Von Lissabon bis Wladiwostok Putin träumt vom gemeinsamen Markt mit der EU

Russland zieht die Konsequenzen aus der Weltwirtschaftskrise und rückt deutlich näher an die EU heran: Ministerpräsident Wladimir Putin spricht sich für eine Freihandelszone mit Europa aus - und will "eine neue Industrialisierungswoge über den Kontinent rollen lassen".

Russlands Ministerpräsident Putin: "Eine neue Industrialisierungswoge rollen lassen"
AP

Russlands Ministerpräsident Putin: "Eine neue Industrialisierungswoge rollen lassen"


München - Ungebremster Austausch von Waren und keine Zölle mehr - so stellt sich Wladimir Putin den Handel Russlands mit der Europäischen Union in Zukunft vor. Denn der russische Ministerpräsident strebt einen "gemeinsamen Kontinentalmarkt" an. Das Ziel müsse "die Gestaltung einer harmonischen Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok" sein, schreibt Putin in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung". Künftig "kämen eventuell auch eine Freihandelszone, gar noch fortgeschrittenere wirtschaftliche Integrationsformen in Frage".

Man müsse überlegen, "wie wir eine neue Industrialisierungswoge über den europäischen Kontinent rollen lassen können", schreibt Putin. Sinnvoll seien strategische Allianzen von Unternehmen zum Beispiel im Schiffs-, Auto- und Flugzeugbau, bei Weltraumtechnologien, Medizin- und Pharmaindustrie, Atomkraft und Logistik. Versuche russischer Unternehmen, sich an EU-Unternehmen zu beteiligen, waren bisher jedoch meist auf Widerstand gestoßen. So etwa im Fall Opel. Im vergangenen Jahr hatten die staatliche Moskauer Sberbank und der österreichisch-kanadische Zulieferer Magna eine Schlappe beim Kauf des Autobauers hinnehmen müssen.

Auch in der Energieversorgung hält es Putin für sinnvoll, "Aktiva auszutauschen", also Firmen zu verflechten. Notwendig sei es, in allen Phasen der technologischen Wertschöpfungskette - von der Erkundung über die Förderung von Energieressourcen bis hin zu den Lieferungen an Endverbraucher - zusammenzuarbeiten. Zudem sollte es keinen Visumzwang mehr geben. Die Visafreiheit sollte nicht das Ende, sondern den Anfang einer echten Integration von Russland und der EU manifestieren, schrieb Putin.

Zweitägiger Besuch in Deutschland

Putin kommt am Donnerstag zu einem zweitägigen Arbeitsbesuch nach Deutschland und wird am Freitag auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammentreffen. Mit Merkel dürfte Putin allerdings zunächst über Pläne vom Energieriesen E.on sprechen, beim russischen Gaskonzern Gazprom auszusteigen. E.on ist mit 3,5 Prozent Gazprom-Anteilen Chart zeigen größter Auslandsinvestor bei dem Unternehmen. Das deutsche Unternehmen will sich nun aber stärker auf Asien und Südamerika konzentrieren.

Immerhin: Am Mittwoch ist Russland einem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO einen deutlichen Schritt nähergekommen. Das Land einigte sich mit der EU auf die Abschaffung von Exportzöllen auf Rohstoffe wie Holz. Damit könnten etwa die Rohstoffkosten für die Papierindustrie in Europa sinken. Mit dem Abkommen gibt die EU auch ihre Blockade eines WTO-Beitritts Russlands auf. Die Zölle sollen nach dem Beitritt in die Organisation auslaufen. Russland will im kommenden Jahr in der WTO aufgenommen werden.

yes/dpa/Reuters/dapd



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insgesamt 78 Beiträge
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linkslibero 25.11.2010
1. Hm?
Zitat von sysopRussland zieht*die Konsequenzen aus der Weltwirtschaftskrise*und*rückt deutlich näher an die EU heran: Ministerpräsident Wladimir Putin spricht sich*für eine Freihandelszone mit Europa aus - und will "eine neue Industrialisierungswoge über den Kontinent rollen lassen". http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731063,00.html
Tja, Wladimir, woran liegt's, daß das bisher noch nich' so recht geklappt hat? Hm? Vielleicht daran, daß selbst Konzerne wie BP oder Shell nicht sicher sein können, ob ihnen nach ein paar Jahren ihre milliardenschweren Investitionen in Rußland noch gehören und die ausländischen Investitionen in Rußland deshalb seit Jahren rückläufig sind? Hm? Vielleicht denkste mal darüber nach und nich' dauernd darüber wie Du die Demokratie in Rußland in die Tonne treten kannst.
autocrator 25.11.2010
2. i.m.h.o. gestrig
"Industrialisierungswoge" ... au weia. Ich gebe zu, ich kenne die wirtschaftlichen verhältnisse in Russland nicht, aber zumindest in der EU gibt es nichts mehr zu "industrialisieren" ... da ist schon alles durchindustrialisiert. Vor diesem hintergrund nimmt Putins "Angebot" einen schalen geschmack an. Infolge struktureller fehler (Stichwort "oligarchie") kommt Russlands industrie nicht wirklich auf die beine - und nun soll der Westen in irgendwelchen "strategischen allianzen" den russischen superreichen helfen, megareich zu werden. So, wie ich unsere Oberen einschätze, werden die dabei mitmachen - und ihren anteil am megareichtum einsacken. Man könnte ja schon wieder k......
reinhard_m, 25.11.2010
3. Gute Idee
Wenn wir uns aus der EU, die uns nur ausnutzt und in die Armut treibt ausklinken und eine ehrliche Partnerschaft mit Rußland anstreben fahren wir besser.
Sapientia 25.11.2010
4. Putin träumt vom gemeinsamen Markt mit der EU
Zitat von sysopRussland zieht*die Konsequenzen aus der Weltwirtschaftskrise*und*rückt deutlich näher an die EU heran: Ministerpräsident Wladimir Putin spricht sich*für eine Freihandelszone mit Europa aus - und will "eine neue Industrialisierungswoge über den Kontinent rollen lassen". http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731063,00.html
Die Voraussetzungen sind nicht erfüllt; zunächst hat er im eigenen Land für Ordnung zu sorgen und zum Beispiel solche Verbrecher wie Lukaschenka etc. aus dem Verkehr zu ziehen und gleichzeitig den Nachweis zu führen, dass Russland im Sinne der EU marktfähig ist und nicht eine unterschwellig weiterhin von KGB-Nachwehen und neuen Mafia-Strukturen durchsetzte res publica ist. Es wäre fatal, ggü Russland insoweit uneingeschränkt die Türen zu öffnen; zwar sind wir - wie wir gerade in Irland sehen können - stark an Wirkungen von Korruption, Betrug und Dummheit innerhalb der EU gewöhnt, jedoch würde eine Öffnung ggü Russland die EU zu Fall bringen, was - auch dafür gibt es Verständnis - nicht unbedingt der schlechteste Akt für die gerupften Bevölkerungen wäre. Russland muss mindestens noch 12 Jahre demokratisch entwickeln, ehe man dieser Putin-Idee faktisch näher treten sollte. Wir sehen überwiegend nur den westlich getrimmten Schaum dieses Landes.
DHempelmann, 25.11.2010
5. Vorsicht Europa!
Teile Europas stecken in einer Finanzkrise. Diese Teile Europas sind, verglichen mit Russland, hoch entwickelt und durch ihre Wohlfahrtssysteme und Staatsausgaben in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Auf der anderen Seite steht ein Land, quasi ohne Wohlfartssystem, dafür mit immer noch jeder Menge Öl- und Gasgeldreserven. Nur mit der Industrie und allem anderen, was nicht mit Bodenschätzen zu tun hat, da hapert es gewaltig. Klar, dass die jetzt auf große Einkaufstour gehen wollen. Natürlich auf Gegenseitigkeit, denn alles was Russland in Europa zukauft, dass gehört ihnen. Notfalls geht man nach Brüssel und die blöden Europäer werden schon den Schwanz einziehen. Umgekehrt werden russische Bürokraten und der "russische Rechtsstaat" schon dafür sorgen, dass kein europäischer Betrieb zu viel aus Russland abschöpft. Länder die sich, wenn es gerade politisch passt, mit Venezuela, Kuba, Weissrussland oder dem Iran verbünden, denen würde ich vielleicht Rohstoffe etc. verkaufen, aber keine Firmen und kein Know-How. Nicht bei der derzeitigen russischen Führung und dem derzeitigen Zustand des russischen Rechtssystems.
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