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Wachstum 2011: Ökonomen machen Deutschland Mut

Weniger Arbeitslose, sattes Wachstum, mehr als sonst wo in Europa - 2011 wird ein gutes Jahr für Deutschland, sagen führende Ökonomen. Doch sie warnen die Politik, jetzt übermütig zu werden: Statt Steuersenkungsphantasien ist erst mal Staatssanierung angesagt. Der Ausblick im Überblick.

Transport von deutschen Neuwagen (auf dem Rhein): Der Export wird 2011 wieder stark Zur Großansicht
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Transport von deutschen Neuwagen (auf dem Rhein): Der Export wird 2011 wieder stark

Hamburg - 2010 war ein Boom-Jahr, die Wirtschaft hat sich rapide von dem beispiellosen Einbruch 2009 erholt - doch wie wird 2011? Zum Jahreswechsel geben Ökonomen ihre Prognosen ab, und sie sehen nicht schlecht aus: Der Aufschwung wird weitergehen, die Arbeitslosigkeit sinken.

Doch das Tempo verlangsamt sich, und es gibt Probleme für die Politik - zum Beispiel die enorme Staatsverschuldung. Viele führende Wirtschaftsforscher fordern die Regierung auf, den Haushalt jetzt rasch zu konsolidieren und von Steuersenkungen Abstand zu nehmen.

Die Prognosen der Ökonomen für 2011 - der Überblick:

ETWAS WENIGER WACHSTUM

Deutschlands oberster Wirtschaftsweiser Wolfgang Franz dämpft Hoffnungen auf einen deutlichen Aufschwung im neuen Jahr. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert ein Wachstum um 2,2 Prozent. Darin sei aber ein statistischer Überhang aus 2010 in Höhe von 1,5 Prozent enthalten - das bedeutet, dass der Großteil des Wachstums bloß auf einen rechnerischen Effekt zurückgeht. Die eigentliche Konjunkturdynamik schätzt Franz auf rund 0,7 Prozent: "Die Bäume werden also konjunkturell gesehen im Jahr 2011 nicht in den Himmel wachsen."

Ähnlich sehen es andere Experten. Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Christoph M. Schmidt, erwartet "ein geringeres Tempo als bisher" und rund 2,5 Prozent Wachstum. "Der gegenwärtige Aufschwung stellt zu einem guten Teil lediglich ein Spiegelbild des tiefen Einbruchs im Jahr 2009 dar." Das zeige zweierlei: Erstens sei die deutsche Wirtschaft vor der Krise recht solide gewesen, sonst würde sie sich nicht so rasch erholen; viele Reformen hätten Deutschland also gut getan. Zweitens "darf die überraschend günstige Wirtschaftsentwicklung keine Begehrlichkeiten wecken".

Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, warnt ebenfalls vor Gefahren. Er erwartet zwei Prozent Wachstum, "wenn die Weltwirtschaft weiterhin mitmacht" - was viel sei im Vergleich zu anderen Euro-Staaten. "Allerdings soll man die Risiken nicht übersehen. Die Schuldenkrise in Europa ist nicht vorbei, und es gibt für die akuten Probleme keinen Konsens zwischen den Regierungen." Immerhin müsse sich Deutschland nicht mehr allein auf Exporte verlassen, auch die Binnenkonjunktur sei angesprungen.

Konjunkturchef Michael Bräuninger vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) sieht nicht zuletzt positive Effekte durch den Rückgang der Arbeitslosigkeit. In Deutschland sei eine Wachstumsrate von 2,5 Prozent möglich, weil die Exporte stark bleiben und sich Investitionen beschleunigen, aber auch wegen der steigenden Beschäftigung. Er erwartet einen "relativ breiten" Aufschwung.

Deutschland dürfte dabei auch der europäischen Wirtschaft erneut einen Schub geben. Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts, erwartet 2,4 Prozent Wachstum ("der Aufschwung geht kräftig weiter, wenn auch nicht mehr ganz so stürmisch wie dieses Jahr") - damit könne Deutschland 2011 "die Konjunkturlokomotive Europas" sein, sagte er der "Bild"-Zeitung. Das Wachstum werde in erster Linie durch Unternehmensinvestitionen getragen.

WENIGER ARBEITSLOSE

Alle Ökonomen erwarten einen weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland auf unter drei Millionen im Jahresdurchschnitt. Der deutsche Arbeitsmarkt habe sich schon "in der Krise als erstaunlich robust erwiesen" und profitiere nun auch von der positiven Entwicklung der Konjunktur, sagt IfW-Präsident Dennis Snower.

Wirtschaftsweisen-Chef Franz erwartet, dass im Gegenzug die Anzahl der Erwerbstätigen um rund 300.000 auf 40,8 Millionen wächst - mit positiven Effekten für den Konsum und damit die Konjunktur, sagt HWWI-Konjunkturchef Bräuninger.

"Sehr erfreulich" nennt Sinn die Lage, zumal er auch bei der Lohnentwicklung positive Vorzeichen sieht: "Die Löhne werden nach langen Jahren der Flaute nun wieder etwas stärker steigen, die Menschen werden mehr im Geldbeutel haben."

Bräuninger sähe starke Lohnsteigerungen allerdings kritisch. Eine "angemessene Tarifpolitik" sei nötig, weil es noch immer Beschäftigungsprobleme gebe. "Ich halte es für durchaus problematisch, wenn der Bundeswirtschaftsminister zu kräftigen Lohnerhöhungen aufruft." Natürlich würden die Lohnabschlüsse etwas höher ausfallen als in der Vergangenheit, aber man müsse weiter "das Beschäftigungsziel vor Augen" haben. Bräuninger: "Außerdem müssen wir die Arbeitsmarktreformen beibehalten und weiter dafür sorgen, dass die Sozialversicherungsbeiträge zumindest nicht steigen."

MEHR SPAREN

Die Wirtschaftsforscher machen sich vor allem Sorgen wegen der Staatsverschuldung Deutschlands. Wirtschaftsweisen-Chef Franz fordert eine Konsolidierung der Haushalte: "Hier ist die Bundesregierung prinzipiell auf dem richtigen Weg, jedoch liegt noch sehr viel Detailarbeit vor ihr."

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Auch RWI-Präsident Schmidt fordert einen deutlicheren Sparkurs. Zwar bewege sich Schwarz-Gelb mit dem Sparpaket "einen großen Schritt auf die Einhaltung der Schuldenbremse zu" - aber das Paket sei nicht groß genug. Zumal sich das Problem als noch größer erweise, "wenn man die implizite Verschuldung aufgrund künftiger Ansprüche an die Sozialversicherung ins Bild nimmt" - gemeint sind die langfristig wachsenden Ausgaben für das Sozialsystem. "Hier klafft noch eine deutliche Nachhaltigkeitslücke."

IfW-Präsident Snower findet, beim schwarz-gelben Sparprogramm stimme grundsätzlich die Richtung - "wenn man auch vieles hätte besser machen können". So hätte man lieber Subventionen abbauen statt Abgaben erhöhen sollen; auf dem Gebiet sei "nichts passiert".

KEINE STEUERSENKUNG

Steuerentlastungen seien zwar "stets wünschenswert", sagt RWI-Präsident Schmidt. Sie hätten aber derzeit "aufgrund der immer noch schwierigen Haushaltslage nicht die höchste Priorität". So sehen es die meisten Ökonomen. Snower: "Natürlich kann man sich auch Steuersenkungen wünschen. Nur muss klar sein, dass solche Schritte nicht zu mehr Schulden führen dürfen." Realistisch gesehen solle man erst mal die Haushaltskonsolidierung wie geplant durchziehen. Fast wortgleich der oberste Wirtschaftsweise Franz: In dieser Legislaturperiode sehe er "keinen Spielraum für beachtliche Steuersenkungen, weil der Konsolidierungskurs absoluten Vorrang hat".

Die Ökonomen halten allerdings Steuervereinfachungen für möglich. Da könne man "sicherlich sehr viel mehr tun, als jetzt geplant ist", sagt Snower. Und auch Franz plädiert für Steuerreformen, die unterm Strich nichts kosten. Zum einen stehe eine Gemeindefinanzreform an, bei der die Gewerbesteuer durch einen Zuschlag zur Einkommen- und Körperschaftsteuer für die Kommunen ersetzt werden sollte. Zum anderen könne die Mehrwertsteuer reformiert und der Wildwuchs an Ausnahmeregelungen beseitigt werden. Franz fordert, den ermäßigten Satz von sieben Prozent zu streichen und dafür den Regelsatz von 19 Prozent auf 16,5 Prozent zu senken.

plö/dapd

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insgesamt 119 Beiträge
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1. ...
seine_unermesslichkeit 25.12.2010
Zitat von sysopWeniger Arbeitslose, sattes Wachstum, mehr als*sonstwo in Europa*- 2011 wird ein gutes Jahr für Deutschland, sagen führende Ökonomen. Doch sie warnen die Politik, jetzt übermütig zu werden: Statt Steuersenkungsphantasien ist erst mal Staatssanierung angesagt. Der Ausblick im Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,736540,00.html
Politikern interessiert nicht die Meinung führender Ökonomen, Politikern interessiert auch nicht, was sich für das Land erst (nachhaltig gut) auszahlt, wenn sie nicht mehr an der Macht sind. Politiker wollen wiedergewählt werden und persönlich Kasse machen...nur das zählt!
2. Einem sterbenden kann man auch Mut machen
mitbestimmender wähler 25.12.2010
Ja klar nur keine Angst fördern und die Herden aufscheuchen. Wäre ja schlimm wenn die Bürger auf sich und ihre Familien schauen würden und das Familiensilber sichern würden.
3. Was solls...
hornbeam, 25.12.2010
Der Wirtschaft geht es immer gut. Wird sie doch stets von Staat und Werktätigen "durchgefüttert". Gefaked werden die Arbeitslosenzahlen sicher weiter sinken. Real wird es immer weniger Vollarbeitsplätze geben und immer weniger Menschen müssen eine immer höhere Wirtschaftsleistung erarbeiten. Die Gewinne wandern auch weiterhin in die großen Brieftaschen von Aktionären und MIllionären. Und die Schuldenlast gibt uns den Rest. Alles nur Insolvenzverschleppung. Wir brauchen die Währungsreform und Geldschöpung zukünftig nur noch aus Staatshand.
4. Frische Meldungen aus dem Propagandaministerium
Regimekritiker 25.12.2010
Zitat von sysopWeniger Arbeitslose, sattes Wachstum, mehr als*sonstwo in Europa*- 2011 wird ein gutes Jahr für Deutschland, sagen führende Ökonomen. Doch sie warnen die Politik, jetzt übermütig zu werden: Statt Steuersenkungsphantasien ist erst mal Staatssanierung angesagt. Der Ausblick im Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,736540,00.html
... die dauernden Heilsversprechen dieser Regierung haben erkennbar wenig mit der Realtität zu tun - hält man die Bürger wirklich für derartig dumm? Schlimm, dass der Spiegel sich offenbar zum willigen Handlanger und teils vollkommen unkritischen Sprachrohr der Machthabenden entwickelt hat. Spiegel-Redaktion: Schämt Euch!
5. Toll
Lutz W. 25.12.2010
Die Frage ist, wen meinen diese Ökonomen? Wer ist in deren Augen "Deutschland"? Die Arbeiter und Angestellten bestimmt nicht. Das wenige, das die an Lohnerhöhung erhalten werden, wird durch höhere Steuern und Energiepreise aufgefressen. Die Rentner bestimmt auch nicht. Die haben überhaupt keinen Ausgleich. Die H4ler, die Aufstocker oder die Sozialhilfeempfänger können auch nicht gemeint sein. Wer bleibt über? Unternehmer, Bankster, Ärzte, Aktionäre. Das ist in den Augen der Ökonomen also Deutschland. Von den Steuern der kleinen Leute wird mal eben das Bankensystem mit Milliarden unterstützt und schliesslich noch ganz Euro-Land gerettet, dann wird von Aufschwung geredet, der aber nur der Aufschwung für einige, wenige sein wird.
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