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Währungskrise: Britische Ökonomen erwarten Euro-Crash

Die Staatsschulden explodieren, der Euro fällt auf immer neue Rekordtiefs - und unter Ökonomen wächst die Angst vor dem Ende der Währungsunion. Laut einer Umfrage des "Daily Telegraph" geben zwölf von 25 britischen Experten dem europäischen Projekt nur noch wenige Jahre.

Zwei-Euro-Münze: Gemeinschaftswährung unter Druck Zur Großansicht
dpa

Zwei-Euro-Münze: Gemeinschaftswährung unter Druck

Hamburg - Britische Ökonomen sind gemeinhin für ihre Euro-Skepsis bekannt - doch die Einschätzungen, die einige von ihnen derzeit äußern, sind selbst für ihre Verhältnisse dramatisch: Der Euro kämpfe derzeit seinen Todeskampf, so lautet der Tenor einer Umfrage des britischen "Daily Telegraph" unter 25 Wirtschaftsexperten. Ohne radikale Änderungen könne die Gemeinschaftswährung schon sehr bald zugrundegehen.

Zwölf der 25 britischen Experten geben der Währungsgemeinschaft in ihrer aktuellen Form höchstens noch fünf Jahre. Acht glauben an die Stabilität des Euro, fünf wollten sich nicht festlegen. Die Einschätzungen der Experten haben sich laut "Telegraph" dramatisch verschlechtert. Noch vor einem Jahr hätte kaum jemand an einen möglichen Untergang der Gemeinschaftswährung geglaubt, schreibt die Zeitung. Doch die Verwerfungen der letzten Wochen und düstere Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Euro befinde sich in einer "Existenzkrise" hätten den Glauben in die Euro-Zone erschüttert.

Die Weltwirtschaftskrise treibt die Verschuldung vieler EU-Staaten rapide in die Höhe; sie lässt zudem strukturelle Probleme in einzelnen Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien (siehe Info-Box links), aber auch in Frankreich und Ungarn in schonungsloser Deutlichkeit hervortreten. Immer mehr Investoren werden nervös, Zweifel wachsen, dass die Regierungen angesichts ihrer Strukturprobleme die Explosion ihrer Schulden eindämmen können. Trotz immer neuer Sparankündigungen, trotz eines 750 Milliarden Euro schweren Garantierahmens für Euro-Wackelkandidaten (siehe Info-Box links) grassiert die Angst vor einer Staatspleite auf dem alten Kontinent.

Das aber drückt die Gemeinschaftswährung auf immer neue Rekordtiefs. Am Freitagabend war der Euro erstmals seit vier Jahren unter 1,20 Dollar gefallen. Seit Jahresbeginn hat er rund 16 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar eingebüßt.

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Fotostrecke: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise
In einzelnen Punkten ist der Verfall der Währung sogar hilfreich: Exporte aus der Euro-Zone ins Ausland werden günstiger, entsprechend steigt Europas Wettbewerbsfähigkeit, was die Konjunktur ankurbelt. Auch der deutsche Haushalt profitiert von der Euro-Krise. Weil Anleger in sichere deutsche Staatsanleihen flüchten, sinken die Zinsen - und somit auch der Aufwand für den Bund. Das strukturelle Defizit beläuft sich dadurch inzwischen nicht mehr auf 70 Milliarden Euro, sondern nun nur noch auf 60 Milliarden. Statt zehn Milliarden Euro muss der Finanzminister nun jährlich nur noch 8,3 Milliarden einsparen.

Doch es gibt auch Ängste, dass die Regierungen über die Euro-Krise jegliche Kontrolle verlieren. Wenn ein Staat tatsächlich pleitegeht, so fürchten die Experten, könnte das ein ähnliches Finanzbeben auslösen wie der Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers.

Entsprechend besorgt äußern sich auch die Ökonomen in der "Telegraph"-Umfrage. Sie fürchten, dass die Belastungen letztlich so groß werden, dass die Währungsunion ganz auseinanderbricht - oder dass einzelne Staaten für ihren Erhalt geopfert werden müssen.

Müssen Griechenland, Portugal und Irland die Euro-Zone bald verlassen?

Die Chance, dass die Währungsunion mit all ihren jetzigen Mitgliedern überlebe, gehe "gegen null", sagte Andrew Lilico, Chefökonom beim einflussreichen konservativen Think-Tank Policy Exchange. Eine griechische Staatspleite etwa sei kaum mehr abzuwenden. Vier Ökonomen halten es zudem für möglich, dass Deutschland die Währungsunion bald verlässt, wenn die Belastungen durch andere Euro-Staaten zu hoch werden.

Tim Congdon von International Monetary Research prophezeit, dass drei Staaten aus der Euro-Zone austreten: Griechenland, Portugal und Irland. Die Währungsunion als Ganzes sieht er nur in Gefahr, wenn die Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich weiter wachsen. Congdon hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach kritisch zur Entwicklung der EU geäußert.

Besonders pessimistisch äußerte sich Douglas McWilliams, ein Forscher des Centre for Economics and Business Research. Er sagte, er habe Zweifel, dass der Euro "die nächste Woche überlebt".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wird der Ökonom Tim Congdon dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zugeordnet. Das trifft nicht zu. Tatsächlich arbeitet Congdon für das Institut International Monetary Research. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

ssu

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1. Währungskrise: Britische Ökonomen erwarten Euro-Crash
joe sixpack 06.06.2010
Zitat von sysopDie Staatsschulden explodieren, der Euro fällt auf immer neue Rekordtiefs - und unter Ökonomen wächst die Angst vor dem Ende der Währungsunion. Laut einer Umfrage des "Daily Telegrah" geben 12 von 25 britischen Experten dem europäischen Projekt nur noch wenige Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,699006,00.html
Man haette die Maastricht Kriterien von Anfang an durchsetzen muessen. Dies wuerde aus Politischen Gruenden nicht getan. Jetzt ist es zu spaet. GR und die anderen PIIGS wollen und werden (vorerst) gerettet werden - auf Kosten auch der Deutschen, wo jetzt der Sozialetat drastisch gekuerzt werden soll. Wie erklaert Frau Merkel den Deutschen, dass fuer GR Geld da ist, aber nicht fuer das EIGENE Volk, dessen Wohl zu mehren sie geschworen hat?
2. Aus britischer Sicht...
panda 06.06.2010
Zitat von sysopDie Staatsschulden explodieren, der Euro fällt auf immer neue Rekordtiefs - und unter Ökonomen wächst die Angst vor dem Ende der Währungsunion. Laut einer Umfrage des "Daily Telegrah" geben 12 von 25 britischen Experten dem europäischen Projekt nur noch wenige Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,699006,00.html
... ist solch Unkerei doch völlig in Ordnung. Ablenkung von den eigenen Sorgen ist immer die beste Verteidigung.
3. Selbsterhaltungstrieb
Walther Kempinski, 06.06.2010
Diesen britischen Ökonomen traue ich nicht. Die Zerschlagung des Euro wird natürlich das Pfund stärken und die vor dem Euro üblichen Währungsspekulationen nach dem Ende des Euros wieder aufleben lassen. Diese Experten wollen den Euro am liebsten zerschlagen, um am liebsten wieder so wie früher zb mit der italienischen Lire wild spekulieren zu können. Die Briten leben von der Spekulation, die haben ihre Industrie ja komplett über Board geworfen und sind nun die Bookies der Welt. Ich persönlich finde, daß das kein ehrenwerter Beruf ist, aber solange sie den Euro in Ruhe lassen, können die Briten machen was sie wollen. Helmut Schmidt hat es einst gesagt. Der Euro ist deshalb gut, weil die Spekulanten mit einem großen Schiff weniger gut spielen können, als mit 30 kleinen Schiffen. Das große Schiff liegt einfach zuviel Tiefgang, da beißen sich sogar die Hedge Fonds und Private Equities die Zähne aus. Der Euro ist übrigens sehr stabil. Ein Kurs von 1,20 zum Dollar ist in keiner Weise bedenklich. Der Euro ist sogar ungeheuer robust, wenn man bedenkt, was für ein Störfeuer von den Eurofeinden her kommt. Und auch gewisse Politiker in Ungarn, Spanien und das Merkel haben sich nicht gerade super zum Euro geäußert. Wenn man von einer Existenzkrise spricht, obwohl Griechenland nur 2,5% der Wirtschaftskraft des Euroraums ausmacht, der sollte am besten zurück treten.
4. Da meinen diese britischen Experten wohl,
Gandhi, 06.06.2010
Zitat von sysopDie Staatsschulden explodieren, der Euro fällt auf immer neue Rekordtiefs - und unter Ökonomen wächst die Angst vor dem Ende der Währungsunion. Laut einer Umfrage des "Daily Telegrah" geben 12 von 25 britischen Experten dem europäischen Projekt nur noch wenige Jahre. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,699006,00.html
mit ihrer Umfrage die Lage ihrer eigenen Waehrung beschoenigen zu koennen. Bevor es dem Euro an den Kragen geht, ist das Pfund geliefert. Aber vielleicht meinen diese Briten, die Europaeer wuerden das Pfund zu Lasten des euros stuetzen.
5. ...
Annika Hansen, 06.06.2010
Zitat von joe sixpackMan haette die Maastricht Kriterien von Anfang an durchsetzen muessen. Dies wuerde aus Politischen Gruenden nicht getan. Jetzt ist es zu spaet. GR und die anderen PIIGS wollen und werden (vorerst) gerettet werden - auf Kosten auch der Deutschen, wo jetzt der Sozialetat drastisch gekuerzt werden soll. Wie erklaert Frau Merkel den Deutschen, dass fuer GR Geld da ist, aber nicht fuer das EIGENE Volk, dessen Wohl zu mehren sie geschworen hat?
Je eher Merkel der Laden Deutschland um die Ohren fliegt, um so besser. Hoffentlich bricht der Euro nebst EU auch bald zusammen. Dann geht es beim großen Monopoly wieder von vorn los.
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Für die klammen Euroländer stellt die Gemeinschaft bei Bedarf bis zu 750 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Die ersten 60 Milliarden Euro kommen direkt von der EU-Kommission.

Sollte dieses Geld nicht ausreichen, kommen dazu die 440 Milliarden Euro schweren Hilfen einer Finanz-Zweckgesellschaft (siehe unten).

Zusätzlich steuert der Internationale Währungsfonds (IWF)mindestens 250 Milliarden Euro bei.

Finanz-Zweckgesellschaft
Die Finanz-Zweckgesellschaft ist ein für die Euroländer völlig neues Instrument, das im Namen aller 16 Euroländer Geld leihen und an finanzschwache Staaten weiterleiten kann.
Die Euroländer selbst müssen das Geld dabei nicht auf den Tisch legen, sie treten vielmehr als Garanten für das zu leihende Geld auf.
Zinssatz
Wie im Fall von Griechenland wird es auch für das 750-Milliarden-Paket einen einheitlichen Zinssatz für alle bedürftigen Länder geben. Griechenland muss für seine Kredite fünf Prozent Zinsen (für drei Jahre) zahlen.
Konsolidierung
Schuldenländer verpflichten sich, künftig noch strenger auf die Sanierung der Staatshaushalte zu achten.
Finanzmarktregulierung

Die Euroländer wollen die Finanzmärkte stärker regulieren. Dazu zählen Derivate und Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern - und damit auch Staaten - bewerten.

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