Verluste durch Finanzkrise US-Pensionsfonds kämpfen mit Horror-Defizit

Pensionsfonds in den USA sicherten öffentlichen Angestellten lange Zeit die Altersvorsorge mit saftigen Renditen. Doch die Finanzkrise hat das System in den Abgrund gerissen. Experten gehen davon aus, dass die gigantischen Verluste ohne tiefe Einschnitte nie wieder ausgeglichen werden können.

Wall Street: Viele Pensionsfonds setzen wieder auf risikoreiche Papiere
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Wall Street: Viele Pensionsfonds setzen wieder auf risikoreiche Papiere


Hamburg - Ein System, das auf Jahrzehnte angelegt ist, scheint binnen eines Jahres in sich zusammengebrochen zu sein: Die Finanzkrise hat bei den Pensionsfonds für öffentliche Bedienstete in den USA zu so großen Verlusten geführt, dass Regierungsvertreter und Experten zunehmend der Meinung sind, es werde ohne grundlegende Änderungen am System wohl nie mehr gelingen, diese wieder auszugleichen. Das berichtet die "Washington Post".

Wie sehr sich die einst wunderschöne Welt der Pensionsfonds durch die Finanzkrise verändert hat, zeigt das Beispiel des US-Bundesstaats Virginia, der südwestlich der Hauptstadt Washington liegt und zu den wirtschaftlichen Vorzeigeregionen der größten Volkswirtschaft der Welt zählt: Noch vor einigen Jahren galt es als Ding der Unmöglichkeit, dass das öffentliche Vorsorgesystem hier einmal in arge Turbulenzen gelangen könnte. Denn 2003 verfügten die wichtigsten Pensionsfonds für Lehrer, Polizisten und andere staatliche Angestellte entweder über mehr Geld als sie benötigten oder waren finanziell zumindest so gut ausgestattet, dass sie ihren Verpflichtungen problemlos nachkommen konnten.

Chance zur Reform verpasst

Damals gingen Regierungsvertreter davon aus, dass die Fonds angesichts hervorragender Renditen an den Aktienmärkten in den achtziger und neunziger Jahren auch künftig Erträge von rund acht Prozent pro Jahr erwirtschaften würden. Sie waren damit nicht einmal außergewöhnlich blauäugig. Denn mit ähnlich ambitionierten Zahlen kalkulierten fast alle Pensionsfonds in den USA.

Weil einigen Experten angesichts der hohen Renditeanforderungen dann doch mulmig wurde und sich auch die Zuständigen in Virginia fragten, ob die hohen Aktiengewinne der Vergangenheit vielleicht mehr ein Glücksfall denn ein Dauerzustand seien, schlugen sie in dem Bundesstaat im Jahr 2006 vor, die Leistungen der Fonds zu kürzen oder einen Eigenanteil der Bediensteten einzuführen. Weil aber auch Politiker in den USA so etwas nicht gern verkünden, passierte nichts.

1,2 Billionen Dollar weniger als kalkuliert

Das rächte sich bald - denn was folgte, war die schwerste Finanzkrise seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Binnen weniger Monate verloren die Pensionsfonds in Virginia 11,5 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Minus von 21 Prozent. Auch zahlreiche andere Bundesstaaten mussten einen ähnlichen GAU verkraften.

Wie groß die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Pensionsfonds sind, zeigt sich an folgenden Zahlen: Vor Ausbruch der Finanzkrise prognostizierten die Regierungen der Bundesstaaten und Kommunen nach Angaben des Center for Retirement Research am Boston College, dass sie zum heutigen Zeitpunkt über ein Vermögen von 3,6 Billionen Dollar verfügen würden. Tatsächlich haben sie derzeit aber 1,2 Billionen Dollar weniger auf der hohen Kante.

Investmentlegende Buffett: "Tickende Zeitbombe"

Trotz dieses gewaltigen Defizits von einem Drittel gegenüber den ursprünglichen Prognosen rechnen jedoch selbst die Bundesstaaten, die es wie Virginia besonders hart getroffen hat, nicht mit kurzfristigen Problemen. Dass die Investmentlegende Warren Buffet die Pensionsfonds eine "tickende Zeitbombe" nennt, hat vielmehr zwei andere Gründe: In den kommenden Jahren erreichen immer mehr öffentliche Bedienstete das Rentenalter, und gleichzeitig leben die Pensionäre deutlich länger. Mit anderen Worten: Mehr Menschen bekommen länger Geld - bei schwindenden Renditen.

Was schon in normalen Zeiten eine große Herausforderung für jedes Vorsorgesystem ist, hat sich angesichts der Verluste durch die Finanzkrise zu einem nahezu unlösbaren Problem entwickelt: In Virginia geht man inzwischen davon aus, dass allein der größte Pensionsfonds des Bundesstaats bereits im Jahr 2013 nur noch rund 60 Prozent der benötigten Mittel zur Verfügung haben wird.

Fondsmanager stehen vor gewaltigem Dilemma

Damit nicht genug der schlechten Nachrichten. Denn für die Folgejahre rechnet Kim Nicholl, Expertin der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, mit einem noch größeren Defizit. Nach ihren Berechnungen wird allen öffentlichen Pensionsfonds im Jahr 2025 mehr als die Hälfte der notwendigen Finanzmittel fehlen - selbst dann, wenn sie in der Zukunft die kalkulierten (und durchaus optimistischen) acht Prozent Rendite erzielen werden. "Angesichts der riesigen Verluste einerseits und der steigenden Verpflichtungen andererseits glaube ich nicht, dass es eine Investmentstrategie gibt, die dieses Problem lösen kann", sagt Nicholl.

Sollen die Pensionszusagen nicht gekürzt werden oder die Beiträge für die künftigen Rentner nicht steigen, stehen die Investmentmanager in der Tat vor einem gewaltigen Dilemma. Wenn sie angesichts der Verluste durch die Finanzkrise in Zukunft vor risikoreichen Investments zurückschrecken, werden die Renditen entsprechend gering sein - und die Finanzierungslücken nur noch größer. Spekulieren die Investmentexperten allerdings auf höhere Renditen, um die Verluste wieder wettzumachen, gehen sie auch entsprechend größere Risiken ein - mitsamt der nicht ganz so unwahrscheinlichen Gefahr, dass es sie bei künftigen Rückschlägen an den Märkten nur umso heftiger erwischt.

Pensionsfonds setzen wieder auf toxische Papiere

Dennoch gibt es wieder Pensionsfonds, die in ihrer Verzweiflung wieder auf Risiko setzen - so wie in den Zeiten vor dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers, als viele mit risikoreichen Investments experimentierten, etwa indem sie Hedgefonds Geld gaben oder gerade in die komplexen und undurchsichtigen Papiere investierten, die 2008 zur Implosion der Märkte führen.

Dass einige Pensionsfonds inzwischen wieder einen beträchtlichen Teil ihrer Rendite-Hoffnungen gerade auf diese toxischen Papiere setzen, hat einen einfachen Grund: Diese haben seit vergangenem Jahr so stark an Wert verloren, dass sie künftig weit überdurchschnittliche Erträge liefern könnten. "Weil der Betrag, der wieder reingeholt werden muss, so gewaltig ist, besteht die einzige Hoffnung für viele Fonds darin, in renditestarke Produkte zu investieren", sagt Peter Austin, Manager von BNY Mellon Pension Services. Allerdings hat die Krise auch gezeigt, wie unberechenbar eben diese toxischen Papiere sind.

Doch selbst wenn die riskante Strategie aufgeht, ist fraglich, ob die Pensionsfonds mit ihrer "Zurück in die Zukunft"-Taktik Erfolg haben. Zu groß sind einfach die bereits entstandenen Verluste. Das zeigt das Beispiel des Versorgungssystems für die Lehrer im US-Bundesstaat Ohio: Es dauere noch gut 40 Jahre, bis der Fonds seinen Verpflichtungen wieder voll nachkommen könne, prognostizierten die Fondsmanager bereits vor den schlimmsten Tagen der Finanzkrise. Inzwischen haben sie den Zeithorizont, bis zu dem ihr Produkt wieder im Gleichgewicht sein soll, deutlich angepasst - auf "unendlich".

böl



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Seite 1
jinky, 08.07.2009
1.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Sie hätten umsteuern müssen bzw. man hätte sie zu einem Umsteuern zwingen müssen.
Pinarello, 08.07.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Warum sollten diese Gangster umsteuern? Jetzt gibt es doch unbegrenzten Kredit vom Staat der auch noch gleich die Verluste übernimmt! Also dann, warten halt bis zur nächsten Krise, die natürlich weit weit schlimmer werden wird, aber warum sollten denn die Politiker ausgerechnet gegen die Leute was unternehmen, von denen sie bezahlt werden und von denen sie ihre Befehle empfangen, hat doch dieses Mal ausgezeichent geklappt, die Folgen dieses Finanzverbrechens dem arbeitenden Bürger und Steuerzahler in die Schuhe zuschieben, genau so stellt sich die Finanzelite doch die Weltherrschaft vor.
schensu 08.07.2009
3.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Pah, als ob da unsere Meinung zählte! Das Ganze ist ein Selbstläufer, abgehoben von bekannten Realitäten zum Nutzen Weniger und ggf. Schaden Vieler. Ich brauch die jedenfalls mal gar nich.
Schelm-77 08.07.2009
4. Die Banken kehren zum gewohnten Geschäft zurück...
Am effektivsten läßt sich die Geldgier der Banker stoppen indem man sie einfach weitermachen läßt. Der nächste Crash wird einen frischen Wind durch die meist hohlen Köpfe der Finanzgenies pusten. Einen neuen weltweiten Rettungsfonds wird es dann mit Sicherheit auch nicht mehr geben. Der normalen Anleger sollte sein Geld allerdings vorher in Sicherheit bringen und in Edelmetalle, Edelsteine oder Immonbilien investieren. Im Zweifelsfalls tut es übergangsweise auch der bewährte Sparstrumpf. Den Banken geht es in erster Linie um ihr eigenes Wohl, dementsprechend sollte auch jeder Bürger erst einmal an sich selbst denken und ein erhöhtes Mißtrauen in Sachen Finanzwirtschaft aufbauen.
THM, 08.07.2009
5.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Noch erstaunlicher als die Unfähigkeit dieser Branche ist deren dreiste Gier.
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