Rohstoffjagd in Venezuela Indio-Aufstand gegen Chinas Eisenarmee

Es geht um Gold, Diamanten, Seltene Erden: Eine Gruppe chinesischer Geologen, genannt die "Eisenarmee", soll sämtliche Bodenschätze Venezuelas erfassen. Tief im Süden des Landes fürchten Ureinwohner die Folgen - und organisieren Widerstand.

Aus Puerto Ayacucho berichtet

David Böcking

Sie haben sich versammelt, wie jeden Montag. Yanomami, Piaroa, Hiwi, Ye'kuana: Alle Völker sind vertreten. Sie tragen Hemden und T-Shirts, Sport- oder Wanderschuhe, Umhängetaschen und Baseballmützen. Es gibt starken Kaffee aus Plastikbechern, während ihr Rechtsberater Luis Bello die Tagesordnung vorstellt. Punkt 3: Bergbau.

Puerto Ayacucho, eine schwüle Grenzstadt im Südwesten Venezuelas, nur durch den Orinoco von Kolumbien getrennt. Außer einer belebten Hauptstraße hat der Ort wenig zu bieten, dabei ist er die Hauptstadt des Bundesstaats Amazonas. Der ist halb so groß wie Deutschland, zu großen Teilen von Regenwald bedeckt und wird vor allem von Ureinwohnern bewohnt, den Indigenen.

Im Stadtzentrum, in einem Raum mit bunten Wänden, trifft sich ein Bündnis namens Coiam, das elf Organisationen vereint. Die Klimaanlage klappert, die Stimmung ist lebhaft. Rechtsberater Bello, der Einzige ohne indigene Wurzeln, bittet ein paar Mal um mehr Ruhe. Die Teilnehmer haben sich viel zu erzählen, ihre Gemeinden sind sonst oft nur über Funk mit der Außenwelt verbunden. Doch auch bis zu ihnen ist eine beunruhigende Nachricht gedrungen.

Die venezolanische Regierung will sämtliche Mineralienvorkommen des Landes erfassen. Dafür hat sie ein Abkommen mit dem chinesischen Großkonzern Citic geschlossen. Dieser soll Geologen schicken, die innerhalb von fünf Jahren ganz Venezuela bereisen und die Bestände an Gold, Diamanten, Bauxit oder den für Hightech-Produkte verwendeten Seltenen Erden kartieren.

Der Deal wurde noch vom verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez bekanntgegeben, zu den Details schweigt sich die Regierung seitdem aus. SPIEGEL ONLINE liegt ein 371 Seiten starker Plan von Citic vor. Ziel ist demnach, "die geologische Basis für die Erforschung und Ausbeutung der Mineralien Venezuelas zu schaffen". In Puerto Ayacucho wollen die Rohstoffsucher eines von 27 Erkundungscamps errichten.

"Das wird ein Desaster für Amazonas", sagt Guillermo Guevara. Der grauhaarige Mann mit schwarzer Lesebrille gehört zu den Hiwi, einem Volk ehemaliger Nomaden, und ist einer der Wortführer des Treffens. Guevara fürchtet, dass sich die Asiaten nicht aufs Datensammeln beschränken, sondern die Rohstoffe auch ausbeuten werden. "Die Chinesen sind eine Macht", sagt er. "Es heißt, ihre Regierung sei sozialistisch. Aber sie ist sehr kapitalistisch."

Das kleine blaue Buch

Ähnlich ließe sich die Regierung von Venezuela beschreiben. Die Chavisten finanzieren ihre Politik mit Öl, wichtigster Abnehmer ist der vermeintliche Erzfeind USA. Doch mittlerweile stockt dieses Modell, die Venezolaner brauchen neue Geschäftspartner. Mit Bergbau haben sie schon Erfahrungen: Im Osten des Landes gibt es Goldminen, auch Kohle und Eisenerz werden gefördert. Der Protest der Ureinwohner Amazoniens scheint ähnlich aussichtslos wie in anderen Ländern.

Doch da ist noch jenes kleine blaue Buch, das Guillermo Guevara jetzt zückt und so in die Höhe hält, wie es früher Chávez bei Ansprachen tat: die Verfassung von 1999. Chávez ließ sie mit Hilfe der Bürger erarbeiten und von ihnen verabschieden. Sie war das Symbol einer Politik, die Menschen nach ihrer Meinung fragt.

Guevara hat damals die Verfassung unterzeichnet, als einer von drei Vertretern der Indigenen, denen sie mehr Rechte verspricht. So ist der Abbau von Rohstoffen auf ihrem Gebiet laut Artikel 120 nur erlaubt, "ohne die kulturelle, soziale und ökonomische Integrität derselben zu schädigen und zugleich abhängig von der vorherigen Information und Anhörung". Guevara schlägt das Büchlein zu. "Wir sind nicht angehört worden", sagt er. "Wir sind nicht wichtig."

Citic ist in Venezuela schon länger präsent. Die Chinesen helfen bei der Ölförderung und bauen Tausende Sozialwohnungen. Dennoch kämpfen die Indios gegen ein Phantom: Beim Besuch im Citic-Büro in Caracas ist niemand zu sprechen, ein versprochener Rückruf bleibt aus. Auch der Sprecher des zuständigen Ministeriums für Öl und Bergbau hat eine Anfrage bis heute nicht beantwortet.

Umso konkreter klingt das Projekt in den Unterlagen: 777 Rohstoffsucher sollen ausschwärmen, 352 von ihnen aus China. Mit sechs Hubschraubern, voraussichtlich vom Typ Eurocopter AS350, werden sie eine Fläche von 916.700 Quadratkilometern überfliegen und mit Magnetometern und Spektrometern Daten sammeln. Auch Bodenproben werden die Geologen nehmen. Vermerkt ist im Plan sogar die Härte der Bleistifte, mit denen sie anschließend ihre Ergebnisse notieren sollen.

Massaker durch die Goldsucher

"Stimmt es, dass die Chinesen kommen?" Diese Frage bekommt José Ángel Divassón Cilveti neuerdings häufiger zu hören. Als apostolischer Vikar ist er höchster Vertreter des Vatikan in Amazonas und reist viel durch den Bundesstaat. In seinem Büro neben der Kathedrale von Puerto Ayachucho zeigt er Fotos, die dabei entstanden sind: Inmitten der grünen Idylle tauchen hässliche Tümpel und Flüsse mit ungewöhnlich viel Schlamm auf. Es sind Spuren von Garimpeiros, illegalen Goldsuchern, die mit Quecksilber die Gewässer vergiften. Für die Indigenen sind sie Vorboten dessen, was noch kommen könnte.

Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu tödlichen Übergriffen von Goldsuchern auf Indios. Oft trafen sie die Yanomami, eines der größten Völker Südamerikas. Im vergangenen Jahr wurde aus einer Yanomami-Gemeinde in Venezuela ein Massaker mit 80 Toten gemeldet. Die Regierung schickte eine Untersuchungskommission in den Dschungel. Nach wenigen Tagen erklärte sie, es gebe keine Anzeichen einer Gewalttat.

Ein Mitglied des Suchtrupps ist beim Coiam-Treffen dabei: Der Yanomami Luis Shatiwe, ein 32-Jähriger mit kindlichen Gesichtszügen, verließ in jungen Jahren seine Heimatgemeinde, um in Puerto Ayacucho zur Schule zu gehen. Der Kommission sollte er als Dolmetscher helfen. "Wir haben Spuren von Garimpeiros gefunden", sagt Shatiwe bestimmt. Doch das Militär habe ihn daran gehindert, seine Landsleute zu befragen, und ihm sogar mit Gefängnis gedroht.

"Wir glauben noch immer, dass etwas passiert ist", sagt Fiona Watson vonSurvival International. Die Nichtregierungsorganisation hatte frühzeitig auf die angebliche Bluttat aufmerksam gemacht und ihre Aussagen relativieren müssen, als sich nicht genügend Belege fanden. Doch an einer gründlichen Untersuchung hatte die Regierung nach Ansicht von Shatiwe auch deshalb kein Interesse, weil Wahlen bevorstanden. "Sie haben immer gesagt, wir sabotieren die Kampagne."

Auch sonst sind die Erfahrungen der Indigenen mit den Chavisten entmutigend. Spätestens zwei Jahre nach Inkrafttreten der Verfassung sollten die Grenzen ihrer Gebiete dokumentiert und anerkannt werden. Bis heute ist das nicht passiert.

Deshalb stehen auf einem Regal bei Coiam jetzt viele Papierrollen. Darauf haben Gemeinden selbst ihre Lebensräume gezeichnet: Dörfer und Wälder, Jagd- und Fischgründe. Manche Karten sind kunstvoll gestaltet, andere erinnern an Kinderzeichnungen. Doch alle sind mit Linien für den Höhen- und Breitengrad versehen. Mit ihrer Hilfe werden die Beschreibungen auf eine digitale Karte übertragen. Dazu sammeln Indios mit GPS-Geräten selbst Daten im Urwald. Noch vor den Chinesen haben sie angefangen, ihre Heimat zu vermessen.

Die "Eisenarmee"

Was aber machen sie, wenn die Geologen trotzdem kommen? Wird sich Venezuela dann weitergehenden Wünschen verschließen können? Immerhin hat China einen enormen Rohstoffhunger und ist schon jetzt Venezuelas wichtigster Gläubiger. Laut dem Citic-Plan gehören die chinesischen Geologen zu einer Gruppe namens "Eisenarmee", die "große Schwierigkeiten überwinden und kämpfen" kann. Ihr früherer Einsatzort: das von China besetzte Tibet.

Die Indigenen wollen eine friedliche Lösung. Doch Rohstoffsucher auf dem eigenen Gebiet werde man nicht dulden, sagt der Yanomami-Führer Eliseo Silva. "Wir sind keine Trottel. Wir können unser Territorium verteidigen." Was das bedeuten könnte, zeigte sich kürzlich im Osten des Landes: Dort nahmen Indios vom Volk der Pemón 43 Soldaten als Geiseln.

Allerdings protestierten die Pemón nicht gegen die Ausbeutung von Rohstoffen, im Gegenteil. Sie wehrten sich gegen eine Aktion, mit der die Armee illegalen Bergbau bekämpfen wollte. Denn auch viele Pemón leben von der Goldsuche. Ein Internetvideo zeigt eine aufgebrachte Angehörige des Volkes, die einem sichtlich verunsicherten General vorwirft, er verschachere das Gebiet an "Chinesen und Russen".

Nicht alle Indigenen seien Opfer der Rohstoffsuche, räumt Guillermo Arana ein. Der quirlige Mann mit Bundfaltenhose gehört zum Volk der Piaroa, das an Flüssen im Umfeld von Puerto Ayacucho lebt und von Ethnologen als ausgesprochen pazifistisch beschrieben wurde. "Manche Gemeinden suchen Gold", sagt Arana. "Aber nur von Hand und nicht in großem Stil." Er wünscht sich eine Rückbesinnung auf die Landwirtschaft. Schließlich habe sich Venezuela mit dem Öl schon einmal viel zu sehr auf einen Rohstoff verlassen, dasselbe drohe nun mit den Mineralien. "Wir haben diese Erfahrung schon gehabt."

Rund zwei Stunden dauert das Treffen von Coiam. Sie diskutieren die Pläne der Chinesen, die jüngsten Äußerungen der Regierung zur Markierung ihres Gebiets. Schließlich stellt Bello die entscheidende Frage: "Wer fährt nach Caracas?"

Der Staat duckt sich weg

Knapp einen Monat nach der Versammlung in Puerto Ayacucho stehen Arana, Shatiwe und andere Indigene auf einem Platz in Zentrum von Caracas. Shatiwe zieht sich bis auf die Unterhose aus. Dann legt er seine Stammestracht an und beginnt, die Fragen von Journalisten zu beantworten.

Die Indigenen haben ihr Anliegen in die Hauptstadt getragen. Achtzehn Stunden sind sie im Bus hergefahren, haben tagelang bei verschiedenen Organisationen vorgesprochen. Doch ausgerechnet das Ministerium für indigene Völker, erzählt Arana mit resigniertem Lächeln, habe ihnen einen Termin verweigert. "Ein Ministerium, das geschaffen wurde, um sich um Indigene zu kümmern, schließt uns aus", sagt ein Ye'kuana während ihrer Pressekonferenz im Freien. "Wie kann das sein?"

Auch Arana und Shatiwe halten Ansprachen, beide sind gute Redner. "Wir bitten hier nicht um Almosen oder dass man uns Sachen schenkt", ruft Shatiwe in die Mikrofone. "Sondern, dass man unser Territorium anerkennt!"

Als sie fertig sind, ergreift eine Aktivistin das Wort. Sie stimmt einen Sprechchor an: De que socialismo estamos hablando si la naturaleza la están degradando? Was ist das für ein Sozialismus, mit dem sie die Natur zerstören?



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Seite 1
Crom 12.09.2013
1.
Tja, wenn's böse Ami-Kapitalisten wären, würden sich wohl paar Leute dafür interessieren. Sind aber die Chinesen, daher wird's wohl leider schnell vergessen sein.
Abraxas77 12.09.2013
2. Empfehlung
an die Chinesen: Wenden Sie sich an die EU und lernen von deren Vorgehen mit den Fischern in Somalia. Also erst den Menschen die Lebensgrundlage entziehen, dann Kriminalität als Terrorismus branden und dann eine "Friedensmission" starten. Dann klappts auch mit dem Friedensnobelpreis.
Layer_8 12.09.2013
3. Tja
"Als sie fertig sind, ergreift eine Aktivistin das Wort. Sie stimmt einen Sprechchor an: De que socialismo estamos hablando si la naturaleza la están degradando? Was ist das für ein Sozialismus, mit dem sie die Natur zerstören?" Willkommen in der Realität. Die kannten halt die realexistierenden Arbeiter- und Bauernparadiese nicht. Und China versucht sich hier halt, wenn auch verspätet, ebenso seinen "Anteil" an der Welt zu sichern. Ganz einfach ist das, global gesehen. Wir alle könnten allerdings ja nochmal versuchen, die Welt zu verändern.
LH526 12.09.2013
4.
Zitat von CromTja, wenn's böse Ami-Kapitalisten wären, würden sich wohl paar Leute dafür interessieren. Sind aber die Chinesen, daher wird's wohl leider schnell vergessen sein.
Genau so ist es leider ... die im Artikel erwähnte Thematik erzeugt bei vielen Linken und Grüninnen wieder das Katze-Nutellabrot Problem auslösen (endlos rotierend): Natürlich muss die indigene Bevölkerung geschützt werden, aber Venezuela ist doch ein Bruderstaat und Chavez / Maduro Freunde und Brüder im Geiste, weil "für das Volk" .... Claudia Roth, bitte agieren sie JETZT!
SchneiderG 12.09.2013
5.
Zitat von sysopDavid BöckingEs geht um Gold, Diamanten, seltene Erden: Eine Gruppe chinesischer Geologen, genannt die "Eisenarmee", soll sämtliche Bodenschätze Venezuelas erfassen. Tief im Süden des Landes fürchten Ureinwohner die Folgen - und organisieren Widerstand. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/venezuelas-ureinwohner-fuerchten-chinesische-rohstoffjaeger-a-917936.html
Da kann man nur noch sagen: Die Totgeweihten (Yanomami, Piaroa, Hiwi, Ye'kuana, ...) grüßen Dich (Chinas Eisenarmee & Venezuelas Sozialisten)!
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