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Verlustgeschäft Bundesgartenschau: Vielen Dank für die Schulden

Aus Koblenz berichtet Julian Trauthig

Die Bundesgartenschau ist ein Publikumsmagnet, nächster Gastgeber wird Koblenz sein. Aber die Veranstaltungen sind ein gigantisches Zuschussgeschäft und kosten den Steuerzahler Millionen Euro. Der größte Gewinner ist jedes Mal die Gartenbaulobby.

Verlustgeschäft Gartenschau: Danke für die Schulden Fotos
Julian Trauthig

Die Seile von Ufer zu Ufer sind längst gespannt, auch die erste Gondel hängt schon. Spätestens in diesem Sommer wird die Seilbahn der Bundesgartenschau 2011 von der Koblenzer Rheinpromenade über den Rhein hoch zur Festung Ehrenbreitstein schweben. Im kommenden Jahr wird sie die Besucher dann aus der Stadtmitte auf die andere Seite zum hochgelegenen Blumen-Event bringen. Vielleicht auch Bundespräsident Horst Köhler, wenn der Schirmherr die Bundesgartenschau (Buga) am 15. April 2011 selbst eröffnen wird. So hoffen es zumindest die Organisatoren.

Bis dahin werden sie und die lokale Presse über jeden noch so kleinen Baufortschritt auf dem Buga-Gelände ausführlich berichten. Das Ereignis, immerhin die erste Buga in Rheinland-Pfalz, macht Koblenz und die Region mächtig stolz. Millionen Menschen, so hoffen die Veranstalter, werden in die Stadt an Rhein und Mosel strömen, viel Geld ausgeben und den Besuch in guter Erinnerung behalten.

Doch die Kritik am Konzept der Gartenschauen wird in Zeiten der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten deutlich größer. Peter Pferdekemper vom Bund der Steuerzahler Rheinland-Pfalz sagt: "Wir sind der Meinung, dass Gartenschauen regelmäßig defizitär sind und enorme Folgekosten verursachen."

In der Tat: Die Bundesgartenschauen waren nie dazu da, den Kommunen Geld in die leeren Kassen zu spülen. Vom Gesamtbudget der Buga 2011 in Höhe von 102 Millionen Euro bestreitet das Land Rheinland-Pfalz 49 Millionen Euro, 28 Millionen gibt die Stadt Koblenz dazu. Gerade einmal 25 Millionen, also rund ein Viertel, muss die gegründete Buga-Gesellschaft über Eintrittskarten und andere Einnahmequellen selbst erwirtschaften. Ökonomisch macht das nur bedingt Sinn. Die Bundesregierung hält sich aus allem wohl auch deshalb heraus. Von Seiten des Bundesfinanzministeriums heißt es nur lapidar: "Mangels Förderkompetenzen ist eine Mitfinanzierung nicht zulässig."

Nachhaltigkeit ist kaum zu messen

Als Geldquelle waren Gartenschauen auch nie gedacht - von Beginn an dienten sie als Konjunktur- und Aufbauprogramme. Die erste Buga öffnete 1951 in Hannover ihre Gärten und Parks. In der noch jungen Bundesrepublik sollten im Krieg beschädigte Städte saniert und erste Naherholungsgebiete geschaffen werden.

Heutzutage stehe vor allem "zukunftsweisende Stadtentwicklung im Vordergrund, die die Lebensqualität nachhaltig verbessern soll", heißt es in der offiziellen Broschüre der Koblenzer Buga. Das ist ziemlich schwammig. Denn gerade die so oft gepriesene Nachhaltigkeit ist kaum zu messen.

Und ob es einen Konjunktureffekt für die Kommune gibt, ist inzwischen fraglicher denn je. In Schwerin, wo die Buga 2009 zu Gast war, hatte die Veranstaltung zwar grundsätzlich positive Auswirkungen. "Die aus der Gartenschau resultierenden finanziellen Effekte lassen sich aber nicht genau beziffern", sagt Michaela Christen, Pressesprecherin der Stadt.

Die einzige, die direkt von den Blumenschauen profitiert, ist die Gartenbaulobby. Die grünen Betriebe erhalten günstige und begehrte Präsentationsflächen ihrer Arbeit, zudem locken Aufträge bei den Bauarbeiten im Vorfeld der Blumenschauen.

Eine besondere Rolle fällt der deutschen Bundesgartenschaugesellschaft mbH, einem Zusammenschluss des Zentralverbands Gartenbau, des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau und des Bundes deutscher Baumschulen zu. Die Gesellschaft vergibt die Gartenschauen und erhält immer vor Eröffnung Lizenz- und Durchführungsgebühren von der jeweils gegründeten Gartenschau GmbH, den Planern und Organisatoren vor Ort.

In Koblenz ist das nach Angaben von Hanspeter Faas, dem Geschäftsführer der Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH, immerhin ein siebenstelliger Betrag. Welcher Millionenbetrag konkret fließt, ist unklar. Die deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft, die mit dem Geld unter anderem Lizenzen vergibt und Ausstellungen organisiert, bestätigt aber die allgemeine Angabe.

Bei der Iga in Rostock herrschten Schlamperei und Inkompetenz

Wenn der Dachverband gute Arbeit leistet, kann diese Summe unter Umständen sogar gerechtfertigt sein. "Es braucht den Verband, um die Buga zu erhalten, wie die letzten 60 Jahre gezeigt haben", sagt Vorort-Organisator Faas. In der Vergangenheit, etwa bei der Internationalen Gartenschau (Iga) 2003 in Rostock, wurde die Gartenschau allerdings ein finanzielles Desaster für die ohnehin klamme Kommune. Auf 20 Millionen Euro belief sich das Defizit der bunten Schau. Wie die Buga wird die Iga ebenfalls von der Bundesgartenschau-Gesellschaft vergeben.

Die Gründe für das Rostocker Minus waren nach damaligen Recherchen des SPIEGEL Schlamperei und Inkompetenz. So waren etwa die Erlöse aus Eintrittsgeldern zu hoch veranschlagt worden. Manager wurden dagegen bestens versorgt und abgefunden. Hinzu kam ein Traumhonorar, das einer privaten und für Sponsoring zuständigen Agentur zugeschanzt wurde.

Zwar gab es seitdem einen Prozess der Neuorientierung innerhalb des Verbands - so zumindest die offizielle Selbsteinschätzung -, doch durch den pauschalen Geldsegen vor Eröffnung einer Gartenschau bleibt ein Restrisiko, dass die Gelder nicht optimal ausgegeben werden.

Den Kommunen scheint das egal zu sein. Bei jeder Gartenschau kämpfen sie um den Zuschlag. "Gartenschauen sind bei der Bevölkerung sehr populär und außerdem locken immer Zuschüsse des Landes", sagt Pferdekemper vom Bund der Steuerzahler. Ohne Zuschüsse gebe es wohl auch weniger Gartenschauen.

Der Finanzexperte empfiehlt hochverschuldeten Kommunen, sich nicht um die Veranstaltung zu bewerben. Der Bund der Steuerzahler habe immer von einer Buga in Rheinland-Pfalz abgeraten - in Mainz noch mit Erfolg, in Koblenz nicht mehr. "Wir hoffen, dass es kein finanzielles Desaster geben wird. Auszuschließen ist das aber nicht."

Die deutsche Bundesgartenschau GmbH stört das alles nicht. Bis 2019 in Heilbronn hat sie die Blumenschauen bereits vergeben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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1. Mittelbarer Nutzen
Gegengleich 19.04.2010
Der mittelbare Nutzen wird hier unterschätzt. Das Volk entspannt bei Blümchen und Bäumchen. Wer weiß, welcher Schaden uns hier erspart bleibt, weil Tausende Menschen weniger aggressive sind!? Und wenn Banken und jetzt auch Airlines nach Hilfe schreien, warum nicht die Gärtner. Ich denke unsere Steuergelder wurden schon für sinnloseres ausgegeben.
2. Markt
Klo, 19.04.2010
Zitat von GegengleichDer mittelbare Nutzen wird hier unterschätzt. Das Volk entspannt bei Blümchen und Bäumchen. Wer weiß, welcher Schaden uns hier erspart bleibt, weil Tausende Menschen weniger aggressive sind!? Und wenn Banken und jetzt auch Airlines nach Hilfe schreien, warum nicht die Gärtner. Ich denke unsere Steuergelder wurden schon für sinnloseres ausgegeben.
Na ja, so kann man nicht argumentieren. Wenn die Gärtner eine Gartenschau wollen, dann sollten sie diese selbst ausrichten. So einfach ist das. Es gibt keinen Grund, dies vom Steuerzahler zu finanzieren. Sonst kommen demnächst alle anderen und wollen auch Geld. Faktisch hat der Steuerzahler überhaupt nichts von einer Gartenschau. Dies ist der Luxus einiger weniger. Im übrigen bleibt dann auch noch die Teilfinanzierung über Eintrittsgelder. Wieso sollte man etwas veranstalten, das sich nicht lohnt?
3. Flora-Förderung statt vermeintliche Kunst
Andreas Rolfes 19.04.2010
Nicht alle, aber doch eine ganze Menge. Was heutzutage doch alles als "Kultur" angeboten wird... Dann doch lieber Flora-Förderung.
4. Blumen sind bessr...
dick_&_durstig 19.04.2010
Zitat von sysopDie Bundesgartenschau ist ein Publikumsmagnet, nächster Gastgeber wird Koblenz sein. Aber die Veranstaltungen sind ein gigantisches Zuschussgeschäft und kosten den Steuerzahler Millionen Euro. Der größte Gewinner ist jedes Mal die Gartenbaulobby. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,688895,00.html
als jeder Meter Straßenbau! Geht mal auf auf einer BUGA spazieren und versuchts mal auf der Autobahn. Merkt ihr den Unterschied.:-)
5. Liebes Klo,
Gegengleich 19.04.2010
Zitat von KloNa ja, so kann man nicht argumentieren. Wenn die Gärtner eine Gartenschau wollen, dann sollten sie diese selbst ausrichten. So einfach ist das. Es gibt keinen Grund, dies vom Steuerzahler zu finanzieren. Sonst kommen demnächst alle anderen und wollen auch Geld. Faktisch hat der Steuerzahler überhaupt nichts von einer Gartenschau. Dies ist der Luxus einiger weniger. Im übrigen bleibt dann auch noch die Teilfinanzierung über Eintrittsgelder. Wieso sollte man etwas veranstalten, das sich nicht lohnt?
Liebes Klo, ich nehme mal an, der Beitrag von ecua war noch nicht veröffentlicht. Damit ist alles gesagt, oder?
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Die Akteure der Bundesgartenschauen
Landes- und Bundesgartenschauen
Bundesgartenschauen gibt es seit 1951 alle zwei Jahre. Damals sollten im Krieg beschädigte Städte saniert und erste Naherholungsgebiete geschaffen werden. Heutzutage stehe vor allem "zukunftsweisende Stadtentwicklung im Vordergrund, die die Lebensqualität nachhaltig verbessern soll", heißt es in der offiziellen Broschüre des BUGA 2011 in Koblenz. Das kleine Pendant sind Landesgartenschauen, die es, abhängig vom Bundesland, seit Mitte der 70er Jahre gibt. Durch sie soll die Lebensqualität und das ökologische Klima in den Städten verbessert werden. Immer wieder gibt es Kritik an Gartenschauen, weil die Kommunen und Länder damit ein finanzielles Risiko eingehen.
Deutsche Bundesgartenschaugesellschaft mbH
Die Deutsche Bundesgartenschaugesellschaft (DBG) wurde 1993 vom der Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG), der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. (BGL) und dem Bund deutscher Baumschulen (BdB) gegründet. Sie entscheidet über die Standorte der Bundesgartenschauen und begleitet und unterstützt die Ausrichter auf dem Weg zu ihrer Buga. Sie sitzt in Bonn.
Bundesgartenschau Koblenz 2011 GmbH
Schon Jahre vor einer Bundesgartenschau wird am Austragungsort eine GmbH gegründet. Wie bei der 2005 gegründeten "Bundesgartenschau GmbH 2011 Koblenz" laufen alle Fäden von Planung bis Abwicklung dort zusammen. Die Anteile an der Koblenzer Gesellschaft teilen sich zu zwei Drittel die Stadt Koblenz und zu einem Drittel der Zentralverband Gartenbau. Zusätzlich verstärken zwei Vertreter des Bundeslandes Rheinland-Pfalz das Gremium des Aufsichtsrates. Neben dem Aufsichtsrat bilden zusätzlich eine Gesellschafterversammlung und die Geschäftsführung die drei Säulen der Organisation.

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