Verbot von Leerverkäufen: Deutscher Alleingang verwirrt Börsen weltweit

Deutschlands Vorstoß beim Verbot hochspekulativer Leerverkäufe verunsichert die Aktienmärkte auf der ganzen Welt. Die Kurse in Frankfurt, London und New York sind teilweise deutlich ins Minus gerutscht - auch die Deutsche Börse kritisiert den Schritt. Ein Hoffnungszeichen: Der Euro erholt sich wieder.

Börse in New York: Verunsicherung wegen deutschem Vorstoß Zur Großansicht
dpa

Börse in New York: Verunsicherung wegen deutschem Vorstoß

New York - Der Euro befindet sich auf Erholungskurs. Er stieg am Mittwochnachmittag auf deutlich über 1,23 Dollar, nachdem er am Morgen noch auf ein Vier-Jahres-Tief von klar unter 1,22 Dollar gefallen war. Über die Ursache für die Entspannung gibt es unterschiedliche Vermutungen: Händler verwiesen auf Marktgerüchte, wonach Griechenland einen Austritt aus der Europäischen Union erwäge. Ein griechischer Regierungssprecher wies jedoch kategorisch zurück, dass sein Land einen Austritt aus der EU oder der Euro-Zone in Betracht ziehe.

Zuvor hatte der Euro Chart zeigen bereits von Spekulationen über Eingriffe von Notenbanken profitiert. Dazu wollte die Europäische Zentralbank (EZB) allerdings keine Stellungnahme abgeben. Devisenhändler sprachen zudem von einer technischen Erholung der Gemeinschaftswährung nach ihrer steilen Talfahrt. Der Kursanstieg sei durch Interventionen der Schweizer Notenbank SNB verstärkt worden.

Zu Tagesbeginn war der Euro dagegen stark unter Druck gekommen - wegen des von Deutschland im Alleingang beschlossenen Verbots riskanter Börsenwetten. Der Kurs sank nach der Bekanntgabe des Verbots zeitweise auf ein neues Vier-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar.

Auch die Finanzmärkte reagierten weltweit verunsichert auf die Nachricht. Die Aufsichtsbehörde Bafin hatte am Dienstagabend - offenbar zur Überraschung der EU-Partner - ungedeckte Leerverkäufe für bestimmte Finanzwerte, Staatsanleihen und Ausfallversicherungen verboten.

Sorgen wegen noch härterer Auflagen drückten daraufhin am Mittwoch weltweit die Aktienmärkte ins Minus. Die wichtigsten Indizes in Frankfurt, London, Paris, Tokio und New York büßten teils deutlich an Wert ein.

"Jedermann ist wegen der Nachrichten aus Europa besorgt"

In New York gaben alle drei Indizes zum Handelsbeginn nach, weil die Investoren an der Wall Street wie die Anleger in Asien und Europa eine stärkere Regulierung befürchten. Auch Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Euro in Gefahr sieht, verhagelten die Stimmung. Sie bezeichnete die Euro-Krise vor dem Bundestag als existentiell und forderte umgehende Maßnahmen, um der "Erpressung" durch die Märkte ein Ende zu bereiten. Sie verteidigte den Alleingang beim Leerverkaufsverbot.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte verlor bis zum Mittag (Ortszeit) 1,2 Prozent auf 10.384 Punkte. Der breiter gefasste S&P-500-Index gab ebenfalls 1,2 Prozent auf 1108 Zähler nach. Der Technologie-Index Nasdaq büßte 1,4 Prozent ein und notierte bei 2284 Punkten. Erst gegen Handelsschluss beruhigte sich die Lage.

In Frankfurt ging der Dax Chart zeigenmit einem Minus von knapp 2,7 Prozent auf 5989 Zähler aus dem Handel. Er fiel damit unter die psychologisch wichtige Marke von 6000 Punkten. Der Leitindex der Euro-Zone EuroStoxx 50 ging mit minus 2,9 Prozent bei 2.619 Punkten aus dem Handel, der Stoxx Europe 50 verlor 2,9 Prozent auf 2.387 Punkte. Der Pariser Leitindex Cac 40 sackte um 2,9 Prozent auf 3.512 Punkte ab, in London gab der FTSE 100 um 2,8 Prozent auf 5.158 Punkte nach. Für die Leitindizes in Prag, Budapest und Warschau ging es um 2,07 bis 3,08 Prozent nach unten.

Deutsche Börse prangert Alleingang beim Leerverkaufsverbot an

"Jedermann ist wegen der Nachrichten aus Europa besorgt. Es scheint, als ob Deutschland mit harten Bandagen kämpfen will", fasste Terry Morris von National Penn Investors Trust Company die Stimmung an der Wall Street zusammen. Seit der Bekanntgabe des Euro-Rettungsschirms seien Fragen zur Finanzierung des Pakets offengeblieben, sagte der Chef-Marktanalyst Arthur Hogan von Jefferies & Co. Statt diese Zweifel zu beseitigen, komme aus Europa als erste größere Entscheidung nun das Verbot ungedeckter Leerverkäufe auf Aktien und Anleihen. Dies sehe ein wenig nach Panik und nach einem Alleingang der Deutschen aus.

Auch die Deutsche Börse kritisierte das Leerverkaufsverbot. Der Alleingang schade dem Finanzstandort Deutschland. Ungedeckte Leerverkäufe könnten weiterhin stattfinden, weil sie außerhalb des deutschen Finanzmarkts nicht verboten seien, teilte der Börsenbetreiber, der selbst ein Dax-Konzern ist, am Mittwochabend mit. Das Unternehmen verwies auf die britische Finanzaufsicht FSA, nach deren Einschätzung das Verbot ausschließlich für deutsche Marktteilnehmer oder in Deutschland getätigte Geschäfte gelte - nicht aber für Tochtergesellschaften außerhalb Deutschlands und explizit in Großbritannien. Ein Verbot von Leerverkäufen könne die Marktqualität verschlechtern und die Kosten der Liquidität erhöhen. Wichtig sei ein einheitliches europäisches Vorgehen.

wit/Reuters/dpa-AFX

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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1. .
nuschelsud 19.05.2010
Zitat von sysopDeutschlands Vorstoß beim Verbot hochspekulativer Leerverkäufe verunsichert die Aktienmärkte auf der ganzen Welt. Die Kurse in Frankfurt, London und New York sind teilweise deutlich ins Minus gerutscht - auch die Deutsche Börse kritisiert den Schritt. Ein Hoffnungszeichen: Der Euro erholt sich wieder. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,695748,00.html
gut so: REALE güter zählen, nicht die feuchten träume irgendwelcher zocker!
2. Griechenland verlässt EU?
unbekannt47 19.05.2010
Euro erholt sich wegen Gerüchten, dass Griechenland die EU freiwillig verlassen will; hat nichts mit dem Verbot zu tun.
3. Verbot von Leerverkäufen
Masterskipper 19.05.2010
Jetzt haben die internationalen Finanzverbrecher erstmals aufgeheult.Das ist gut so.Die Finanzhaie müssen erbarmungslos gejagt und vernichtet werden.Der Zweck heiligt die Mittel.
4. blah
DerÜblicheVerdächtige 19.05.2010
einer muss ja mal anfangen... von daher.. zu begrüssen geht leider nicht weit genug.
5. Alles hat einen Anfang
TommIT 19.05.2010
auch ein Ende und wenn es das der gerenzenlosen virtuellen Geldvermehrung ist. Mal sehen wen es zuerst schmerzt. Die ersten Hunde bellen schon
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Heft 20/2010:
Aus Schutt und Schuld
Der unglaubliche Wiederaufstieg der Deutschen nach 1945

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Schäubles Anti-Zocker-Paket
Bundesfinanzminister Schäuble will bis zum Sommer Finanzspekulationen einschränken - im Einzelnen plant er dazu folgendes:
Leerverkäufe
Bei Leerverkäufen verkaufen Anleger wie Hedgefonds Aktien - in der Hoffnung, sie später zu einem niedrigeren Kurs zurückzukaufen und so Gewinne einzustreichen. Bei gedeckten Leerverkäufen leihen sich Investoren die zu verkaufenden Aktien. Bei ungedeckten Leerverkäufen dagegen decken sie sich nicht mit Aktien ein, sondern verkaufen Aktien, ohne sie ausgeliehen zu haben.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 hatten mehrere Aufsichtsbehörden weltweit mit befristeten Notverfügungen ungedeckte Leerverkäufe untersagt. In Deutschland sind diese nach einem eineinhalbjährigen Verbot seit Anfang Februar wieder erlaubt.

Mit dem geplanten "Gesetzentwurf zur Stärkung des Anlegerschutzes und Verbesserung der Funktionsfähigkeit des Kapitalmarktes" sollen nach Ministeriumsangaben bestehende Vorschriften ergänzt und Risiken aus spekulativen Geschäften verringert werden. Ungedeckte Leerverkäufe will Schäuble dabei wieder verbieten.
Anlegerschutz
Schäuble strebt an, dass künftig auch bei der Beratung und Vermittlung von Produkten des "Grauen Kapitalmarktes" Anforderungen des Wertpapierhandelsgesetzes eingehalten werden. Dies erfordert etwa eine anlegergerechte Beratung, ein Beratungsprotokoll sowie die Offenlegung von Provisionen. Zudem sollen Prospekte von Graumarktanlagen detailliertere Informationen enthalten und von der Finanzaufsicht BaFin intensiver geprüft werden.
Strafen bei Falschberatung
Die BaFin soll künftig bei Falschberatung oder der fehlenden Offenlegung von Provisionen durch die Institute Bußgelder verhängen können. Viele "Offene Immobilienfonds" hatten zuletzt die gegenüber dem Anleger eingegangenen Rückgabeverpflichtungen erneut nicht erfüllt.
Kündigungsfristen
Künftig soll daher für alle Anleger eine zweijährige Mindesthaltefrist gelten, ergänzt durch Kündigungsfristen, die nach Wahl der Kapitalanlagegesellschaft zwischen 6 und 24 Monaten angesetzt werden können. Je kürzer die Kündigungsfristen sind, desto mehr Liquidität ist demnächst vorzuhalten.
Geschlossene Fonds
Anteile an geschlossenen Fonds sollen künftig als Instrumente im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes gelten, um dem Anleger mehr Schutz zu bieten (Maßnahmen: Siehe oben). Anlageberater aus dem Sektor sollen bei der BaFin registriert werden.
Feindliche Übernahmen
Der Industrieverband BDI hat gesetzliche Schritte gefordert, um das "heimliche Anschleichen" zu erschweren. Angesichts aktueller Entwicklungen müssten die kapitalmarktrechtlichen Transparenzvorschriften angepasst werden. Derzeit sei es Marktteilnehmern möglich, hohe Beteiligungen an Firmen aufzubauen, ohne ihre Zugriffsmöglichkeiten offenlegen zu müssen. Hier geht es um nicht meldepflichtige Finanzinstrumente.

Um zu vermeiden, dass im Hintergrund große Stimmrechtspositionen aufgebaut werden können, ohne dass die BaFin und der Markt frühzeitig in Kenntnis gesetzt werden, will Schäuble die Veröffentlichungs- und Meldepflichten erweitern.