Wirtschaftskrise in Venezuela Ein Staat schaltet sich ab

In Venezuela hungert die Bevölkerung, der Staat steht vor dem Kollaps. Präsident Maduro müsste mutige Reformen wagen - stattdessen ändert er die Zeitzone und verbietet Frauen das Föhnen.

Demonstration gegen Maduro in Caracas
AP

Demonstration gegen Maduro in Caracas

Von , Mexiko-Stadt


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Ein kurzer Rundflug im Hubschrauber über den Guri-Stausee, dann hatten Aristóbulo Istúriz und Luis Motta genug gesehen. Was Venezuelas Vizepräsident und der Energieminister nämlich nicht sahen, war ausreichend Wasser.

Der Pegel der Talsperre sinkt trotz massiver Energierationierung im ganzen Land weiter, und damit steigt das Risiko, demnächst das angeschlossene Wasserkraftwerk "Simón Bolivar" ganz abschalten zu müssen. Dann würden im Land des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" fast überall die Lichter ausgehen. Über das Guri-Kraftwerk werden 70 Prozent der 30 Millionen Venezolaner mit Strom versorgt.

Schuld, so sagt die Regierung, sei das Wetterphänomen "El Niño", das Venezuela eine langanhaltende Dürre beschert habe. Schuld, so erwidert die Opposition, seien Präsident Nicolás Maduro und sein Vorgänger Hugo Chávez. Sie hätten zu wenig Ressourcen in den Ausbau der Wasserkraft und alternativer Energien gesteckt.

Recht haben wie so oft in Venezuela beide Seiten. Fakt ist: Der immer häufiger und immer länger fehlende Strom beschleunigt die Unzufriedenheit der Menschen, wenn bei Temperaturen, die vielerorts auch nachts nicht unter 25 Grad sinken, Klimaanlagen und Kühlschränke ausfallen. Anfang der Woche kam es in sieben Provinzen des Landes zu Straßenprotesten, teils auch zu Plünderungen von Geschäften.

Straßenproteste in der Stadt Maracaibo
DPA

Straßenproteste in der Stadt Maracaibo

Die Energieknappheit belegt, wie tief die Wirtschaftskrise in dem Land ist, das einstmals als alternatives linkes Vorzeigemodell für Lateinamerika galt. 18 Jahre nachdem Hugo Chávez erstmals zu Venezuelas Präsident gewählt wurde, ist das linksnationalistische Projekt am Ende: Kein Wachstum, kaum Produktion, immer weniger Nahrungsmittel, dafür immer mehr Frustration, immer höhere Inflation und wachsende soziale Ungleichheit: "Die aktuelle Krise hat fast alle Erfolge bei der Armutsbekämpfung der Chávez-Regierungen wieder vernichtet", sagt der Carlos Miguel Álvarez, Chefökonom bei der Wirtschaftsberatungsfirma "Ecoanalítica" in Caracas.

Von der Versorgungskrise zur Staatskrise

Auch die Reaktionen auf die Energiekrise zeugen vor allem von Hilflosigkeit: Nach dem Rundflug seines Vizepräsidenten über die Guri-Talsperre verordnete Staatschef Maduro neue Sparmaßnahmen. Seit Mittwoch schickt er die 2,8 Millionen Staatsdiener jede Woche in einen dreitägigen Zwangsurlaub. Bis mindestens Mitte Mai arbeiten die Beamten nur noch montags und dienstags - und das auch nur halbtags von sieben Uhr morgens bis 13 Uhr. So soll in den Behörden Strom gespart werden.

Blackout in Venezuela
REUTERS

Blackout in Venezuela

Was weltweit das Herz jedes Arbeitnehmers höher schlagen lässt, führt im tropischen Absurdistan vor allem zu Ratlosigkeit bei der Bevölkerung: Kann man einen Personalausweis beantragen? Ein Neugeborenes registrieren? Arbeiten die Gerichte? Sicher ist nur: Die Trinkwasserversorgung, die Ölindustrie und der soziale Wohnungsbau sind nicht betroffen. Ansonsten gilt: Ein Staat schaltet sich ab.

Das hat die Wirtschaft Venezuelas ohnehin schon längst getan. Denn produziert und angebaut wird kaum noch etwas. 70 Prozent der Konsumgüter müssen importiert werden. Aber weil der Staat kaum noch Geld in den Kassen hat, gibt es auch Notwendiges nicht mehr. Aus der seit Jahren latenten Versorgungskrise ist längst ein dramatischer Notstand geworden. Es fehlt an allem: Milchpulver, Klopapier, Maismehl, Zahnpasta, Öl, Reis - und an Fleisch sowieso.

Zwei Fotografen haben einige Venezolaner gebeten, ihre Kühlschränke für sie zu öffnen. Hier sehen Sie, was darin lagert:

Fotostrecke

15  Bilder
Fotostrecke: Venezuelas leere Kühlschränke

Längst sind auch Medikamente ein rares Gut. In manchen Krankenhäusern sind nur noch Notoperationen möglich, weil Ersatzteile für medizinisches Gerät fehlen. Und zu allem Überfluss wird jetzt auch noch das Bier knapp. Dem Getränke- und Nahrungsmittelhersteller Polar geht das Malz aus. Und da der Staat keine Devisen mehr für Importe zuteilt, muss Polar in diesen Tagen das Brauen einstellen. Die Venezolaner müssen so das Drama ihres Landes auch noch nüchtern ertragen. Dabei sind sie es leid, dass der Mangel das einzige ist, was es in ihrem potenziell so reichen Land im Überfluss gibt.

Und so ist die Versorgungskrise längst auch eine Staatskrise, in der sich Regierung und Opposition gegenseitig die Schuld geben. Die Produzenten und die "rechte Elite" führten einen "Wirtschaftskrieg" gegen Regierung und Volk, behauptet Maduro. Regierungsgegner und unabhängige Ökonomen weisen vielmehr auf eine verfehlte Politik hin, die nichts produziere, die Devisen kontrolliere, Preise festsetze und die Inflation nicht im Griff habe. "Das Wirtschaftsmodell der Regierung hat sich als nicht tragfähig erwiesen", sagt Ökonom Álvarez.

Der nächste Protest ist nur eine Frage der Zeit

So fragt man sich dieser Tage, was eher kommt: Die Rebellion oder der wirtschaftliche Zusammenbruch? Álvarez glaubt, dass das Ende des Absturzes noch nicht erreicht ist. "Die Inflation wird dieses Jahr zwar bei 320 Prozent liegen, aber es geht noch schlimmer", sagt er.

Die Opposition will darauf nicht warten und das Ende von Präsident Maduro beschleunigen, indem sie ein Abberufungsreferendum gegen ihn anstrengt. Seit Mittwoch werden in ganz Venezuela Unterschriften gesammelt, um das Begehren beim Wahlrat CNE einzureichen. 197.978 Venezolaner, ein Prozent der Wahlberechtigten, müssen sich in einer ersten Phase für das Referendum aussprechen. Aber die Opposition fürchtet, die Prüfung der Unterschriftenlisten könnte sich unendlich verzögern. Schließlich gilt auch für den Wahlrat die Zwei-Tage-Woche.

Geschlossene Geschäfte in Maracaibo
DPA

Geschlossene Geschäfte in Maracaibo

Daher setzen die Menschen andernorts auf radikalere Maßnahmen. In Maracaibo, der zweitgrößten Stadt des Landes in der Erdölprovinz Zulia, plünderten wütende Bürger Bäckereien, Haushaltswarengeschäfte und demolierten Regierungsbüros. Erst nach der Entsendung von Sicherheitskräften beruhigte sich die Lage. Aber angesichts der immer längeren Stromausfälle ist der nächste Protest nur eine Frage der Zeit. In 19 der 24 venezolanischen Bundesstaaten wird der Strom jetzt an vier Stunden am Tag abgestellt. Nur die Hauptstadt Caracas bleibt vorerst verschont.

Dort ist die Zwei-Tage-Woche die bisher letzte Maßnahme der Regierung, die knappe Energie im Land zu sparen: Schon vorher wurden Kinder freitags vom Unterricht befreit, Einkaufszentren zur Produktion eigenen Stroms verdonnert, Frauen wurde das Föhnen ihrer Haare verboten. Und am 1. Mai fällt der Krise sogar eine der heiligen Errungenschaften der bolivarischen Revolution zum Opfer: die eigene Uhrzeit.

Der verstorbene Präsident Chávez hatte 2007 die Uhrzeit eine halbe Stunde vorstellen lassen, um so der Besonderheit seines Landes Ausdruck zu geben. Venezuela musste dann mit keinem anderen Land die Zeitzone teilen. Für solche Mätzchen ist die Lage zu ernst. Ab dem 1. Mai werden die Uhren eine halbe Stunde vorgestellt, um Energie zu sparen.

Erschreckende Ideenlosigkeit

Solche Schritte wirken erschreckend hilflos und zeigen nicht nur das Ausmaß des Wirtschaftsdramas, sondern auch das der Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen. Venezuela ist das Land mit den höchsten Ölreserven der Welt, was Teil des Problems ist. In den vergangenen zehn Jahren stieg der Anteil der Ölverkäufe an den Staatseinnahmen von 68 auf 95 Prozent.

In Zeiten hoher Weltmarktpreise ist das ein Segen. Aber da der Preis für das venezolanische Öl von einst knapp 100 auf 25 Dollar im ersten Quartal 2016 gefallen ist, brachen auch die Einnahmen um gut drei Viertel ein. Wenn man aber für jährlich sechs Milliarden Dollar Lebensmittel importieren muss, ist das ein Problem, zumal die Devisenreserven gerade noch bei 12,6 Milliarden Dollar liegen und davon auch noch Auslandsschulden bedient werden müssen.

Und so müssen die Menschen wieder hungern. Laut einer gemeinsamen Untersuchung dreier Universitäten geben 87 Prozent der Venezolaner an, über nicht genügend Geld zu verfügen, um ihre dringenden Bedürfnisse zu befriedigen.

Zugleich bricht die Wirtschaftskraft weiter ein. Schon 2014 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um drei Prozent, 2015 um 5,7 Prozent und dieses Jahr soll das Minus 6,2 Prozent betragen. Das hält keine Volkswirtschaft auf Dauer aus. Und so fordert Ökonom Álvarez dringende Änderungen: "Die Zentralbank muss unabhängig werden und die Inflation bekämpfen", fordert er. "Die Staatsausgaben müssen reduziert werden." Er glaube aber nicht, dass diese Regierung solche Maßnahmen ergreife.

Stattdessen sitzt Staatschef Maduro im Präsidentenpalast und betet zum Wettergott, er möge die Regenzeit vorziehen. Damit sich endlich wieder die Stauseen füllen und die Stromknappheit verschwindet. Als seien damit die Probleme des Landes gelöst.

Zusammengefasst: In Venezuela bricht die Wirtschaft ein, die Strom- und Lebensmittelversorgung stehen vor dem Kollaps, die Bevölkerung hungert. Doch Präsident Maduro findet keinen Ausweg aus der Krise. Nun versucht die Opposition, ihn aus dem Amt zu drängen. Die Bevölkerung geht auf die Straße.



insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
epiktet2000 30.04.2016
1. Riecht nach Chile 1973
Es wird sich doch unter den Militärs ein Pinochet finden, damit dieses sozialistische Experiment ein Ende findet. Den Reichtum des Landes an Arme verteilen wollen, da kann ja nichts dabei herauskommen. Unter Pinochet gab's dann eine Wirtschaftspolitik mit über 2000 Prozent Inflation. Dass dagegen damals der Spiegel wetterte? Ich kann mich nicht erinnern.
dampfschiff 30.04.2016
2.
Hoffentlich verstehen die Menschen nun das der Sozialismus stets zu meiden ist. Nicht das sich die Katastrophe in Venezuela wiederholt.
murksdoc 30.04.2016
3. Der Staat
Der Staat imortiert Lebensmittel, der Staat setzt Energiepreise fest, der Staat versorgt die Bürger. Jetzt mischt er sich auch noch in die Frisurenmode ein. Wo steht geschrieben, dass das alles der Staat machen muss, vor allem wenn er es nicht kann?
Freidenker10 30.04.2016
4. Sehr schade
Schade, hatte irgendwie gehofft, dass es mal ein sozialer(istischer) Staat packen würde. Der niedrige Ölpreis und ein recht wahrscheinlicher amerikanischer Eingriff ( Rache für die US Enteignungen ) haben das Experiment nun in den Abgrund geführt. Warum nur funktioniert ein sozialer Staat nie? Braucht es wirklich immer reich und arm?
hisch88 30.04.2016
5.
So effektvoll wie der "Sozialismus des 20. Jahrhunderts". Ich wiederhole mich gerne: Die hatten 10 Jahre Geld en mas eingenommen. Hatten ausreichend Zeit Windkraftwerke, Solarenergie, Entsalzungsanlagen, sprich Alternativen zu dem "einen" strombringenden Stausee, auf zu bauen und was hat die sozialistische Regierung gemacht ... nichts. Chavez ist gewählt worden um mit der Korruption und dem "Saustall" in der Regierungsebene auf zu räumen. Diese super-sozialistische Regierung (eine Wunschregierung vieler unserer ach so repräsentativen Korrespondenten in D) wird vermutlich als die korrupteste Regierung Venezuelas in die Geschichtsbücher eingehen, gepaart mit völliger Unfähigkeit. Es ist traurig, ein so schönes Land wegen so sozialistischen Spinnern kaputtgehen zu sehen.
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