Verschärfte Athener Finanzkrise Griechen können auf deutschen Geldsegen hoffen

Die Griechen-Krise droht zu eskalieren: Die Aufschläge für Anleihen erreichen Rekordhöhen, Athen kann sich bald wohl nur noch mit Geld von EU und IWF retten. Für Deutschland könnte das sehr teuer werden - trotz der harten Haltung von Kanzlerin Merkel.

Sanierungsfall Griechenland: Im Mai könnte das Geld alle sein
dpa

Sanierungsfall Griechenland: Im Mai könnte das Geld alle sein

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Hamburg - Wenige Wochen erst ist es her, da stand Angela Merkel als strahlende Siegerin da. Als neue Eiserne Lady wurde die Kanzlerin Ende März nach einem EU-Gipfel gefeiert. Gar als "Madame Non" betitelten manche Zeitungen die CDU-Chefin, die sich damit durchgesetzt hatte, dass das zahlungsschwache Griechenland im Notfall nicht nur EU- sondern auch Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch nehmen kann. Und auf diesem Weg kein weiteres deutsches Geld nach Athen fließt.

Doch der Erfolg der Kanzlerin könnte sich als trügerisch erweisen.

Denn inzwischen wird es immer wahrscheinlicher, dass Griechenland nicht umhin kommt, internationale Hilfe anzunehmen. So stiegen die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen am Donnerstag auf den höchsten Stand seit der Einführung des Euro. Zuletzt musste Athen rund 4,5 Prozentpunkte mehr zahlen als Berlin. Damit wächst die Furcht, dass Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen kann.

Das Fatale daran: Trotz der Beteuerungen der Kanzlerin dürfte Deutschland zur Kasse gebeten werden. Und zwar gleich doppelt: über bilaterale Kredite, die es an Griechenland vergeben wird, und auch - ausgerechnet - über den IWF. "Der Eindruck, den Frau Merkel zu erwecken versucht, dass Deutschland durch den EU-Beschluss nicht belastet wird, ist schlichtweg falsch", sagt SPD-Haushaltspolitiker Carsten Schneider. Klar sei stattdessen, dass Deutschland über den IWF-Umweg Milliarden zahlen müsse, wenn Athen tatsächlich um Hilfe ruft.

Deutsche Bundesbank warnt vor Nothilfe

Eine Sorge, die offenbar auch die Deutsche Bundesbank umtreibt. Laut einem Zeitungsbericht fürchten die Notenbanker, dass deutsche Steuerzahler indirekt für die griechische Finanzkrise aufkommen müssen. Denn sobald - wie in dem EU-Beschluss als letzte Möglichkeit vorgesehen - eine finanzielle Unterstützung des IWF für das Schuldenland erfolge, sei die Bundesbank dazu verpflichtet, "x Milliarden Euro direkt an das griechische Finanzministerium zu überweisen", heißt es in einem Papier, aus dem die "Frankfurter Rundschau" zitiert.

Eine Sprecherin der Bundesbank bestätigte, dass es ein solches Papier gibt. Es handele sich jedoch um ein nicht vom Vorstand gebilligtes Schriftstück, das ein Sachbearbeiter ausgearbeitet habe. Ob die Bundesbank sich der in der Vorlage geäußerten Position anschließe, sei noch offen. "Derzeit findet bei uns im Hause ein Meinungsbildungsprozess statt."

Fakt ist aber, dass der unbekannte Sachbearbeiter Recht hat. Fordert Griechenland Geld vom Währungsfonds an, muss Deutschland als IWF-Mitglied zahlen. Zwar hat der Fonds gewisse Reserven. Diese dürften Experten zufolge aber kaum reichen, um den Schuldenberg Griechenlands abzubauen.

Was das letztlich für Deutschland bedeutet, ist schnell erklärt: Sollte Athen einen Kredit beim IWF in Washington anfordern, muss das Geld erst bei den IWF-Mitgliedern gemäß ihrer Größe eingetrieben werden. So steht es im Beschluss von Ende März. Und weil Deutschland die größte Notenbank der Euroländer hat, dürfte der Anteil entsprechend üppig ausfallen. "So finanziert Deutschland indirekt einen der größten Batzen für die Hilfe der Griechen", sagt Christoph Weil, Analyst bei der Commerzbank. Der Bundesbank bleibt im Gegenzug für die ausgegebenen Milliarden lediglich eine Art Kreditanspruch gegenüber dem IWF.

Die Griechen brauchen rund 50 Milliarden Euro

Wie viel Geld tatsächlich am Ende auf dem IWF-Weg von Deutschland nach Athen fließt, ist jedoch noch unklar. Der Finanzbedarf der Griechen liegt allein in diesem Jahr bei etwa 50 Milliarden Euro. Griechischen Regierungsangaben zufolge ist bereits ein Teil davon gedeckt. Das noch fehlende Geld dürfte sich Analyst Weil zufolge auf etwa 30 Milliarden Euro belaufen. Aber erst wenn feststeht, wie viele Milliarden davon Griechenland beim IWF beantragt, ist die weitere Belastung für die Fonds-Mitglieder wie Deutschland ersichtlich.

Ohnehin bleibt noch die zweite Hilfsvariante, die der EU-Beschluss ebenfalls vorsieht: die bilateralen Kredite. Aber auch hier müsste Deutschland in Vorleistung treten, wie SPD-Mann Schneider erklärt. "Im Zweifel wird es so oder so eine Belastung für Deutschland geben." Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sagt: "Es war von Anfang an klar, dass Deutschland Griechenland stützen muss, sei es indirekt über Mittel, die die Bundesbank dem IWF zur Verfügung stellt, oder über direkte Kredite an Griechenland."

Athen versucht zu beruhigen

Die Experten kritisieren, dass der Kompromiss der EU-Staats- und Regierungschefs von Ende März nicht ausreicht, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Damit wird es immer wahrscheinlicher, dass es zum Äußersten kommt. "Es ist zweifelhaft, ob der griechische Finanzminister bereit ist, Zinsen von deutlich mehr als sieben Prozent zu bezahlen", sagt Commerzbank-Analyst Weil. Der Fall der Fälle rücke immer näher.

Die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank und die griechische Regierung bemühten sich am Donnerstag zwar, die Sorgen zu zerstreuen. Die EU-Kommission sehe keinen Anlass, den Notfallplan zu aktivieren, sagte ein Sprecher der Behörde. Die Regierung in Athen teilte mit, das Haushaltsdefizit sei im ersten Quartal massiv gefallen. Der Fehlbetrag zwischen Januar und März sei von 7,1 Milliarden Euro im Vorjahresquartal auf 4,3 Milliarden Euro gefallen - ein Rückgang um 40 Prozent. Zudem sei die Refinanzierung der staatlichen Schulden nicht in Gefahr.

Analyst Weil rechnet dennoch damit, dass sich vielleicht schon am 20. April, spätestens aber im Mai zeigen wird, ob Griechenland allein den Weg aus der Schuldenfalle findet. Dann nämlich werden weitere Anleihen fällig, die das Land zurückzahlen muss.

Sollte Deutschland dann tatsächlich um Hilfe angerufen werden, müsse dies aber nicht ausschließlich Nachteile haben. "Immerhin", gibt sich der Analyst zuversichtlich, "bekommt Berlin für die vergebenen Kredite Zinsen".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
zompel 08.04.2010
1. Griechenland abgeben
an eine Bad Bank, schon kanns weitergehen wie bisher.
Ilu, 08.04.2010
2. naja...
...da wir ebenfalls irgendwann den IWF anbetteln werden, relativiert sich das ganze Gehabe. Geld kann schließlich gedruckt bzw. "erschaffen" werden. Und Währungsreformen gab es in der Geschichte der Menschheit aufgrund der folgenden Hyperinflationen immer wieder.
doccoby, 08.04.2010
3. Dank an Kohl und Waigel
Zitat von sysopDie Griechen-Krise droht zu eskalieren: Die Aufschläge für Anleihen erreichen Rekordhöhen, Athen kann sich bald wohl nur noch mit Geld von EU und IWF retten. Für Deutschland könnte das sehr teuer werden - trotz der harten Haltung von Kanzlerin Merkel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,687892,00.html
Weil Kohl und Waigel - von dem der Name EURO stammt -, Geschichte schreiben wollten - (Maggy hielt Kohl für erpreßbar: He want's to make histerory!) haben sie Deutschland in den EURO geführt. Prof.es Hankel und Starbatty, die damals vor dem Verfassungsgericht gegen den EURO geklagt hatten, hatten völlig recht, der EURO wird für Deutschland zu einem finanziellen Desaster. Und der damalige Chef der amerikanischen Zentralbank hatte genau so recht: Er könne den EUR nicht verstehen, denn Deutschland müsse alles bezahlen (Germany pays it all.) Jetzt können wir bei Rente mit 67 Jahren und 42% vom letzten Einkommen an Rentenhöhe mit Milliarden für den griechischen Rentenanspruch mit 52 Jahren und 95% des letzten Einkommens bezahlen, für die Beamten, von denen die letzte Regierung kurz vor ihrer Abwahl mal noch eben 20 Tausend ernannt hat usw. Erst belügen und betrügen die Griechen die EU und die Währungsunion - und jetzt lassen sie die anderen für ihre Ausgaben zahlen. Und all dafür dürfen wir uns bei Kohl und Waigel bedanken. Das sei hiermit geschehen - the hell!
running_on_empty 08.04.2010
4. Die Rettung der Währungsunion ist noch möglich
Im März wurde vorsichtig geschätzt, daß der IWF maximal 10 Milliarden Euro für Griechenland aufbringen werde. Da war aber auch noch von "nur" 30 Milliarden Euro insgesamt die Rede. Nun steigen diese Beträge von Monat zu Monat fleissig. Der IWF wird kaum in der Lage sein, nach oben mitzuhalten. Jedoch wird deutlich, daß -egal in welcher Höhe er "helfen" wird - Deutschland ordentlich Geld berappen muß. Laut EU-Hilfsplan muss dann anschliessend das europäische "Rettungspaket" einstimmig angenommen werden. (Oder ist das schon wieder ad acta gelegt?) Das ist jedenfalls die letzte Chance, den gemeinsamen Untergang zu stoppen. Meiner Meinung nach sollte Griechenland wenigstens zeitweilig aus der Währungsunion austreten. Dasselbe gilt für die anderen Staaten der Südschiene sowie GB & Irland. Auf die Art kann die Eurozone selbst gerettet werden. Als andere wird unweigerlich zum Kollaps führen. Übrigens hat der Spiegel noch vor Wochen Angela Merkel euphorisch als "Siegerin" gefeiert (während gleichzeitg andere Medien da einen klareren Blick entwickelt haben).
phboerker 08.04.2010
5. Was passiert eigentlich, wenn... ?
Was passiert eigentlich, wenn Griechenland seinen Finanzbedarf nicht mehr decken kann und auch sonst niemand denen das Geld vorstrecken mag? Dann müsste Griechenland doch wohl zwangsläufig aus dem Euro ausscheiden und hätte wieder eine Währung mit hoher Inflation, wie das früher auch immer so war. Gewinner wären dann wohl alle diejenigen, die in Euro-Zeiten Kredite zu Festzinsen aufgenommen haben: die würden sich dann durch die Geldentwertung quasi selbst bezahlen. Verlierer wären diejenigen, die ihr Geld verliehen haben. Fazit: es würde eine massive Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern stattfinden. Das muss natürlich mit allen beim Durchschnittsbürger einzutreibenden Steuermitteln verhindert werden...
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