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Wegfall von Zöllen: EU und Vietnam einigen sich auf Freihandelsabkommen

Weniger Handelsbarrieren und der Abbau fast aller Zölle: Die EU und Vietnam wollen ihren Warenaustausch ankurbeln und haben sich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt. Davon könnten europäische Verbraucher profitieren.

Arbeiter in der Fernsehproduktion in Vietnam: Günstige Löhne locken Firmen an Zur Großansicht
REUTERS

Arbeiter in der Fernsehproduktion in Vietnam: Günstige Löhne locken Firmen an

Die EU hat sich mit dem wirtschaftlich aufstrebenden Vietnam grundsätzlich auf ein Freihandelsabkommen verständigt. Die Einigung verkündete EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström. Beide Seiten hatten zweieinhalb Jahre verhandelt. Die Vereinbarung, nach der die meisten Zölle auf beiden Seiten fallen sollen, werde dem europäischen Handel mit einer der dynamischsten Volkswirtschaften in Asien kräftige Impulse geben, sagte Malmström. "Damit wird ein neues, besseres und modernes Modell geschaffen für Freihandelsvereinbarungen der EU mit sich entwickelnden Ländern", sagte sie.

In Vietnam gebe es 90 Millionen Konsumenten und beachtliche neue Möglichkeiten für europäische Unternehmen. In der Rangliste der wichtigsten EU-Handelspartner lag das Land nach jüngsten verfügbaren Zahlen auf Platz 29. Umgekehrt war die Europäische Union hinter China der zweitgrößte Handelspartner Vietnams. Deutschland exportierte 2014 Waren im Wert von rund zwei Milliarden Euro in das Land und war mit Importen in Höhe von rund sechs Milliarden Euro das bedeutendste EU-Exportland für Vietnam.

Wichtigste Exportgüter Vietnams waren zuletzt Mobiltelefone, Textilien und Bekleidung, Schuhe und Rohöl. Aus der EU wurden vor allem Maschinen, Fahrzeuge und pharmazeutische Produkte nach Vietnam ausgeführt.

Abkommen könnte Ende 2017 in Kraft treten

Nach der Grundsatzvereinbarung müssen noch eine Reihe von technischen Fragen zwischen beiden Seiten und der endgültige, rechtlich bindende Text des Abkommens abgesprochen werden. Zustimmen müssen dann noch die EU-Handelsminister sowie das Europäische Parlament. Im Idealfall soll das Abkommen bis Ende des Jahres unterschriftsreif sein und Ende 2017 in Kraft treten.

Der Wegfall fast aller Zölle zwischen der Europäischen Union und Vietnam ist also wohl nur noch eine Frage der Zeit. Auch beim noch nicht ganz fertigen Transpazifischen Freihandelsabkommen (TPP) mit den USA und zehn weiteren Ländern ist Vietnam dabei - nicht jedoch China. Experten rechnen damit, dass sich Investoren von China abwenden und auf Vietnam setzen.

Das südostasiatische Land punktet mit stabiler Wirtschaft, gutem Bildungsniveau und vor allem niedrigen Löhnen.

Analysten sprechen von der dritten Welle der Industrie-Migration. In den Siebzigerjahren zogen personalintensive Fertigungsprozesse von Japan nach Singapur, Taiwan und Südkorea, in den Neunzigerjahren nach China. Nun profitieren Länder in Süd- und Südostasien: Thailand, Bangladesch, Indien, Kambodscha und vor allem Vietnam sind gefragt.

"Den Trend von China Richtung Vietnam sehen wir auch bei deutschen Unternehmern", berichtet Marco Walde, Chefdelegierter der Deutschen Wirtschaft in Hanoi. Zwei Autozulieferer hätten ihre Fertigung schon nach Vietnam verlagert, ebenso ein Hersteller von Elektronikprodukten. Für Walde zählt vor allem die Zuverlässigkeit: "Vertragstreue, Detailgenauigkeit - damit gibt es hier im Gegensatz zu anderen Ländern keine Probleme." Walde nennt folgendes Beispiel: "Wer 50.000 T-Shirts will, ist in China gut aufgehoben, aber 5000 Brautkleider, die Geduld und Fingerfertigkeit brauchen, das geht in Vietnam besser."

Auch Verbraucher können von der Produktion in Vietnam profitieren, sagt der Schweizer Finanzmanager Thomas Hugger: "Die Produktpreise würden deutlich hochgehen, wenn Hersteller nicht neue, billigere Standorte fänden", sagt er. In China liegt der Mindestlohn nach Huggers Berechnungen bei 264 Dollar im Monat, in Vietnam nur bei 112 Dollar.

mmq/Reuters/dpa-AFX

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1. Kolonialismus 2.0 vom Feinsten!
Bongomann 04.08.2015
Wer vor Allem profitiert, sind die reichen Investoren, für die dieses Abkommen maßgeschneidert wurde.
2. Prima!
Bueckstueck 04.08.2015
Dann werden ja die von Kindern in sweatshops genähtem Klamotten und Schuhe noch billiger und die "Sklaven" haben erst noch nix davon ausser noch mehr Arbeit! Geiz ist geil!
3. gut für Vietnam
nick999 04.08.2015
Der größte Handelspartner Vietnams ist China. Er ist aber auch ein sehr schwieriger, da es chinesische Ansprüche auf Inseln vor Vietnam gibt. Es ist für Vietnam besser, direkt mit Europa abzuschließen, als von den Chinesen als verlängerte Werkbank benutzt zu werden. Vietnam ist ein fleißiges und aufstrebendes Land, ohne die Dominanz von China zu haben. Europäer werden dort fertigen lassen können, ohne gleich die Erfindungen offenlegen zu müssen. @Bueckstueck, die "Sklaven" sind nicht (mehr) in Vietnam, die sind nebenan in Kambodscha und auf den Philippinen.
4.
shodanpc 04.08.2015
"Auch Verbraucher können von der Produktion in Vietnam profitieren, sagt der Schweizer Finanzmanager Thomas Hugger: "Die Produktpreise würden deutlich hochgehen, wenn Hersteller nicht neue, billigere Standorte fänden", sagt er. In China liegt der Mindestlohn nach Huggers Berechnungen bei 264 Dollar im Monat, in Vietnam nur bei 112 Dollar. " Yoah, der Verbraucher verliert in Europa seinen Arbeitsplatz an Vietnam und hat dann auch kein Geld um das "billligere" Produkt zu kaufen. Von den Steuerausfällen mal zu schweigen. Dann müssen wieder die Sozialleistungen gekürzt werden, man muss ja International Wettbewerbsfähig werden, etc. Schutz der heimischen Wirtschaft ist ja auch was blödes.
5. Und was ist mit dem Investorenschutz!
Palmstroem 04.08.2015
... und natürlich wird es einen Investorenschutz vor privaten Schiedsgerichten geben. Schließlich sollen deutsche Firmen natürlich geschützt werden vor eventuell steigenden Umwelt- und Sozialauflagen.
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