Vermögen der Superreichen "Das verhöhnt die Chancengleichheit"

45 Deutsche besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. DIW-Forscher Stefan Bach erklärt, warum seine Berechnungen trotzdem nicht zu Neiddebatten taugen - und wie er umverteilen würde.

Düsseldorfer Königsallee
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Ein Interview von


Zur Person
  • Detlef Güthenke/DIW Berlin
    Stefan Bach Bach ist Steuerexperte und Verteilungsforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Autor des Sachbuchs "Unsere Steuern. Wer zahlt? Wie viel? Wofür?"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Vermögensverteilung in Deutschland mithilfe der Reichenliste des manager magazin neu berechnet und kommen zu dem Schluss: Die 45 reichsten Haushalte in Deutschland besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Dieses Ergebnis hat viel Aufsehen und auch Kritik erzeugt. Wollen Sie eine Neiddebatte vom Zaun brechen?

Stefan Bach: Wir sind Wissenschaftler, die die Einkommens- und Vermögensverteilung untersuchen. Über deren Ungleichheit gibt es eine intensive Diskussion in der Gesellschaft. Dazu braucht man valide Daten. Unser Ansatz trägt zur Versachlichung bei, weil superreiche Haushalte bei den üblichen Erhebungen der Vermögen privater Haushalte systematisch und deutlich untererfasst werden. Auch die makroökonomischen Vermögensrechnungen von Bundesbank und Statistischen Ämtern unterschätzen das Privatvermögen in Deutschland wohl um mindestens eine Billion Euro. Mit unserem Ansatz können wir die gesamte Verteilung bis in die absolute Spitze konsistent abbilden.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es denn für Politik und Öffentlichkeit wirklich entscheidend zu wissen, ob Leute wie der Lidl-Gründer Dieter Schwarz oder die BMW-Erbenfamilien Quandt und Klatten nun die ein oder andere Milliarde mehr oder weniger besitzen?

Stefan Bach: Es kommt drauf an. Aus sozialpolitischer Sicht spielen natürlich andere Faktoren eine größere Rolle als die Konzentration der Vermögen bei den Superreichen: die Einkommensverteilung in der Breite einschließlich der Sozialtransfers, öffentliche Ressourcen wie Sozialversicherung, Kinderbetreuung oder Wohnungsbau, aber auch schwieriger zu messende Größen wie die Qualität der sozialen Beziehungen und die subjektiv empfundene materielle Sicherheit des Einzelnen. Dafür scheint es zuerst einmal unerheblich, wenn die Reichen noch reicher werden. Aber wieso steigen Einkommen und Vermögen der Mittel- und Unterschicht nicht in gleichem Maße wie am oberen Ende der Gesellschaft? Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte kam im Wesentlichen bei den reichsten zehn Prozent an. Das darf man nicht ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es dann an bei hohen Vermögen?

Stefan Bach: Vermögen verhilft zu Unabhängigkeit, Macht - und Einfluss. Global gesehen gibt es durch die Vermögenskonzentration Tendenzen zu Plutokratie und Refeudalisierung. Die Güternachfrage nimmt ab, Finanzmarktturbulenzen nehmen zu. Davon sind wir in Deutschland bisher noch weitgehend verschont geblieben. Aber Unternehmerfamilien - und dabei handelt es sich meist bei unseren Superreichen - haben auch hierzulande enormen Einfluss auf die Politik. Sie haben direkten Zugang zu Kanzlerin, Ministerpräsidenten und Parteien. Ihre Verbände haben viel Geld, um Medienkampagnen zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wirkt sich das aus?

Stefan Bach: In unserer Gesellschaft hat vor allem das Steuer- und Abgabensystem die Aufgabe, Ungleichheit durch Umverteilung abzumildern. Was ist da in den vergangenen Jahrzehnten passiert? Steuern auf hohe Einkommen und Unternehmensteuern sind deutlich gesunken, Mehrwertsteuer und Energiesteuern wurden erhöht. Die oberen Schichten sind entlastet worden, die mittleren und unteren dagegen belastet. Bei der Erbschaftsteuer gibt es exzessive Privilegien für Unternehmensübertragungen, an denen sich trotz einer vom Verfassungsgericht angeordneten Reform kaum etwas geändert hat. Das verhöhnt die Chancengleichheit. Oder die aktuelle Debatte um Spitzensteuersatz und Soli im Rahmen der Regierungsbildung, bei der es um Steuerentlastungen oder -belastungen der oberen Einkommensschichten geht.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem liberale Ökonomen üben Kritik an der Berechnung der Vermögensverteilung. So zählen zum Beispiel die Rentenansprüche, die ein deutscher Arbeitnehmer angesammelt hat, nicht zu seinem Vermögen - während Arbeitnehmer in Ländern ohne staatliche Rentenkasse viel Geld fürs Alter zur Seite legen müssen, das voll zu ihrem Vermögen gerechnet wird…...

Stefan Bach: ...…und die Vermögensverteilung in diesen Ländern weniger ungleich erscheinen lässt. Das ist richtig - meine Kollegen vom DIW haben berechnet, dass die Vermögensungleichheit stark sinkt, wenn man die Rentenanwartschaften berücksichtigt. Nur: Rentenansprüche sind eben keine gewöhnlichen Vermögen, die ich bei Bedarf mobilisieren oder anders investieren kann - wie Unternehmensanteile, Immobilien oder Finanzanlagen. Und wenn ich sterbe, wird der Rest vererbt, während die Rente weg ist.

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SPIEGEL ONLINE: Trotzdem warnen Sie vor Neiddebatten. Warum?

Stefan Bach: In Deutschland leben die meisten superreichen Eigentümerfamilien eine Unternehmenskultur, die auch der breiten Bevölkerung nutzt: Gerade die größeren mittelständischen Unternehmen sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, sie stärken den Wettbewerb mit den Großkonzernen, schaffen Arbeitsplätze in der Fläche und kümmern sich meistens um ihre Leute und Region. Zudem halten sie Banken und Investmentgesellschaften weitgehend aus ihren Unternehmen heraus und finanzieren die Investitionen über Eigenkapital - was die Anfälligkeit in Finanzkrisen oder bei Spekulationsblasen verringert. Das fällt ihnen dann bei einer klassischen Vermögensteuer auf die Füße, die ja das Eigenkapital belastet - auch dann, wenn das Unternehmen Verluste schreibt. Daher soll man damit vorsichtig sein, zumal sie auch kompliziert zu erheben ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte die Umverteilung von oben nach unten dann gestärkt werden?

Stefan Bach: Einzelne Elemente der Vermögensteuer kann man in die Gewinn- und Einkommensteuern integrieren, wo die nicht wirken - oder die Superreichen besser bei der Einkommensteuer erfassen. Denn die zwei- bis dreistelligen Millioneneinkommen der superreichen Unternehmerfamilien werden gar nicht mehr progressiv besteuert. Dadurch zahlen sie häufig einen niedrigeren Steuersatz als ihre gutverdienenden Angestellten - der Warren-Buffett-Effekt. Eine angemessene Reduzierung der exzessiven Privilegien bei der Erbschaftsteuer brächte ungefähr fünf Milliarden Euro, auch andere verbliebene Begünstigungen für Selbstständigen- und Vermietungseinkünfte können abgebaut werden. Alles in allem könnten durch diese Maßnahmen etwa 15 Milliarden Euro im Jahr mehr eingenommen werden - das entspricht in etwa dem Betrag, den die klassische Vermögensteuer bringen würde. Damit könnte man Verbrauchsteuern, Sozialbeträge und die kalte Progression senken, die Mittel- und Unterschichten stark belasten.

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insgesamt 259 Beiträge
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Seite 1
bigroyaleddi 26.01.2018
1. Also, alles klar
Es hängt - wenn ich den Artikel richtig verstanden habe - auch und das in sehr wichtigem Umfang an unserem Steuersystem. Den unteren Bevölkerungsgruppen hat man in der Vergangenheit immer mehr aufgehalst, die oberen wurden entlastet. In den letzten Jahrzehnten. Noch Fragen?
mps58 26.01.2018
2. Endlich
Endlich sagt mal einer dass es jenseits von 60,000 € Jahresgehalt, oder auch jenseits von 160,000 € die wirklichen Reichen gibt, die von einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes wie ihn sich die verschiedenen Linken in diesem Lande vorstellen, überhaupt nicht betroffen wären, da sie genügend Möglichkeiten der Steuervermeidung haben, die der gutverdienende Angestellte eben nicht hat. Die permanente Erhöhung der Steuersätze für Angestellte ist jedenfalls der falsche Weg, und führt langfristig zum Verschwinden der Wählerbasis für genau die Parteien, die sich zwar Gerechtigkeit auf die Fahnen schreiben, aber dafür lieber die Mittelschicht ausbeuten.
zynik 26.01.2018
3. Neid-Debatte?
"45 Deutsche besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. " Wie man da noch den Begriff "Neid-Debatte" in den Mund nehmen und dabei ernst bleiben kann, ist mir rästelhaft. Der Begriff dient doch nur noch dazu, die Kritiker des Status Quo mundtot zu machen und die eigene Gier zu legitimieren.
horstenporst 26.01.2018
4.
"Vermögen verhilft zu Unabhängigkeit, Macht - und Einfluss." Und genau hier liegt der Hund begraben. Diesen Einfluss sieht man zum Beispiel sehr gut beim Thema Erbschaftsteuer. https://www.youtube.com/watch?v=iWX9EwRD9Rw
botellus_maximus 26.01.2018
5. Einkommen aus Arbeit und Superreiche
Bei der von Hr. Bach erwähnten Debatte um den Spitzensteuersatz geht es um Einkommen aus Arbeit. Keiner der zuvor erwähnten Superreichen hat sein Vermögen durch Einkommen aus einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis vermehrt. Will Hr. Bach ernsthaft behaupten, dass sich die Schere der Vermögen zwischen den 45 reichsten Deutschen und dem Rest der Bevölkerung verringert, wenn man Einkommen aus Arbeit ab 60 TEUR im Jahr höher besteuert?
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