktisch völlig verschwunden - jedenfalls in der Hauptstadt Caracas. Nicolás Maduros schöne neue Gesellschaftsordnung hat so wider Willen geschafft, worüber man in Europa noch erhitzt diskutiert - die bargeldlose Gesellschaft.

Drei Dollar ist der Schwarzmarkt-Kurs für eine Million Bolívares
EHRINGFELD

Drei Dollar ist der Schwarzmarkt-Kurs für eine Million Bolívares

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert Venezuela im Jahr 2018 eine Inflation von 13.864 Prozent. Venezolanische Ökonomen halten das noch für viel zu optimistisch. "Wir sagen dieses Jahr eine monatliche Preissteigerung von durchschnittlich 107 Prozent voraus, Tendenz steigend", sagt Jean Paul Leidenz. "Wir werden das Jahr mit einer Inflation von 388.000 Prozent abschließen", glaubt der Chefökonom der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Econalítica.

Die Konsequenzen sind bizarr. Wer Dollars hat und auf dem Schwarzmarkt tauschen kann, lebt wie ein König. Wer wie die Mehrheit der Venezolaner auf den staatlichen Mindestlohn angewiesen ist, der hungert. Laut der jährlichen Erhebung der drei wichtigsten venezolanischen Universitäten zu den Lebensbedingungen haben vergangenes Jahr 64 Prozent der Bevölkerung bis zu elf Kilo an Gewicht verloren.

Der Mindestlohn einschließlich aller Boni liegt bei knapp 2,5 Millionen Bolívares. Dafür bekommt man einen Karton Eier oder zwei Sandwichs im Café - aber noch nicht einmal ein Kilo Fleisch. Der offizielle Dollarkurs liegt bei 70.000 Bolívar; auf dem Schwarzmarkt werden aber inzwischen bis zu einer Million "Bolos" gezahlt.

Rucksäcke voller Bargeld

In Caracas ist das Bargeld so knapp, dass es selbst zu einer begehrten Handelsware geworden ist. Wer eine Million Bolos in bar braucht, der muss dafür drei Millionen überweisen. Man bekommt eine Kontonummer mitgeteilt, auf die der Gegenwert von drei Millionen Bolívares zum Schwarzmarktkurs transferiert werden muss, später überbringt der Geldwechsler dann die Million in bar.

Einkäufe und Geschäfte jeder Art laufen in Caracas nur noch über EC-Karten. Einen Großeinkauf im Supermarkt muss man mit bis zu drei Bank- oder Kreditkarten bezahlen, weil die millionenschweren Rechnungssummen die Limits sprengen. Überall zahlen die Menschen mit Karte, selbst der Hotdog-Verkäufer auf der Avenida Miranda, einer der Hauptverkehrsachsen der Stadt, hat einen "Punto de venta", ein Kartenterminal.

Fast-Food-Stand in Caracas, der Zahlungen mit Karte akzeptiert
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Fast-Food-Stand in Caracas, der Zahlungen mit Karte akzeptiert

Aber die Nahverkehrsbusse zum Beispiel haben diese nicht. In der Folge gehen viele Menschen in Caracas gar nicht mehr zur Arbeit, weil sie das Busticket nicht zahlen können. Immerhin ist die Metrofahrt mittlerweile kostenlos, weil das Drucken der Fahrkarten teurer ist als diese selbst. Und da in der Fünf-Millionen-Menschen-Stadt jeder mit Karte zahlt, brechen zudem regelmäßig die Zahlsysteme komplett zusammen.

Aber was in Caracas geht, funktioniert nicht in den abgelegenen Landesteilen. Dort gibt es kaum Internet und folglich auch kaum Kartenlesegeräte. Teil des Problems der Bargeldknappheit in der Hauptstadt sei die Tatsache, dass Mafiosi das Geld kofferweise in die fernen Regionen schleppen, wo es das einzige Zahlungsmittel ist, sagt ein Reiseveranstalter. "Dort sieht man Menschen mit Rucksäcken voller Scheine über die Straßen gehen." In den entfernten Provinzen wird Bargeld nicht mehr gezählt, sondern gewogen. "Wenn das Geld nicht reicht, werden Rechnungen in Gold beglichen", erzählt der Tourismusexperte.

Wer weder Debitkarte noch Dollars hat, dem knurrt täglich der Magen. Um die größte Hungersnot zu vermeiden, vergibt die Regierung seit anderthalb Jahren staatliche Lebensmittelpakete - theoretisch einmal im Monat. Aber nicht jeder kommt automatisch in den Genuss der sogenannten CLAP-Kartons.

Bevorzugt werden diejenigen, die der Regierung nahestehen. Die CLAP (Lokale Komitees zur Versorgung und Produktion) sind an die "Kommunalräte" gebunden, die wiederum von der Regierungspartei PSUV kontrolliert werden. So übt die Regierung letztlich soziale Kontrolle aus. Nur jetzt, vor der Präsidentschaftswahl am Sonntag, erhielten rund 70 Prozent der Bevölkerung die CLAP-Pakete, sagt der Meinungsforscher Luis Vicente León.

Wahlkampf mit der Hyperinflation

Sollte er wiedergewählt werden, plant Präsident Maduro für den 4. Juni eine Währungsreform. Dann soll aus dem "starken" Bolívar, wie die Währung jetzt offiziell heißt, der bolívar soberano werden, der "erhabene Bolívar". Konkret heißt das: Es sollen drei Nullen gestrichen werden. Ganz so, als ließe sich das Inflationsproblem damit lösen.

Experten zufolge wäre diesem aber nur mit der Abschaffung der Devisenkontrollen, der Ankurbelung der Produktion und mit Krediten beizukommen. Aber seit Hugo Chávez 1999 die Macht in Venezuela übernommen hat, sind 7000 Unternehmen aus allen Sektoren und fünf Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche verstaatlicht worden.

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"Diese Staatsbetriebe und LPGs produzieren nur noch zwischen null und zwanzig Prozent dessen, was sie vor der Verstaatlichung herstellten", sagt Tamara Adrián, Wirtschaftsanwältin und Abgeordnete der Oppositionspartei "Voluntad Popular". Auch die Ölproduktion Venezuelas ist auf ein historisches Tief von 1,5 Millionen Fass pro Tag gesunken, weil kein Geld mehr für die Sanierung der Infrastruktur da ist.

Henri Falcón, der Maduro als Präsident ablösen will, hat die Dollarisierung zu seinem Wahlkampfthema gemacht. Nur so ließe sich die Inflation einfangen und die Wirtschaft wieder ankurbeln, sagt er. Venezuela wäre dann nach El Salvador, Ecuador und Panama das vierte Land mit der US-Währung als Zahlungsmittel.

Faktisch ist die Dollarisierung ohnehin schon Realität in Venezuela. Der Kauf von Konsumgütern wie Mobiltelefonen etwa wird in Dollar berechnet und abgewickelt, dabei ist das unter Androhung von Gefängnisstrafe verboten.

Maduro wirft seinem Herausforderer vor, Venezuela "dem Internationalen Währungsfonds ausliefern" zu wollen. Sollte er am Sonntag wiedergewählt werden, werde er ein nationales "Abkommen zur wirtschaftlichen Erholung" auf den Weg bringen, versprach er. "Koste es, was es wolle, ich werde mein Leben dafür geben und eine Wirtschaftsrevolution starten, welche die Welt erschüttern wird."

Ökonom Jean Paul Leidenz hält das für Humbug. "Die Erfahrungen in anderen Ländern mit Hyperinflation haben gezeigt, dass Regierungen früher oder später die Wirtschaft komplett umstellen müssen, oder sie gehen unter." Leidenz fürchtet, die exorbitante Teuerung könnte in Venezuela noch bis Mitte 2019 dauern. Dann aber sei Schluss. Entweder weil die Regierung ein Einsehen habe. Oder weil sie nicht mehr an der Macht sei.



insgesamt 158 Beiträge
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Andre V 20.05.2018
1. Venezuela?
Ist Venezuela nicht das Land, das Sahra Wagenknecht so toll findet, auch dank der Überlegenheit des Sozialismus'? Das ist dann wohl ein ganz anderes Venezuela als das, was hier im Artikel beschrieben wird. Liegt wohl eher in Berlin-Kreuzberg als in Südamerika...
seinedurchlaucht 20.05.2018
2. Sozialismus...
...funktioniert einfach nicht.
hassowa 20.05.2018
3. Wenn es nicht so traurig wäre
könnte man darüber lachen. In Venezuela ist tatsächlich das wahr geworden, was man mit dem folgenden Spruch verballhornen möchte: „Führt man in der Wüste den Sozialismus ein, wird nach kurzer Zeit der Sand knapp....“
amon.tuul 20.05.2018
4. zynisch
in den obersten Etagen der Wallstreet lacht man sich ins Fäustchen, es ist einfach nur ekelerregend, mit welchen Tieren wir im "westlichen Bündnis" verhaftet sind.
De facto 20.05.2018
5. Warnendes Beispiel
Auch hier bei uns gibt es immer noch Leute die eine Staatlich gelenkte Wirtschaftsordnung romantisiert.
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