Von Markus Grill
Hamburg - Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen sind im vergangenen Jahr erneut um 4,8 Prozent gestiegen - auf mittlerweile 32,4 Milliarden Euro. Verantwortlich für den Anstieg sind vor allem Spezialpräparate für Bluthochdruck-Patienten, Diabetiker oder Krebskranke, die zwar neu und teurer sind, deren Zusatznutzen aber oft fraglich ist.
Diese Präparate "erklären bereits 80 Prozent des Kostenanstiegs" der gesetzlichen Krankenkassen, wie der Heidelberger Pharmakologe Professor Ulrich Schwabe an diesem Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des neuen Arzneiverordnungsreports (AVR) erklärte.
Der AVR gilt als die Bibel der Gesundheitsökonomen. Für dieses Werk werden jedes Jahr 740 Millionen Arzneimittelverordnungen von mehr als 138.000 Ärzten ausgewertet. Der AVR informiert seit 26 Jahren regelmäßig darüber, wie stark die Ausgaben für einzelne Präparate steigen, wie die Neuheiten der Pharmakonzerne wirklich zu bewerten sind und in welchen Bereichen gespart werden könnte. Für die Pharmalobby ist der Report jedes Jahr ein Reizthema.
Diesmal überrascht der Report neben den üblichen Daten mit einem aufschlussreichen Vergleich der Arzneimittelpreise zwischen Deutschland und Schweden. Bereits 2008 hatten italienische Autoren in einer Studie gezeigt, dass Deutschland die höchsten Arzneimittelpreise von sieben EU-Staaten hat. Die Erkenntnis wird nun durch eine detaillierte Überprüfung der umsatzstärksten Arzneimittel eindrucksvoll belegt. Jeweils am 2. Juni 2010 wurden dazu die Apothekenverkaufspreise in Schweden und Deutschland verglichen. Einige Ergebnisse im Überblick:
Noch deutlicher sind die Preisunterschiede bei Arzneimitteln, deren Patentschutz abgelaufen ist, sogenannten Generika, die von Firmen wie Ratiopharm oder Hexal einfach nachgebaut werden können. Einige Beispiele aus dem Report:
Selbst die Generika-Präparate von ein- und derselben Firma sind im Preis kolossal verschieden. Auch dies belegt der Arzneiverordnungsreport auf eindrucksvolle Weise:
Nicht berücksichtigt sind in dem Vergleich allerdings die Rabatte, die die Generika- Firmen den Krankenkassen seit drei Jahren gewähren. Doch diese Nachlässe können auch nicht berücksichtigt werden, weil sie von Kasse zu Kasse unterschiedlich sind und nicht veröffentlicht werden. Auch wird in Schweden auf Arzneimittel keine Mehrwertsteuer erhoben. Doch die Preisunterschiede in dem Vergleich sind so groß, dass sie nicht allein durch die Rabatte und die Mehrwertsteuer erklärt werden können.
Insgesamt, so resümieren die Autoren des Arzneiverordnungsreports, sind die 50 umsatzstärksten Generika in Deutschland "im Durchschnitt 98 Prozent teurer als die entsprechenden Präparate in Schweden", die 50 führenden patentgeschützten Arzneimittel sind im Durchschnitt 48 Prozent teurer. Wären die Preise in Deutschland auf dem Niveau wie in Schweden, "ließen sich hier Wirtschaftlichkeitsreserven in Höhe von 9,4 Milliarden Euro berechnen", so die AVR-Autoren. Mit anderen Worten: Patienten und Krankenkassen könnten 9,4 Milliarden Euro sparen.
"Preissubventionen von 9,4 Milliarden Euro für die Pharmaindustrie"
Warum, so fragt der Autor des Reports, Professor Ulrich Schwabe, muss Deutschland mit seinen 82 Millionen Bewohnern so viel mehr für Arzneimittel bezahlen als Schweden mit seinen neun Millionen Einwohnern? Schließlich müssten nach den Regeln der Marktwirtschaft die Preise in Deutschland sogar niedriger sein, weil die Menge, welche die Kassen den Pharma-Multis hier abnehmen, viel höher ist. "Preissubventionen von 9,4 Milliarden Euro für die Pharmaindustrie sind weder ökonomisch noch gesundheitspolitisch vertretbar", resümiert Schwabe.
Das althergebrachte Privileg, wonach die Pharmaindustrie den Preis für ein neues Präparat zunächst einmal frei bestimmen kann, gibt es neben Deutschland nur noch in Dänemark und Malta. "Es sollte endlich abgeschafft werden", sagt Experte Schwabe. Doch von einer ernsthaften Regulierung der Preise für neue Medikamente ist die schwarz-gelbe Koalition weit entfernt. Stattdessen werden die fehlenden Milliarden im Gesundheitswesen zum größten Teil über höhere Beiträge von den gesetzlich Krankenversicherten eingetrieben.
Und auch nach der Gesundheitsreform von Minister Philipp Rösler (FDP) wird sich daran zunächst nichts ändern. Denn die Preisverhandlungen, zu denen Rösler die Pharmafirmen künftig zwingen will, greifen erst nach einem Jahr - so lange müssen die Krankenkassen mindestens noch Mondpreise zahlen wie bisher.
Neben dem Arzneimittelbereich gibt es dem Report zufolge auch in den anderen großen Leistungsbereichen der Kassen Ausgabenzuwächse. So stiegen die Krankenhauskosten im vergangenen Jahr um 6,8 Prozent auf 56,4 Milliarden Euro und die Ausgaben für ärztliche Behandlungen um sieben Prozent auf 30,6 Milliarden Euro. Damit hat sich der Anteil der Arzneimittel an den Leistungsausgaben der GKV zwar geringfügig um 0,2 Prozentpunkte auf 19 Prozent verringert. Dennoch liegen die Arzneimittelkosten weiterhin höher als die ärztlichen Behandlungskosten. Insgesamt gaben die Kassen 170,8 Milliarden Euro für Leistungen aus, zehn Milliarden Euro mehr als 2008.
Mit Material von AFP
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