Währungsunion in der Krise Anleitung zur Euro-Auflösung

Eine Währungsunion hält nicht ewig - das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch die Euro-Zone sollte sich darauf vorbereiten, dass Mitglieder ausscheiden. Einfach wird das allerdings nicht.

Euro-Symbol in Frankfurt: Währung im Taumel
REUTERS

Euro-Symbol in Frankfurt: Währung im Taumel

Ein Debattenbeitrag von Hanno Beck und Aloys Prinz


Genug ist genug: Nach nicht enden wollenden Streitereien wird Griechenland aus der Währungsunion geworfen. Aber halt: Wir schreiben nicht das Jahr 2011, sondern das Jahr 1908.

Damals wiesen Frankreich, Italien, Belgien und die Schweiz Griechenland aus der Lateinischen Münzunion. Soll also keiner behaupten, dass Währungsunionen eine Ewigkeitsgarantie hätten. Alleine zwischen 1948 und 1997 gab es fast 130 Fälle, in denen eine Währungsunion aufgelöst wurde.

Doch wie löst man eine Währungsunion auf, wie kommt man zu einer nationalen Währung zurück? Auch wenn man diesen Gedanken nicht mag, man muss ihn denken, genauso, wie man bei Autofahrten ein Reserverad mitnimmt, in der Hoffnung, es nie benutzen zu müssen.

Wie könnte ein solcher Austritt aussehen, was gilt es zu beachten? Ein Austritt aus einer Währungsunion schafft Probleme auf drei Ebenen: der logistischen, der ökonomischen und der politischen Ebene.

Schon die logistische Dimension des Abenteuers nationale Währung ist ein Alptraum: Unternehmensbilanzen müssen umgeschrieben werden, Pensionen, Lebensversicherungen, Hypotheken und Kreditkartenschulden, Arbeitsverträge, Preislisten und Parkuhren müssen umgestellt werden.

Problematisch dürften dabei vor allem grenzüberschreitende Schulden von Unternehmen des Landes sein, das austritt: Stellt man die Schulden auf die neue Währung um, würde dies wegen der zu erwartenden Abwertung einem teilweisen Zahlungsausfall gleichkommen. Bleiben die Schulden in der alten Währung denominiert, können (und werden) sie etliche Schuldner, vor allem Unternehmen, in den Bankrott treiben. Ähnliche Probleme werfen Guthaben von Ausländern bei inländischen Banken auf.

Banken und Kapitalmärkte müssten vorrübergehend geschlossen werden

Ganz wichtig ist bei der Umstellung: Alles muss quasi über Nacht geschehen, denn das größte Problem bei der Einführung einer neuen Währung ist die Kapitalflucht. Wissen die Bürger, dass eine neue Währung kommt, und fürchten sie berechtigterweise einen Wertverlust des neuen Geldes, dann werden sie versuchen, ihr Vermögen abzuziehen und in fremde Währungen oder in Sachvermögen zu investieren.

Eine solche Kapitalflucht würde zu einem Zusammenbruch des Bankensystems und der inländischen Investitionstätigkeit führen - im Falle Griechenlands scheint die Kapitalflucht bereits im Gang zu sein. Um Schlimmeres zu verhindern, muss die Rückkehr zu einer nationalen Währung über Nacht erfolgen; die Banken und die nationalen Kapitalmärkte müssen in dieser Übergangsphase geschlossen werden - notfalls auch über einen längeren Zeitraum - sonst kann es zu einem schockartigen Verfall des Wechselkurses kommen.

Man muss sich also mit dem Gedanken anfreunden, dass die Konvertibilität, also die freie Handelbarkeit der neuen Währung, nur in langsamen Schritten möglich ist, beispielsweise wie es die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit der D-Mark getan hat. Das bedeutet eine zumindest temporäre Aufhebung einer der vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes. Vielleicht könnte man der Kapitalflucht über Steuererleichterungen für Inlandskapital und Straffreiheit für reuige Steuerflüchtlinge entgegenwirken.

Immobilienbesitz müsste mit Steuern belegt werden

Aber nicht nur die Kapitalflucht ins Ausland kann ein Problem sein, sondern auch die Flucht in Sachwerte wie Immobilien oder Gold. Wird Kapital in großem Stil in solche Werte umgeschichtet, steigert dies nicht die Produktivität des Landes, sondern begünstigt die Entstehung von Vermögenspreisblasen.

Zudem bedeutet eine drastische Abwertung der neuen Währung eine politisch heikle Umverteilung von Kaufkraft. Besitzer von Lebensversicherungen und ähnlicher Altersvorsorgeprodukte wären zum Beispiel gegenüber Immobilienbesitzern benachteiligt, weil ihre Vermögenswerte drastisch an Wert verlören. Eine Steuer oder eine Ausgleichsabgabe auf Sachvermögen könnte beiden Problemen begegnen und dem Staat zusätzliche Einnahmen verschaffen. Diese wird er im Übrigen auch brauchen, um das inländische Bankensystem zu sanieren, das im Zuge der Währungsumstellung mit frischem Kapital ausgestattet werden muss.

Hier zeigt sich die ökonomische Dimension: Ein Austritt aus einer Währungsunion mit anschließender Abwertung der neuen nationalen Währung ist nur mit Hilfe eines geordneten Staatsbankrotts sinnvoll - mit allen entsprechenden Konsequenzen und Kosten. Vor allem die Banken im In- und Ausland müssten vermutlich drastische Wertverluste bei ihren Staatsanleihen verkraften.

Neben diesen unmittelbaren Kosten eines Austritts gibt es auch enorme indirekte Kosten. Zwar gibt es kaum empirische Anhaltspunkte, wie teuer ein Austritt aus der Euro-Zone werden könnte. Ein Blick auf die Historie der Staatsbankrotte gibt jedoch zumindest einen ungefähren Eindruck. So zeigen Studien, dass ein Staatsbankrott das Wachstum des Sozialprodukts des Landes um 0,5 bis zwei Prozentpunkte senkt. Die mit der Staatspleite einhergehende Bankenkrise dürfte die Finanzierung des Außenhandels behindern; schlimmstenfalls liefern Importeure nur noch gegen Vorkasse.

In der Vergangenheit haben bereits mehrere Länder ihre Verbindlichkeiten beim sogenannten Pariser Club umgeschuldet - einem Zusammenschluss von Gläubigerstaaten. Studien deuten darauf hin, dass der bilaterale Handel solcher Staaten bis zu 15 Jahren nach der Zahlungsunfähigkeit negativ beeinträchtigt wurde. Das Minus betrug bis zu acht Prozent pro Jahr. Zudem ist ungewiss, wie viele Unternehmen infolge der Währungsumstellung auf der Strecke bleiben - mit weiteren Konsequenzen auch für in- und ausländische Banken.

Weitere Austritte wären kaum zu verhindern

Diese Überlegungen machen klar, dass ein Land, das die Währungsunion verlässt, Hilfen benötigt - das ist die politische Dimension eines Austritts. Am wichtigsten sind möglicherweise nicht die unmittelbaren Finanz- und Aufbauhilfen. Vielmehr muss das Land, das die Währungsunion verlässt, die Möglichkeit bekommen, aus seinen Problemen herauszuwachsen. Das bedeutet, dass dieses Land die Vorteile einer schwächeren Währung nutzen muss - also vor allem eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit.

Gegner eines Austritts warnen in diesem Zusammenhang vor einem Abwertungswettlauf. Auch könne die Währungsabwertung des austretenden Landes von anderen Staaten mit Zöllen beantwortet werden, schlimmstenfalls drohe ein Handelskrieg.

Dies sind nicht ökonomische, sondern politische Probleme: Würden die Staaten der Europäischen Union den Austritt eines Landes aus der Währungsunion mit Abwertungen des Euro oder mit Strafzöllen beantworten, so wäre das politisches Versagen. Es stünde in krassem Gegensatz zu den lautstarken europäischen Solidaritätsbekundungen.

Bleibt noch die Frage, ob ein Austritt eines Landes zu weiteren Austritten führt oder sogar die gesamte Währungsunion gefährdet ist. Diese Gefahr besteht - aber Gegenmaßnahmen gibt es vermutlich keine. Der Austritt eines Landes wäre nicht die Ursache für weitere Austritte, sondern der Anlass. Staaten, die nicht in die Währungsunion passen, werden vermutlich ohnehin früher oder später dem elementaren Gesetz optimaler Währungsräume zum Opfer fallen: Ein gemeinsames Währungskleid passt nicht jedem Staat.



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
stanislaus2 06.12.2011
1. 10 Jahre sind die Ewigkeit
Zitat von sysopEine Währungsunion hält nicht ewig - das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch die Euro-Zone sollte sich*darauf vorbereiten, dass*Mitglieder ausscheiden. Einfach wird das allerdings nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,801734,00.html
Aha, und für diese Erkenntnis zahlen Käufer am Kiosk 5 €.
althus 06.12.2011
2. Eine Währungsunion hält nicht ewig...
Zitat von sysopEine Währungsunion hält nicht ewig - das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch die Euro-Zone sollte sich*darauf vorbereiten, dass*Mitglieder ausscheiden. Einfach wird das allerdings nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,801734,00.html
deshalb sollte Deutschland ganz schnell den Euro-Teuro-Wahnsinn beenden.
tailspin 06.12.2011
3. Der Wahnsinn hat Methode
Zitat von sysopEine Währungsunion hält nicht ewig - das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch die Euro-Zone sollte sich*darauf vorbereiten, dass*Mitglieder ausscheiden. Einfach wird das allerdings nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,801734,00.html
Zitat:"Aber nicht nur die Kapitalflucht ins Ausland kann ein Problem sein, sondern auch die Flucht in Sachwerte wie Immobilien oder Gold. Wird Kapital in großem Stil in solche Werte umgeschichtet, steigert dies nicht die Produktivität des Landes, sondern begünstigt die Entstehung von Vermögenspreisblasen." Das ist genau das, was die Politik beabsichtigt hat, dadurch dass sie sich mit den Weichwaehrungskandidaten in ein Bett gelegt hat. Warum ist das jetzt zu beklagen?
mc6206 06.12.2011
4. Aufhören, es reicht
Zitat von sysopEine Währungsunion hält nicht ewig - das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch die Euro-Zone sollte sich*darauf vorbereiten, dass*Mitglieder ausscheiden. Einfach wird das allerdings nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,801734,00.html
Ich kann mir nicht das Gefühl verwehren, daß es den dunklen Wunsch vieler Journalisten gibt, daß die Apokalypse doch eintrete. Man kann Probleme auch herbei schreiben. In jeder Zeitung überschlagen sich die Journalisten mit Katastrophenscenarien. Dann möchte ich doch einmal wissen, wie konkret dieser und andere Autoren auf die Situation reagieren. Haben sie ihr Geld in die USA transferriert, oder Gold gekauft, oder alles schon in Immobilien angelegt. Oder nochmal kräftig gefeiert bevor der UNTERGANG kommt. Diese Katastrophengeschreibe muß endlich aufhören, oder geben die Journalisten keine Ruhe bis es Schlangen vor dem Bankomat gibt? Was soll das blöde Geschreibe. Ja, der EURO ist leicht schwächer als der USD, so what? Vor ein paar Wochen war er viel schwächer. Und die Deutsche Bank war schon auf EUR 26 und ist heute auf EUR 30.
Litajao 06.12.2011
5. Ist dies ein Nachruf für den Euro?
Zitat von sysopEine Währungsunion hält nicht ewig - das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch die Euro-Zone sollte sich*darauf vorbereiten, dass*Mitglieder ausscheiden. Einfach wird das allerdings nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,801734,00.html
Die Autoren schreiben nichts Neues, schreiben so, als ob die Auflösung des Euro de facto schon beschlossen ist. Was mich aber etwas überrascht ist, dass sie schreiben: "Schon die logistische Dimension des Abenteuers nationale Währung ist ein Alptraum: Unternehmensbilanzen müssen umgeschrieben werden, Pensionen, Lebensversicherungen, Hypotheken und Kreditkartenschulden, Arbeitsverträge, Preislisten und Parkuhren müssen umgestellt werden. "" Frage: Als auf den Euro umgestellt wurde, gab es da keine Umstellungen, vor allem der Arbeitsverträge und der Parkuhren??? Die Beiträge von SPON folgen inzwischen wohl dem Prinzip: "Himmerhoch jauchzend, zu Tode betrübt"
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