Vergeltung für Sanktionen Putin verhängt Importstopp - und schadet Russlands Bürgern

Der Handelskrieg zwischen Russland einerseits und EU und USA andererseits eskaliert. Nachdem der Westen die Sanktionen verschärft hat, verhängt der Kreml jetzt Importverbote. Es soll eine Demonstration der Stärke sein.

Präsident Putin: Drohen und schönreden
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Präsident Putin: Drohen und schönreden

Von Maxim Kireev, Moskau


Russlands Präsident Wladimir Putin reagiert auf die Sanktionen von USA und EU derzeit mit zwei Strategien. Die erste lautet: drohen. Sie richtet sich gegen die Widersacher im Ausland.

Am Mittwochabend hat der Kreml Einfuhrverbote und -begrenzungen für zahlreiche Waren aus Europa verhängt. Betroffen seien Agrarprodukte, Rohstoffe und Lebensmittel aus jenen Länder, die im Ukraine-Konflikt Sanktionen gegen Moskau erlassen hätten, teilte Putin per Dekret mit. Am Abend folgte eine Verlautbarung des russischen Veterinärdienstes: Er kündigte einen Einfuhrstopp für Geflügel aus den USA an. Auch alle landwirtschaftlichen Produkte aus den USA sollen von den Sanktionen betroffen sein, sagte ein Sprecher der Behörde laut der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti später. Brasilianische Geflügelzüchter erklärten sich umgehend bereit, bis zu 150.000 Tonnen Fleisch nach Russland zu liefern.

Die Verbote, die für ein Jahr gelten sollen, sind nicht die ersten Vergeltungsmaßnahmen, die Moskau gegen die westlichen Sanktionen ankündigt. So sollten sich Krankenhäuser bald auf ein Importverbot von Medizintechnik einstellen, und Behörden und Kommunen müssen seit Kurzem auf ausländische Dienstwagen, Busse und Straßenbahnen verzichten.

Die zweite Anti-Sanktions-Strategie betrifft den Umgang mit den eigenen Bürgern. Sie lautet: schönreden. So haben Politiker und Kreml-nahe Experten die Sanktionen des Westens zuletzt oft als "Russlands Rettung" dargestellt. "Das ist eine fantastische Chance, sich endlich der eigenen Wirtschaft zu widmen", sagte Vizepremier Dmitrij Rogosin kürzlich. "Eine Chance auf eine vollständige Reindustrialisierung des Landes." Ausländische Konkurrenz ist seiner Argumentation nach schlecht für die eigene Industrie. Russland sollte besser alles selber herstellen - wie einst zu Sowjetzeiten.

Putin gibt sich selbstsicher angesichts westlicher Sanktionen. Doch tatsächlich ist die Lage bedenklich. Die wirtschaftlichen Folgen sind weit schlimmer, als Moskau zugibt. Und sie könnten sich durch die angedrohten Gegenmaßnahmen noch einmal verschärfen.

"Die Reaktion des Kreml hat nichts mit ökonomischer Vernunft zu tun", sagt der Moskauer Finanzexperte Slava Rabinovich. Russland sei bereit, "einen Handelskrieg anzuzetteln", sorgt sich Natalia Orlowa, Chefökonomin der privaten Alfa-Bank.

Unternehmer bangen um günstige Kredite

Russlands Wirtschaftswachstum ist im laufenden Jahr kaum messbar, Schätzungen zufolge wird es sich auf 0,5 Prozent belaufen. Schon die kurzfristigen Effekte der Sanktionen könnten es um 0,2 Prozentpunkte schmälern, schreiben Analysten der Bank Uralsib. Die staatliche Vneshekonom-Bank fürchtet eine Rezession im kommenden Jahr.

Durch die gestörten Handelsströme drohen unter anderem die Verbraucherpreise zu steigen. "Die Inflationsrate könnte im laufenden Jahr um 2,5 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent zulegen", schätzen Experten der Investmentgesellschaft VTB Capital. Mögliche russische Gegenmaßnahmen sind in diese Rechnung schon eingepreist.

Russlands Industrie indes wird durch die Sanktionen nur kurzfristig angekurbelt. Anfang des Sommers hatten HSBC-Experten tatsächlich eine Belebung in der russischen Industrie festgestellt. Der Grund waren die fehlenden Importe aus der Ukraine. Doch das Produktionsplus wird sich nicht durchhalten lassen. Denn für weitere Investitionen fehlt den Unternehmen das Geld.

Wirtschaft könnte um bis zu drei Prozent schrumpfen

Mit seinen Sanktionen gegen den russischen Banken- und Finanzsektor trifft der Westen eine Achillesferse der russischen Wirtschaft. Insbesondere Großkonzerne und Banken haben sich bislang gern im Ausland mit Krediten eingedeckt, zu Zinssätzen um die drei Prozent. In Russland müssen sie Zinssätze von 15 Prozent und mehr zahlen. Über Jahre haben russische Unternehmen im Ausland gut 370 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten angehäuft. Nun sind ihre Finanztransaktionen im Ausland stark eingeschränkt. EU und USA drehen den russischen Firmen praktisch den Geldhahn zu.

"Weil der Zugang zum Kapital erschwert wurde, sinken unsere Investitionen, während die Ausgaben steigen", sagte Wagit Alekperow, Miteigentümer und Chef des Ölförderers Lukoil, kürzlich.

Nach Angaben der Finanzagentur Bloomberg hat im Juli kein einziges russisches Unternehmen mehr ein Darlehen in Dollar oder Euro aufgenommen - das erste Mal seit fünf Jahren. "Westliche Finanzkonzerne sind bei Sanktionen äußerst vorsichtig und wollen mit etwas potenziell Toxischem möglichst wenig zu tun haben", sagt Finanzexperte Rabinovich. Der akzeptable Ruf, den sich Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion mühsam erarbeitet habe, sei ruiniert.

Und das ist erst der Anfang. Sollte sich der Finanzkrieg zwischen Putin und dem Westen verschlimmern, könnte die Wirtschaftsleistung gar um zwei bis drei Prozent sinken, erklärte Jewgenij Jasin, der wissenschaftliche Leiter der Moskauer Hochschule für Ökonomie, kürzlich. Die Behauptung, Russland würde von den Sanktionen profitieren, könne man daher "als Ökonom eigentlich nicht ernsthaft kommentieren", sagt Rabinovich.

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DMenakker 06.08.2014
1.
Ausländische Medizintechnik gehört also auch dazu. Und was kann das arme Volk dafür, dass es jetzt Stress gibt? Müssen Sie dann zum Röntgen sich vor abgewrackte Atom U-Boote stellen? Gibt garantiert "scharfe" Bilder. Aber ganz im Ernst. Wem will Putin erzählen, dass dies Sanktionen gegen den Westen sein sollen? Dürfen sie halt für Äpfel künftig Schlange stehen, wie in der DDR früher für Bananen.
braman 06.08.2014
2. Sanktionen schaden Bürgern
Wie sich die Durchhalteparolen doch gleichen! Hier mit den Energieträgern, dort mit Obst und Konsumartikeln. Deppen auf beiden Seiten. MfG: M.B.
kyros-der-grosse 06.08.2014
3. Verständlich.
Wer kann es Russland Verdenken?! Würde jeder andere souveräne Staat genauso machen.
Zaphod 06.08.2014
4. Schaden macht klug
Jeder der Sanktionen verhängt, schadet erst einmal sich selbst. Das gilt für Russland und auch für den Westen. Es ist vollkommen kontraproduktiv, eine Sanktionsspirale zu drehen. Verhandlungen mit Russland sind notwendig, um den Wahnsinn zu stoppen.
west_ost 06.08.2014
5. KGB versus Ökonomie
So lange ein ehemaliger KGB Offizier das Land steuert, kann man über keine rationle wirtschaftspolitik in Russland sprechen.
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