US-Sicht auf den VW-Skandal Halb so wichtig, halb so schlimm

Steht "Made in Germany" in den USA nach dem VW-Abgasbetrug für "Vorsicht, Schummelei"? Keineswegs, meint die US-Journalistin Cristina Gonzales: Dafür ist die Marke in Amerika viel zu unbedeutend.

VW-Präsentation in Detroit, 2012: Hausbackenes Nischenprodukt
DPA

VW-Präsentation in Detroit, 2012: Hausbackenes Nischenprodukt


Seit der denkwürdigen Pressekonferenz der US-Umweltbehörde EPA am 18. September, die den groß angelegten Abgasbetrug des Volkswagenkonzerns ans Licht brachte, wächst in Deutschland die Sorge um den internationalen Ruf der deutschen Autohersteller, ja, der gesamten Industrie. Doch wie sehen das die Amerikaner? Ist tatsächlich das Qualitätslabel "Made in Germany" in Gefahr?

Klare Antwort: Nein.

Dafür gibt es eine Menge Gründe, die drei wichtigsten sind: Andere Themen bereiten den Amerikanern viel mehr Sorgen. Die Aufmerksamkeitsspanne eines Amerikaners ist nicht größer als die einer Stechmücke. Und Volkswagen spielt auf dem US-Markt keine wirklich prominente Rolle.

Was dieser Trump da wieder gemacht hat!

Unter den Skandalen, die derzeit in den USA Schlagzeilen machen, schafft es Volkswagens Betrug kaum auf die erste Seite. Eine Volte von Donald Trump im Rennen um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, eine Neuigkeit über Hillary Clintons E-Mail-Gate, Amokläufe wie jüngst am Umpqua Community College im US-Staat Oregon oder der Kampf gegen den IS liefern den Stoff, der es in den USA auf die Titelseite schafft. Dann kommen vielleicht noch Putin, Syrien und Iran. Natürlich ist es nicht so, dass Volkswagen da nicht vorkommt - nur steht das Thema eben nicht oben auf der Liste.

Gott sei Dank birgt VWs Schummeltrick keine Gefahr für die Verkehrssicherheit, sagen sich meine Landsleute. Niemand ist dadurch zu Tode gekommen.

Klar, die VW-Ingenieure haben betrogen. Doch das wiegt nicht so schwer in einem Land, in dem Betrügereien an der Tagesordnung sind. Politiker, Sportler, Unternehmen füllen ihre Kapitel im Buch der US-Betrugsskandale ebenso wie Universitäten, Geheimdienste und das Militär. Bei uns Amerikanern sind Ranglisten sehr beliebt - wenn wir eine der schlimmsten Betrüger der Geschichte aufstellen würden, käme Volkswagen darauf allenfalls unter "ferner liefen" vor.

Ist doch Schnee von gestern

Einer von Microsoft in Auftrag gegebenen Studie zufolge widmet ein Goldfisch einer neuen Situation im Durchschnitt länger Aufmerksamkeit als ein Mensch: Acht Sekunden. Noch nicht untersucht wurde, ob wir Amerikaner in diesem Punkt schlechter abschneiden als der Rest der Menschheit, aber in einer Gesellschaft, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr mit immer wieder neuen Nachrichten von Skandalen und Sensationen überhäuft wird, spricht viel dafür, dass die Spanne sehr viel kürzer ist - dafür ist die Konkurrenz der Neuigkeiten einfach zu groß.

Etwas anderes wäre es möglicherweise, wenn ein wahlkämpfender Rüpel wie Trump über VW herziehen würde. Wenn der sagt, der Abgasbetrug ist ein Skandal, dann würden sicher viele ein paar Sekunden länger darüber nachdenken. Sollte ein durchschnittlicher Amerikaner daraufhin tatsächlich an der Reputation der deutschen Ingenieure zweifeln, dann trotzdem allenfalls nur für einen kurzen Moment.

Volkswagen? Nie gehört

Die Erkenntnis, dass Volkswagen gute Autos baut, ist in Amerika ein gut gehütetes Geheimnis. Für die Deutschen ist VW die Automarke schlechthin, deshalb sind sie auch so bestürzt und beschämt wegen der Manipulation der Abgastests. Der geringe Bekanntheitsgrad Volkswagens in den USA relativiert die Größe des Schadens an der Reputation. Wenn ein Amerikaner über deutsche Autos spricht, meint er gemeinhin BMW oder Mercedes. Dass deren Ruf jetzt in Gefahr ist, ist höchst unwahrscheinlich. Nach dem Gaspedal-Fall von Toyota stand auch nicht die gesamte japanische Autoindustrie am Pranger.

Die Probleme von Volkswagen in Amerika liegen ohnehin ganz woanders: VW versteht die US-Kundschaft einfach nicht. VWs gelten hier als hausbacken. Wirklich coole Autos aber - SUVs, Pick-ups, Minivans - kommen von der Konkurrenz.

Mit anderen Worten: VW besetzt mit seinen Produkten eine winzige Nische im US-Automarkt und ist noch nicht einmal dabei besonders erfolgreich. Hinzu kommt, dass Dieselfahrzeuge auch schon vor dem Skandal keine großen Chancen in den USA hatten. Viel hat VW hier also sowieso nicht zu verlieren.

Die US-Regierung schlachtet den Skandal aus

Der Durchschnittsamerikaner mag dem Abgasskandal also wenig Beachtung schenken - dafür kümmert sich die Regierung umso mehr darum. Obwohl die Konzernführung bei der Aufklärung des Betrugs intensiv mithilft und Verletzte oder gar Tote nicht zu beklagen sind, könnte sich die Strafe für Volkswagen auf bis zu 18 Milliarden Dollar belaufen. Gemessen an den rund 900 Millionen, die General Motors nach dem Tod von geschätzt rund 130 Menschen wegen mangelhafter Zündschlösser zu bezahlen hatte, ist das eine hohe Strafe. Gut möglich, dass die Differenz geringer ausfallen würde, wenn die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen ein wenig besser wären.

Ganz gleich unter welchem Blickwinkel man es also betrachtet: Das Ansehen der deutschen Ingenieurskunst in den USA ist nicht gefährdet. Es brauchte wohl erheblich stärkere Erschütterungen, um nachhaltig Schaden zu nehmen.

Di e US-amerikanische Journalistin Cristina Gonzalez arbeitet als Radioproducerin in Atlanta. Zur Zeit ist sie zu Gast im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

Im Video: Michael Horn, US-Chef von VW, entschuldigt sich

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 184 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ERICRODHE 10.10.2015
1. Die Deutschen abzocken!
scheint die Losung der US-Regierung zu sein. Bei deren Verschuldung und Macht ist das auch keine überraschende Strategie. Einige gut Informierte werden das geschäftlich zu nutzen wissen. Am Ende sind die Deutschen (im Durchschnitt) noch etwas ärmer und die Amerikaner etwas reicher. Also vertritt man langfristige Interessen, indem man den Skandal nutzt.
sojetztja 10.10.2015
2.
Gut möglich, dass die Strafe geringer ausfiele, "wenn die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen ein wenig besser wären." Das ist der Punkt, der mich an der Sache nervt. man hat wirklich das Gefühl, dass es der US-Politik gar nicht um VW, Dieselabgase etc. (oder gar die Umwelt) geht, es geht darum, einen kleinen Wirtschaftskrieg zu führen, der diese lästigen Deutschen, deren Wirtschaftspolitik einen schon so lange stört und die einfach nicht das tun wollen, was man ihnen sagt, in die Schranken zu weisen.
Politikum 10.10.2015
3.
Wenn das so ist, sollte sich VW überlegen, den amerikanischen Markt der Pickup-Käufer abzuhaken. Sollen die Amis doch hunderte Milliarden Strafe festsetzen - einfach nicht bezahlen und fertig. Bis VW neben den Privatklagen und Umrüstungen dermaßen viel Geld in den Staaten verdient hat, dürften Jahrzehnte vergehen. Da ist es wohl besser, diese zig Milliarden zu sparen, und das Engagement im aland der unbegrenzt möglichen Schadenssummen zu beenden.
bbrot99 10.10.2015
4. richtig
wenn man einmal etwas weniger reisserisch auf das Thema schaut, stellt man schnell fest, dass der ganze Bohai übertrieben ist. VW hat beschissen und gehört dafür bestraft - das ist klar. Was aber das Ergebnis des Beschiss anbelangt, ist dieses eher nicht so dramatisch. Man muss nur einmal eine Woche in einer Indischen oder Chinesischen Grossstadt verbracht haben ohne Asthma-Anfall ob der KFZ- und Motorradabgase bekommen zu haben - schwierig. Von einem Amerikanischen Kollegen habe ich sogar schon den Kommentar gehört, dass ganz im Gegenteil ein gewisser Respekt vor VW gezollt wird, so ein Tool gebaut zu haben. Die Idee dahinter, dass man so eine Software auch erst einmal hinbringen muss...
steh-fan 10.10.2015
5. Halt erwischen lassen...
Die meisten sage hier, dass sie halt so blies waren sich erwischen zu lassen. Aber zum Thema hausbacken, waehrnd der Jetta in Deutschland eher fier Rentner ist, ist der Wagen hier sehr hip.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.