Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

EU-Gipfel: Spanien und Italien bremsen den Wachstumspakt

Der EU-Gipfel in Brüssel kam schon zu Beginn ins Stocken. Eigentlich wollten die Staats- und Regierungschefs rasch einen Wachstumspakt über 120 Milliarden Euro für die EU durchwinken. Doch Spanien und Italien stellen sich quer: Sie fordern konkrete Maßnahmen gegen die hohen Zinsen auf Staatsanleihen.

Thorning-Schmidt, Van Rompuy, Barroso in Brüssel: Zähes Ringen um den Wachstumspakt Zur Großansicht
AP

Thorning-Schmidt, Van Rompuy, Barroso in Brüssel: Zähes Ringen um den Wachstumspakt

Brüssel - Für das Halbfinale gegen Italien fand Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstagabend keine Zeit. Beim EU-Gipfel in Brüssel musste sie sich auf die Debatte um den Wachstumspakt konzentrieren. Wenn Merkel den Verhandlungssaal zum Fußballgucken verlasse, werde es teuer für Deutschland, hatte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk vorher gewitzelt. So blieb sie sitzen und hielt sich per SMS über den Spielstand auf dem Laufenden.

Die Verhandlungen um den Wachstumspakt erwiesen sich als überraschend zäh. Eigentlich galt das 120-Milliarden-Euro-Paket, das mit Mitteln aus den EU-Strukturfonds und der Europäischen Investitionsbank die Konjunktur ankurbeln soll, als unstrittig. Im Saal stellte sich jedoch plötzlich der britische Premierminister David Cameron quer. Er wollte nach Angaben aus Diplomatenkreisen nicht akzeptieren, dass das neue Europäische Patentgericht seinen Hauptsitz in Paris haben soll, sondern bestand auf dem Standort London. Die Standortfrage ist der letzte Knackpunkt in der seit Jahren geführten Auseinandersetzung um ein europäisches Patent.

Auch die Ministerpräsidenten Italiens und Spaniens, Mario Monti und Mariano Rajoy, wollten dem Wachstumspakt noch nicht zustimmen. Sie machten ihr Ja davon abhängig, dass der Gipfel kurzfristige Maßnahmen zur Bekämpfung der Staatsschuldenkrise in ihren Ländern beschließt. "Alles hängt mit allem zusammen", sagten EU-Diplomaten in Brüssel.

Die Debatte, die eigentlich schon vor dem Abendessen abgeschlossen sein sollte, zog sich hin. Erst gegen 22.30 Uhr, Minuten vor Spielende, traten EU-Ratspräsident Herman van Rompuy, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt vor die Presse. Er habe nur einen "Zwischenstand" zu verkünden, sagte van Rompuy. Die zentralen Elemente des Wachstumspakts seien beschlossen, doch werde noch weiter verhandelt.

Mitternachtsgipfel der Euro-Länder

Kurz nach Mitternacht brachen die Regierungschefs der zehn Nicht-Euro-Länder in ihre Hotels auf. Die 17 Euro-Regierungschefs blieben im Ratsgebäude, um über mögliche Soforthilfen für Spanien und Italien zu beraten. Eigentlich war das Treffen der 17 erst für Freitagmittag angesetzt, doch auf Drängen von Monti und Rajoy wurde es vorgezogen. Die hohen Zinsen auf spanische und italienische Staatsanleihen hätten für die beiden Kollegen absolute Priorität, erklärte Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande in einer Pressekonferenz nach Mitternacht. Sie hätten nichts gegen den Wachstumspakt, aber sie wollten nur einer Gesamtlösung zustimmen.

Hollande äußerte Verständnis für das Vorgehen. Spanien und Italien seien auf Reformkurs. "Sie sollten nicht solch hohe Zinsen zahlen müssen." Auf die Frage, ob die beiden Länder den Gipfel erpressten, entgegnete er: "Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist".

Die Bundesregierung hatte vor dem Gipfel betont, dass die Euro-Rettungsfonds EFSF und ESM genutzt werden könnten. Jedes Land in Not könne einen Antrag stellen. Davor scheut Monti jedoch bislang zurück, weil er das Stigma des Krisenlandes und die Konditionen aus Brüssel fürchtet.

Endgültig verabschiedet werden soll der Wachstumspakt am Freitag. Rund 55 Milliarden Euro aus EU-Strukturfonds sollen umgewidmet werden, weitere 60 Milliarden Euro an Krediten von der Europäischen Investitionsbank (EIB) mobilisiert werden. Fünf Milliarden Euro werden durch sogenannte "Projektbonds" aufgebracht. Diese sollen der Privatwirtschaft durch staatliche Garantien Investitionen schmackhaft machen. Mit dem Wachstumsprogramm wird der bereits beschlossene Fiskalpakt über Haushaltsdisziplin und Schuldenabbau ergänzt.

Zunächst mussten die Euro-Regierungschefs sich jedoch mit den Forderungen Spaniens und Italiens beschäftigen. Monti schlägt etwa vor, dass die Europäische Zentralbank (EZB) Staatsanleihen im großen Stil kauft, abgesichert durch die europäischen Rettungsfonds EFSF und ESM, um die Marktzinsen zu drücken. Rajoy will dem ESM den Top-Gläubigerstatus entziehen, der seiner Ansicht nach potentielle Investoren abschreckt. Beides wird von der Bundesregierung abgelehnt.

Finnland hatte am Donnerstag als Kompromiss vorgeschlagen, Pfandbriefe nach internationalem Recht herauszugeben, um die Kreditwürdigkeit und Attraktivität der südeuropäischen Anleihen zu steigern. Die Krisenländer könnten ihre Staatsanleihen mit Vermögenswerten wie Immobilien oder Anteilen an staatlichen Unternehmen besichern, um so das Rating ihrer Anleihen zu verbessern.

Über die Weiterentwicklung der Währungsunion, die am Donnerstagabend eigentlich auf der Tagesordnung stand, konnten die Regierungschefs nur kurz beraten. Im Gespräch ist unter anderem eine Bankenunion. Dazu würden jedoch voraussichtlich keine Inhalte in der Abschlusserklärung stehen, sagte van Rompuy. Nur ein Zeitplan solle beschlossen werden. Van Rompuy hatte vorgeschlagen, bis Ende des Jahres konkrete Vorschläge auszuarbeiten.

Über die Vertiefung der Währungsunion gehen die Meinungen noch weit auseinander. Die südeuropäischen Länder wollen die Schulden vergemeinschaften, kurzfristig durch den Einsatz der ESM-Milliarden, langfristig durch Euro-Bonds. Deutschland hingegen will erst mehr Durchgriffsrechte auf nationale Haushalte festlegen.

Auch über personelle Fragen diskutierten die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel. Am Donnerstag deutete sich bereits an, dass der langjährige Chef der Euro-Gruppe,Jean-Claude Juncker, vorerst im Amt bleiben soll.

cvo/kha/dapd/dpa/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ....
kospi 29.06.2012
---Zitat--- *Spanien und Italien bremsen den Wachstumspaket* ---Zitatende--- Hä? Wie jetzt? Nix mehr deutsch??
2. Ohne unabhängige EZB kein Euro
dunnhaupt 29.06.2012
Interessant ist hier vor allem, wie diese Politker jetzt mit der EZB umspringen und sie nach Gutdünken für ihre Belange einzusetzen suchen. Dass die Europäische Zentralbank unabhängig sein sollte, haben sie offenbar längst vergessen. Diese Tatsache allein wird die weltweiten Märkte ausreichend beunruhigen, um den Fortbestand der Eurozone und des Euro nunmehr ernstlich anzuzweifeln.
3. Notoperation
Emil Peisker 29.06.2012
Zitat von sysopAPDer EU-Gipfel in Brüssel kam schon zu Beginn ins Stocken. Eigentlich wollten die Staats- und Regierungschefs heute rasch einen Wachstumspakt über 120 Milliarden Euro für die EU durchwinken. Doch Spanien und Italien stellen sich quer: Sie fordern konkrete Maßnahmen gegen die hohen Zinsen auf Staatsanleihen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,841605,00.html
Italien und Spanien hoffen, dass Merkel den Wachstumspakt gegenüber der deutschen Opposition braucht, und deshalb versuchen sie, das als Druckmittel zu verwenden. No Way. Es kann keine Kredite der Geberländer geben, die nicht an die Bedingungen der ESM-Regeln und des Fiskalpaktes geknüpft sind. Weitergehende Verpflichtungen nur bei Eingriffsrechten in den Haushalt. Damit Änderung des Lissabon-Vertrages und Änderung des deutschen Grundgesetzes, nach einer Volksabstimmung in Deutschland. Wenn Deutschland durch die Krise der Italiener und Spanier keine klareren Rechte, durch eine Änderung der europäischen Verträge erhält, und die Kreditabhängigen keine Haushaltsrechte abgeben wollen, ist es wohl so, dass Italien und Spanien eben höhere Zinsen zahlen müssen. Das kennen die Länder aus der Vergangenheit. Ich habe in Spanien in den 80ern auf Festgeld 8% Zinsen erhalten. Das hat so gerade die Abwertung aufgefangen. Heute zahlt Spanien 6%+ ohne Abwertung, daher muss es den Wettbewerbsnachteil der hohen Produktionskosten durch Reformen ausgleichen. Danach gibt es auch wieder niedrigere Zinsen. Aber zu verlangen, dass andere Staaten für die Zinsen aufkommen sollen...was für ein Ansinnen. Der finnische Vorschlag, Kredite mit Sachwerten aus staatlichem Besitz abzusichern, schmeckt Monti und Rajoi überhaupt nicht. Notoperation ja, aber sie darf nicht weh tun und sie darf nichts kosten. Die Kreditsucht kann genau so schwierig zu entziehen sein, wie andere Abhängigkeiten.
4. Mehr Power für EU
capitain_future 29.06.2012
Was damals für Griechenland gut genug war sollte bei den dicken Brocken wie Itailen,Frankreich und Spainen ,erst Recht gelten: 50% weniger Bürokratie d.h. abbau von überflüssigen Planstellen im Staatswesen.Einige Landkreis und Länderfusionen.. Gleich mit Einstampfen könnten sie auch gleich mit ihrer aufgeblähten Militär samt Forschungshaushalte.z.b. 30% weniger Das eingesparte Geld für ihre Schuld Zinsen,Schul und Berufs-Ausbildung und Wohlstand für ihre Bevölkerung auszugeben? Und gleichzeitig zu sehen das moderne Energie und Entsorgungsanlagen ihre Landkarte bevölkern.Vielleicht könnten Sie dann etwas wie Strom/Energie Richtung Nord EU exportieren ?
5. optional
Observer 29.06.2012
So wird wenigstens klar, wem das Zögern und Warten geschuldet ist. Von mir aus kann man ja ruhig noch ein Paar Wochen warten - noch ist die deutsche Industrie mit Aufträgen eingedeckt. Wenn die Wachstumsmilliarden dann etwas später kommen, kann es uns doch nur Recht sein, oder?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Gedränge unter dem Rettungsschirm
Griechenland
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre, bestehend aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später legten die Staats- und Regierungschefs ein zweites Rettungspaket nach, an dem sich neben dem IWF auch die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligten. Das später ausgehandelte Gesamtvolumen: 172,6 Milliarden Euro (inklusive 24,4 Milliarden aus dem alten Programm) für die kommenden zwei Jahre. 30 Milliarden Euro davon gehen indes nicht an Athen, sondern zur Absicherung an die Banken. Deren Verlust aus dem Schuldenschnitt: 107 Milliarden Euro.
Irland
Dublin hatte Ende 2010 Beistand der Euro-Partner beantragt, Anfang 2011 flossen die ersten Hilfsmilliarden. Insgesamt ist das Rettungspaket 85 Milliarden Euro schwer, wobei 35 Milliarden zur Rekapitalisierung des Bankensektors vorgesehen sind und Dublin 17,5 Milliarden selbst stemmt. Die letzte Tranche von drei Milliarden Euro ist für Ende 2013 vorgesehen.
Portugal
Im Mai 2011 vereinbarten die EU-Finanzminister Hilfszahlungen in Höhe von 78 Milliarden Euro für das Land. Das über drei Jahre bereitgestellte Geld fließt zu zwei Dritteln aus dem Euro-Rettungsfonds und zu einem Drittel aus dem IWF-Budget.
Spanien
Nach langem Zögern und auf Druck seiner europäischen Partner hat Ende Juni auch die Regierung in Madrid Finanzhilfen für den heimischen Bankensektor beantragt. Den Kapitalbedarf muss ein Team aus Experten aber noch beziffern. Zwei Beratungsfirmen haben ein Volumen von maximal 52 bis 62 Milliarden Euro ermittelt, damit die Kreditinstitute bei einer Zuspitzung der Krise nicht kollabieren. Der IWF geht von mindestens 40 Milliarden Euro aus, bliebe als Geldgeber bei einer reinen Bankenrettung ohne Spardiktat indes außen vor. Grundsätzlich hatten die Euro-Finanzminister Spanien schon vor zwei Wochen bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt.
Zypern
Nur wenige Stunden nach Madrid schlüpfte auch Nikosia unter den Rettungsschirm. Wie im Falle Spaniens ist der genaue Kapitalbedarf noch offen und muss zunächst von einem Expertenteam geklärt werden. Diplomatenkreisen zufolge dürfte er sich aber deutlich unter zehn Milliarden Euro bewegen. Ähnlich wie Spanien liebäugelt auch Zypern mit einer "Bankenrettung light", um seine eng mit der krisengeschüttelten griechischen Wirtschaft verbandelten Geldhäuser zu rekapitalisieren. (dapd)
So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.

Interaktive Grafik

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: