Wachstumsschub Deutscher Boom verblüfft Experten

Die Bundesrepublik erholt sich weit schneller von der Krise als erwartet - und deutlich stärker als andere europäische Staaten. Die Regierung feiert einen Aufschwung XL, sogar Fachleute staunen über den Zuwachs von 2,2 Prozent.


Berlin - Wirtschaftsminister Rainer Brüderle nennt es einen "Aufschwung XL", Experten sprechen von einem "weltmeisterlichen Anstieg der Wirtschaftsleistung". Auch wenn diese Euphorie ein wenig übertrieben erscheinen mag - die Zahlen sind in der Tat herausragend: Im zweiten Quartal ist die Wirtschaftsleistung in Deutschland im Vergleich zum Vorquartal um 2,2 Prozent gewachsen, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum beläuft sich das Plus sogar auf 4,1 Prozent. Auch die Zahl für die ersten drei Monate des Jahres korrigierten die Statistiker nach oben - von 0,2 auf 0,5 Prozent Wachstum.

Volkswirte rechnen nun für 2010 mit einem Zuwachs der Wirtschaftsleistung von über drei Prozent, es könne sogar der gesamtdeutsche Rekord von 3,2 Prozent übertroffen werden, sagt DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. Der Aufschwung sei zwar auch durch Sonderfaktoren begünstigt, könne aber insgesamt als gesund - also nachhaltig - bezeichnet werden. Als Belege führt Scheuerle den wachsenden privaten Konsum, kräftige Ausrüstungs- und Bauinvestitionen sowie die Exporte an.

Die deutschen Zahlen sind vor allem im Vergleich mit den EU-Partnern bemerkenswert. Nach bisher vorliegenden Zahlen ist Litauen das einzige Land mit einem noch höheren Wachstum als in der Bundesrepublik (siehe Tabelle).

Frankreich verzeichnet für das zweite Quartal ein Wachstum von lediglich 0,6 Prozent, in Spanien sind es 0,2 Prozent. Das ist zwar immer noch ein positiver Trend - angesichts der schwachen Ausgangslage 2009 ist es allerdings nur eine sehr langsame Erholung. Im krisengebeutelten Griechenland schrumpfte die Wirtschaft sogar um 1,5 Prozent.

Wachstum in EU-Ländern, 2. Quartal 2010

Land Wachstum (in Prozent)
Belgien 0,7
Deutschland 2,2
Estland 2,0
Frankreich 0,6
Griechenland -1,5
Großbritannien 1,1
Italien 0,4
Lettland 0,1
Litauen 2,9
Niederlande 0,9
Österreich 0,9
Portugal 0,2
Slowakei 1,2
Schweden 1,2
Spanien 0,2
Tschechische Republik 0,8
Ungarn 0,0
Zypern 0,4

Prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorquartal. Quelle: eurostat

Insgesamt geht es in der Euro-Zone aufwärts: Das Bruttoinlandsprodukt legte hier im Schnitt um 1,0 Prozent zu - vor allem dank Wachstumsmotor Deutschland. Damit habe die Euro-Zone die US-Wirtschaft im Frühjahr überflügelt, sagten Experten. Im ersten Quartal war die Wirtschaft in den 16 Euro-Staaten nur um 0,2 Prozent gewachsen.

Großer Optimismus bei Banken-Volkswirten

Für Deutschland haben nun mehrere Banken ihre Erwartungen nach oben korrigiert: "Wir erhöhen unsere Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr von 2,0 auf 3,5 Prozent", schreibt die Unicredit in einer Studie. Der Aufschwung habe auf beeindruckende Art und Weise das deutsche Geschäftsmodell bestätigt. Da die Stimmung in der deutschen Wirtschaft auch zu Beginn des zweiten Halbjahres gut sei, werde das Wachstum im laufenden dritten Quartal zwar schwächer, aber immer noch solide ausfallen.

Auch die Volkswirte der NordLB geben sich euphorisch: "Die heutigen Daten sind trotz eines im Vorfeld allgemein erwarteten starken Quartals dennoch eine faustdicke Überraschung", heißt es in einer Studie der Landesbank. Die Stimmung in den Unternehmen und die Auftragsentwicklung wiesen auf eine positive Entwicklung auch im dritten Quartal hin. Für das Gesamtjahr ergebe sich aufgrund dieser positiven Zahlen ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von gut drei Prozent.

Die Commerzbank hebt ihre Prognose ebenfalls an: von 2,5 Prozent auf 3,25 Prozent. Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet allerdings, dass das Wachstum sich im Herbst deutlich abschwächt. Auch in den Quartalen danach werde es verhaltener bergauf gehen. Das liege auch daran, dass die Frühindikatoren in den USA und in China nach unten wiesen. Eine solche Delle in der Aufwärtsbewegung sei üblich.

cte/Reuters/dpa-AFX



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Hercules Rockefeller, 22.06.2010
1. Harte Einschnitte müssen kommen
Um dieses erneute zarte Pflänzchen des Aufschwungs nicht zu gefährden, müssen jetzt auch Opfer von den Beschäftigten kommen! Lohnverzicht im Krankheitsfall, unbezahlte Mehrarbeit und Lockerung der Kündigungsfristen müssen kommen, sonst ist die Wirtschaft des Todes!
frubi 22.06.2010
2. .
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Wieso sollte auch die Wirtschaft vom Sparpaket betroffen sein? Die Airlines und Stromkonzerne geben ihre Mehrkosten einfach an den Endkunden weiter und dieser bezahlt schön brav. So sieht es aus. Naja. Der H4ler wird durch die Kürzungen nun leider auf seine E-Klasse verzichten müssen aber ansonsten seh ich keine Maßnahme, die der Wirtschaft hätte schaden können. Wieso auch. Die Realwirtschaft ist nicht der Schuldige in Sachen Finanz- und Eurokrise.
gehlhajo, 22.06.2010
3. Soso,,,
". Euro-Krise und das Sparpaket der Merkel-Regierung haben die Konjunktur nicht abgewürgt." Seit wann ist das Sparpaket eigentlich in Kraft ?
Stefanie Bach, 22.06.2010
4. Fakten oder Meinungen?
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Wird hier nicht wieder Substanz durch Meinung ersetzt? Der sogenannte Geschäftsklima-Index des ifo-Instituts ist doch nur eine Umfrage. Das sind keine Fakten, das sind Meinungen. Die Politik sollte sich lieber um ihre Aufgaben kümmern: Soziales Konjunkturprogramm statt Not und Realitätsverlust (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/).
zynik 22.06.2010
5. hurra!
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Hurra! Wir maschieren weiter für den Index und singen die Hymne des Wachstums. Was wäre dieses Land nur ohne seine Meldungen vom Wirtschaftswachstum und sinkenden Arbeitslosenzahlen aus dem Ministerium für Wahrheit?
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