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Wachstumskritiker: "Wir haben geprasst, und am Ende gab es Tränen"

Kapitalismuskritik ist wieder in Mode, seit die Finanzkrise Milliarden Euro vernichtet hat. Der britische Ökonom Tim Jackson hält ständiges Wirtschaftswachstum für einen Irrweg. Im Interview erklärt er, warum gerade seine Heimat ein abschreckendes Beispiel dafür ist.

Supermarkt in den USA: "Die meisten Kaufentscheidungen fallen unter sozialem Druck" Zur Großansicht
AFP

Supermarkt in den USA: "Die meisten Kaufentscheidungen fallen unter sozialem Druck"

Berlin - Er erscheint mit Krawatte und Wanderstiefeln - und wirkt ziemlich abgehetzt. Der britische Ökonom Tim Jackson hat mit seinem Buch "Wohlstand ohne Wachstum" ein vielbeachtetes Plädoyer für ein neues Wirtschaftsmodell geschrieben: Angesichts von Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung dürfe Wachstum nicht mehr oberstes Ziel der Politik sein. Eine Forderung, die auch in Deutschland populärer wird: Seit kurzem sucht eine Kommission des Bundestags nach neuen Wohlstandsindikatoren.

Geht es nach Forschern wie Jackson, so wird das Wohlergehen einer Gesellschaft bald über andere Werte als das Bruttoinlandsprodukt definiert - etwa die verfügbare Freizeit. Auf die legt Jackson auch persönlich Wert: Vor dem Interview fragt er die Pressesprecherin, wie lange er anschließend verschnaufen könne.

SPIEGEL ONLINE: Professor Jackson, seit der Katastrophe in Fukushima diskutieren wir Deutschen darüber, wie ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie möglich ist. Eine Option spielt dabei kaum eine Rolle: den Stromverbrauch einzuschränken.

Jackson: Das ist in den meisten Industrieländern so. Wir haben die Energieeffizienz zwar recht weit erhöht. Doch zugleich hat der wachsende Bedarf die Einsparungen weitgehend aufgefressen. Einige Male hat die Politik darüber nachgedacht, Angebot oder Nachfrage zu reduzieren. Doch da kamen die ökonomischen Interessen von Energieunternehmen ins Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Sie dagegen fordern "Wohlstand ohne Wachstum". Ein Mitarbeiter des britischen Finanzministeriums soll Ihnen deshalb einst vorgeworfen haben, Sie wollten wieder in Höhlen wohnen. Ist Wachstumskritik ein Tabu?

Jackson: Ich glaube, das hat sich deutlich geändert. Die Diskussion ist offener geworden - unter anderem durch die Finanzkrise. Auch die deutsche Enquete-Kommission scheint mir ein ziemlich starkes Zeichen zu sein. Da wird eine Frage behandelt, die vor zwei, drei Jahren noch gar nicht gestellt werden durfte. Jetzt ist das möglich.

SPIEGEL ONLINE: Auch für Politiker?

Jackson: Für die ist es immer noch schwer, denn Wachstum wird mit Arbeitsplätzen gleichgesetzt. Doch das stimmt nur, wenn steigende Produktivität das oberste Ziel ist. Die führt zwar zu Wachstum, bedroht aber auch Arbeitsplätze. Die Wirtschaft muss also wachsen, damit keine Jobs verlorengehen. Wenn Politiker Wachstum in Frage stellen, wirkt es deshalb so, als würden sie die Existenz der Bürger angreifen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Streben nach höherer Produktivität ist auch Voraussetzung für Innovationen, oder?

Jackson: Nicht immer. Es gibt Branchen, wo Produktivitätszuwächse begrenzt sinnvoll sind, etwa bei Dienstleistungen. Dort entsteht der Wert gerade durch die investierte Zeit. Es ist nicht sinnvoll, dass ein Arzt immer mehr Patienten behandelt oder ein Lehrer immer größere Klassen unterrichtet.

SPIEGEL ONLINE: Für die deutsche Wirtschaft ist die Industrie aber enorm wichtig. Gerade haben hier einige der wichtigsten Branchen ihre Wachstumsprognosen nach oben korrigiert. Sollten die sich jetzt etwa schämen?

Jackson: Sie sollten sich zumindest fragen, ob ihre Modelle nachhaltig sind - etwa, ob in 20 Jahren noch Fahrzeuge mit fossilen Treibstoffen gefragt sind. Grundsätzlich kann ein Strategiewechsel aber beides beinhalten: eine Industrie, die auf grüne Technologie setzt, und einen Dienstleistungssektor, der wenig Ressourcen verbraucht und zum Gemeinwohl beiträgt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Heimat ist ein abschreckendes Beispiel: Großbritannien hat seine industrielle Basis fast komplett verloren.

Jackson: Oh ja. Wir hatten zwar einen Wandel, aber nur von der Industrie zu mehr Einzelhandel und Finanzdienstleistern. Das eine vergrößerte unseren Konsum, das zweite schuf die Finanzblase, die dann platzte. Als Regierungsberater bin ich nach dem Crash in den Ministerien herumgelaufen und habe gefragt: Wo ist sie, die neue Wirtschaft? Unter der Labour-Partei hatten wir nur auf drei Dinge gesetzt: Einzelhandel, Finanzdienstleister - und den Export von Britpop.

SPIEGEL ONLINE: Ziemlich harsche Kritik für einen Ex-Berater des früheren Premiers Gordon Brown.

Jackson: Ja, er hat damals nicht sehr viel zugehört. Labour hat zwar auch Gutes getan, etwa mit seiner weltweit vorbildlichen Klimagesetzgebung. Doch das Gefühl für die wirtschaftliche Entwicklung war grundfalsch.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Browns Plan, durch Konjunkturpakete "grünes Wachstum" zu fördern?

Jackson: Das war eine sehr mächtige Idee, die in anderen Ländern allerdings mehr Erfolg hatte. Südkorea etwa hat 83 Prozent seiner Konjunkturspritzen in grüne Investitionen gesteckt. In Großbritannien waren es etwa 0,3 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Auch Verbraucher können Produkte kaufen, die angeblich nachhaltig sind. Sie aber kritisieren grundsätzlich unser Konsumdenken. Ist es eine Illusion, dass wir uns in eine bessere Welt shoppen können?

Jackson: Verbraucherentscheidungen können in die richtige Richtung führen. Doch die meisten Kaufentscheidungen treffen Menschen aufgrund von sozialem Druck. Dass sie freie Entscheidungen für eine nachhaltige Welt treffen, halte ich deshalb für eine Illusion.

SPIEGEL ONLINE: Wären Regierungen ehrlich, müssten sie die Bürger also zu weniger Konsum aufrufen?

Jackson: Ja. Doch im Moment tun sie das Gegenteil: Sie rufen die Menschen zu mehr Konsum auf, um die Krise zu überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das Gegenteil in einer Demokratie nicht politischer Selbstmord?

Jackson: Natürlich ist es keine Wahlkampfstrategie zu sagen: Ihr werdet keinen Job haben, keine Produkte konsumieren und Urlaub im Ausland könnt ihr auch vergessen. Doch es ist eben auch keine Strategie, Jobs über einen Abbau des Sozialsystems zu sichern und dann auf eine Rettung durch die Privatwirtschaft zu vertrauen. Das führt in Großbritannien gerade zu den größten Unruhen seit den Protesten gegen die frühere Premierministerin Margaret Thatcher.

SPIEGEL ONLINE: Sie treten für neue Wohlstandsindikatoren wie Freizeit oder den Erhalt von Ressourcen ein. Die müssten allerdings auch von den Märkten beachtet werden. Wie stehen die Chancen?

Jackson: Bislang ziemlich schlecht. Die Indikatoren der Finanzmärkte haben aberwitzig kurze Zeitspannen. Da geht es darum, Renditen von 15 bis 25 Prozent in Volkswirtschaften zu erzielen, die um zwei bis drei Prozent im Jahr wachsen. Das bedeutet nichts anderes als die Anhäufung von Reichtum bei einer Minderheit der Bevölkerung. Wir müssten auf langfristige und geringere Renditen umstellen, die zudem an Gemeinschaften gehen und nicht nur an einzelne Anteilseigner.

SPIEGEL ONLINE: Ecuador will 3,5 Milliarden Euro von anderen Ländern dafür bekommen, dass es ein Ölgebiet im Regenwald nicht ausbeutet. Haben solche Geschäfte Zukunft?

Jackson: Ja, das ist ein faszinierendes Modell - ebenso wie Norwegen mit seinem riesigen Staatsfonds, der nach ethischen Kriterien investiert.

SPIEGEL ONLINE: Der Fonds speist sich allerdings aus Einnahmen der Erdölförderung - das entspricht nicht gerade Ihren Vorstellungen.

Jackson: Nein, aber es ist immer noch besser als das, was wir mit unseren Ölgewinnen in Großbritannien gemacht haben. Wir haben diesen Reichtum in einem lächerlichen Konsumboom verprasst - und am Ende gab es Tränen.

SPIEGEL ONLINE: Sie warnen in Ihrem Buch davor, das Wachstumsdilemma zu unterschätzen. Kümmern sich Umweltschützer zu wenig um dieses Problem?

Jackson: Ja. Umweltschützer verstehen Wirtschaft oft nicht und haben geradezu eine Aversion, sich damit zu beschäftigen. Ökonomen wiederum mögen die Anliegen von Umweltschützern verstehen, aber sie haben ein völlig anderes Weltbild. Was wir dringend brauchen, ist eine Verbindung zwischen beiden Gruppen.

Das Interview führte David Böcking

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1. Finanzkrise hat kein Geld vernichtet.
blondini 17.04.2011
Immer diese Überschriften: "Finanzkrise hat Milliarden vernichtet!" So ein Unsinn. Das Geld ist nicht weg, sondern es gehört jetzt jemand anders. Aha! Und was ist mit dem? Das ist der Profiteur der Krise!
2. Buthan machts richtig
maximillian64 17.04.2011
Wie ich in SPON lesen konnte hat Buthan eines der besten Staatsziele ueberhaupt. Durch Geschichte und Tradition inspiriert hat der Staat das Glück seiner Bürger zum Staatsziel ernannt. Ich vermute das dies nicht zwingend, aber wahrscheinlich nicht mit dem Wachstumsstreben unserer Westlichen Welt einhergehen kann. Ob das BruttoNationalGlück zum Massstab der Politik werden kann? http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,673514,00.html
3. Die Angloamerikaner hatten diese...
mainzelmännchen 1 17.04.2011
...Verbindung zwischen Ökonomie und Ökologie schon einmal - in Gestalt ihres weltberühmten Ökonomen K.E.Boulding (1910-1993), der postulierte: "Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann unendlich lange andauern in einer endlichen Welt ist entweder ein Verrückter - oder ein Ökonom."
4. ein guter Gedankengang....
Neinsowas 17.04.2011
....den es lohnt zu verinnerlichen! Tim Jackson sollte in jede Talkshow eingeladen werden....
5. Billig um jeden Preis
steamiron 17.04.2011
Zitat von sysopKapitalismuskritik ist wieder in Mode, seit die Finanzkrise Milliarden Euro vernichtet hat.*Der britische Ökonom Tim Jackson*hält*ständiges Wirtschaftswachstum für einen Irrweg. Im Interview erklärt er, warum*gerade seine Heimat ein abschreckendes Beispiel dafür ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,755462,00.html
"Buy local" Strategie würde mehr Wachstum und Wohlstand für die Menschen im Binnenmarkt zufolge haben. Stattdessen wandert unsere Industrie stück für stück nach Asien aus. Die gestärkten Asiaten diktieren uns im Gegenzug immer mehr ihre Bedingungen. Sicherlich trägt Außenhandel ebenfalls zum Wohlstand bei, aber wie mein Vater immer pflegte zu sagen, "Alles Gute ist in maßen zu genießen".
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Buchtipp

Tim Jackson:
Wohlstand ohne Wachstum
Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt.

Übersetzt von Eva Leipprand.

Oekom Verlag; 272 Seiten; 22,95 Euro.

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Zur Person
Tim Jackson ist Ökonom und Professor für Nachhaltige Entwicklung an der englischen Universität Surrey. Er gehört zu den Kritikern eines ungebremsten Wirtschaftswachstums und leitet einen Regierungsbeirat, der neue Wohlstandsindikatoren sucht. In seiner Freizeit schreibt Jackson Theaterstücke, die wiederholt ausgezeichnet wurden.

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