Vorweihnachtszeit Konsumkritiker werben für Kauf-nix-Tag

Noch vier Wochen bis Weihnachten, die Geschäfte sind voll. Konsumkritiker regen dazu an, am Samstag eine 24-stündige Einkaufspause einzulegen - den Kauf-nix-Tag. Machen Sie mit?

Innenstadt von Hamburg: "Konsumverzicht löst kein Entsetzen mehr aus"
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Innenstadt von Hamburg: "Konsumverzicht löst kein Entsetzen mehr aus"


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Der schnelle Kaffee zum Mitnehmen beim Bäcker, die Hose aus dem Kaufhaus im Sonderangebot, der Glühwein am Abend auf dem Weihnachtsmarkt: Wer den Kauf-nix-Tag unterstützen möchte, sollte auf all das am Samstag verzichten. Aus Protest gegen den Kaufrausch soll der letzte Samstag im November alljährlich eine kleine Auszeit vom Shoppingwahn bringen - rechtzeitig zum Start des Vorweihnachtstrubels.

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Konsumverzicht zugunsten der Umwelt?

Wenn wir weiterhin so viel konsumieren, wird die Natur eines Tages kollabieren. Umweltschützer wollen deshalb mit dem Kauf-Nix-Tag das Bewusstsein schärfen. Eine begrüßenswerte Initiative, oder Spaßverderber vor Weihnachten?

"Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-out" sagt Umweltökonom Niko Paech von der Universität Oldenburg. Beim Kauf-nix-Tag geht es dem Wachstumskritiker vor allem um die symbolische Bedeutung. Dass der Motto-Tag auch wegen seiner geringen Bekanntheit keine ökonomischen Auswirkungen für den Handel habe, sei klar. Einkäufe einen Tag aufzuschieben sei ebenfalls nicht der Sinn der Sache. Vielmehr müsse Aufmerksamkeit dafür geweckt werden, "dass wir brutal über unseren Verhältnissen leben, vor allem ökologisch", sagt Paech.

Qualität statt Quantität

Beim Kauf-nix-Tag gehe es darum, eine neue Balance zu finden, meint auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Die Konsumenten müssten mehr darauf achten, nicht mehr nur "Ver-Braucher" zu sein und mit dem eigenen Konsum so Ausbeutung und das Geiz-ist-geil-Syndrom zu unterstützen, sagt Kirsten Brodde. Kleidung zum Beispiel könne wieder mehr wertgeschätzt werden, wenn man sie pflege und repariere.

Die Organisation sieht schon kleine Erfolge. "Konsumverzicht löst inzwischen kein Entsetzen mehr aus", erklärt die Greenpeace-Aktivistin. Gebraucht statt neu, Qualität statt Quantität, leihen, tauschen, selber machen - das alles seien moderne Mottos, die auch ihre Unterstützer fänden.

Doch ist solch ein minimalistischer, konsumarmer Lebensstil mit Blick auf die Wirtschaft auch massentauglich? Kritiker sagen: Wenn alle Menschen nur das kauften, was sie zum Überleben brauchen, würde das europäische Wirtschaftssystem nicht mehr funktionieren. Paech meint dagegen: "Unser Wirtschaftssystem bricht zusammen, wenn wir weiter so konsumieren wie jetzt." Zu viele ökologische Probleme seien ungelöst. "Alle Ressourcen auf der Welt sind endlich, und im Moment verbraucht die Wachstumsgesellschaft mehr, als da ist."

Kauflust ungebrochen

Der Kauf-nix-Tag
Zum Beginn des vorweihnachtlichen Einzelhandelbooms rufen Konsumkritiker am internationalen Kauf-nix-Tag Verbraucher zum Überdenken ihres Kaufverhaltens auf. Der "Buy Nothing Day" geht auf eine Idee des kanadischen Künstlers Ted Dave zurück. Konsumkritische Gruppen organisierten den Tag erstmals 1992. Seit 1997 wird er auch in Deutschland begangen - mit begrenzten Erfolg. Der Konsumfastentag am letzten Samstag im November ist hierzulande nur wenig bekannt. In den USA gilt Kauf-nix am letzten Freitag im November. Dieser "Black Friday" nach dem amerikanischen Erntedankfest Thanksgiving ist einer der umsatzstärksten Tage des Jahres im Handel.
Allerdings ist der seit 1997 mit vereinzelten Aktionen in Deutschland begangene Aktionstag nur wenigen bekannt. Und die Konsumfreude der Deutschen zur Weihnachtszeit scheint weiter ausgeprägt vorhanden zu sein.

Zuletzt drückte laut der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung zwar die Flüchtlingskrise etwas auf die deutsche Kauflust, dennoch ist die Verbraucherstimmung weiter auf einem hohen Niveau. Der Handelsverband erwartet im diesjährigen Weihnachtsgeschäft ein weiteres Mal steigende Absätze. Der Umsatz der Einzelhändler werde im November und Dezember wegen der guten Wirtschaftslage etwa zwei Prozent über dem Vorjahreszeitraum liegen, prognostiziert der Verband.

Verkaufsoffene Adventssonntage werden auch in diesem Jahr wieder die Kassen der Geschäfte klingeln lassen. Doch während der Handelsverband kritisiert, dass die gesetzliche Ausnahmegenehmigung von den Kommunen nicht voll ausgenutzt werde, würde Paech die Kaufrauschsonntage am besten ganz abschaffen.

Zusammengefasst: Mit dem Aufruf zu einem einkaufsfreien Samstag versuchen Umweltaktivisten den Blick für einen umweltgerechten Lebensstil zu schärfen. Das Echo ist kaum merkbar - doch die Wachstumskritiker registrieren immerhin schon den Beginn einer Abkehr von der Wergwerfmentalität.

mik/dpa

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